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Yehiel Ilsar

Religiöse Sprache und Antisemitismus auf Hitlers Weg zur Macht

Seit Jahren beschäftigt mich der Gedanke: Was führte zu dem gewissenlosen Mord von sechs Millionen Juden? Antisemitismus ist keine genügende Antwort. Pogrome gegen Juden sind wiederholt unternommen worden — aus ganz verschiedenen Gründen. Hauptsächlich bestand ihre Ursache jedoch in der gezielten Verhetzung gegen Juden aus politischen, ökonomischen, religiösen oder Machtgründen. Doch der industrielle Mord des jüdischen Volkes ist eine Neuheit in der Geschichte der Menschheit. Der Name Hitler wird ewig damit verbunden bleiben. Wegen seines Selbstmordes ist es ihm mißlungen, das ganze jüdische Volk ermorden zu lassen. Nach seinem Tod bangten sowohl die obsessiven als auch die willigen Judenmörder um ihr eigenes Leben und mußten sich doch mit dem Mord von nur sechs Millionen Juden zufriedengeben.

Aber wie steht es mit ihrem Gewissen? Dafür war schon seit langer Zeit vorgesorgt worden. Sie hatten ja den Befehl, Juden umzubringen, und ein Befehl muß ausgeführt werden. Erinnern wir uns nur an den Hauptmann von Köpenick! Außerdem war das Volk belehrt worden: „Die Obrigkeit kann nicht irren.“ Der Befehl zum Morden kam von oben. Hitler selbst konnte ruhig schlafen. Konnte er wirklich ruhig schlafen? Es wird berichtet, daß er wegen seiner verschiedenen Leiden viele Schmerz- und Schlafmittel zu sich nahm, deren Wirkung immer häufiger ausblieb.1

Hitler fiel es nicht schwer, Mordbefehle selbst gegen alte und nahestehende Mitkämpfer zu erteilen. Denken wir nur an die Erschießung von Reichsminister Ernst Röhm am 1. Juli 1934, dem Gründer und Befehlshaber der SA, die in brauner Uniform und hohen Stiefeln in Reih und Glied stramm durch die Brennpunkte der Städte marschierte und die beängstigende militärische Macht Hitlers offenbarte. Hitlers erfolgreiche Ideologie war einfach: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn, und somit sein Feind, und ein solcher hat keine Lebensberechtigung. Er muß belehrt werden, daß er, Adolf Hitler, der Führer des deutschen Volkes, von der himmlischen Vorsehung gesandt ist, um Deutschland wieder groß und stark, ja zur Weltmacht zu machen, welche die Welt umgestalten wird. Vielleicht haßte Hitler seine Gegner gar nicht, aber sie waren ihm lästig und gefährlich, denn sie verstanden nicht, daß er, der Gesandte der Vorsehung, nur danach strebte, seinen Auftrag so schnell wie möglich zu erfüllen.

Antisemitische Rede als Mittel zur Macht

Möglicherweise haßte Hitler die Juden nicht. Sie waren ihm aber in seiner Vorstellung Mittel zum Zweck geworden. Bereits in seinen Wiener Jahren hatte er erlebt, daß der Antisemitismus ein sagenhaftes Mittel zur Erreichung politischer Führerschaft ist. Ein gutes Beispiel dafür war Karl Lueger, der bekannte Wiener Bürgermeister und Führer der christlich-sozialen Partei, der schon vor Göring die Parole prägte: „Wer a Jud’ is, bestimm’ i.“ Luegers Antisemitismus entsprang der populären Auffassung vom Reichtum der Juden und ihrem Einfluß auf das sozio-politische Leben in Österreich. Gewalttaten gegen Juden lagen ihm fern, obschon er im Reichsrat den fragwürdigen Ausspruch tat: „Der Antisemitismus wird zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen ist.“2  Lueger war sehr beliebt und geachtet in Wien. Er verstand es, durch seine populären, im Dialekt gehaltenen Reden das Volk zu begeistern.

Auch Georg Ritter von Schönerer hat — mit Ausnahme der industriellen Vernichtung — Hitlers Vokabular und seine antisemitischen und rassistischen Ideen vorweggenommen. Selbst der Führer-Begriff und der Führergruß Heil sowie die Parole „Volksrecht bricht Staatsrecht“, die Berufung auf den Willen des deutschen Volkes, die Heimführung der Ostmark und der abgetrennten deutschsprachigen Gebiete waren schon von Schönerer formuliert worden. Er initiierte auch die Bewunderung Wagners am deutschen Musikhimmel.3

In Wien hatte Hitler gelernt, daß das Publikum antisemitische Reden schätzt und begehrt und diesen Rednern bei der Wahl zum Reichsrat seine große Dankbarkeit erwies. Ein Jahr lang besuchte Hitler auch häufig das Parlament, um dort den Reden und Diskussionen aufmerksam zuzuhören. Seine Eindrücke beschrieb er später in Mein Kampf.

Hitlers eidetisches Gedächtnis

Hitler hatte ein merkwürdiges Gedächtnis! Die Historikerin Hamann schreibt darüber: „Ich habe mir die Zeitungen angeschaut, die Hitler damals [in Wien] las [. . .] und ich habe gesehen, daß Hitler oft wortwörtlich in seinen späteren Reden Passagen aus diesen alten Schriften, vor allem von Schönerer und von Chamberlain, einfach als sein Eigenes gesagt hat.“4

Eine Geheimsekretärin Hitlers, die ihn über Jahre hindurch beobachten konnte, schreibt in ihren Erinnerungen: „[Hitler] konnte ganze Buchseiten hersagen und damit den Eindruck erwecken, daß seine Darlegungen aus eigener Erkenntnis kämen. Fast alle [. . .] waren überzeugt, daß Hitler ein tiefer Denker wäre, ein wunderbar scharfsinniger und analytischer Geist. Im Anfang meiner Tätigkeit bei ihm wollte ich eines Tages mir Klarheit darüber beschaffen. Hitler hatte uns gerade mit einer geradezu philosophischen Abhandlung über eines seiner Lieblingsthemen überrascht. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, daß die ganze Tirade nur die Wiedergabe einer Seite [von] Schopenhauer war, die ich kurz vorher gelesen hatte. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und machte ihn auf die merkwürdige Übereinstimmung aufmerksam. Hitler, ein wenig überrascht, warf mir einen Blick aus seinen durchdringenden Augen zu und antwortete dann in väterlichem Ton: ‚Vergessen Sie nicht, mein Kind, daß alles Wissen nur von anderen stammt und daß jeder Mensch nur einen winzigen Teil selber dazu beiträgt‘.’’5

Hitlers Gedächtnis und sein vielseitiges Wissen verblüfften selbst viele seiner gelehrten Gesprächspartner. Es ist anzunehmen, daß er mit der Fähigkeit des sogenannten ‚eidetischen Sehens‘ ausgestattet war, ein Phänomen, das die Psychologie beschäftigt. Diese Menschen haben ein sonderbar gutes Gedächtnis, das ihnen ermöglicht, das Gelesene quasi photographisch im Gedächtnis zu behalten und je nach Bedarf zu reproduzieren, als ob sie es vom Blatt lesen würden. Hitler hatte das Gelesene präsent und vermochte seitenlang aus dem Gedächtnis zu ‚zitieren‘. Dieses ‚eidetische Sehen‘ war für seine Entwicklung von großer Bedeutung, denn sie ersetzte seine unterbrochene Schulbildung. Er hatte zudem sicherlich einen scharfen Verstand, der ihm den Lesestoff im Allgemeinen inhaltsgemäß erschloß.

Propaganda mit allen Mitteln

Hitler besaß auch einen ausgeprägten Sinn für Formen und Kunst und eine intuitive Menschenkenntnis. Er verstand es, seine ihm nahestehenden Mitarbeiter auszuwählen, zu fördern und wieder zu entfernen. Er konnte sich ganz auf Goebbels und seine Volkspropaganda verlassen. Andererseits hatte Goebbels Hitlers Denken völlig integriert und verstand, was dieser in einem gegebenen Moment brauchte. Das galt auch für Goebbels Beziehung zum Volk und zur Parteipropaganda. Alle Mittel, welche der Partei nutzbar sein könnten, das Volk zu gewinnen, wurden ausprobiert und, wenn erfolgreich, mit Geschick angewandt, seien es Uniformen oder das Marschieren nach Musik in geschlossenen Reihen, „im gleichen Schritt und Tritt“.

Sogar die Orgelmusik wurde miteinbezogen: „Welches Instrument könnte [. . .] besser einer totalen Weltanschauung und dem in ihren Feiern zum Ausdruck kommenden Willen dienen als die Orgel, die gleichzeitig das symbolische Instrument der Gemeinschaft ist? Sie ist [. . .] ein ‚politisches Instrument‘ in jenem höchsten Sinne des Wortes polis, wie ihn Plato und Aristoteles gebrauchen, die die Musik als höchsten Bestandteil der Staatserziehung werten. Diese Orgel wird und soll nach den Plänen des Führers und seiner Mitarbeiter Aufstellung finden in allen großen Feierräumen der Bewegung und ihrer Formationen, in den Heimen der Hitlerjugend und in den Schulen.“6

Die Vernichtung des „jüdischen Christenglaubens“

Hitler war Katholik. Trotz seiner negativen Einstellung zur Kirche ist er nie aus der Kirche ausgetreten. Über seinen Glauben äußerte er sich in seinen Gesprächen mit Hermann Rauschning. Rauschning hat die ihm wichtig erscheinenden Erklärungen Hitlers nach jedem Gespräch notiert, so wie er sie in seiner Erinnerung behalten und verstanden hatte, aber ohne Datum und Zeitangabe: „Mit den Konfessionen, ob nun diese oder jene: das ist alles gleich. Das hat keine Zukunft mehr. Für die Deutschen jedenfalls nicht. Der Faschismus mag in Gottes Namen einen Frieden mit der Kirche machen. Ich werde das auch tun. Warum nicht? Das wird mich nicht abhalten, mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln und Fasern das Christentum in Deutschland auszurotten [. . .]. Für unser Volk aber ist es entscheidend, ob sie den jüdischen Christenglauben und seine weichliche Mitleidsmoral haben oder einen starken, heldenhaften Glauben an Gott in der Natur, an Gott im eigenen Volke, an Gott im eigenen Schicksal, im eigenen Blute [. . .]. Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum, ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein [. . .]. Wir wollen keine Menschen, die nach drüben schielen.“7

Aber auch diese Aussagen stammen von Hitler: „Ebenso legt die Reichsregierung, die im Christentum die unerschütterlichen Elemente der Moral und Sittlichkeit des Volkes sieht, größten Wert darauf freundschaftliche Beziehungen zum Heiligen Stuhl auszugestalten.“8 „Die nationale Regierung sieht in beiden christlichen Konfessionen die wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums. Sie wird die zwischen ihnen und den Ländern abgeschlossenen Verträge respektieren.“9 „Wir wollen freie Männer, die Gott in sich wissen und spüren. Jesus können Sie nicht zum Arier machen, das ist Unsinn. Was der Chamberlain da in seinen Grundlagen geschrieben hat, ist, gelinde gesagt, dumm.“10

Statt Chaimberlains „Dummheit“ erklärt Hitler seine Sicht: „Was sollen wir tun? Was die katholische Kirche getan hat, als sie den Heiden ihren Glauben aufgepfropft hat: erhalten, was zu erhalten geht und umdeuten. Wir werden den Weg zurückgehen: Ostern ist nicht mehr die Auferstehung, sondern die ewige Erneuerung unseres Volkes, Weihnachten ist die Geburt unseres Heilandes: des Geistes, der Heldenhaftigkeit und Freiheit unseres Volkes [. . .]. Sie werden anstatt des Blutes ihres bisherigen Erlösers das reine Blut unseres Volkes zelebrieren; sie werden die deutsche Ackerfrucht als heilige Gabe empfangen und zum Symbol der ewigen Volksgemeinschaft essen, wie sie bisher den Leib ihres Gottes genossen haben. [. . .] Deutsche Christen, Deutschkirche, romfreie Christen, altes Zeug [. . .].“

Auszug aus dem „Aufruf der evangelischen Kirche Deutschösterreichs anläßlich der Volksabstimmung am 10. April 1938“. Aus: Kurt Cerwenka/OttoKampmüller, An der Heimatfront, Grünbach (A) 2002. Privatarchiv K. Cerwenka.

Ohne eigenen Glauben hat das deutsche Volk keinen Bestand. Was das ist, niemand weiß es noch. Wir fühlen es. Doch das genügt nicht. [. . .] Diese Professoren und Dunkelmänner, die ihre nordischen Religionen stiften, verderben mir nur das Ganze. Warum ich es dann dulde? Sie helfen zersetzen, das ist es, was wir zur Zeit allein machen können. [. . .] Ich bin Katholik. Das hat die Vorsehung schon so eingerichtet. Nur ein Katholik kennt die schwachen Punkte der Kirche. Ich weiß, wie man den Brüdern zu Leibe gehen muß. [. . .] Die katholische Kirche ist schon was Großes. Herr, Gott, ihr Leut’, das ist eine Institution und es ist schon was, an die zweitausend Jahre auszudauern. [. . .] Ich garantiere, [. . .] wenn ich will, könnte ich die Kirche in wenigen Jahren vernichten. So hohl ist das alles und so durch und durch brüchig und verlogen das ganze Glaubensgetue. [. . .] Jetzt sind wir die Erben. Wir sind auch eine Kirche. Der ihre Zeit ist abgetan. Sie werden nicht kämpfen. [. . .]

Die Protestanten wissen überhaupt nicht, was Kirche ist. Man kann mit ihnen anstellen, was man will, sie werden sich drücken. Sie sind Kummer gewöhnt. Sie haben es von ihren Landesherren und Kirchenpatronen gelernt, bei denen sie sonntags zum Gänsebraten geladen wurden. [. . .] Sie haben schließlich gar keinen Glauben, den sie ernst nehmen, sie haben auch keine große Herrschaftsmacht zu verteidigen wie Rom. [. . .] Unsere Bauern haben ihren eigentlichen Glauben nicht vergessen. Er lebt noch. Er ist nur überdeckt. Die christliche Mythologie hat sich nur wie ein Talglicht darüber gelegt. [. . .] Aber vom Bauerntum her werden wir das Christentum wirklich zerstören können, weil dahinter die Kraft eines echten Glaubens steckt, der in der Natur und im Blut wurzelt. Von ihm aus werden wir auch die großstädtischen Massen einmal missionieren können. Aber das hat noch eine gute Weile.“11 Rauschning, der vom Völkerbund ernannte Senatspräsident der Freistadt Danzig, hat die von ihm in den Jahren 1933 bis 1939 notierten Gesprächserinnerungen in seinem Buch „Gespräche mit Hitler“ in französischer (1939) und 1940 in deutscher Sprache veröffentlicht. Die von Rauschning notierten Aussagen und Ideen Hitlers wurden durch die nachfolgenden Ereignisse vollauf bestätigt.

Hitler war ohne jeden Zweifel der Meinung, daß sich das Christentum überlebt hatte. Mit Hilfe seiner neuen Ideen, so glaubte er, würde die Partei die neue Kirche sein, und die christlichen Feiertage in Feiertage volksdeutschen Inhalts verwandeln. Dennoch konnte Hitler in einer Wahlkampfrede am 15. Februar 1933 im Ton der Selbstüberzeugung sagen: „Ich rede nicht vom Christentum, sondern ich bekenne, daß ich mich auch niemals verbinden werde mit solchen Parteien, die das Christentum zerstören wollen.“12 Anscheinend galt das nur für Parteien in Deutschland.

Doch der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion, einem Staat, in welchem das Christentum verboten war, schien Hitler für ein Bündnis zulässig zu sein. „Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung. [. . .] Jede Tat ist sinnvoll. Jede Passivität, jedes Beharren ist dagegen sinnlos, sie sind lebensfeindlich. Somit gibt es das göttliche Recht, das Beharrende zu vernichten. Man muß Mißtrauen haben gegen Geist und Gewissen, und man muß Zutrauen haben zu seinen Instinkten.“13 Der Nichtangriffspakt war für den ‚Führer‘ anscheinend sinnvoll. Zoller war der Meinung: „Hitler war klug genug zu wissen, daß er den moralischen Halt, den der religiöse Glaube bot, nicht rücksichtslos beseitigen konnte. Das Parteiprogramm hatte ausdrücklich Religionsfreiheit verkündet.“14

„Vorsehung“ und „Allmacht“

Hitlers Stellung zu Glauben, Christentum und den Kirchen scheint seiner Beziehung zur Vorsehung, an die er anscheinend fest glaubte, zu widersprechen. Dieser Begriff hatte augenscheinlich für Hitler mehrere Bedeutungen. Bevor er zum Reichskanzler ernannt wurde, benutzte er diesen Begriff als Werbemittel, um dem Volk glaubhaft zu machen, er wäre kein willkürlicher, fanatischer Politiker, sondern sein Werden und seine Politik seien Auftrag der himmlischen Macht. „Auch ich bin religiös, und zwar tief innerlich religiös und ich glaube, daß die Vorsehung die Menschen wägt, und denjenigen, der vor der Prüfung der Vorsehung nicht bestehen kann, sondern in ihr zerbricht, nicht zu Größerem bestimmt hat. [. . .] Ich glaube, daß es auch Gottes Wille war, von hier — Österreich — einen Knaben in das Reich zu schicken, ihn groß werden zu lassen, ihn zum Führer der Nation zu erheben. [. . .] Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt.“15

Nicht nur Teile des deutschen Volkes begannen an diese und ähnliche unbeweisbaren Behauptungen zu glauben. Auch Hitler selbst wunderte sich, und war wegen der vielen fast unglaublichen innen- und außenpolitischen Erfolge überzeugt, daß eine ihm wohlgestimmte Macht ihn und sein Tun gutheiße und beschütze und vielleicht sogar leite. Er war sich gewiß, es wäre seine Aufgabe, Deutschland und das deutsche Volk nicht nur zur einstigen Macht zurückzuführen, sondern sogar darüber hinaus zur alleinigen Weltmacht zu gestalten. „Wenn aber diese Allmacht ein Werk segnet, so wie sie unseres gesegnet hat, dann können Menschen es auch nicht mehr zerstören. [. . .] Wenn Wille und Glauben sich so inbrünstig vereinen, dann kann auch der Himmel seine Zustimmung nicht versagen.“16

Diese schicksalhafte Macht ist offenbar nicht identisch mit dem jüdisch-christlichen Gott, denn Jesus, der Gottessohn, hatte jüdisches Blut und ist von vornherein der germanischen Rasse unzuträglich. „Der Jude ist das Geschöpf eines anderen Gottes. Er muß einer anderen Wurzel des menschlichen Stammes entwachsen sein.“17

„Ich habe auch die Überzeugung und das sichere Gefühl, daß mir nichts zustoßen kann, weil ich weiß, daß ich von der Vorsehung zur Erfüllung meiner Aufgabe bestimmt bin.“18 „Was wir sind, sind wir nicht gegen, sondern mit dem Willen der Vorsehung geworden, und solange wir treu, ehrlich und kampfmutig sind, an unser großes Werk glauben und nicht kapitulieren, werden wir auch weiterhin den Segen der Vorsehung haben“ (520). „Die Vorsehung hat es uns ermöglicht, in diesem Jahr nicht nur wirtschaftlich eine reiche Ernte einzubringen, sie hat uns noch mehr gesegnet: Deutschland hat vom Beginn dieses Jahres an bis jetzt viele und entscheidende Erfolge erzielen dürfen. Entstanden ist uns wieder die deutsche Wehrmacht. Entstehen wird die deutsche Flotte“ (544).

„Ich möchte der Vorsehung und dem Allmächtigen danken dafür, daß er gerade mich ausersehen hat, diesen Kampf für Deutschland führen zu dürfen (612). [. . .] Daß die Vorsehung mich bestimmt hat, diese Handlung zu vollziehen, empfinde ich als größte Gnade meines Lebens (614). [. . .] So gehen wir auch mit der tiefsten Gottgläubigkeit in die Zukunft. Wäre das, was wir erreichten, möglich gewesen, wenn die Vorsehung uns nicht geholfen hätte? Ich weiß es, alles Menschenwerk ist schwer und vergänglich, wenn es nicht gesegnet wird von dieser Allmacht (700). [. . .] Gott hat dieses Volk gebildet, nach seinem Willen ist es geworden, und nach unserem Willen soll es bleiben und nimmermehr vergehen“ (712).

Hitler erwähnt hier wieder die „Allmacht“. Was meint er wohl damit? Allmächtig ist der biblische Gott. Kann dieser hier gemeint sein? Der allmächtige Gott der Juden, der das jüdische Volk zu seinem auserwählten Volk bestimmt hat, ist für Hitler Anathema. Dieser kann nur schwerlich gemeint sein. Dennoch sagt Hitler: „Wir sind heute wieder eine Weltmacht geworden“, zu der uns eine Allmacht verholfen hat (681). War dieser Allmächtige derselbe, der ihm bei seinen Gesprächen mit der englischen Presse beistand? „Mit diesen Leuten bin ich fertig geworden als ein nur unbekannter Mann, der eine Handvoll Menschen an sich zog. 15 Jahre bin ich mit diesen Leuten fertig geworden, und heute ist Deutschland die größte Weltmacht (1459). [. . .] Heute kämpft Deutschland als stärkster Militärstaat gegen eine ihm zahlenmäßig und wertmäßig unterlegene feindliche Front“ (1499).

Die „Vorsehung“ und das neue, allmächtige „Herrenvolk“

„An der Spitze unseres Programms steht nicht das geheimnisvolle Ahnen, sondern das klare Erkennen und damit das offene Bekenntnis. Indem wir aber in den Mittelpunkt dieser Erkenntnis und dieses Bekenntnisses die Erhaltung und damit Fortsicherung eines von Gott geschaffenen Wesens stellen, dienen wir damit der Erhaltung eines göttlichen Werkes und damit der Erfüllung eines göttlichen Willens, und zwar nicht im geheimnisvollen Dämmerschein einer neuen Kultstätte, sondern vor dem offenen Antlitz des Herrn. [. . .] Unser ‚Kult‘ heißt ausschließlich: Pflege des Natürlichen und damit auch des göttlich Gewollten. Unsere Demut ist die bedingungslose Verbeugung vor den [. . .] göttlichen Gesetzen des Daseins und ihrer Respektierung. Unser Gebet heißt: Tapfere Erfüllung der sich daraus ergebenden Pflichten. Für kultische Handlungen aber sind wir nicht zuständig, sondern die Kirchen“ (894)!

Ganz offensichtlich spricht Hitler nicht von dem jüdischen Gott, denn dieser ist an dem von ihm geschaffenen jüdischen Wesen interessiert, hat er es doch zu seinem erwählten Volke erklärt. Gerade dieses Volk sollte mit Hilfe der Vorsehung vernichtet werden! Der Genozid am jüdischen Volk unter der Naziherrschaft ist eine teuflische Neuheit. Wie kann das verstanden werden? Gibt es zwei Gottheiten? Instruierte die Vorsehung Hitler mittels seiner Intuition? Übernahm er für das deutsche Volk die intuitiv erfaßte Berufung? „Wenn mich einmal die Vorsehung von meinem Volk wegnehmen wird, dann werde ich dem kommenden Führer ein Volk hinterlassen, das fest zusammengefügt und eisern zusammengeschlossen ist, das niemals mehr getrennt und zerrissen werden kann, unerschütterlich zusammenstehend, glücklich in Freudenzeiten und trotzig im Leid (895). [. . .] Ich hätte mich an meiner Berufung durch die Vorsehung versündigt, wenn ich in dem Bestreben, meine Heimat und mein deutsches Volk der Ostmark, an das Reich und damit zur deutschen Volksgemeinschaft zurückzuführen, zum Verräter geworden wäre“ (1150).

„Ich verlange von jedem von uns, daß wir zu einer einzigen Sippe von Verschworenen werden. Ich habe Verpflichtungen auf mich nehmen müssen, die hart sind. Ich werde sie solange halten, als ich sie halten muß. [. . .] Ja! Wir sind Barbaren. Wir wollen es sein. Es ist ein Ehrentitel. Wir sind es, die die Welt verjüngen werden. Diese Welt ist am Ende! Es ist unsere Aufgabe, Unruhe zu stiften. [. . .] Wir sind nicht in der Lage, auf humane Gefühle Rücksicht zu nehmen. [. . .] Wir müssen uns von allen sentimentalen Gefühlen frei machen und hart werden. Wenn ich eines Tages den Krieg erklären werde, kann ich mir nicht Gedanken machen über die zehn Millionen jungen Männer, die ich in den Tod schicke. [. . .] Es gibt nur ein Recht, das Lebensrecht der Nation“.19

Kann das der Auftrag der Vorsehung sein — im Dienst eines von Gott geschaffenen Wesens? Das kann nicht die Sprache des jüdischen Gottes und der Bibel sein, der Menschlichkeit befiehlt und in keiner Weise sentimentale Gefühle verabscheut. „Dieser Reichstagsbrand gibt mir den Anlaß einzugreifen. [. . .] Die Juden sind noch Deutschlands Glück. [. . .] Der Streicher hat mir vorgeschlagen, sie bei dem nächsten Krieg vor unseren angreifenden Schützenlinien vorzutreiben. Das wäre der beste Schutz für unsere Soldaten. Ich werde mir das überlegen“ (87). Welch ein Glück für die deutschen Soldaten, daß die „satanischen Juden“ ihnen im Kriegsfall Schutz bieten — unter Verlust des eigenen Lebens!

„Ich werde in den Mittelpunkt, den stählernen Kern, eines zu unverbrüchlicher Einheit geschmiedeten, großen Deutschland stellen. Österreich, Böhmen und Mähren, der polnische Westen. Der Block von hundert Millionen, unzerstörbar, ohne Riß und ohne fremde Nationen. Das feste Fundament unserer Herrschaft. Dann ein Ostbund. Polen, die baltischen Staaten, Ungarn, die Balkanstaaten, die Ukraine, das Wolgaland, Georgien. Ein Bund wohl, aber nicht gleichberechtigter Partner, wohlverstanden, ein Bund von Hilfsvölkern, ohne Heer, ohne eigene Politik, ohne eigene Wirtschaft. [. . .]

Ich mache keinen Unterschied zwischen Freunden oder Gegnern. Die Zeit der kleinen Staaten ist vorbei. Auch im Westen (118). [. . .] Nicht um Gleichberechtigung geht es uns, sondern um Herrschaft (138). [. . .] Wie die Juden erst aus der Zerstreuung heraus zu der allumfassenden Weltmacht werden konnten, die sie heute sind, so werden wir heute als das Volk Gottes aus der Zerstreuung in alle Welt zu der allgegenwärtigen Macht werden, zum Herrenvolk der Erde“ (139 f.).

„Die Vorsehung hat mich zu dem größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes; von den schmutzigen und erniedrigenden Sebstpeinigungen einer ‚Gewissen‘ und ‚Moral‘ genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit, denen immer nur ganz wenige gewachsen sein können. [. . .] An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines göttlichen Erlösers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen Führergesetzgebers, der die Masse der Gläubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet“ (217). Rauschning erlaubt sich den Schluß: „Israel, das historische Volk des geistigen Gottes, mußte zum neuen deutschen auserwählten Volk, dem Volk der Gottnatur, des neuen Baals, des Stiers der Fruchtbarkeit (in) abgründiger Feindschaft stehen“ (221).

Die totale Vernichtung des jüdischen Volkes

Hitler bekennt, wozu und weshalb er sich des Antisemitismus bedient in seinem Kampf um die Weltherrschaft: „Meine Juden sind mir ein kostbares Pfand, das ich von den Demokratien besitze. Die Propaganda des Antisemitismus ist in allen Ländern das geradezu unentbehrliche Hilfsmittel für die Verbreitung unseres politischen Kampfes. Sie werden sehen, in wie kurzer Zeit wir die Begriffe und Maßstäbe der ganzen Welt einzig und allein mit dem Kampf gegen das Judentum umstürzen werden. [. . .] Denn nur zwischen uns beiden wird der Kampf um die Weltherrschaft ausgefochten, zwischen Deutschen und Juden. [. . .] Die moderne Wirtschaft ist eine Schöpfung der Juden. Sie wird von ihnen ausschließlich beherrscht. Das ist ihr Überreich, das sie über alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit ausgespannt haben. Aber nun sind wir es, die mit der Weltanschauung der ewigen Revolution ihnen Konkurrenz machen: Ist Ihnen nicht aufgefallen, wie der Jude in allem und jedem das genaue Gegenspiel des Deutschen ist und ihm doch wieder so verwandt ist, wie es nur zwei Brüder sein können (222 ff.). [. . .] Es kann nicht zwei auserwählte Völker geben. Wir sind das Volk Gottes. Besagt das nicht alles? [. . .]

Zwei Welten stehen einander gegenüber! Der Gottesmensch und der Satansmensch! Der Jude ist der Gegenmensch, der Antimensch. Der Jude ist das Geschöpf eines anderen Gottes. Er muß aus einer anderen Wurzel des menschlichen Stammes entwachsen sein (227). [. . .] Wir aber, mein Herr, wir fiebern vor Begier nach der Macht und scheuen uns keineswegs, dies einzugestehen. Wir sind besessen nach diesem höchsten Gut. Wir sind fanatisch in unserem Willen zur Macht. Für uns ist das nicht bloß eine blutlose Lehre: dieser Wille zur Macht, sondern buchstäblich der Sinn und Inhalt unseres Lebens“ (254).

Die an und für sich widersprüchlichen Aussagen Hitlers haben als einzige gefährliche Konstante den Machthunger, den er auf das deutsche Volk überträgt. Er ist überzeugt — und die Erfahrung hat ihm recht gegeben —, daß die Judenfeindlichkeit weltweit schlummernd vorhanden ist, leicht geweckt und bis zum Äußersten aktiviert werden kann. Hitler verstand es, dem Volke glaubhaft zu machen, er wäre von der Vorsehung gesandt, das deutsche Volk zur Weltherrschaft zu bringen. Er sah es als seine von der Vorsehung erteilte Aufgabe, das jüdische Volk, das die Niederlagen des arischen Deutschlands verschuldet hat, zu vernichten. Gemäß dieser Vorsehung sollte das deutsche Volk das auserwählte Volk sein, denn „es kann nicht zwei auserwählte Völker geben“.

Das Los des jüdischen Volkes war damit besiegelt. Gefährdet und dem Ende nahe sah Hitler auch das Christentum und seine Kirchen, die im Grunde ein verjudetes Christentum lehren, die Lehre des Juden Jesus. Die reinblütige arische Partei und ihre Lehren sollten die Kirche der Zukunft sein.

Der jüdische Gott der Bibel, der der Welt eine Lehre des Mitleids für die Schwachen gebracht hat, konnte natürlich nicht identisch sein mit dem Gott der arischen Völker, deren Leben nur sinnvoll ist in Stärke und Macht. Der deutsche (arische) Gott sollte die innewohnende Natur des Ariers sein.

Hitler verstand sich als Herr einer „neuen Religion“, die ihm von der Allmacht, bzw. von der Vorsehung vermittelt worden war. Sein Gebrauch religiöser Sprache und sein Rückgriff auf in der Volksfrömmigkeit verwurzelte religiöse Vorstellungen zeigen, welcher Gefahr die Menschen ausgesetzt sind, wenn Religion zur politischen Ideologie wird.

  1. Werner Maser, Adolf Hitler. Legende Mythos Wirklichkeit. Bechtle Verlag, München 1971, 391 f.
  2. Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. Piper, München 61999, 354.
  3. Brigitte Hamann (Anm. 2), 339-350.
  4. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 2. März 2005, 40.
  5. Albert Zoller, Hitler privat. Droste Verlag, Düsseldorf, 41.
  6. Alfred Reichling, Orgelklänge unter dem Hakenkreuz, in: Acta Organologica, Bd. 28, Merseburger Verlag 2004, 411 f.
  7. Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Europa Verlag, N. Y. 1940, 50.
  8. Max Domarus, Hitlers Reden und Proklamationen 1932-1945, Neustadt 1962, 236.
  9. Domarus (Anm. 8), 232.
  10. Rauschning (Anm. 7), 50 ff.
  11. Rauschning (Anm. 7), 52-56.
  12. Domarus (Anm. 8), 211.
  13. Rauschning (Anm. 7), 210 f.
  14. Zoller (Anm. 5), 191.
  15. Domarus (Anm. 8), 1943.
  16. Domarus (Anm. 8), 18.
  17. Rauschning (Anm. 7), 227
  18. Domarus (Anm. 8), 135. Weitere Zitate mit Seitenangabe im Text (in Klammern).
  19. Rauschning (Anm. 7), 78 ff. Weitere Zitate mit Seitenangabe im Text (in Klammern).

Dr. Yehiel Ilsar, Jerusalem, 1912 in Groß-Radomisl, Galizien (damals noch Österreich) geboren, in Dortmund aufgewachsen, hat 1933 das eben erst begonnene Medizinstudium abgebrochen und ist auf Umwegen 1943 in Haifa angekommen. 1947 wurde er Sekretär von Golda Meir. Nach der Staatsgründung diente er als Beamter des Israelischen Außenministerium u. a. als Leiter des Ressorts für kirchliche Angelegenheiten, als Gründer und Direktor der Abteilung für Geschichte, als Konsul in Rom und Zürich und als Botschafter des Staates Israel in den Philippinen, in Thailand, Laos, Ceylon (Sri Lanka), Panama und Haiti.


Jahrgang 13/2006 Heft 3 S. 182−194.


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