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Svetlana Jebrak

Die Jüdische Autonome Region Birobidschan

Zehn Jahre nach meiner Auswanderung schenkten mir meine Eltern zum Geburtstag eine Reise nach Birobidschan, Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Region, Geburtsstadt meines Vaters und Studienort meiner Mutter. Da dieser Ort entweder totgeschwiegen oder als Beschimpfung gebraucht wurde, glaubten nur wenige an seine Überlebensfähigkeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Doch die Jüdische Autonome Region existiert heute noch, wenngleich – besonders im Westen – nur wenigen bekannt.

Birobidschan: geplanter jüdischer Staat?

Das Gebiet an der chinesischen Grenze zwischen den Flüssen Bira und Bidschan gehörte zur RSFSR (Russische Souveräne [Sozialistische] Föderative Sowjetrepublik, heute Russische Föderation) und war ein Teil des damaligen fernöstlichen Krajes (Region) Chabarowsk. Es ist 9000 Kilometer von der Ukraine entfernt und umfaßt 36 000 km2. Das Klima ist kontinental – mit kalten Wintern und heißen, regenreichen Sommern. Schon im Mai 1934 behauptete Michail Kalinin: Birobidschan betrachten wir als einen jüdischen nationalen Staat.1 So machte sich die Sowjetregierung die zionistische Idee eines „Judenstaates” zu eigen. Die Regierung war überzeugt, daß nur der Sozialismus „die jüdische Frage” lösen kann. Um begründen zu können, daß die jüdische Bevölkerung zum ersten Mal in der Geschichte gleichberechtigt mit den anderen Völkern ist und einen eigenen Staat besitzt, erklärte Stalin am 7. Mai 1934 Birobidschan zur „Jüdischen Autonomen Region“.2

Die Einwanderung nach Birobidschan hatte schon 1928 begonnen. Die jüdische Bevölkerung sollte dort nicht nur über ein eigenes Territorium sondern auch über freie Landwirtschaft verfügen. In der Zarenzeit hatten die Juden nur ausnahmsweise Bauern sein dürfen. Der größte Teil lebte von Handel und Handwerk. Birobidschan war reich an Bodenschätzen und Rohstoffen und, im Gegensatz zum Westen der Sowjetunion, nur dünn besiedelt. Bereits 1924 hatte die sowjetische Regierung auf der Halbinsel Krim ein großflächiges jüdisches Siedlungsprojekt initiiert. Führende russische Juden sahen darin den Nukleus einer Jüdischen Sowjetisch-Sozialistischen Republik.3 Als klar wurde, daß das zur Verfügung stehende Land nicht ausreichte und nun auch die Krimtataren4 in Weißrußland und der Ukraine ihre Nationalinteressen anmeldeten, lag es nahe, die Juden im Fernen Osten anzusiedeln. Dies brachte der Regierung weitere politische Vorteile.

Die Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen in den zwanziger Jahren nahm Stalin zum Anlaß, das Gebiet zu kolonisieren und dadurch die Grenzen zu sichern. Außerdem wollte der „Judenfreund” die Produktivierung der Juden durch Landwirtschaft fördern. Oberflächlich gesehen sollten mit dem Aufbau einer sozialistischen jüdischen „Heimstätte” im Fernen Osten wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen der Sowjetführung unterstützt werden. In Wirklichkeit aber ging es um die „Verbannung der Juden”, um ein „Sumpf-Experiment” (Bolotnyi Experiment), bei dem die Angehörigen der jüdischen Nationalität in die Priamur–Sümpfe gejagt wurden.5

Das Ende einer Hoffnung

Die meisten sowjetischen Juden kennen die wahre Geschichte der Jüdischen Autonomen Region erst seit zehn Jahren. Auf die Auszeichnungen, die sie für die Errichtung von Konditoreien und Bäckereien, von Fabriken und im Bereich der Textilindustrie erhielten, sind die Besitzer immer noch stolz. Sie schmücken die Familienalben vieler jüdischer Emigranten. Auch der Stammbaum meiner Familie – er wurde auf dieser Reise vervollständigt – hat Zweige in diesem Gebiet. Auch mein Großvater wußte damals nicht, daß der Region eine wesentliche Voraussetzung zur Erlangung des Status einer autonomen jüdischen Region fehlte: die jüdische Bevölkerungsmehrheit. Er konnte auch nicht ahnen, daß sich Birobidschan später als ein sowjetisches Ablenkungsmanöver zur Behinderung des Zionismus entpuppen würde.

Bereits 1932 waren rund 700 Juden aus dem Ausland nach Birobidschan eingewandert. Offiziell wurden die Tore der Jüdischen Autonomen Region für jüdische Emigranten aus aller Welt erst 1936 geöffnet. Ausländische Juden konnten unter folgenden Voraussetzungen einwandern: Sie mußten sich bereit erklären, die sowjetische Staatsbürgerschaft anzunehmen, pro Person 200 Dollar vorweisen, die Fahrtkosten tragen, über eine berufliche Qualifikation verfügen und körperlich tauglich sein, Pionierarbeit zu leisten.6 Genaue Zahlen über ausländische jüdische Einwanderer sind nicht bekannt. Ihre Zahl wird auf rund 1500 geschätzt. Viele von ihnen kehrten Birobidschan bald wieder den Rücken. Die übrigen wurden möglicherweise Opfer der Spionagehysterie während der großen „Säuberung” (1936–1938).

Nach der Volkszählung von 1959 lebten 14 269 Juden in der Jüdischen Autonomen Region. Das entsprach 8,8 % der Gesamtbevölkerung dieser Gegend. 1970 meldete Birobidschan 11 452 (6,6 %) Juden, 1980 nur 10 666.7 Desgleichen ging die Zahl derer, die Jiddisch als ihre Muttersprache betrachteten, drastisch zurück. Die sowjetischjiddische Kultur stieß unter der jüdischen Bevölkerung damals auf wenig Gegenliebe. Dies lag zum einen an dem geringen Prestige des Jiddischen, das mit der Rückständigkeit des Stetls assoziiert wurde. Zum anderen bildeten die russische Sprache und Kultur den Schlüssel für wirtschaftlichen Aufstieg in der gesamten Sowjetunion.

Birobidschan heute

Bis 1980 blieb Birobidschan ein vergessenes Nest in der russischen Provinz. Die Sowjetführung beschäftigte sich nicht damit. Als Gründe nannte sie die „Unproduktivierbarkeit” und das Desinteresse der jüdischen Bevölkerung. Nach ihrer Auffassung hätten die jiddischen Schulen und das Theater schließen müssen, weil es ihnen an Schülern bzw. Zuschauern gemangelt habe. Eine Verpflichtung auf die jiddische Kultur wäre als Gettoisierung empfunden worden. Sowjetische Informationen über Birobidschan beschränkten sich auf ein paar Zeitungsartikel und auf Selbstdarstellungen anläßlich verschiedener Jubiläen. Die Regionalzeitungen Birobidschaner Stern und Birobidschanskaja Zwezda berichteten in erster Linie über allgemeine sowjetische Angelegenheiten, aber nur selten über Themen, die ausschließlich die jüdische Bevölkerung betrafen. Das erste jiddische Buch – ein kleiner Sammelband mit Erzählungen von Scholem Alejchem – erschien erst 1959. Von 1959 bis 1964 wurden sieben jiddische Bücher publiziert. Ihre Zahl stieg in den 70er Jahren auf durchschnittlich fünf pro Jahr. 1961 erschien das literarische Magazin Sowjetisch Heymland. Insgesamt blieb das Angebot der sowjet-jiddischen Kultur jedoch bescheiden.

Unter Leonid I. Breschnew veränderte sich die Situation in Birobidschan. Der Spielraum kultureller Aktivitäten wurde vergrößert, der jüdische Charakter der Jüdischen Autonomen Region stärker herausgestellt. Seit 1967 existiert wieder ein jiddisches Theater. 1977 wurde ein Musik- und Kammertheater errichtet. Der Birobidschaner Stern verdoppelte seinen Umfang, und seit Mitte der siebziger Jahre sendete der Birobidschaner Rundfunk stundenweise auf Jiddisch. 1980 richteten drei Birobidschaner Schulen je eine Jiddisch-Klasse ein. Der Schriftstellerverband gab ein Fotoband und eine Aufsatzsammlung über die Region heraus. Die Sonntagsschule (nicht die Schabbatschule), die in die jüdische Religion und Geschichte einführt und über Leben und Politik in Israel berichtet, nahm Mitte der neunziger Jahre ihre Arbeit auf. Heute besuchen auch zahlreiche nichtjüdische Kinder die Schule, weil das Niveau sowie die Verpflegung wesentlich besser ist als an anderen Schulen. Zu den Feiertagen erhalten die Kinder vielfach Geschenke, die aus Israel oder den USA kommen. Im Rahmen von „Perestrojka“ und „Glasnost“ entwickelte sich ein neues jüdisches Selbstbewußtsein und brachte eine Erneuerung der jüdischen Kultur und eine Rückbesinnung auf die jüdische Tradition und Religion. Zahlreiche jüdische Organisationen sind entstanden. 1989 wurde eine Dachorganisation (VAAD) für alle jüdischen Organisationen und Gemeinden in der ehemaligen Sowjetunion geschaffen.8

Nach meinem Besuch in der Birobidschaner Synagoge und anderen jüdischen Einrichtungen, die sich alle in einem einzigen Gebäude befinden, wurde mir klar, daß Emigration immer noch ein Thema ist. Wenn heute erneut Gerüchte über bevorstehende Pogrome aufbrechen und die National-Patriotische Front „Pamjat” (Gedächtnis), die Liberaldemokratische Partei (unter Wladimir Zirinowski) oder die Russische Nationale Einheit (unter Aleksandr Barkashow) an die Macht kommen sollten, wird es wieder Auswanderungswillige geben.

Aus Birobidschan sind achttausend Juden nach Israel ausgewandert. Über die Auswanderer in die USA oder nach Deutschland redet man nicht gerne und die Zahlen sind nicht bekannt. Als zwischen 1989 und 1994 ca. 800 000 Menschen die Sowjetunion verließen, wurden Direktflüge eingerichtet: Chabarovsk – Tel-Aviv. Der Emigrationswille wächst in dem Maße, in dem nationale Konflikte, politische Instabilität und wirtschaftliche Misere zunehmen. Obwohl kaum noch Juden dort leben, nimmt der Antisemitismus im Fernen Osten zu. Mischehen sowie alte und kranke Eltern halten teilweise von der Auswanderung ab. Ende 1999 lag die Gesamteinwohnerzahl der Jüdischen Autonomen Region bei 199 100.

Seither sind wieder viele nach Israel und Deutschland, in die Ukraine und nach Weißrußland ausgewandert. Genaue Zahlen gibt es nicht. Schätzungsweise leben nur noch etwa 4000 Juden in der Region.9 Die meisten sind ausgewandert. Übriggeblieben sind große Friedhöfe: in Birobidschan, in Chabarowsk, in Wladiwostok und in anderen Städten des russischen Fernen Ostens. Sie werden von den wenigen Hinterbliebenen und von der Chabbad-Bewegung, die sich dort angesiedelt hat, gepflegt.

Svetlana Jebrak ist 1990 aus der Ukraine nach Deutschland eingewandert; seither Mitarbeit in der Christlich-Jüdischen Gesellschaft in Düsseldorf und in Deutsch- Israelischen Gesellschaften. Derzeit Studium an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg und 1. Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Studenten in Baden.

  1. Zu Michail Kalinin, 1919–1946 nominelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion, vgl.: Otto Heller, Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage, ihre Kritik, ihre Lösung durch den Sozialismus, Wien/Berlin 1951, 179.
  2. Avraham Barkai, Der Kapitalist, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör, Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995, 265.
  3. Encyclopaedia Judaica, Bd. 5, 1107.
  4. Alain Fisher, The Crimean Tatars, Stanford 1978, 106.
  5. Robert Weinberg, Stalin´s Forgotten Israel. Birobidzan Experiences Jewish Cultural Renaissance, in: East European Jewish Affairs, Nr. 2, 1992, 45.
  6. Antje Kuchenbecker, Zionismus ohne Zion, Berlin 2000, 172.
  7. Zahlen nach Mordechai Altschuler, Sovjet Jewry since the Second World War. Population and Social Structure, New York 1987, 76.
  8. Wladimir Gurewitch, Evrejskaja Avtonomnaja Oblastj. Enzyklopeditcheskij slowarj, Chabarovsk 1999, 175.
  9. Aus: Allgemein-politische Zeitung Birobidschaner Stern, Birobidschan 25.04.2000, 8.

 


Jahrgang 8 / 2001 Heft 1 Seite 23-27.


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