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Gertrud Luckner
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Uri Naor

Israel und Deutschland

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel stehen noch immer unter dem schweren, dunklen Schatten einer Vergangenheit, die kaum ein Jahrzehnt zurückliegt. Das Dritte Reich hat eine Kluft zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk aufgerissen, für deren Tiefe man in Deutschland – und vielleicht auch in manchen anderen Ländern – langsam bereits die Maßstäbe verliert.

In Deutschland will man dieses unselige Kapitel vergessen. Selbst manche Gutgesinnte neigen dazu, einfach einen Strich unter jene fürchterliche Vergangenheit zu ziehen.

In Israel und im jüdischen Volk lebt jedoch die Erinnerung an eben diese Vergangenheit fort und bildet ein wesentliches Moment bei der Meinungsbildung über das Verhältnis zu Deutschland.

Es steht außerhalb jeder Diskussion, dass Israel nie das Schicksal der sechs Millionen jüdischen Naziopfer vergessen wird und dass hier das mahnende Gewissen stets wachsam die Entwicklung der Welt verfolgen und energisch seine Stimme erheben wird, wenn jene dunkeln Kräfte, die einst die Katastrophe heraufbeschworen haben, etwa wieder einmal zu einer Gefahr werden sollten.

Es würde in einem solchen Fall gewiss nicht mehr beider „mahnenden Stimme“ bleiben, wie anno dazumal, als der deutsche Nationalsozialismus sich anschickte, seine Drohungen gegen das jüdische Volk in die Wirklichkeit umzusetzen. Das jüdische Volk besitzt heute in Israel einen treuen und verlässlichen Wahrer seiner Interessen.

Aber es gibt einige Faktoren, die auch wir nicht übersehen dürfen, wenn wir unsere Stellung in dieser Welt und zum Nach-Hitler-Deutschland zu bestimmen versuchen. Faktoren, die nicht statisch, sondern in einem ständigen Fluss sind. Auch die politische Welt, in die wir hineingestellt sind, wird von ihnen mitgeformt und befindet sich in steter Entwicklung.

In Deutschland treten den Juden und dem Staat Israel heute einige Elemente entgegen, die zu Ende des Dritten Reiches noch nicht vorhanden oder zumindest nicht abzuschätzen waren:

Die junge deutsche Generation, besonders die Studentenschaft, zeigt sich in einem sehr geringen Maße von der Epoche des Nationalsozialismus infiziert. Es wächst bereits eine Generation heran, die zur Zeit Hitlers noch nicht selbständig denken konnte und die heute sehr kritische Ansichten über jene Epoche äußert. Es mag dabei die natürliche Opposition gegen die ältere Generation mitspielen, die von ihr für das Unglück und das viele Leid verantwortlich gemacht wird, das der Krieg zweifelsohne auch über das deutsche Volk gebracht hat.

Zum ersten Male seit 1848 ist der größte Teil der deutschen akademischen Jugend fortschrittlich und weltoffen. Es lässt sich heute gewiss noch nicht sagen, wohin diese Entwicklung führen wird, aber eines ist klar: die Chancen sind größer denn je in der deutschen Geschichte, dass diese Jugend den Anschluss an eine fortschrittliche und freiheitsliebende Welt suchen wird. Ihr Interesse für Israel und seine Probleme ist groß und echt, und sie verfolgt fast durchweg mit Anerkennung unser Aufbauwerk.

Aber auch in den Reihen der Erwachsenen ist die Zahl derer, die für das ferne Israel ein anerkennendes Verständnis zeigen und in der oder jener Form uns helfen wollen, nicht unbeträchtlich. Diese Schicht ist eine wichtige Garantie dafür, dass jede deutsche Regierung, die auf den Gedanken kommen sollte, die Durchführung des Wiedergutmachungs-Abkommens zu sistieren, innerhalb Deutschlands auf einen beachtlichen Widerstand stoßen würde. Israel hat jedenfalls nicht so viele hilfsbereite Freunde in der Welt, um auf einen großen Kreis unter ihnen für die Dauer leichtfertig verzichten zu können.

Deutschland ist heute ein Teilabschnitt der israelisch-arabischen Front. Wir haben das deutlich in den Monaten unmittelbar nach Abschluss des Luxemburger Vertrags gespürt, als die arabische Propaganda in machtvoller Weise in Deutschland zum Schlage gegen das Wiedergutmachungsabkommen ausholte und damit die wirtschaftliche Entwicklung Israels empfindlich treffen wollte.

Dieser Schlag der arabischen Propaganda ist zwar erfolgreich abgewehrt worden, aber es sprechen viele Zeichen dafür, dass sich die Propagandisten der Arabischen Liga auch auf diesem Frontabschnitt nicht geschlagen gegeben haben und zu einer „zweiten Runde“ ausholen. Ihr Bewegungsfeld ist groß.

Die deutsche Presse ist bereits wieder gut entwickelt und Deutschland ein erstrangiges journalistisches Zentrum in Europa geworden. Allein in Bonn befinden sich ständig über hundert Auslandskorrespondenten, und auch die großen Welt-Agenturen für das Nachrichtenwesen haben in Deutschland wichtige Stützpunkte errichtet.

Es kann für Israel darum nicht gleichgültig sein, ob die Stimme der antiisraelischen arabischen Propaganda in Deutschland widerstandslos gehört werden und ihre gegen Israel verbreitete Propaganda unwidersprochen bleiben soll, d. h. wir sind auch hier auf eigene Aktivität sowie Verständnis und Hilfe der anderen angewiesen, um die Angriffe gegen uns abwehren zu können.

Deutschland ist fast souverän. Die Bundesrepublik Deutschland ist heute nahezu ein vollkommen souveräner Staat, der in Europa eine wichtige Rolle spielt und sehr ernst genommen wird. Die Entwicklung wird diesen im Herzen Europas gelegenen Staat immer mehr in den Mittelpunkt der Weltpolitik rücken, und seine Repräsentanten werden über kurz oder lang nicht nur gehört werden, sondern auch aktiv bei den großen internationalen politischen Entscheidungen mitwirken.

Israels Stellung in der internationalen politischen Welt ist nicht so ehern und gefestigt, dass es sich den Luxus leisten könnte, für immer auf die Hilfe von Faktoren zu verzichten, mit denen das jüdische Volk zwar gestern zutiefst verfeindet war, die ihm jedoch morgen beistehen können. Zumindest müssen wir zu verhindern trachten, dass diese Hilfe mangels eines Interesses Israels einseitig den arabischen Staaten gewährt werden wird.

Der Luxemburger Vertrag. Einen wichtigen Faktor für die Gestaltung der Beziehungen zwischen Israel und Deutschland bilden die deutschen Wiedergutmachungsleistungen gemäß dem Luxemburger Vertrag. Die schwarzen Prophezeiungen der Gegner des Abkommens, dass Deutschland nicht daran denke, seine in Luxemburg übernommenen Verpflichtungen gegenüber Israel zu erfüllen, haben sich nicht bewahrheitet.

Die deutsche Bundesrepublik erfüllt bereits diese Verpflichtungen. Auch wer noch vor ein, zwei Jahren die eventuellen deutschen Wiedergutmachungsleistungen für Israel nicht richtig einzuschätzen vermochte, wird wohl durch die Entwicklung inzwischen eines Besseren belehrt worden sein.

Während manche wichtige Einnahme Israels aus ausländischen Quellen vielleicht nicht allzu lange mehr in dem bisherigen Ausmaße anhalten wird, haben die Arbeiten der Israel-Mission und der zu ihrer Unterstützung nach Deutschland entsandten Fachleute es klargelegt, dass die Verwirklichung des Luxemburger Abkommens noch eine Reihe zusätzlicher wirtschaftlicher Chancen für Israel eröffnet, die bei dessen Unterzeichnung nur ganz vage unsere Vorstellungen beherrschten.

Israel kann einen großen Teil der Ersatzteile für aus anderen Ländern bezogenen Maschinen in Deutschland erhalten, den Viehbestand seiner Landwirtschaft durch Lieferungen aus Deutschland wesentlich stärken und außer Benzin auch noch andere wichtige Wirtschaftsgüter außerhalb Deutschlands, aber mit den Mitteln der Wiedergutmachung, erwerben.

Israel wird sein Telefon- und Verkehrsnetz mit Hilfe der deutschen Lieferungen auf die Höhe der Zeit bringen und so das Alltagsleben seiner Einwohner erträglicher gestalten, seine Bewässerungsanlagen im großen Maßstab ausbauen und dadurch insbesondere den Negev landwirtschaftlich erschließen, seine industrielle Produktion rationalisieren und vergrößern – es kann noch dies und das, und wie es scheint, überaus wichtige Ziele mit Hilfe der deutschen Wiedergutmachungsleistungen erreichen.

Wiedergutmachung ist keine Inkasso-Angelegenheit. Aber eines sollte klar sein: Die Durchführung des Wiedergutmachungsabkommens stellt nicht etwa, wie es sich auch heute noch manche Kreise naiv vorstellen, eine einfache Inkasso-Angelegenheit dar. Die Verwirklichung des Luxemburger Abkommens wird bis zum letzten Moment eine ständige und sorgsame Pflege er- fordern.

Es wird immer Hindernisse und Gegner geben, und Israel wird immer auf einen ernsthaften „goodwill“ bei der deutschen Regierung und den deutschen politischen Parteien, in der Presse, Wirtschaft und in weiten Kreisen der Bevölkerung Deutschlands angewiesen sein. Diese Kooperation wird ihm nicht in den Schoß fallen, sondern bedarf einer sorgsamen Vorbereitung und steten Pflege.

Aber am Ende dieser Tätigkeit winkt ein Ziel, dessen Bedeutung und Größe von keinem anderen, zumindest in absehbarer Zeit, überragt wird: die Herstellung der wirtschaftlichen Selbständigkeit Israels. Die Durchführung des Wiedergutmachungsabkommens kann Israel ein gewaltiges Stück diesem Ziel nähern.

Darüber hinaus ist die ehrliche und vorbehaltlose Durchführung des Luxemburger Wiedergutmachungsabkommens mehr als jeder andere Schritt geeignet, den großen Wall des Hasses abbauen zu helfen, der seit dem Anstieg des Nationalsozialismus zwischen Juden und Deutschen aufgetürmt wurde. Die friedliche Entwicklung der Welt ist im wesentlichen Maße von solchen Abbauprozessen abhängig.

Aber auch für unser eigenes Volk könnte es nur abträglich sein, wenn wir in unseren jungen Generationen immer von neuem einen Hasskomplex fortpflanzen würden, der sich erfahrungsgemäß à la longue nicht auf ein einziges Objekt lokalisieren lässt.

Nach den deutschen Wahlen. Es wäre ein Fehler, den Ausgang der Wahlen in Deutschland bereits als eine genügende Rückendeckung gegen die Gefahr eines Auflebens des Nazismus in Deutschland zu betrachten. Wachsamkeit ist auch weiterhin am Platz.

Aber es wäre kein geringerer Fehler, wenn man in Verkennung der wirklichen Situation die demokratischen Kräfte in Deutschland bewusst mit dem Nazismus in einen Topf werfen und sie so, wie dies bereits einmal in unserer Generation geschehen ist, in ihrer Entfaltung und Durchsetzung hemmen würde.

Die Männer im Nach-Hitler-Deutschland, die sich für eine Wiedergutmachung zumindest eines Teiles der Schäden, die durch den Nationalsozialismus dem jüdischen Volk zugefügt wurden, eingesetzt und dann auch die gesetzliche Verpflichtung für die Wiedergutmachung durchgekämpft haben, scheinen die beste Gewähr dafür zu bieten, dass Deutschland nicht mehr in die Barbarei zurückfallen wird. Ihr Weg und die Entfaltung der von ihnen gestalteten Politik kann auch uns in Israel nicht gleichgültig bleiben.



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