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Josef Maria Nielen

Das Verhältnis des katholischen Christen zu seinen jüdischen Mitmenschen

Wir freuen uns, als Dokument der Anteilnahme auch der Deutschen Katholikentage am Verhältnis zwischen Kirche und Synagoge das ausgearbeitete Referat wiedergeben zu dürfen, das Hochwürden Herr Professor Dr. J. M. Nielen auf der Altöttinger Arbeitstagung vor dem Passauer Katholikentag Anfang September 1950 gehalten hat.

Situation und Verpflichtung

Jedes Gespräch zwischen katholischen Christen und ihren jüdischen Mitmenschen muss ein echter Dialog sein. Dialog ist kein Streitgespräch und keine Mission. Beides stände denen schlecht an, die die Leiden der Juden in den verflossenen Jahren miterlebt und direkt oder indirekt mitverschuldet haben. Dialogisch ein gegenseitiges Verständnis anbahnen, heißt die Eigenart des Gesprächpartners ernst nehmen. Es heißt vor allem schweigend hinhorchen können und vertrauensvoll hinhorchen wollen auf das, was der in jeder Weise ernst genommene Gesprächspartner auch mir zu sagen hat.

Dass in dem jüdisch-christlichen Gespräch der Partner, auf den es für den Christen dabei ankommt, weithin fehlt, ist Grund genug, auch diese Erkenntnis in jenes Tag für Tag erneuerte Bekenntnis mit hineinzunehmen, das jeder von uns ablegt, wenn er im Angesichte Gottessein „mea culpa, mea maxima culpa“ spricht. Fleht der Christ im Confiteor um Verzeihung seiner Schuld, so wendet er sich um Unterstützung seiner Bitte an den Erzengel Michael, der in besonderer Weise der Schutzgeist des jüdischen Volkes ist, er wendet sich an alle Heiligen, die aus diesem Volke hervorgegangen sind. Von da aus verstärkt sich eindringlich jene dialogische Situation und Verpflichtung, die allein heute möglich ist.

Für den katholischen Christen ist das Volk Israel kein Volk wie die anderen Völker, und für ihn eine jüdische Minderheit keine Minderheit wie die anderen. Diesem Volke und dieser Minderheit gegenüber wird er selbst von Gott ganz anders angesprochen, heute mehr denn je. Mit einer grundsätzlich selbstverständlichen, wenn auch praktisch oft nicht vorhandenen Humanität und Toleranz allein oder mit der frohen Begeisterung einer alle Völker und Minderheiten umfassenden „Entente cordiale“, einer betonten „Weltbruderschaft“, ist unserem Anliegen wenig, ist ihm vor allem nicht erschöpfend gedient. Denn es handelt sich bei diesem Anliegen nicht nur um ein allgemein menschliches, auch nicht nur um ein aus konkretem schmerzlichem Anlass die Deutschen besonders verpflichtendes, sondern weithin um ein theologisches Problem, vor dessen Hintergrund und in dessen Tiefe allzeit das Verhältnis steht und neu zu durchdenken ist: Kirche und Israel. 

Damit hängt die Erfahrung zusammen, dass durch das Gespräch mit Israel innerhalb der Kirche selbst nicht nur ein lebhafteres und einsichtvolleres Verstehen des Alten Testamentes und seiner Bedeutung für jedes theologische und christliche Denken erwacht ist, sondern dass auch jedes Bemühen um die uns von der „una sancta“ und in ihr gestellte innerchristliche Aufgabe durch dieses Gespräch sich klärt und stärkt. Vor allem wird unsere dialogische Situation und Verpflichtung zur theologischen im Lichte der Einheit der Heilsgeschichte, in jenem Sinne der alttestamentlichen und neutestamentlichen Schrift, wonach die Geschichte der Menschheit von der Schöpfung am Anfang der Tage bis zu ihrer Vollendung am Ende der Zeit im Angesichte Gottes geschieht. Damit bekommt das sein besonderes Gewicht, was – unter dem Aspekt der Synagoge – Israel jedem katholischen Christen zu sagen hat. Einiges davon sei hier herausgestellt.

Volk des Gottesglaubens

Wir, die von einer bestimmten und weithin griechisch beeinflussten Philosophie herkommen, sollten dankbar anerkennen, was das bekannte Wort des großen abendländischen Christen Pascal umreißt: „Nicht der Gott der Philosophen, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs.“ Mit anderen Worten: Israel ist es, das in seinem Glauben uns das Verständnis weckt für die Aussage im Eingang des Hebräerbriefes, dass Gott gesprochen hat, früher zu vielen Malen und auf vielerlei Weise durch den Mund der Propheten zu unseren Vätern, nun aber in dieser Endzeit zu uns durch den von ihm zum Erben bestimmten Sohn. Denn nicht vor einen kalten und abstrakten philosophischen Begriff über das Göttliche, sondern vor den persönlichen Gott der Offenbarung, den Gott des Lebens und der Liebe, stellt uns der Glaube Israels. Der Unbekannte gibt sich Israel zu erkennen, offenbart Israel seinen heiligen Namen, offenbart sich ihm durch sein Wort, das Antwort will und ermöglicht. „Ihr wisst nicht, was ihr anbetet, wir aber wissen es“, sagt Jesus zur Samariterin (Joh 4,22).

An diesen Gott der Offenbarung bindet sich der Glaube Israels, als an seinen Herrn. Schon der Name „Israel“ kündet aller Welt: Gott herrscht. Jahwe ist der König, das ist die Theologie und Anthropologie Israels. Seine Theologie. Denn Gott ist, und ist für Israel da in souveräner Freiheit, wann, wo und wie er da sein will. Dazu ist Israel ausersehen worden, um dieses Sein und Dasein Gottes zu offenbaren und gegenüber aller Macht und allen Mächten eines wie immer gearteten Götzentums festzuhalten. Ich bin der Herr, Dein Gott.

Hier gründet Israels Anthropologie. Denn Gottes „Herrlichkeit“ ist beides in eins: Königtum Gottes als Macht seiner Herrschaft über den Menschen – aber zugleich auch vom Menschen her die dankbare Freude des von Gott Erwählten und Berufenen, an dieser Herrschaft im Dienste echter Partnerschaft teilzuhaben. Darauf beruht der Bund Gottes mit Israel. Dieser Bund ist errichtet auf der Grundtatsache von Herrschaft und Dienst. Diesen Dienst leisten kann das Volk, weil sein Herr es dazu ausersehen hat, der ganzen Erde, die sein ist, seinen Willen zu übermitteln, jenen Willen, den Israel selber als „Knecht Gottes“ in der ganzen Breite und Tiefe seines Lebens zu erfüllen hat. Mit dieser Weihe und in diesem Dienst muss Israel seine Erwählung, das unter allen Völkern zu sein, was es sein soll, verwirklichen.

Auch der Dekalog ist Offenbarung, ist Verwirklichung der Herrschaft Gottes. Israel kennt nicht die stoische Gleichschaltung von Natur, Vernunft, Gott, die Gleichsetzung also noch nicht von: secundum naturam oder rationem oder Deum vivere. Israel lebt von seinem Glauben. Dieser Glaube verlangt das jeweilige Sich-Bewähren in allen Bedingtheiten des konkreten, des alltäglichen Lebens. Das Wegschweifenwollen in die Unverbindlichkeit idealistischer oder moralistischer Allgemeinheiten, statt in dieser Stunde, gegenüber allen menschlichen Auffassungen und Ausflüchten Gott allein Gehorsam zu sein, ist die stete Versuchung Israels. Ihr nicht zu erliegen, sondern nach dem Vorbild Abrahams jeden Augenblick bereit zu sein, dem Rufe Gottes sich zu stellen und im Gehorsam des Glaubens ihm standzuhalten, ist die Berufung Israels in allen Weisen und Weisungen Gottes.

Im Dekalog Israels ruhen die Grundsätze das Gemeinschaftslebens unter der Gottesherrschaft. Hier sagt Jahwe den zu Israel verbundenen Stämmen, was jeder einzelne Mensch in Israel zu tun und zu lassen hat, damit das, was soll, zustande kommen kann, ein Volk, ein heiliges Volk, Gottes Volk. Zugleich liegt in dem einzigen Herr-Sein seines Schöpfergottes aber auch jenes Verhältnis begründet, das Israel – wiederum in der Einzigartigkeit seines Gottesglaubens und im Gegensatz zu allem Götzentum und aller Vergottung mit jedem Menschen verbindet, mit den Schwachen und Unterdrückten zumal, den Rechtlosen, den Witwen und Waisen, den Sklaven, den Fremdlingen, den Beisassen. Israel kennt das eine Gesetzte, und das darum von Gott Verordnete, das dies alles zusammenfasst:  „Höre, Israel, der Herr unser Gott ist ein Herr. Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben. Du sollst den Nächsten lieben, Dir gleich.“ In allem zu leben aus dem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt, das ist die Erwählung Israels aus seinem ganzen Ernst mit all seiner Freude und all seinem Leid. Wort Gottes und Last Gottes.

Ecclesia orans

Wer die Geschichte des Betens kennt, weiß, was der prophetischen Frömmigkeit Israels, was seinen Psalmen und Liedern zu verdanken ist. Und wer der Geschichte der Liturgie, das ist des öffentlichen und feierlichen Gottesdienstes nachgeht, der weiß, was hier wiederum wir alle dem Tempel und den Synagogen Israels, was wir seiner heiligen und apokryphen Literatur bis in unsere Tage hinein schuldig sind, und – um auch das hier anzumerken – was für ein erschütterndes Leid und Weh jeder Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte jüdischen Herzen bedeuten muss. Jesu Hochschätzung des Tempels als des Hauses Gottes, sein und seiner Jünger Verhältnis zum synagogalen Gottesdienst sind ebenso bekannt wie der Einfluss der Synagoge mit ihrer Schriftlesung, ihren Gebeten und Gesängen als Stätte eines geistigen, eines opferlosen Gottesdienstes auf die heidnische Umwelt in der jüdischen Diaspora.

Auch der gegenwärtige Gottesdienst der christlichen Kirchen ist ohne das geschichtliche Erbe aus dem Judentum nicht denkbar. Der Name großer jüdischer Festtage, auch wenn sie für uns nicht ohne neuen, erfüllten Inhalt sind, wie Ostern und Pfingsten, lebt in der christlichen Überlieferung weiter. Vieles was den frommen Juden der Sabbat bedeutete und bedeutet, ist in unsere Auffassung und Feier des Sonntags eingegangen. Paschamahl und Herrenmahl, Manna-Erinnerungen und Lebensbrot, Wasser-, Licht- und Segenskelchsymbolik, die Gewohnheit der Juden, ausführliche Dankgebete zu sprechen bei Speis und Trank, Segenswünsche und Segensgrüße, gewisse feststehende Formeln der gottesdienstlichen Gebete, wie Amen, Alleluja, die Doxologien und anderes, leben im sonntäglichen Gottesdienste und darüber hinaus auch im alltäglichen Gott dienen der Christen weiter.

Besonders aber ist es neben dem Beten von Psalmen, Hymnen und Liedern die gemeinsame Schriftlesung, die wir vom jüdischen Gottesdienst übernommen haben. Es war die Heilige Schrift des Alten Testamentes, aus der und in der Jesus und die ersten Zeugen seiner Verkündigung lehrten und lebten. Sie meinte Paulus, wenn er seinem Lieblingsschüler schreibt: „Du weißt, von wem du gelernt hast, der du von Kind auf die Heiligen Schriften kennst, die von Gott gegeben sind, damit der Mensch vollkommen sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk.“

Es ist das Verdienst jüdischer Gelehrter der Heiligen Schrift des Alten Testamentes jenes griechische Sprachgewand gegeben zu haben, das sie zu dem Buche der Weltliteratur, zur Bibel umwandelte. Aber der Dienst der damit der Welt erwiesen wurde, – auch wenn deren Bewohner in allen Ländern es kaum noch wissen, welchen Reichtum in ihrer Dichtung und Sprache, in ihrem Gedankengut, ihrer Bildwelt, in ihrem Brauchtum, in ihrer Kunst sie einzig und allein der Bibel verdanken – sollte die Kirche nie vergessen lassen, was sie selbst jener griechischen Übersetzung der alttestamentlichen Schrift schuldig ist, von der neutestamentlichen an bis in die letzten Ausgänge der Väterliteratur. Noch lange spricht die alte Kirche die Sprache Israels und seiner heiligen Schriften. Beispiele anzuführen aus dem Neuen Testament, dessen Grundwahrheiten, Grundforderungen und sprachliche Formulierungen auf das griechische Alte Testament zurückweisen, erübrigt sich. Selbst da, wo von einem neuen Anfang die Rede ist, und das alte als vergangen überboten wird, ist die gedankliche Anknüpfung oft, die sprachliche mit wenigen Ausnahmen fast immer beibehalten.

Vielleicht darf hier, wo wir von der ecclesia orans ausgingen, noch ein Wort eingeschaltet werden, das sich uns bei allen Gedankengängen nicht nur über die liturgische Erbfolge, sondern auch gerade im Verhältnis von Kirche und Schrift nahe legt. Sprechen wir von der Tradition, näherhin heute auch wieder besonders darüber, warum unser christliches und theologisches Bemühen sich wieder stärker der Theologie der Väter und den von ihnen uns überlieferten Schriften, Liturgien und Auffassungen zuwendet, so sollten wir ein Doppeltes nicht vergessen.

Einmal nicht, dass die „Überlieferungen“ der Alten, dass Israels Weisheit der Väter- und Rabbinensprüche, dass das „Wisse die Wege“ heiliger, jüdischer Lehrer und Vorbilder Pate gestanden sind bei der Bildung und Betonung christlicher Tradition. Und zweitens nicht, dass die außerbiblische jüdische Frömmigkeit uns ein Schrifttum geschenkt hat und schenkt, dass vielfach mit einer gleichwertigen Ehr- furcht von uns betrachtet werden kann, die den großen Hieronymus veranlasste, die jüdischen Apokryphen und Pseudepigraphen in der hellenistischen Zeit als Epiloge zu den Propheten und als Prologe zu den Evangelien zu bezeichnen.

Die Kirche als das wahre Israel

Wir kennen die erstaunte Frage, die in Justins bekanntem Dialog der Jude Tryphon an die Christen stellt: „Wie, Ihr seid Israel?“ eine Frage, die Justin Veranlassung gibt, noch einmal diese seine Auffassung zu rechtfertigen. Aber diese Auffassung ist keine Sondermeinung Justins. Wie Augustins Wort: „ecclesia antiqua res est“ bis in die jüdischen und heidnischen Urzeiten hinabführt, so nimmt Eusebius, Meinungen seiner Vorgänger zusammenfassend, im ersten Band seiner Kirchen geschichte alle Gott wohlgefälligen Männer und Frauen in Israel für das Christentum in Anspruch. Für ihn scheint das eine Erhärtung der Tatsache, „dass wir, die wir uns Christen nennen, ein und dieselbe Lebensweise, ein und dieselbe Art der Gottesverehrung haben, wie die geliebten Männer der Vorzeit“. Eusebius glaubt damit den Beweis erbracht zu haben, „dass die von Christus gelehrte vollkommene Gottesverehrung keine neue und fremde sei, sondern die erste, einzige und wahre“.

Die neutestamentliche Schrift ist in ihrer Ganzheit ein Bericht darüber, wie die Apostelgeschichte sich ausdrückt, dass Gott zur Erfüllung gebracht hat, was er durch den Mund aller Propheten vorherverkündigt hat (3,18). Die gleiche Auffassung vertritt das eigenartigste Schriftstück, das wir heute im corpus des NT haben, im besten Griechisch geschrieben, und das wegen des Eindrucks, den es auf die Christen des 2. Jahrhunderts machte, seit der Zeit „Brief an die Hebräer“ genannt wird. Schon der Eingangssatz ist hier richtungweisend, wonach der gleiche Gott der Offenbarung es ist, der früher zu den Vätern durch die Propheten gesprochen, und dasselbe jetzt in der Endzeit uns durch seinen Sohn enthüllt hat.

Solche Gedankengänge und Wahrheiten schließen die verpflichtende Erkenntnis in sich, dass der in seiner Gesamt-Offenbarung den Menschen anredende Gott die Christen wie an Christus, so in ihm zugleich an die alte Schrift bindet. Gleichzeitig bindet er sie damit als eine neue Schöpfung, als echte Abrahamskinder (Röm 4,11 f.; vgl. Mt. 3.9) an den Stammvater der Verheißung, in dem alle Heidenvölker gesegnet werden sollen (Gal 3,6–9). So weist er uns Kinder der Verheißung wie Isaak (Gal 4,29), zugleich auf das Vorbild des Hinhorchens auf seine Weisung hin und des ihr Gehorchens, auf das Exemplum jedweden Glaubensgehorsams, an unseren Patriarchen Abraham und durch ihn an alle, die wie er, unsere Väter sind (1 Kor 10,1–6). Die „katholischen“ Briefe des NT verraten es nicht nur in ihren Überschriften (Jak 1,1; 1 Petr 1,1), dass nach ihrer Auffassung die Christen Erben des Zwölfstämmevolkes sind.

In solcher Erkenntnis, aber auch in solcher Verpflichtung wurzelt das neutestamentlich begründete Wort von der Kirche als dem wahren Israel. Es ist auffällig, wie immer noch die Kirche – um nur an diesem Beispiel das Gesagte zu erläutern – in den Gebeten und Weihungen, den Segnungen und Salbungen, den Sakramenten und Geschehnissen ihrer Liturgie ganz und gar in die Sprache und die Symbolik des Alten Testamentes eintaucht. Denken wir etwa nur an den kirchlichen Initiationsritus der feierlichen Taufspendung in der Osternacht mit den Prophetien und Lesungen und der Taufwasserweihe, wo diese Verbindung mit dem AT hell aufleuchtet.

Bezeichnend, dass hier, wo ein mündiger Mensch, aus göttlicher Zeugung und menschlichem Erzeugnis, aus beidem zugleich, Zeichen einer echten Partnerschaft des Berufenwerdens und der Nachfolge – der Kirche als echtes Glied inkorporiert wird, diese sich ihm in unvergesslicher Symbolik und Sprache als das wahre Israel darstellt. Wo immer die betende, weihende, verwandelnde Kirche ihrer Bestimmung „ut consecraretur mundus“ nachkommt, wo sie mit dem frommen Judentum den ersten Glaubensartikel, das Bekenntnis zum Schöpfer Himmels und der Erde, auch in jedweder Neuschöpfung festhält, dort vor allem auch, wo die Kirche vom und zum Menschen spricht, dessen Bild bei ihr Züge aufweist, die auch dem biblisch orientierten Israeliten vertraut sind, wo immer endlich, sie in ihrer Sprache fürbittend nicht nur die „rebellantes Judaei“ erwähnt, sondern erst recht unserer, der Christen, „nutantia corda“, ja unserer „rebelles voluntates“ gedenkt, immer stellt sie uns damit letzthin vor den Gott, der allein alles schafft oder durch sein belebendes Pneuma erneuert, hier und in vielem anderen ihres Betens und Tuns sich erweisend als die dankbare Erbin und Hüterin Israels.

In der vom Judentum den Christen überlieferten Vorstellung von Jerusalem als der heiligen Stadt verdichtet sich vieles, was mit der bildhaften Aussage von der Kirche als dem wahren Israel inhaltlich gemeint ist. Das hängt zunächst damit zusammen, dass auch in der Zeit des NT Jerusalem anfangs der Ort der Heilsgeschichte bleibt. Der Bericht über die Sendung der Taten der Apostel beginnt mit dem Auftrag des Herrn an sie, Jerusalem nicht zu verlassen, bis die Verheißungen Gottes sich erfüllt haben, die die ihnen zugedachte Weltaufgabe erst ermöglichen. So wird Jerusalem Ort des Pfingstereignisses, Ausgangspunkt und lange Zeit Zentrum der christlichen Missionstätigkeit: Auch was Kreuz und Glorie ihres Herrn bedeutet, knüpft sich für die ersten Christen weithin an Jerusalem. Darunter vor allem jene Beziehung zwischen Kreuz und Judentum, die später in unbiblischer Weise zu einer einseitigen Schuldbelastung für die Juden und zur Begründung frevelhafter Prozesse und Exzesse gegen sie führte. 

Die Beziehung der Juden in Jerusalem zum Kreuzestod des Herrn hat hier jene einzig eines Christen würdige Darlegung in der Petrusrede am Pfingsttage gefunden, wonach die Auslieferung Jesu an die Heiden, die durch ihre Kreuzigung ihn aus dem Weg geschafft haben, auf feststehenden göttlichen Ratschluss und Vorherwissen zurückgeführt wird (Apg 2,23), während den jüdischen Brüdern mit Bestimmtheit gesagt wird, dass sie, wie ihre Vorsteher, aus Unwissenheit gehandelt haben, Gott aber so erfüllt habe, was er durch die Propheten vorausgesagt, dass nämlich Christus zu leiden berufen sei (3,17–18). Geht an dieser Stelle der biblische Text, wie so oft, zu einer eschatologischen Betrachtung über „auf die Zeit der Wiederherstellung aller Dinge“, so knüpft sich auch diese christliche Grundhoffnung der Parusie an die bildhafte Vorstellung vom neuen Jerusalem. Jerusalem bleibt in der Kirche die Sehnsucht aller auf den Herrn Wartenden und zu seiner Stadt Pilgernden.

Als Symbol der Neuschöpfung und Neuordnung ist Jerusalem auch für die Kirche Symbol für die Erwählung. Brautsymbol des seine Braut mit ewiger Liebe umfassenden und heimführenden Gottkönigs. So schaut das letzte Buch der Heiligen Schrift der Christen, die „Offenbarung“, das erneuerte neue Jerusalem. Von den Gesängen, Liedern und Akklamationen der Apokalypse auf dieses Jerusalem sind viele Visionen der Väter, sind Hymnen der Kirche und manche Lieder der Christenheit bestimmt worden; immer lebt darin die Hoffnung fort, dass das alte Jerusalemeinmal das neue sein wird. Gelten diesem Jerusalem die Verheißungsworte Gottes, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde kommen werde, dass neue Schöpfung sein wird, so ist es damit zugleich der ihm anvertrauten Verheißung sicher. Denn auch hier gilt, dass die Untreue der Braut und alle Unehre, die man ihr antut, die Treue Gottes nimmermehr zunichte macht (Röm 3,2).

Das zugleich grundlegend erste und entscheidend letzte Wort eines Christen an Christen über Israel

Wie der ganze Römerbrief Gottes gerechtes Heilswalten darlegt, so zeigen die Kapitel 9–11 dieser neutestamentlichen Schrift, dass Gott, der sich selbst treu bleibt, damit auch seinem Verhältnis zu Israel und der ihm gegebenen Verheißung treu bleibt. Die Ausführungen dieses Abschnittes des Römerbriefes kommen mehr als andere aus dem liebenden Herzen des Apostels, der versichert, dass er um seine Brüder große Trauer trage und unaufhörlichen Kummer. Wünscht er doch, selbst „von Christus getrennt zu werden um seiner Brüder willen, die dem Fleische nach ihm stammverwandt sind“ (Röm 9,3).

Zugleich kommen die Ausführungen an dieser Stelle aus der Erkenntnis und Anerkenntnis der besonderen Vorzüge, die dem Volke Israel eigen sind. Und zwar eigen sind nicht auf Grund angeborener oder erworbener glückhafter Eigenarten, sondern einzig auf Grund der besonderen Wahl Gottes, die auch Paulus nicht aufheben kann und darf. Denn „sie sind Israeliten; ihnen gehört die Sohnschaft, Gottes Herrlichkeit, mit ihnen hat Gott die verschiedenen Bünde geschlossen, ihnen gelten seine Gesetzgebung, der Gottesdienst, die Verheißungen; ihnen gehören die Väter an, von denen Christus dem Fleische nachstammt“ (Röm 9,4). Anschließend werden Wahl und Walten Gottes, des bis zum Telos alles Vollendenden, sowie das allezeit und unbedingt geltende Recht göttlichen Heilratsschlusses an einzelnen Beispielen im geschichtlichen Heilsvollzug exemplifiziert (9,6–29). 

In diesem Zusammenhang wird weiter festgestellt, was unter diesem heilsgeschichtlichen Aspekt jener „Heilige Rest“ bedeutet, der, stellvertretend für ganz Israel, den Auftrag Gottes erfüllt, nämlich jenen Auftrag göttlicher Liebeswahl, dass Israel das seinem Herrn und König geweihte Volk bleibt (9,27–30). Soweit dieses Israel, verglichen mit den Heiden, die gar nicht auf das rechte Leben aus waren, aber nun doch das „Gerechtsein aus dem Glauben“ erlangten, „Schuld“ hat, besteht diese darin, dass es nicht immer und jeweils aus dem Glauben lebte zu der Gerechtigkeit hin, die Gott schafft, aber eigenes Wollen und Bestimmen, trotz allen Eifers für Gott, nicht herstellen kann. Man muss sich lebensmäßig, auf sein Heil hin, Gott unterwerfen, der den, den er anruft, zum Gehorsam ruft, und den, den er erwählt, restlos an fordert (9,30 bis 10,21).

Dieser Schuld werden auch die Christen erliegen, wenn sie ihr Heil anders erstreben, als in dem jeweiligen Leben aus dem Glauben. Sie haben keinen Grund, sich über Israel zu erheben, oder mit ihm zu rechten. Das ist die oft übersehene Mahnung, die allen paulinischen Aussagen im 11. Kapitel des Römerbriefes zugrunde liegt. Hier wird die These aufgestellt, und mit glühendem Herzen' verfochten: „Gott hat sein Volk, das er erwählt hat, nicht verstoßen.“ Im Gegenteil, gerade an Israel erweist sich, und zwar nicht nur für Israel selbst, sondern durch es wiederum stellvertretend auch für die Heiden, dass allein Gottes wunderbares und geheimnisvolles Heilswalten, das keine menschliche Kraft ergründen kann, maßgebend und richtungweisend ist. Sein hoheitsvolles Erbarmen allein erreicht sein Heilsziel auch für ganz Israel. Denn unwiderruflich sind Gottes Heilsplan, Gnadengeschenk und Anruf, seine Güte und seine Strenge.

In diesem Kapitel stehen Sätze, die jenen und jeden Heidenchristen verstummen machen, der den traurigen Mut aufbrächte, gegen seinen älteren Bruder Vorwürfe irgendwelcher Art zu erheben, dem allein er es gutzuschreiben hat, dass der Vater ihn, den Jüngeren, in Liebe aufgenommen. Denn hier sagt Paulus (mit messianisch eschatologischer Ausrichtung) von den Christen, die aus dem Heidentum kommen: Wie ihr einst Gott nicht gehorchet, aber Erbarmen gefunden habt, durch den Ungehorsam der Juden, so sind auch diese jetzt Gott ungehorsam (faktisch, nicht bösen Willens), während ihr Erbarmen gefunden, damit auch sie jetzt Erbarmung finden sollen (11,30). Und selbst dieser Ungehorsam ist ja als eine Teilverhärtung über Israel gekommen, bis dass die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Dann wird Israel sein Heil erlangen (11,26). Nur um euretwillen, so heißt es hier, sind sie im Hinblick auf das euch geschenkte Evangelium in ihrer Stellung zu dieser Heilsbotschaft, wovon ihr den Vorteil habt, Feinde, im Hinblick auf die Erwählung aber, nach Gottes ursprünglicher Absicht, sind sie um der Väter willen Gottes Lieblinge (11,28–29).

In der Betrachtung des Römerbriefes über Gottes wirksames und unwirksames Heilswalten – letzteres in dem Sinne, dass das erwählte Heilsvolk in seiner Glaubenslosigkeit dem Evangelium gegenüber nach Pauli Auffassung aus der Verbindung mit Gott herausgetreten ist – stellte sich der ersten Christenheit eine Frage, unter der sie gelitten hat. Paulus versucht ihrer Lösung im Briefe nach Rom näher zu kommen in Richtung seiner Überzeugung: „Gott hat alle, Heiden und Juden, in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarme“ (11,32). Sein und unser Trost in dem Leid um das Verhältnis von Israel und Kirche ist das geduldige Erbarmen, ist die große Liebe unseres Gottes zu uns allen. Es ist nur so, wie der Barnabasbrief meint, dass Gott Israel über alle Maßen geliebt hat (5,9), sondern dass er es, wie Paulus sagt, immer liebt, dass seine Liebe zu ihm nie aufhört.


FrRu V. Folge 1952/53, Nr. 19/20, Januar 1953, S. 3–6 1.


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