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Karl Thieme

7. Paulinismus und Judentum (Teil 1 und 2)

Wichtiger Hinweis - Archivmaterial: Die in dieser Beitragsreihe behandelte Literatur zum Thema "Paulus und das Judentum" entspricht dem dem Stand der damaligen theologischen Erkenntnisse (bis Mitte des 20. Jahrunderts).

Hier geht es zum 3. Teil der Reihe: Paulinismus und Judentum. Zur geschichtlichen Sendung Israels

Kein Mensch der bisherigen Geschichte dürfte solch eine enorme Spannung in seiner Person ausgetragen und versöhnend gemeistert haben wie Saul von Tarsus, der Heiden-Apostel Paulus. Er kam aus der Kerntruppe des Judentums, „Pharisäer, Sohn von Pharisäern“ (Apg 23,6; vgl. Phil 3,5); und er wurde zum Bahnbrecher der Heidenchristenheit, „den Gesetzlosen wie ein Gesetzloser“ (1 Kor 9,21), ohne doch die allerinnigste Verbundenheit mit seinem Volke zu verlieren, für das er sogar bereit gewesen war, die eigene Verbannung von Christus auf sich zu nehmen, sofern das jenem genützt hätte (Röm 9,3), und in dessen Dienst letzten Endes auch sein Heiden-Apostolat mitgestellt war (Röm. 11,13 ff.).

So versöhnte Paulus durch sich selbst Juden und Heiden, indem er aus beiden Lagern Befehdung auf sich nahm.  Ja, keimhaft versöhnte er schon im vorhinein auch die erst viel später bis zur Spaltung der Kirche offen ausbrechende Spannung zwischen dem katholischen Prinzip des Hierarchisch-Institutionellen und dem protestantischen Prinzip des Prophetisch-Ereignishaften, wie Jean-Louis Leuba nachwies (L’institution et l’événement, Neuchâtel 1950; vgl. freilich dazu die Vorbehalte in Herder-Korrespondenz IV, 1, Oktober 1951, S. 15 f.!). Indem nämlich der Spätberufene dem Apostelfürsten widerstand, als dieser „reprehensibilis erat“ (tadelnswert war in seinem Leben, nicht in seiner Lehre, Gal 2,11), tat er, der ‚Avantgardist’, Prophetendienst – gleich wie nach ihm etwa eine Katharina von Siena, ein Savonarola; da er sich aber bewusst war, dass sein ganzer Weg „in vacuum“, ins Leere gelaufen wäre, wenn er sich von der kirchlichen Gemeinschaft mit den gottberufenen Uraposteln getrennt hätte (Gal 2,2), anerkannte er andererseits auch die Hierarchie der Una Sancta Catholica in ihrer damaligen Form.

Eben weil Paulus derart große Spannungen umgriff, gehört er zu den meist missverstandenen, den am härtesten umstrittenen Gestalten der Geschichte. Und zwar in gewisser Hinsicht noch mehr als Jesus von Nazaret selbst, nicht nur weil Jesus unzweifelhaft kein so heftig zwischen Extremen hin und her pendelnder Charakter war, wie Pauli Briefe ihn deutlich genug verraten, sondern weil man sich Jesus leichter nach eigenem Geschmack umdeuten kann als Paulus, darum vor allem ist dieser heftiger umstritten.  Die Tatsache, dass Pauli Briefe die zeitlich frühesten und noch dazu die ersten nicht von Begleitern Jesu stammenden schriftlichen Zeugnisse Seiner Auferstehung und Messianität sind, fanden wir zum ersten Mal in ihrer enormen Bedeutung herausgearbeitet in dem bemerkenswerten Buche ,Das Bild von Jesus dem Christus im Neuen Testament’ von Romano Guardini (Würzburg 1936). In unserem Zusammenhang ist überdies zu beachten, dass in nachapostolischer Zeit ein Judenchristentum auftritt, das sich auf den ,Säulen-Apostel’ Jakobus, den Gerechten, zurückführt, die Gottheit Christi leugnet und den Paulus als Gesetzesfeind verfemt. Was liegt näher, als ihn für den Mann zu halten, der die angeblich von diesem Judenchristentum festgehaltene ‚Religion Jesu’ überhaupt erst in das Christentum – als gesetzesfreien Jesus-Kult – umgeschaffen habe, ihn „als den eigentlichen Urheber der christlichen Glaubenskonzeption“ anzusehen?

So tut es Martin Buber in seinen ,Zwei Glaubensweisen’ (Zürich 1950); so Franz Werfel in ‚Paulus und die Juden’ (1927); Josef Klausner in seiner großen Gesamtdarstellung: ‚Von Jesus zu Paulus’ (1939, übersetzt von F. Thieberger, Jerusalem 1950, The Jewish Publishing House, 575 Seiten). Außer diesen liegen ernstzunehmende neuere jüdische Auseinandersetzungen mit Paulus bzw. dem Paulinismus noch vor von Schalom Ben-Chorin (in G. L. B. Sloan und Schalom Ben-Chorin, Das christliche Verständnis des AT und der jüdische Einwand, Jerusalem 1941), Hans Joachim Schoeps, Friedrich Thieberger (im Vorwort zu seiner Klausner-Übersetzung) und – nicht zuletzt – von Schalom Asch in seinem großen Paulus-Roman ,Der Apostel’ (1944, deutsch 1946).

Christlicherseits stehen dem zwei Gesamtdarstellungen ähnlich neuen Datums gegenüber: ‚Paulus’ von Josef Holzner (Herder, Freiburg 1937, jetzt schon in 22. Auflage) und von Giuseppe Ricciotti, deutsch von Pfiffner (Thomas Morus Verlag, Basel 1950), von welchem auch ein ,Leben Jesu’ (ebenda 1952 schon in 2. Auflage nach der 9. italienischen) weite Verbreitung fand, überdies ebenfalls spezielle Auseinandersetzungen unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses Pauli zur Tradition seiner leiblichen und geistigen Väter: Joseph Bonsirven, Exégèse rabbinique et exégèse paulinienne (Paris 1939); W. D. Davies, Paul and Rabbinic Judaism (Society for promoting Christian knowledge, London 1948); eine hervorragende Studie von G. Schrenk über: Martin Bubers Beurteilung des Paulus in seiner Schrift ,Zwei Glaubensweisen’ (in ,Judaica’ 8, 1, 1952, S. 1–23) und das Paulus gewidmete Kapitel in James Parkes, Judaism and Christianity (London 1948, S. 71–111: Paul and the foundation of the Christian Church).

Wir meinen nicht, dass den Lesern gedient wäre, wenn wir über den Gedankengang all dieser Beiträge je für sich referierten; selbst bei äußerster Verkürzung wären Wiederholungen und Überschneidungen unvermeidlich. Vielmehr möchten wir nur einige von diesen Werken knapp charakterisieren, dann aber diese sozusagen als Gesamtheit befragen, was sie uns über das Verhältnis des Apostels zur jüdischen Überlieferung bezeugen: l. im Quellpunkt seiner Lehre; 2. mit Bezug auf das Gesetz; 3. mit Bezug auf die geschichtliche Sendung seines Volkes; 4. mit Bezug auf den Weg zur endlichen Wiedervereinigung der Weltvölker mit Israel.

An erster Stelle muss in diesem Zusammenhang ein Wort zu Josef Klausners Paulus-Buch gesagt werden. Es beruht auf umfassender Gelehrsamkeit und unbezweifelbarem Willen zu objektivem Urteil, leider auch auf totaler Unfähigkeit zu solchem. Den Willen beweist etwa das Lob des Philemon-Briefs, „worin sich die Herzensgüte des Paulus ... offenbart“ (S. 532) und des ‚Hohenlieds der Liebe’ (S. 516); die Unfähigkeit ergibt sich daraus, dass hier bewusst und ausdrücklich ein „Mensch mit moderner Weltanschauung“ (S. 587) diese zum Maßstab wählt für das, was historisch geschehen sein ,kann’ oder nicht ,kann’; etwa für „selbstverständlich“ erklärt, dass sich die Apostel Christi nicht freuten, „weil sie gewürdigt waren, um seines Namens willen erniedrigt worden zu sein“ (Apg 5,41), sondern: „darüber, dass sie mit Hieben davon kamen und nicht des Todes schuldig erklärt wurden ...“ (S. 271); sie, die Auferstehungszeugen, die nach Klausner „selbstverständlich nicht an eine Vision“ oder gar Offenbarung des Auferstandenen gegenüber Saul-Paulus vor Damaskus zu glauben bereit waren (S. 315; zur Erklärung von Apg 9,26 ff.). Hier ist Paulus also nicht, wie die Buchwerbung behauptet „vom jüdischen Standpunkt“ gewürdigt, wenn damit ein jüdischreligiöser Standpunkt gemeint sein soll; vielmehr leugnet Klausner ausdrücklich eine ‚Mission des Judentums’, die von der aller anderen Völker grundlegend verschieden wäre (S. 546), und schreibt Geschichte mit den Scheuklappen eines weltanschaulichen Liberalismus im Stil der letzten Jahrhundertwende.

Obwohl nun dessen Eierschalen auch Schalom Asch noch nicht sämtlich abgestreift hat, ist sein Paulus-Bild zum Unterschied von dem Klausners als das eines gläubigen jüdischen Menschen mit einem Höchstmaß von Bemühen um Verständnis des früh-christlichen Anliegens gelten zu lassen. Mag im Einzelnen auch hier viel anfechtbar, das Bild des Heidnischen oft etwas zu schwarz, das des Jüdischen manchmal zu weiß gezeichnet sein, im ganzen ist doch ein Werk herausgekommen, das vor allem einem breiteren Publikum wahrscheinlich besser als irgend ein andres verständlich zu machen vermag, wie die Ereignisse um Paulus sich im Bewusstsein seiner Zeitgenossen etwa gespiegelt haben mögen, soweit das überhaupt in der Sprache heutiger Menschen rekonstruierbar ist. Und vor allem dieses Porträt eines urjüdischen Paulus selbst dürfte das verhältnismäßig getreuste sein, das je bisher entworfen ward, auch wenn viele Einzelzüge der Korrektur bedürfen.

Zusammengenommen haben Klausners reiche hebraistische Gelehrsamkeit, Aschs geniales Einfühlungsvermögen, die vielfältig fruchtbaren Fragestellungen der anderen jüdischen Autoren und das ernsthafte Bemühen um Verständnis der rabbinischen Verwurzelung Pauli bei den christlichen Forschern zweifellos Voraussetzungen dafür geschaffen, das Verhältnis des Apostels zu der Tradition, aus der er kam, besser zu verstehen, als es bisher meist üblich war. Auf das Verhältnis des Paulus zu dieser Tradition hin also sollen die genannten literarischen Zeugen im Folgenden befragt werden.

I. Pauli Durchbruch zum Quellpunkt seiner Lehre

In einem für sein Selbstverständnis entscheidenden Text, zu Beginn des Briefes an die Galater (1,11 f.), erklärt Paulus, seine Botschaft sei „nicht von menschlicher Art; denn ich habe sie auch nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi“. Worin besteht nun diese Botschaft, dieses Evangelium, das dem Saul auf der Straße nach Damaskus von Christus selbst offenbart worden ist?

Asch versucht zu antworten, indem er zunächst den Verfolger unterwegs im Nachdenken auftreten lässt: „Und wer ist ,er’? Zum hundertsten Mal wiederholt Saul sich diese Frage. Wer ist er, den sie mit dem Namen ,Sohn Gottes’ gekrönt haben? Weder Abraham, noch David, noch Moses wurden Söhne Gottes genannt. Bisher ist es nur das jüdische Volk als ganzes gewesen, das man Sohn Gottes nannte. Es ist ein Gedanke, ein Ideal, die Thora, die Tochter des Himmels. Aber wie können sie diesen Namen auf einen Menschen, auf einen Einzelnen anwenden, der kein König war, der kein Salomo war, von welchem der Herr sprach: Du wirst sein ein Sohn für mich, und ich ein Vater zu dir  auf einen Menschen aus Fleisch und Blut, den Edom gemartert hat wie einen Sklaven, ihn ans Kreuz geschlagen hat – wie kann einer von einem solchen sagen, dass er Gottes Sohn sei? Wer ist er?

Und doch, vielleicht haben sie recht ... und vielleicht hat jener, eben weil er die höchste Erfüllung ist, die tiefste Erniedrigung auf sich genommen, hat sich totschlagen lassen wie ein Sklave, um damit die höchste Auserwählung zu rechtfertigen. Wenn dem so ist, was mache ich hier auf der Straße nach Damaskus?" (S. 169 f.).

Dass solche Fragestellung im Inneren des Gamaliel-Schülers möglich gewesen ist, wird durch Bubers Angaben über die Vorstellungskreise um den jesajanischen ,Gottesknecht’ und den danielischen ‚Menschensohn’ erwiesen. Auf solches Fragen aber gibt nun die Christus-Offenbarung die Antwort:

„Vor Sauls Antlitz steht ein Mann. Ein Mann, der Geist und Fleisch und Blut ist ... Ein Mensch, kein Engel, weiß gekleidet wie für den Sabbath. Sauls Denken ist selbst in „seinem augenblicklichen Zustand klar genug, dass er sich daran erinnert, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen. Daher kann der, der in Gestalt eines Menschen vor ihm steht, eine Erscheinung des Herrn sein ...

Er streckt Saul seine Hände entgegen, und seine Stimme ist die eines einfachen Menschen, der leidet, wie Saul so viele leiden gesehen: ,Saul, Saul, warum verfolgst du mich?’ In dieser Stimme hört Saul den Protest aller, die er gepeinigt hat. Im Gesicht des Mannes, im schmerzlichen Ausdruck seiner Lippen sieht er die Qual aller, denen er Leiden zugefügt hat. Die Leute, die um Saul herumstehen, hören ihn fragen; ,Wer bist du, Herr?’ Und Saul hört die Antwort: ,Ich bin Jeschua von Nazaret, den du verfolgst’.“ (S. 173 f. Auszeichnungen von uns.) Asch hat richtig herausgearbeitet, dass Saul den ihm Erscheinenden sofort als göttlichen Wesens agnosziert. (Er fragt nicht: Wer bist du, Rabbi?) Er lässt sich bestätigen, dass ,der Herr’ tatsächlich jener Gekreuzigte ist, den er, Saul, noch in den Seinen verfolgte.

Das entspricht genau dem Bericht des Lukas, wonach Saul schon wenige Tage später in den Synagogen von Damaskus zu verkünden begann, „dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Apg 9,20); das war’s, was er als Lästerrede verfolgt, das, was ihm Gott Selbst offenbart hatte. Alle weiteren Hauptthesen der paulinischen ‚gutenBotschaft’ müssen aus dieser Ureinsicht von Damaskus zwingend gefolgert verstanden werden, insbesondere auch die rechtfertigende (gerechtsprechende und gerechtmachende) Kraft des Sühneleidens Jesu: Wenn er göttlicher Natur war, dann verstand es sich wirklich von selbst, dass wir (statt durch Gesetzeseinhalten aus eigener Kraft) durch sein, Gottes Geheiß und Verheißung endlich ganz erfüllendes Sterben und Auferstehen „für“ uns, d.h. um unsertwillen, an unsrer Stelle und – ja nicht zu vergessen! –,vor’ uns her, uns zum unabdingbar nachzuahmenden Vor-Bild (Röm 6,4 ff.; Kol 1,24) potentiell vollkommen gerettet sind und aktuell gerettet werden können, indem wir das Vertrauen auf ihn in der Liebe auswirken (Gal 5,6); – das ist Pauli Evangelium, worin er sich von keinem Engel beirren lassen würde, weil er es von Gott Selbst hat (Gal 1,6 ff.).

Und das hat nun auch Franz Werfel in seinem sonst die Glaubhaftigkeit von Aschs Gemälde des zeitgenössischen Rabbinismus nicht erreichenden ‚Paulus unter den Juden’ im Kern richtig gesehen, wo er den angehenden Heiden-Apostel bei seinem ersten Jerusalem-Besuch nach der Damaskus-Vision mit seinem alten Lehrer Gamaliel konfrontiert. Schon ist dieser dafür gewonnen, das Urteil über Jesus als Justizmord öffentlich zu bezeugen, den Hingerichteten als heiligen Gesetzeslehrer und Propheten anzuerkennen („Judenchrist zu werden“, könnte man fast sagen), da bricht aus Paulus das Bekenntnis hervor, das letztlich die Gottheit Jesu aussagt: ,,Er hat mehr getan, o Herr, als das Gesetz erhellt! ... Ein fremdes Wesen hat unter uns geatmet. Nun ziehen wir seinen Hauch mit jedem Odem ein. Erkenne das Geheimnis! Aller Leib ist jetzt mit ihm atemvermischt ... mitten im Reiche Gottes leben wir und wissen’s nicht.“

Gamaliel erwidert: ,,... Nicht er und nicht ich können das Böse bannen, nur das Gesetz, das Geheimnisvolle, dem wir zum Leben dienen, die heilige Bindung der Menschen!“ Paulus: ,,Die Bindung ist morsch, Rabbanu! ...“ Gamaliel: „Das hat dieser Mensch Jesus nicht gesagt!“ Paulus: „Von einem Menschen spricht Rabbanu? ... Selber will ich fortgebannt sein von ihm, wenn du, Israels Held, jetzt, jetzt ihn erkennst. Ein Mensch? Hat jemals ein Mensch den Tod und die Verwesung gemeistert!? Ist jemals ein Mensch leibhaft auferstanden?! Das Licht, das mit mir sprach vor Damaskus, war’s ein Mensch? Hat ein Mensch mich von mir selbst erlöst!? Kann ein Mensch Gottes erneuernde Gnade spenden?! Nein, Rabbanu! Das ist kein Mensch! Er zog an die Menschheit wie ein Kleid, wie du und ich dies Sterbegewand (am Yom Kippur). ,,Er selbst, Messias, die leibgewordene Schekina, Gottes Sohn, der war, ehe die Welt ward!“

Auch die letzte Beschwörung des greisen Meisters: „Schaul! ... Vernichte mein Friedenswerk nicht! ... Dränge keinen fremden Geist zwischen Gott und Israels Freiheit! Um Israels Freiheit willen sag: Er war ein Mensch!" –, vermag den Schüler nicht irrezumachen: „Rabbanu! Beim lebendigen Gott flehe ich zu dir: Glaube! In dieser Stunde kann ich nicht lügen um Niemandes willen!“

Gewiss, nicht genau diese Worte könnte der geschichtliche Paulus gebraucht haben; aber im Wesentlichen die hier mit diesen Worten ausgedrückten Gedanken müssen es gewesen sein, die er im Gespräch mit den ehemaligen Lehrern und Mitschülern geäußert hat; meist wohl in Zitate aus alttestamentlichem, apokryphem und rabbinischem Traditionsgut eingekleidet. Etwa die Wendung: „Das Licht, das mit mir sprach vor Damaskus“, korrespondiert mit zahlreichen rabbinischen Zitaten, die Davies (p. 184 f.) für den Lichtcharakter der Erscheinung dessen beibringt, von dem der Apostel schreibt; „Der Herr ist der Geist“ (2 Kor. 3,17).

Von den christlichen Paulus-Biographen hat Holzner Vorbereitung und Auswirkung der Wende von Damaskus sehr ähnlich beschrieben wie Asch (6. Der Große Umschwung; 8. Der einsame Ringer) und hat auch – gegen Ricciotti und andere, die den Saulus noch völlig selbstsicher nach Damaskus reisen lassen – treffend betont: „Der ,Stachel’, gegen den sich der Verfolger wehrt, kann nicht die himmlische Erscheinung gewesen sein. Denn in jenem Augenblick war sein Widerstand schon zusammengebrochen.“ Stachel war vor allem die Frage nach dem leidenden Messias; eben dessen Erscheinen als Erhöhter gibt die für den Paulinismus grundlegende Gewissheit: Er ist der Herr und Sünderheiland (Jehoschua; vgl. Mt 1,21); das ist das Evangelium.

II. Pauli Dialektik des Gesetzes

1. „Das Gesetz“ als heilsame Wegweisung von Gott aus (Röm 7,22; 10,5) ist in der Person und Lehre Jesu Christi vollendet (Röm 10,4) und dank ihm in der Liebes-Nachfolge auf seinem Kreuzweg befolgbar (Röm 8,4; 13,8.10).

2. „Das Gesetz“ als der Triebhaftigkeit des gefallenen Menschen entgegenstehendes, ja sie zum Widerspruch herausforderndes, „Du sollst nicht!“ (Röm 7,7), als „Gesetz der Gebote in (Form von) Satzungen“ ist „außer Kraft gesetzt“ (Eph 2,15), soweit immer Christen im Mitsterben mit Christus der ungeordneten Triebhaftigkeit ihres ,alten Adam’ abgestorben und zum neuen Leben einer Christförmigkeit erstanden sind, die keiner ‚Gebote in Satzungen’ bedarf, weil sie zur freudigen Jesus-Nachfolge befreit ist (Röm 6,6–11; 7,4–6).

3. „Das Gesetz“ als Inbegriff unserer Erkenntnis allen sittlich relevanten Tuns und Unterlassens des Menschen, als von Gott Selbst sanktionierter Moralkodex, ist durch die Autorität Jesu Christi und seiner Apostel in seinem tiefsten Sinngehalt erhellt und bestätigt (Röm 3,31; 13,9 f.; l Kor7,19).

4. „Das Gesetz“ als Sammlung von Ritual-Vorschriften, deren Einhaltung die Zugehörigkeit zum erlösungsgewissen Gottes-Volk verbürgt, als Zeremonialgesetz, ist in seinem verborgenen Sinn von Jesus Christus vollkommen erfüllt worden (Kol 2,16 f.; 1 Kor 5,7) und braucht von niemandem mehr um des Heiles willen buchstäblich eingehalten zu werden (Gal 6,15), – höchstens von den einmal als Juden Gottberufenen (1 Kor 7,18; Gal 5,3) um ihrer Brüder willen (Apg 16,3; 1 Kor 9,20), weil es einschlussweise in der Christus-Nachfolge miterfüllt wird (Kol 1,24; 2,11); – „bis dass es alles geschehen sein wird“ (Mt 5,18).

In diesen vier Sätzen scheint uns Pauli Lehre über den bei ihm ungewöhnlich prägnanten, vieldeutigen Begriff des Gesetzes vorweg unterscheidend formuliert werden zu müssen, wenn so viel Klarheit wie möglich über diese Lehre und ihr Verhältnis zur jüdischen Überlieferung geschaffen werden soll. (Wo es erhellend scheint, deuten wir im Folgenden durch die Ziffern 1. 2. 3.  oder 4. hinter ‚Gesetz’ an, in welcher oder welchen seiner möglichen Bedeutungen uns das Wort jeweils primär gebraucht scheint.)

Wenn etwa der jüdische Begriff der ‚Gesetzes-Freude’ dem – nur „christlichen“? – vom „Gesetz als Fluch“ gegenübergestellt wird (Ben-Chorin, S. 46),so muss im letzteren das Gesetz (2.) als Gebot, im ersteren das Gesetz (1.) als Weisung gemeint erkannt werden; über dieses aber kann sich auch der Christ freuen, wie es etwa Péguy (am Ende der ,Note conjointe ...’) ausgesprochen hat, Karl Barth auf seine Weise nicht minder deutlich (in Dogmatik III, 4), vor allem aber schon Paulus (Röm 7,22: condelector legi).

Und andererseits vermag nun ein jüdischer Denker wie der Klausner-Übersetzer Thieberger (S. 9 f.) als ,,Frage des Paulus ... noch vollständig in die jüdische Haltung einbeziehbar“ (aus Röm 7,21) zu entwickeln: „Aus gutem Willen kann Böses, aus Bösem Gutes kommen. Wir sind unzulänglich in unserm Tun. Nicht nur, dass wir die uns auferlegte Ordnung in ihrer Ganzheit nicht einhalten können, wir sind nicht imstande, auch das Geringste vollkommen zutun ... Darum fragt Paulus: Wer hilft uns in unserer Unzulänglichkeit und Preisgabe? Zum erstenmal ist hier die Tragik des menschlichen Willens in ihrer ganzen grauenhaften Tiefe aufgedeckt. „Die Tragik des Willens nicht nur gegenüber einem auferlegten Gebot (2.), sogar gegenüber einem von ihm voll anerkannten – und doch ohne Gnade („etwas Zusätzliches von Gott“, umschreibt Thieberger) niemals im vollen Sinn erfüllbaren Gesetz (1. 3.). Minder subtil, aber vielleicht sogar exegetisch genauer Römer 7 umschreibend, lässt Werfel den Paulus zu Gamaliel klagen: „Sieh, nicht lang bin ich ein Kind der Sorglosigkeit gewesen. Denn früh schon schärften sie mir die Thora ein. Da war die Welt erfüllt von flammenden Gesetzesengeln, die alle Wege belagerten. Und all ihre Schwerter loderten gegen mich, tausend und abertausend! Ich peitschte meinen Leib, das Gesetz zu erfüllen! Aber wehe, was vermag dieses fiebernd traumgierige Fleisch aus Adams Vermächtnis! Nichts, nichts! Ich fastete, schlief nicht, schrie zu Gott in den Nächten! Aber die Verbote lockten, die Sünde wuchs ... So hing täglich mein Todesurteil über mir. Welcher Mensch vermöchte sein Todesurteil zu lieben!? Die Thora erlöste mich nicht, sie verfluchte mich nur, zu wissen, dass ich sündige. Und wie mich, so Israel!“

Verwandte klagend-anklagende Worte – zu Gott selbst gesprochen – zitiert Buber (S. 149) aus der sog, Esra-Apokalypse (3,20 ff.) „Du nahmst das böse Herz nicht von ihnen, dass deine Weisung in ihnen Frucht brächte ... dauerndes Siechtum entstand: im Herzen des Volkes die Weisung zusammen mit der Wurzel des Bösen“ ... aus dem „Korn bösen Samens“ gewachsen, das „im Anfang in Adams Herz ausgesät wurde“; in diesen Vorstellungskreis, der in jener Apokalypse um 69 seinen literarischen Niederschlag gefunden habe, sei Saulus 30–40 Jahre früher hineingeraten. Auch hier also kann man Klausners in seiner Loyalität und seinem sachlichen Gewicht kaum hoch genug einzuschätzendes Geständnis bestätigt finden: „Eine gründliche Forschung während vieler Jahrzehnte“ habe ihn „zu der festen Überzeugung“ geführt, „dass es in der Lehre des Paulus ... nichts gibt, das nicht aus dem ursprünglichen Judentum abzuleiten wäre“ (S. 434), dass „das Fundament jeder einzelnen paulinischen Anschauung im Judentum gegeben“ sei (S. 448). Dass dann aber „zumindest der Oberbau“ über diesem Fundament mehr oder minder unbewusst „heidnischen Einfluss“ aufweise, wird von Klausner selbst relativiert, indem er fortfährt, was so ‚heidnisch’ erscheint, sei „auch dadurch bestimmt, dass Paulus eine gemeinsame Sprache mit den hellenisierten Juden zu finden suchte“.

Angesichts dieser gewichtigen jüdischen Zeugnisse muss es doch als erhebliche Überbetonung an sich richtiger Befunde beurteilt werden, wenn Schoeps schlechthin „die Resonanzlosigkeit Pauli unter den Juden“ behauptet, weil dessen „Theologie des Gesetzes ... schon im Ansatz alles falsch verstanden“ bzw. „ein völliges Zerrbild vom jüdischen Gesetz“ gezeichnet habe, „das in ihm nicht mehr die Heiligkeitssatzung der Israelberith“ (des Gottes-Bundes mit dem Gottesvolke) „sieht, sondern auf ethische Gerechtwerdung und rituelle Leistung reduziert worden ist“.

So gewiss nämlich Schoeps mit seinen Kronzeugen (u. a. M. Weber und M. Buber) darin Recht hat, als einheitliche, aber im Bewusstsein Pauli nur noch ganz selten (Röm 9,4!) zu Tage tretende Quelle des zweiten Gegensatzpaares in seinem Gesetzes-Begriff (3. 4.)dessen Charakter als: die „Verfassung des Israelbundes, die von Gott verliehene Konstitutionsakte“ (a. a. O. S. 306), zu betonen, so wenig vermag doch dieser genuine ,Bündnis-Vertrags-Charakter’ der „Gebote in Form von Satzungen“ (2.) das Leiden an der faktischen Nichterfüllung dieser Gebote für den gewissenhaften Menschen (Juden oder Nichtjuden) zu lindern.

Wenn nach Schoeps selbst „das Gesetz ... als Erweis der Erwählungsgnade Gottes dem Menschen, der es hält, Heiligung erwirkt“ (S. 306, Auszeichnung von uns), wie ja Paulus bestätigt (Röm 10,5), dann erwirkt es eben darum Verdammnis dem, der es nicht hält. Wenn Schoeps behauptet: Die „paulinische Folgerung“, dass eben darum und insofern „das Gesetz“ (2.!) „ein Gesetz zum Tode sei, ... kann kein Jude nachvollziehen“ (AfZ., S. 226; Auszeichnung der auch bei Klausner aus allen Verlegenheiten helfenden Formel von uns), so müsste hinzugesetzt werden: kein Jude, der sich gefühlsmäßig auf die Heiligkeit der Vokabel ,Thora’ so festgelegt hat, dass er sie in keinem Falle mit einem Gesetzesbegriff zu verbinden vermag, für den er jene Folgerung als streng vernunftgemäße anstandslos zugeben müsste, wie sie nicht nur Werfel zugibt (unter offensichtlicher menschlicher Respektierung von ‚Gamaliels’ abweichendem Standpunkt), sondern auch Thieberger sie als bewusster Jude ganz ausdrücklich für innerjüdisch haltbar erklärt (unter gewiss nicht zufälliger Ersetzung der Vokabel ‚Gesetz’ durch die bei solcher Kritik minder anstößige Vokabel „auferlegte Ordnung“).

Auch das Gegeneinanderausspielen Jesu, der das Gesetz für erfüllbar, und Pauli, der das Gesetz für unerfüllbar halte, bei Buber (S. 53 f.) und bei Schoeps (AfZ S. 213 ff.; mehr implizit) ändert hieran nichts. Gewiss werden wir dankbar Schoeps’ (weitverbreitetem Missverständnis widerstreitenden) Nachweis entgegennehmen, dass Jesus das Gesetz auch dem Buchstabensinne nach eingehalten hat (a. a. O. S. 212 ff.); dasselbe gilt jedoch auch für Paulus, wie Davies – im Sinne von 1 Kor 9,20; Apg 16,3; 18,18; 21,26 – nachweist (S. 69, 74; sehr zum Ärger W. G. Kümmels, der diesen Nachweis in ,Judaica’ 7, 4 S. 301 allzu bequem abtun zu können wähnt). Aber was verschlägt schon die Feststellung, dass beide das Zeremonialgesetz (4.) im wesentlichen einhielten, wo es um die Erfüllbarkeit des Moralgesetzes (3.) in seinem tiefsten Sinne der Verpflichtung zu gottebenbildhafter Mit-Menschlichkeit geht? (Mt 5,48; entsprechend Lev 19,2!)

Hier nun ist Schoeps (a. a. O. S. 213 f.) völlig darin zuzustimmen, dass Jesu Bergpredigt nicht „durch Verschärfung des Gesetzes seine Unerfüllbarkeit dartun“, dass sie umgekehrt deutlich machen wollte: „Wenn das Reich kommt, wird mit diesem Aeon auch das jüdische Gesetz ‚aufhören’: übertreten zu werden!“ Aber genau dasselbe gilt abermals auch für Pauli: „Wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt“ (Röm 13,8; vgl. Gal 5,14 eben so bewusst perfektisch: ist erfüllt worden“!) Mit vollem Recht macht darum Schrenk (Judaica 8, 1 S. 10 f.) gegenüber Bubers Auseinanderreißen Jesu und Pauli geltend, dass des Letzteren Konstatierung der faktischen Nichterfüllung des Gesetzes (3.) in diesem Aeon der gefallenen Menschheit ganz genau mit Jesu Hinweis auf das Erfülltwerden erst mit dem in seiner Person (verborgen) herbeigekommenen Gotteskönigtum harmoniert.

Dass Jesus autoritativ vor allem das Versagen der Gesetzeslehrer für die Nichterfüllung verantwortlich macht (Mt 5,20 f.; 31.33.38; 15,3 ff.; 19,8; 23,4.13.15.23.26.), der Apostel in standesgemäßer Bescheidenheit letzten Endes sich selbst (Röm 7,14 ff.), dann Adams Fall (Röm 5.12 ff.) – und die blinden Blindenführer (Röm 2,19; vgl. Mt 15,14) durchaus nur als ,judaistische’ Abart der Sünder neben der nicht minder unentschuldbaren ,paganistischen’ (Röm 1,18 ff.; 2,1 ff.), das ergibt wahrlich keinen Widerspruch, sondern ein sinngemäßes Ergänzungsverhältnis zwischen Meister und Jünger.

Bubers Formel für die von ihm als jüdisch, von Schoeps gar als ‚Superlativ’ gesetzestreu anerkannte Forderung Jesu: „Erfüllung des göttlichen Gebots ist gültig, wenn sie der vollen Offenbarungsintention gemäß und in der vollen Glaubensintention geschieht – wobei aber der Begriff der Glaubensintention einen eschatologischen Charakter annimmt“ (S. 54), diese Formel trifft auch das Wesen der paulinischen Lehre vom Gesetz (1. 3.) ohne Abstrich.

Was aber hat es dann mit dem Außerkraftgesetztsein (Eph 2,15) bzw. Außerkrafttreten (Röm 7,6) des Gesetzes bei Paulus für eine Bewandtnis? Man darf sich die Antwort hierauf nicht zu leicht machen, indem man hier ausschließlich das Zeremonialgesetz gemeint sehen will, wie es etwa seit Justinus Martyr (Dialog 23,3 ff,; 92,5 ff.) üblich wurde. Gewiss, praktisch kam es am Ende darauf heraus, dass die Kirche nur die alttestamentliche Moral, nicht das Rituell des Alten Bundes beibehielt.

Pauli ursprüngliches Anliegen aber war zunächst ein ganz anderes und viel weitergehendes. Er, der das Zeremonialgesetz einhielt und ,das Gesetz’ (1. 3.) in der Liebesnachfolge Jesu Christi zu erfüllen gewiss war, konnte auch schreiben: „Jetzt aber sind wir ledig gelassen vom Gesetz“ (bzw. ist es außer Kraft getreten für uns), weil wir als diesem Aeon Abgestorbene den für ihn gegebenen Vorschriften nicht mehr unterstehen; „von den rabbinischen Denkvoraussetzungen aus ... eine einleuchtende  Schlussfolgerung“,  schreibt Schoeps (a. a. O. S. 224); und hier ist zweifellos nicht bloß an das Zeremonialgesetz, sondern an das Gesamt-Gesetz als Gebot (2.) gedacht. Denn davon kann sich Paulus genau so befreit fühlen („wir“!), wie er die neugetauften Heiden solchem Gebot gar nicht erst unterstellt sah, – weil es dem erneuerten Gottesvolke des neuen Gottes-Bundes „ins Herz geschrieben“ ist, wie durch Jeremia von Gott Selbst verheißen worden war (Jer 31,33 f.; vgl 2 Kor 6,16; Hebr 8,10 f.; 10,16 ff.).

Auch hiermit wandelt der Heiden-Apostel auf Bahnen, die seine jüdischen Lehrer ihm gewiesen haben: „Speziell im rabbinischen Schrifttum verbreitete Meinung ist, dass in der Messiaszeit zusammen mit dem bösen Trieb die alte Thora aufgehoben wird, Gott aber durch den Messias eine neue Thora geben werde“ (Schoeps a. a. O.). In diesem und nur in diesem Sinne also schaffte Paulus „das Gesetz ausdrücklich ab, und zwar für die Juden“ (Asch, durchaus verstehend, S. 531), dass er es als Gebot (3.), dessen unleugbares Aufgegebensein die Sünde und so die Erlösungsbedürftigkeit hervorgetrieben hatte (Gal 3,23 ff.) und als Ritualvorschrift (4., deren Befolgung die Erlösungsgewissheit – wenn auch noch schattenhaft: Kol 2,17; Hebr 10,1 – verbürgte) für seit dem Gekommensein des Messias in Jesu Person nicht mehr heilserheblich erklärte (Gal 3,25; 4,4 ff.).

Diese Folgerung: Weil der Messias kam, verpflichtet die Thora nicht mehr, ist „ein für jüdisch-theologisches Denken ganz exakter Urteilsschluss“, schreibt Schoeps (S. 225), um freilich anschließend ganz richtig darauf hinzuweisen, dass deren Prämisse: Das Gekommensein des Messias, von den Rabbinen nicht geteilt werde. Wie auch Ben-Chorin durchaus treffend auf den Quellpunkt gerade der Auffassung Pauli von Gesetz und Evangelium zurückverweist, indem er schreibt: „Nicht im Lehrhaus, nicht beim Studium der Schrift, nicht in den Worten der Thora begegnet er Christus zuerst, sondern in der Vision ... Also nicht das Christus-Zeugnis des Alten Testaments hat Saulus in Paulus verwandelt, sondern das Selbstzeugnis Christi“ (S. 47) in Verbindung – ergänzen wir im Sinne Aschs – mit dem Leidenszeugnis der Verfolgten für den Auferstandenen, das dem Verfolger den Stachel in die Seele getrieben haben dürfte, auf den der Sich Offenbarende anspielt.

Sollte nicht von diesen Erwägungen aus noch anderen jüdischen Autoren neben Asch eine verständnisvollere Würdigung Pauli möglich sein, als es bisher bei ihnen zumeist üblich war? – Und sollte nicht andererseits bei der Christenheit eine erhöhte Achtung für das Festhalten am Gesetz bei jenen entstehen, denen wir unser Auferstehungszeugnis in der Zwischenzeit nicht überzeugender vorlebten und denen als Volk die Stunde noch bevorsteht, wo sich der gekreuzigte Jesus Christus ihnen wie einst dem Saulus vom Himmel her offenbaren wird, wie geschrieben steht? (Vgl. Zach 12,10; Joh 19,17; Offb 1,7).

*

Von der Außerkraftsetzung des in Gebotform auferlegten Moral- und Ritualgesetzes (2., 3., 4.), das soweit es als Heils-Werkzeug von Gott gegeben gewesen war, nur indirekt – durch Verschärfung des Sündigkeitsbewusstseins und zeremoniale Vorbildung von ,Schatten des Künftigen’ (Kol 2,17) – als solches hatte wirken können und das nun in das neue den Herzen eingesenkte „Gesetz Christi“ (Gal 6,2; vgl. 1 Kor 9,21), in die An-Weisung (1.) zur Liebesnachfolge Jesu von Nazareth, empor geläutert ist, muss bei Paulus das von ihm selbst praktizierte und allen Judenchristen eindeutig empfohlene Einhalten eben jenes Gesetzes aus inner-israelitischer Liebessolidarität sauber unterschieden werden.

Seine Briefe (1 Kor 7,18; Gal 5,3; Phil 3,4 f.) sprechen hier eine genau so unzweideutige Sprache wie seine von Lukas in der Apostelgeschichte überlieferten Äußerungen vor zuständigen Amtsträgern: „Weder gegen das Gesetz der Juden noch gegen den Tempel ... habe ich etwas verbrochen“ (vor dem Gericht des Festus Apg 25,8; vgl. 28,17); „ich bin Pharisäer ...“ (vor dem Rat Apg 23,6; vgl. 26,5); vollends gehört die anstandslose Bereitschaft in diesen Zusammenhang, durch die Tat jene Verdächtigung zu widerlegen, die Jakobus, dem Gerechten, über ihn zugetragen worden ist, ,,du lehrest alle Juden, die unter den Heiden sind, den Abfall von Mose, indem du sagest, sie sollten ihre Kinder nicht beschneiden und nicht nach den Bräuchen wandeln“ (Apg 21,21; vgl. 18,18 und vollends die Beschneidung sogar des bloßen Halbjuden Timotheus Apg 16,3).

Bei den jüdischen Autoren, deren Meinung über Paulus wir untersuchten, ist diese Seite der Sache nur bei Schalom Asch klar erkannt. Etwa, wenn er den Apostel zu dem gerade in dieser Frage bedenklich gewordenen Barnabas (vgl. Gal 2,13; wohl auch Hintergrund des Konfliktes Apg 15,39!) sagen lässt: „Ich bin nicht gekommen, um Zwietracht zu säen unter meinen Brüdern, sondern um Frieden zu stiften, nicht zu entzweien, sondern zu vereinigen und alle Schranken zu beseitigen. Habe ich jemals, Gott behüte, gepredigt, dass die Juden von der Beschneidung lassen sollen? Verlange ich von ihnen, dass sie tun sollen wie die Söhne der Reichen zu Jerusalem, die alles mögliche machen, um nackend in die Arena treten zu können, ohne dass jemand an ihnen die Spuren der Beschneidung bemerkt? Ich sage, wer beschnitten ist, möge beschnitten bleiben. Wenn jedoch die äußerliche Beschneidung das einzige Tor wird, durch das man ins Himmelreich eingehen kann, wenn man nur durch die Beschneidung des Fleisches ein Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs werden kann; dann, sage ich, ist alle unsere Mühe vergebens. Denn wenn man nur durch die Thora gerecht werden kann, dann ist der Messias vergeblich gestorben“ (S. 478).

Wenn man diese klaren und einsichtsvollen Worte aus der Feder des jüdischen Romandichters gelesen hat, fällt es einem freilich schwer, für die ausweichende oder sogar grob verfälschende Behandlung dieses Aspektes Pauli bei den jüdischen Gelehrten Verständnis aufzubringen.  Am leichtesten unter ihnen macht es sich Klausner, der schon auf dem Wege nach Damaskus den Saul darüber nachdenken lässt, ob man nicht durch Abschaffung des Zeremonialgesetzes ,,zumindest wenn es sich um Nichtjuden handelt“, den Proselytenzustrom vermehren könne (S. 304 f.) und für den dann anderseits die ,,Kompromissbereitschaft“ des Heiden-Apostels auch gegenüber den beschnittenen Christen (S. 469) auf die Maxime zurückgeht: ,,Der gute Zweck heiligte auch in seinen Augen die Mittel, falls sie nicht gar zu schlecht waren ...“ (S. 470), ohne dass vor der verfälschenden Simplifikation zurückgeschreckt würde, mit der dieser Gelehrte Jakobus und seine Anhänger darüber alarmiert sein lässt, „dass jemand der Jesus nicht näher kannte ... nun auftritt und Gesetze und Gebote, insbesondere das der Beschneidung, abschafft“! (S. 468).

Aber wird diese Tatsachenblindheit des Juden Klausner nicht womöglich noch übertroffen durch die des Christen W. G. Kümmel, der in seiner Rezension von Davies’ ausdrücklichem und im ganzen unanfechtbaren Nachweis der persönlichen Thora-Treue Pauli (vgl. Steinmann zu Apg 16, 3; 21,18 ff.)zu erklären fertig bringt, dieser biete ,,zweifellos ein wirkliches Zerrbild des Apostels. Denn hier wird behauptet, dass Paulus auch als Christ wie ein Pharisäer gelebt habe, nur so habe er im Judentum Zugang finden können ...“ (Judaica 7,4 S. 301).

Nun, diese ‚Behauptung’ entspricht im wesentlichen dem Textbefund, wie er nicht nur von uns, sondern von der außer durch Davies auch durch Parkes (a. a. O. S. 84, 101 und 107) bezeugten communis opinio selbst unter den protestantischen angelsächsischen Forschern verstanden wird, welche mangels Konsequenzmacherei unbefangen lesen, was wirklich dasteht – während die Gelehrten deutscher Zunge sich hier bis ins katholische Lager hinein von den Vorurteilen eines reformatorisch bestimmten Hyper-Paulinismus haben irreführen lassen. (Etwa P. Bläser, wo er auf S. 226 f. seines in anderer Hinsicht – bes. zu Röm 10,4 auf S. 177 f. – sehr lehrreichen Buches, Das Gesetz bei Paulus, Münster i. W. 1941, die Frage der persönlichen Thoratreue Pauli in seiner eigenen Lebensführung allzu flüchtig streift.)

Es dürfte kein Zufall sein, dass von den beiden katholischen Paulus-Biographen der Deutsche Holzner entschieden weniger Verständnis für Pauli konsequentes Pharisäertum aufbringt (S. 141 Timotheus’ Beschneidung „reine Opportunitätsfrage“, S. 244 und vor allem S. 345 zu Apg 18,1 und 21,20 ff.) als der unbefangenere Italiener Ricciotti (§§ 373, 448, 539 f., woselbst freilich dem Apostel auch völlig grundloser Weise Hemmungen beim Annehmen von Jakobus’ Vorschlag Apg 21,23 ff. angedichtet werden).

Da wir aber den heiligen Apostel Paulus unter keinen Umständen für den abgefeimten Heuchler halten können, der er gewesen wäre, wenn er nur zur Vorspiegelung falscher Tatsachen der feierlichen, amtlichen Aufforderung Jakobus’ des Gerechten nachgekommen wäre, durch die Tat zu bezeugen, „dass du“ (nicht nur keine anderen Juden vom Gesetz abspenstig machst, sondern) „auch selber in Beobachtung des Gesetzes wandelst“ (Apg 21,24), müssen wir vorbehaltlos anerkennen und auch unserseits unterweisend bezeugen, dass Paulus solchermaßen als Jude gelebt hat, wie es übrigens auch der Talmud zu bestätigen scheint (Strack–Billerbeck II, S. 753 f.).

Was wir uns dann mit Davies (S. 73 f.) etwa wie folgt erklären mögen: „Es ist anzunehmen, dass Paulus genau wusste: Sobald er einmal die Thora zu beobachten aufgehört hätte, würde das Judentum ihm seine Tore verschließen“; (wie später etwa dem berühmten apostatischen Schriftgelehrten Elisa ben Abuja, exemplifiziert D.!) „er mochte Theorien über die Thora vortragen, die für seine jüdischen Glaubensbrüder apostatisch klangen, mochte sogar Jesus als Messias anerkennen und doch noch ihre Achtung genießen; aber sobald er bewusst das Praktizieren des Gesetzes preisgäbe, würde er für immer den Anspruch verscherzt haben, von den anderen Rabbis ernsthaft angehört zu werden! Kurz: Die Beobachtung des Gesetzes war Pauli jüdischer Pass ...“ Hätte er sie eingestellt, „so wäre dies das Ende seiner Aussichten bei Juden und Heiden gewesen; denn wenig gilt auch bei Fremdgruppen ein ,Outcast’ der eigenen“.

Das ist eine durchaus einleuchtende, nüchtern realistische Erklärung für Pauli – durch die bloße Tischgemeinschaft mit Heiden (Gal 2,11 ff.; vgl. Apg 10,15.28; 11,2 ff.!) wahrlich noch nicht substantiell preisgegebenen – thoratreuen Wandel; man darf nur nicht vergessen, dass hinter dieser realen Notwendigkeit ein Jude zu sein, die viel tiefere ideelle Verpflichtung für des Apostels liebeglühendes Herz stand, ein Jude sein zu wollen und auch so bemüht zu bleiben, „ob ich nicht mein eigenes Fleisch und Blut zu heilsamer Eifersucht anreizen und so einige von ihnen zum Heile führen möchte“ (Röm 11,14). So sehr er also seine „eigene Gerechtigkeit aus dem Gesetze“ (3.4.) im Vergleich mit der aus dem Glauben „einen Dreck wert hält“ (Phil 3,8 f.), so treu praktiziert er doch dieses Gesetz und so warm empfiehlt er auch den geborenen Heiden in Rom, mit ihrem eigenen Wandel auf die praktizierenden Judenchristen Rücksicht zu nehmen, um der Liebe willen (Röm 14,13 ff.), – die des ganzen Gesetzes Erfüllung ist (Röm 13,10).


FrRu V. Folge 1952/1953, Nr. 17/18, August 1952, S. 20–25  (Fortsetzung folgt in Nr. 19/20.)


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