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Gertrud Luckner
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Martin Buber

Der Riss. Eine Auslegung des 14. (13.) Psalms

Um wenigstens eine kleine Probe von der ungemein tiefen Bibel-Auslegung Martin Bubers zu geben, die an anderer Stelle dieses Rundbriefs (S. 25) gewürdigt wird, entnehmen wir seinem neuen Buche ‚Recht und Unrecht. Zur Deutung einiger Psalmen’ den folgenden Text.

Des Chormeisters, von David

Der Schändliche spricht in seinem Herzen: „Da gibts keinen Gott!“ Verderbt, greulich ward ihre Sitte, keiner ist mehr, der Gutes tut. Vom Himmel nieder lugt ER auf die Menschenkinder, zu sehn, ob ein Begreifender west, ein nach Gott Fragender.

Alles ist abgewichen, angefault sind sie mitsammen, keiner ist mehr, der Gutes tut, auch kein einziger mehr!

Haben sie’s nicht erkannt, die Harmwirker alle, die verzehren mein Volk: sie verzehren ein Brot, drüber IHN man nicht anrufen kann!

Dort, sie schrecken zusammen im Schreck, denn Gott ist im bewährten Geschlecht: „Den Ratschlag des Gebeugtenwolltet ihr beschämen?!“ Ja, ER ist seine Burg.

Wer gibt vom Zion her Befreiung Israels! Wann kehren lässt ER Wiederkehr seinem Volk, wird Jakob jauchzen, wird sich Israel freuen.

Wenn man diesen Psalm flüchtig liest, dann kommt er einem (abgesehen von einzelnen unsicheren Stellen) einfach genug vor. Der Sprecher – so meint man – redet von Israel und den Völkern. Die Völker sind „schändlich“ und gottlos, ihre Sitte ist „verderbt“ und „gräulich“, unter ihnen ist, wie Mal um Mal wiederholt wird, kein einziger, der Gutes tut, keiner mehr begreift, was Gott vom Menschen will, keiner fragt nach Gott und seinem Walten, alle sind sie von ihrer ursprünglichen, in der Schöpfung gewollten Menschlichkeit „abgefallen“, ihre Gesamtheit ist, wie verdorbene Milch, „zersetzt“.

Im Gegensatz dazu wird anscheinend das Volk Israel, das von der Gemeinschaft dieser Missetäter „gebeugt und „verzehrt“ wird, als ein „bewährtes Geschlecht“ bezeichnet, dessen Zuflucht Gott ist und das er von den anderen „befreien“ und in seiner einstigen Herrlichkeit wieder-herstellen wird. Es gibt der Juden nicht wenige, die diesen Psalm so verstanden, als eine in ihrer krassen Verallgemeinerung zwar ungerechte, doch aber wahrheitshaltige Schilderung der historischen Menschenwelt und des Platzes empfinden, den das jüdische Volk in ihr einnahm und einnimmt. Nichts ist, zumal in unserem Zeitalter, verständlicher, nichts ist verkehrter.

Nirgends in den Psalmen noch in der Schrift überhaupt ist, wenn ein so allgemeiner Ausdruck gebraucht wird wie hier: „der Schändliche“, der Heide zum Unterschied vom „Juden“ gemeint; nirgends deutet die Bezeichnung „die Menschenkinder“ auf die fremden Völker im Gegensatz zu Israel hin, stets sind es eben die Menschen, von denen die Rede ist, die Menschen in der Welt schlechthin oder auch die Menschen in dem Ländchen, das die Heimat der biblischen Sprecher ist. Es gehört trotz allem eine erbärmliche Selbstgerechtigkeit dazu, das große Bild von Gott, der vom Himmel zur Erde niederschaut und nach einem einzigen Menschen auslugt, der nach ihm fragt, so zu verstehen, dass der Herr von all seinen Juden hochbefriedigt sei und unter ihnen gar keine Musterung zu halten brauche, wogegen die Völker nur eben die dunkle Folie zu solch einem Strahlenglanz ergäben. Es nutzt da auch nichts, das Bekenntnis zu Gott als das unterscheidende Merkmal herauszugreifen. Alle wesentlichen biblischen Sprecher sind, wie Jeremia, zu „Prüfern“ eingesetzt, die das pathetische Lippenbekenntnis daraufhin untersuchen, in welchem Maße es in die Wirklichkeit des persönlichen Lebens eingeht, und keiner von ihnen hätte vermocht, einem gottvoll schwätzenden und gottlos lebenden Juden einen Vorzug vor einem es umgekehrt haltenden zuzubilligen.

Aber, so wird alsbald eingewendet werden, der Psalmist bezichtigt die Missetäter doch eben ausdrücklich dessen, dass sie sein Volk verzehren; also stehen sie außerhalb dieses Volkes. So ist es; aber was er sein Volk nennt, ist nur ein Teil des Volkes, das den Namen Israel führt – jener Teil nämlich, der die zugleich Bewährten und Gebeugten umfasst; den anderen Teil aber, die Schändlichen, Abgefallenen, welche die Bewährten beugen, zählt er nicht mehr zu seinem Volk. So hat sich hier die prophetische, auf die kommenden Dinge gerichtete Konzeption des heiligen Restes, der das wahre Volk ist, mitten in der Betrachtung der Gegenwart verdichtet.

Aber auch der Blick auf die anderen, die „Zersetzten“, ist ein prophetischer: so, als eine Ganzheit, hat derselbe Jesaja, der den heiligen Rest als solchen wahrnahm, den großen der Verderbnis verfallenen Teil Israels gesehen. Für ihn freilich waren sie „dieses Volk“, und der Rest war eben der „Rest“, für den Psalmisten ist das bewährte Geschlecht das eigentliche Volk, Gottes Volk, und die anderen sind eben die anderen, aber im Verhältnis sind ihrer so viele, dass sie ihm als „alle“ erscheinen. Abfall der Verderbten bedeutet Zerfall Israels. Was seinem äußeren Aspekt nach als einige Nation erscheint, ist in Wahrheit entzwei gerissen, aber von den zweien ist nur eins noch wahrhaft Volk zu nennen, ein lebender Organismus, das andere ist nichts weiter als ein zersetztes Zellengewebe, faulende Volkssubstanz.

Der Psalmist beschreibt das entzwei gerissene Israel. Da sind die Presser und da sind die Gepressten, da die Hochfahrenden und da die Demütigen. Jene sprechen in ihren Herzen: „Da gibt’s keinen Gott!“ Sie sagen es nicht laut, es dringt von den Herzen nicht zu den Lippen, mit den Lippen bekennen sie ihn. Doch auch im Herzen wollen sie damit nicht die Existenz Gottes bestreiten: warum sollte nicht ein Gott sein, wenn er sich nur nicht darum kümmert, was auf Erden die Menschen treiben! Aber die Wahrheit ist, dass Gott ausschaut, was seine Geschöpfe aus sich machen. Er sieht, wie Menschen Menschen „verzehren“; und das ist (so kann man am ehesten den schwierigen uns vorliegenden Text des 4. Verses verstehen) nicht, wie das „Brot Gottes“ genannte Tieropfer, eine Speise, über der man den Namen Gottes anrufen darf. Der Psalmist schaut in prophetischer Vision das Kommende: wieder stürzen sich die Abgefallenen auf ihre Beute, da aber schrecken sie zusammen; in einem Schreck, dessengleichen – wie es in der längeren Lesart des 53. Psalms heißt – es nie gegeben hat: drüben, mitten unter denen, die sie der Willkür preisgegeben wähnten, erscheint die Gegenwart Gottes, eben des Gottes, von dem sie wähnten, er bleibe dem Menschentreiben fern, der aber in Wahrheit die Zuflucht der Gebeugten ist, und sein Spruch donnert ihnen entgegen.

An diese Stelle knüpft der prophetische Psalmist sein messianisches Gebet und seine messianische Verheißung. Israels Befreiung und sein Heil kann nur „von Zion her“ kommen, und es gibt keinen Sinn, dieses „von Zion her“ topographisch zu verstehen: das Zion der im Lande Israel erfüllten Gerechtigkeit muss gemeint sein. Für den nun wahrhaft zum Volke Gottes gewordenen „Rest“ naht die große Wende.

Ein später Psalmendeuter wie ich kommt nicht, wie der Psalmist, mit einer schlichten Zweiteilung Israels zurecht, ebenso wenig wie er mit einer solchen Zweiteilung der Menschenwelt zurechtkäme. Er sieht den Riss zwischen dem vergewaltigenden und dem vergewaltigten, den Riss zwischen dem gottgetreuen und dem abtrünnigen Element nicht bloß quer durch jedes Volk, sondern auch quer durch jede Gruppe im Volk, ja quer durch jede Seele gehen. Nur noch in den großen Krisenzeiten wird die heimliche Zerrissenheit eines Volkes offenbar.


Aus: Martin Buber, Recht und Unrecht. Zur Deutung einiger Psalmen. Hrsg. von Hans-Urs von Balthasar. Klosterberg-Basel 1952. Benno Schwabe & Co

FrRu Folge 4 Nr. 16–1951/52  3.



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