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Herbert Haag

Das Verhältnis Jesu Christi und Seiner Apostel zur Heiligen Schrift des Alten Bundes

Das Thema, das mir gestellt wurde: Das Verhältnis Jesu Christi und seiner Apostel zur Heiligen Schrift des Alten Bundes, ist so groß, dass es schwer ist, in einer kurzen Darlegung darüber das Wesentliche zu sagen. Um dies doch in etwa tun zu können, werden wir uns streng an das Thema zu halten haben. Damit verwandte Fragen stehen also nicht zur Diskussion, wie: Das Verhältnis Jesu und seiner Apostel zum Volke Israel, oder: zur Heilsveranstaltung des Alten Bundes, sondern nur zur Heiligen Schrift des Alten Bundes, obwohl natürlich alle diese Fragen zusammenhängen und nicht vollständig voneinander getrennt werden können.

Die Quelle für unsere Untersuchung ist ohne Weiteres gegeben: Es ist die Heilige Schrift des Neuen Bundes. Sie ist für uns Christen das Wort Gottes, und ihre Aussagen gelten uns daher als göttlich verbürgte Zeugnisse. Aber auch wenn jemand sie nur als historische Informationsquelle betrachten wollte, so müsste er sie als ein glaubwürdiges Zeugnis über die Denkweise Jesu und der jugendlichen christlichen Kirche werten.

Es ist Ihnen allen bekannt, dass sich im Neuen Testament 270–350 Zitate aus dem Alten Testament finden; die Zahl ist nicht eindeutig, weil bei manchen Stellen nicht mit Sicherheit entschieden werden kann, ob der Schriftsteller ein eigentliches Zitat oder eine freie Anspielung auf ein Wort des Alten Testamentes geben wollte. Diese große Zahl ist nicht verwunderlich. Denn nicht nur Jesus und die Apostel kamen – als Söhne Israels – vom Alten Testament her, sondern auch ihre Hörer – bei Jesus ausschließlich, bei den Aposteln großenteils; die Heilige Schrift des Alten Bundes war die große Kraft, die die Seele Israels formte und auf sie einen unvergleichlich tieferen Einfluss ausübte als etwa die griechische Philosophie auf die griechische Seele. Ja wir dürfen sagen, dass kein Volk des Altertums so allseitig und vollständig unter dem Einfluss eines Buches stand, wie das Volk Israel unter dem Einfluss des Alten Testaments: alle Stände: die Reichen wie die Armen, die Gebildeten wie die Ungebildeten; und in allen Bezirken des Lebens: den geistigen wie den praktischen.

So sieht sich denn Jesus einer Hörerschaft gegenüber, die in Begriffen und Vorstellungen des Alten Testaments denkt, und er kann sich in seiner Predigt diese Begriffe und Vorstellungen zueigen machen, ohne sie eigens zu erklären; er redet vom „Himmelreich“, vom „Menschensohn“ (Verbindung von Dan 7,13 f. und Jes 53), von den Sanftmütigen, die das „Land“ besitzen werden. Die ganze Sprache Jesu ist eine Sprache, die seinen Hörern vom Alten Testament her vertraut war und die sie darum auch befähigte, die religiösen Wahrheiten, die er in seine Worte kleidete, geistig aufzunehmen.

Niemand konnte z. B. seine Allegorie über den guten Hirten hören, der sein Leben für seine Schafe gibt (Joh 10), ohne an die Invektiven Ezechiels gegen die schlechten Hirten und den dort als neuen David verheißenen guten Hirten zu denken (Ez 34). Oder wenn Jesus dem Petrus gebietet, 77 Mal zu verzeihen (Mt 18,22), so erkannte wohl jedermann die Anspielung auf das rohe Lied Lamechs, der mit 77-facher Rache drohte (Gen 4,24). Auch den Aposteln fließen fortwährend Worte, Wendungen, Bilder und Geschehnisse des Alten Testaments in den Mund. Denken wir z. B., mit welcher Behendigkeit Paulus in den Kap. 9–11 des Römerbriefes die alttestamentlichen Texte handhabt, wobei er sie teils in typologischer Auslegung, teils in Akkomodation gebraucht.

Der göttliche Ursprung der Heiligen Schrift des Alten Bundes steht für Jesus wie für seine Hörer in gleicher Weise absolut fest. Nie kommt darüber eine Diskussion auf, auch nicht mit seinen erbittertsten Gegnern. Und wenn Stephanus und Paulus bemerken (Apg 7,53; Gal 3,19), das Gesetz sei von Gott durch Vermittlung von Engeln gegeben worden, so geben sie damit eine allgemeine Überzeugung des zeitgenössischen Judentums wieder. Das Alte Testament war für die Israeliten der allseitige Ausdruck des göttlichen Willens; sie kannten keinen Unterschied zwischen Naturrecht und positivem Recht, denn auch das Naturrecht war in ihrem Heiligen Buche expressis verbis umschrieben: du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen. Darum beruft sich Christus, um diese Forderungen zu erhärten, auf den Wortlaut der Schrift: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht töten“; „ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen“ (Mt 5,21.27).  

Noch klarer tritt diese Anschauung bei Paulus zutage. Er sagt im Römerbrief (2,14), dass die Heiden aus natürlichem Antrieb das vom Gesetz Gebotene tun, das Gesetz sei ihnen ins Herz geschrieben. Nun erfüllen aber die Heiden aus natürlichem Antrieb höchstens die Forderungen des Naturrechtes. Wenn also Paulus sagt, die Heiden erfüllten aus natürlichem Antrieb das vom Gesetz Gebotene, so wertet er das Gesetz in erster Linie als positive Manifestation des Naturrechtes. Und infolgedessen kann er den Fall annehmen, dass „ein Unbeschnittener die Forderungen des Gesetzes hält“ und dass ihm dann das Unbeschnittensein gerade so hoch angerechnet wird wie das Beschnittensein (V. 26).

Als Wort Gottes, Ausdruck des göttlichen Willens, beansprucht daher die Heilige Schrift des Alten Bundes absolute Gültigkeit und Anerkennung. Christus ist sich bewusst, dass ein Argument aus der Schrift nicht abgewiesen werden kann (vgl. Joh 10,35: „die Schrift kann nicht außer Kraft gesetzt werden“), und darum wendet er diese Strategie auch an im Kampfe mit seinem furchtbarsten Feind: dem Satan. Bei der dreifachen Versuchung (Mt 4) hält er ihm dreimal ein Wort aus der Schrift entgegen:

„Es steht geschrieben: Nicht vom Brote allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“;      

„du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“;      

„den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“.

Und es ist interessant zu sehen, wie der Satan im Verlaufe des Kampfes auf diese Strategie mit dem Worte Gottes eingeht und Christus mit den gleichen Waffen zu schlagen versucht:

„Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich da hinab; es steht ja geschrieben: Seinen Engeln wird er für dich Weisung geben, und sie werden dich auf ihren Händen tragen, dass du deinen Fuß an keinen Stein anstoßest“.1    

Für Jesus Christus sind die Lehren und Beispiele der alttestamentlichen Schriften normativ für das sittliche Leben seiner selbst und seiner Jünger. Als die Pharisäer sie wegen des Ährenpflückens am Sabbat des Sabbatbruches beschuldigen, rechtfertigt er ihr Tun durch Berufung auf die Schrift:

„Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und seine Begleiter hungerte, wie er hinging in das Haus Gottes und die Schaubrote aß, die weder er noch seine Begleiter essen durften, sondern allein die Priester? Oder habt ihr nicht im Gesetzbuche gelesen, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen, ohne deshalb in Schuld zu sein?“ (Mt 12,3–6).

Und als Jesus in göttlichem Zorn die Händler aus dem Tempel treibt, da beruft er sich für sein Vorgehen wiederum auf die Schrift:

Es steht geschrieben: Mein Haus soll Gebetshaus heißen, ihr aber macht es zu einer Räuberhöhle“ (Mt 21,13).  

Christus wertet die durch das Alte Testament geforderte Moral sehr hoch und die Treue zu ihr als entscheidend über die Ewigkeit. Das Sittengesetz des Alten Testaments ist nach Christus grundsätzlich verpflichtend, auch wenn diejenigen, die es vortragen, unwürdig sind:

„Auf den Stuhl des Moses haben sie sich gesetzt, die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Nun denn – alles, was sie euch sagen, tut und haltet euch daran – aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun!“ (Mt 23,2 f.).  

Gesetz und Propheten, d. h. die Erfüllung der sittlichen Forderungen des Alten Testaments, bestehen nach Jesus darin, den Mitmenschen alles zu tun, wovon wir möchten, dass sie es uns tun (Mt 7,12). Als er vom reichen Jüngling gefragt wird, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erhalten, gibt er ihm zur Antwort:

„Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Der Jüngling kann kaum glauben, dass damit alles erledigt sei, er hat von Jesus etwas Besonderes erwartet, und fragt darum: „Welche Gebote?“ Aber Jesus bleibt dabei und zählt ihm die bekannten Gebote des Dekalogs auf:

„Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Und der Jüngling darf bekennen, dass dies nicht nur in Theorie, sondern auch in der Praxis für ihn altbekannte Wahrheiten sind: „Meister, dies alles habe ich von meiner Jugend auf beobachtet“ (Mk 10,20).2  

Ganz besonders ist es das schon im Alten Testament ausgesprochene Gebot der Liebe, in dem sich das ganze Sittengesetz erfüllt. „Meister, was für ein Gebot im Gesetze ist das größte?" fragt einer von den Schriftgelehrten. Und Jesus antwortet ihm:      

Der Apostel Paulus ist hier der getreue Herold seines Meisters, wenn er im Römerbrief schreibt:

„Bleibet niemandem etwas schuldig – nur eines (schuldet ihr immer): einander zu lieben. Denn wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt. Wenn es heißt: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und was es sonst noch an Geboten gibt, so ist alles in diesem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“ (13,8–10).

Wir Christen sind selber immer wieder ein bisschen überrascht darüber, dass sich der Meister und seine Apostel für das Liebesgebot auf die Heilige Schrift des Alten Bundes berufen und dass wir dort tatsächlich dieses Liebesgebot Wort für Wort schon ausgesprochen finden. Denn auf der anderen Seite gilt doch das Gebot der Liebe als etwas spezifisch Christliches. Und Christus sagt ja auch: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet." (Joh 13,34)3  

Es liegt hier augenscheinlich ein Widerspruch vor; aber nur augenscheinlich. Denn es ist so, dass gewisse im Alten Testament ausgesprochene Gebote noch nicht in ihrem vollen Sinn erkannt worden waren, Christus aber will sie nun in ihrem vollen Sinn und bis in ihre letzten Konsequenzen erfüllt wissen. Dass diese Gebote im Alten Bund und namentlich durch die Zeitgenossen Jesu unvollkommen verstanden wurden, hat verschiedene Ursachen. Einmal die oft einseitige Auslegung durch damalige jüdische Lehrer. Darum stellt Christus in der Bergpredigt nicht sein Gebot dem Gebot des Alten Testaments gegenüber, sondern seine Auslegung des alttestamentlichen Gebotes der Auslegung der zeitgenössischen Lehrer. Dies scheint schon aus dem Zusammenhang hervorzugehen:

„Ich sage euch, wenn es um eure Gerechtigkeit nicht viel besser bestellt ist als um die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht töten, wer aber tötet, soll dem Gerichte verfallen sein. Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder zürnt, soll dem Gerichte verfallen sein“ (Mt 5,20–22).  

Ähnlich zu den folgenden Geboten. Am deutlichsten wird diese Spitze gegen irreführende menschliche Auslegung beim Gebot der Liebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“, wo der zweite Teil des Satzes „Du sollst deinen Feind hassen“ nicht aus der Schrift des Alten Bundes, sondern aus der mündlichen Interpretation stammt (5,43).  

Weil diese menschliche Auslegung gelegentlich das Gebot Gottes entstellt, ja geradezu seines Sinnes beraubt, kann Jesus dagegen furchtbar harte Worte gebrauchen, wie Mt 15,1 ff., wo er den Pharisäern und Schriftgelehrten vorhält: „Ihr habt das Wort Gottes außer Kraft gesetzt um eurer Überlieferung willen.“

Es kommt aber ein Zweites dazu, warum dem israelitischen Volke noch das volle Verständnis für diese Gebote, vor allem für das Gebot der Liebe fehlen musste. Es war ein aus allen übrigen Völkern ausgesondertes Volk, und seine religiösen wie politischen Erfahrungen hatten es im Laufe der Jahrhunderte zu einer immer stärkeren Abschließung von der großen Umwelt gezwungen. So kam es, dass das Gebot der Nächstenliebe Lev 19,18 nur vom Mitisraeliten verstanden wurde, zumal der dortige Kontext auch zeigt, dass mit dem Nächsten ein Israelit gemeint ist und sich die ausdrückliche Forderung, auch den Fremden zu lieben „wie sich selbst“ (Lev 19,34) durch Umdeutung dieses „fremden Gastes“ zum Vollproselyten scheinbar aus der Welt schaffen lässt. Und schließlich hatte der alttestamentliche Mensch das Beispiel Jesu noch nicht. Das Gebot der Liebe wird erst durch das Beispiel Jesu voll verständlich. Darum kann Jesus sagen: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet“, denn er fügt erklärend hinzu: „Wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34 f.). „Eine größere Liebe hat niemand, als wer für seine Freunde sein Leben hingibt“ (Joh 15,13). Das ist das Neue, das Christus dem alttestamentlichen Gebot der Liebe hinzufügt: die Art und Weise, wie er es erfüllt!  

Jetzt verstehen wir das Wort Jesu: „Glaubt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, aufzuheben, sondern zu erfüllen. Wahrlich, ich sage euch: eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass nur der kleinste Buchstabe, ja nur ein Tüpflein vom Gesetze vergehe, bis alles vollendet ist“ (Mt 5,17 f.). „Erfüllen“ ist das Wort, in das Jesus die Aufgabe des Gesetzes (d. h. der Heiligen Schrift des Alten Bundes) und Seine Aufgabe am Gesetz zusammenfasst. Die Schrift müsse erfüllt werden heißt nicht nur, es müsse eintreffen, was darin vorhergesagt ist; die Schrift müsse erfüllt werden heißt vielmehr: sie müsse zu ihrem vollen Sinn gebracht werden; die Weltordnung, die durch sie erst begonnen und noch unfertig ist, müsse vollendet, müsse volle Wirklichkeit werden. Dies gilt nicht nur von der sittlichen Ordnung, sondern auch und vor allem von der Gnadenordnung, vom Heilswerk des Erlösers. „Ziel und Ende des Gesetzes ist Christus“, sagt Paulus (Röm 10,4).  

Wenn Paulus daher auch behauptet, dass die Heiden aus natürlichem Antrieb das vom Gesetz Gebotene tun, weil ihnen das Gesetz im Herzen geschrieben steht (Röm 2,14 f.), so will er damit die Heiden in keiner Weise auf die gleiche Stufe stellen mit den Juden. Die Juden, sagt er, haben vor den Heiden viel voraus, vor allem: ihnen wurden die logia tou theou anvertraut (Röm 3,2). Die Logia Gottes: ein Ausdruck, der schwer zu übersetzen ist; „Worte Gottes“ sagt zuwenig; am ehesten könnten wir wohl sagen: die Offenbarungen Gottes, im Sinne von „Gebote und Verheißungen“ Gottes (Karrer, NT). D. h. den Juden wurden die Schriften anvertraut, deren ganzer Daseinsgrund und deren ganzes Ziel Christus ist, und durch dieses von Gott ihnen anvertraute Depositum wird dem Volke der Juden unter allen anderen Völkern eine besondere Sendung zuteil.

Aus dieser Zielsetzung auf Christus hin, die dem Gesetze eigen ist, leitet Paulus die Würde und die Hinfälligkeit des Gesetzes zugleich her (vgl. Röm 3,31). Die Würde, weil das Gesetz selber schon Heilstat Gottes ist, selber schon beginnende Erlösung; die Hinfälligkeit, weil das „Gesetz nichts zur Vollendung gebracht hat“ (Hebr 7,19), weil es seinem Wesen nach unvollendet ist, seinem Wesen nach auf etwas Zukünftiges hinweist. Darum muss auch das, was im Gesetze rein vorbereitenden Charakter hatte, nach eingetroffener Erfüllung wegfallen. Wir wissen, welch leidenschaftlichen Kampf Paulus dafür geführt hat, dass durch den Tod Christi Beschneidung und mosaisches Gesetz nicht mehr verpflichtend seien. Das ist das große Thema des Galaterbriefes, wo Paulus ausruft: Würden wir oder gar ein Engel vom Himmel euch eine andere Heilsbotschaft verkünden, als wir sie euch verkündet haben: verflucht sei er!“ (1,8). „Eine andere Heilsbotschaft“, d. h. eine, nach der die Erlösung nur für den wirksam wäre, der Beschneidung und Gesetz auf sich nimmt (vgl. 2,15–21).

Die gleiche Erkenntnis ist in Petrus, dem Haupt des Apostelkollegiums, aufgebrochen, nachdem er die Erscheinung von den unreinen Tieren gesehen hat, und ins Haus des Heiden eintretend spricht er: „Ihr wisst, für einen Juden bedeutet es einen Verstoß gegen das Gesetz, sich mit jemand aus fremdem Stamme einzulassen und ihn zu besuchen. Aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen darf“ (Apg 10,28), d. h. dass die levitischen Reinheitsvorschriften hinfällig geworden sind. – Wegen dieser dem Gesetze wesentlichen Unvollkommenheit kann Paulus sogar von einer gewissen Tragik des Gesetzes sprechen, weil das Gesetz klare Forderungen stellte, ohne die Gnade zu ihrer Erfüllung zu vermitteln, und daher die Sünde in der Welt vergrößerte (Röm 5,20).4  Diese Gnade wurde durch Jesus Christus gebracht, und daher die Antithese „Gesetz : Gnade“, die wir im Neuen Testament (bei Paulus und Johannes) finden und die der Evangelist Johannes im Prolog seines Evangeliums in die klassische Formel gekleidet hat: „Das Gesetz ward durch Moses gegeben, die Gnade und die Wahrheit aber kam durch Jesus Christus“ (Joh 1,17).  

Weil Jesus Christus die Heilige Schrift des Alten Bundes auf sich bezieht, fühlt er sich ihr im ganzen Ablauf seines irdischen Lebens verpflichtet, von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Weil er in der Schrift als Nachkomme Davids angekündigt ist, will er in Bethlehem, der Heimat Davids, geboren werden (vgl. Mt 2,5 f.); und bei seiner Gefangennahme, wie er in sein Leiden geht, erklärt er: „Dies ist alles so gekommen, damit sich die Schriften der Propheten erfüllen“ (Mt 26,56). Wohl könnte er zu seiner Verteidigung zwölf Legionen Engel herbeirufen, „aber wie würde dann die Schrift in Erfüllung gehen, wonach es so kommen muss?“ (ebd. V. 54). Des öfteren bemerken die Evangelisten, dass Jesus dieses und jenes tat oder dass dieses und jenes geschah, damit die Schrift erfüllt werde, bis zum letzten Essigtrunk am Kreuz, der ihm gereicht wurde, „damit die Schrift sich erfülle bis zum letzten“, wie der Evangelist Johannes sagt (hina teleiôthê hê graphê: 19,28). Und sowie dies geschehen ist, kann er sprechen: tetelestai „Es ist vollendet“ (Joh 19.30).  

So steht Christus an der Wende des alttestamentlichen Gesetzes. Er beobachtet es einerseits, als Ausdruck des göttlichen Willens für sein Volk. Er lässt sich beschneiden, am vierzigsten Tage im Tempel opfern, hält sich an die Fest- und Speiseordnung des mosaischen Gesetzes, so dass Paulus von ihm sagt: „Als die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, von der Frau geboren und dem Gesetze untertan“ (Gal 4,4). Aber er fügt sogleich hinzu: „Sollte er doch alle, die unter der Gesetzesherrschaft standen, loskaufen, damit wir die Kindschaft Gottes empfingen“ (V. 5): Gerade durch sein unter dem Gesetze stehendes Erdenleben hob er das Gesetz über sich selbst hinaus, indem er die Heilsordnung herbeiführte, die das Ziel des ganzen Gesetzes gewesen war. Christus war sich voll bewusst und ließ auch seine Zuhörer nicht im Unklaren darüber, dass sich in ihm die Schriften erfüllten. Wir kennen alle die denkwürdige Szene in der Synagoge von Nazareth. Er hat sich zum Vorlesen gemeldet. Man reicht ihm die Rolle des Propheten Jesaja. Er öffnet sie, wie aufs Geratewohl, und stößt auf die Stelle:

„Der Geist des Herrn ist über mir, denn er hat mich gesalbt und mich gesandt, den Armen Frohbotschaft zu bringen, Befreiung zu künden den Gefangenen, den Blinden neues Augenlicht, Geschundene in Freiheit zu entlassen, auszurufen ein Gnadenjahr des Herrn.“  

Der Evangelist berichtet: „Da rollte er das Buch zusammen, gab es dem Diener zurück und setzte sich, während aller Augen in der Synagoge gespannt auf ihn gerichtet waren. So hub er an, zu ihnen zu sprechen: Heute ist dieses Schriftwort, wie ihr es gehört habt, zur Erfüllung gekommen“ (Lk 4,16–21). In den johanneischen Streitreden brandmarkt es Christus als Widersinn, an die Schrift des Alten Bundes zu glauben, aber nicht an ihn:

„Ihr durchforscht die Schrift, weil ihr darin ewiges Leben zu finden meint – dabei zeugt sie doch von mir“ (5,39).      

„Meinet nicht, ich wolle euch beim Vater verklagen! Einer ist es, der euch anklagt: Moses, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Würdet ihr nämlich Moses glauben, so würdet ihr auch mir glauben: über mich hat er ja geschrieben!“ (5,45 f.).  

Aus der Schrift belegt Jesus gegenüber seinen Gegnern seine Sendung:

„Habt ihr nie in der Schrift gelesen:      Der Stein, den die Bauleute verwarfen,gerade er ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn wird dies vollbracht, und wunderbar ist es in unseren Augen.“  

Er wendet damit ein Wort auf sich an, das in  Ps 118,22 vom Volke Israel gesagt ist, und gibt damit zu erkennen, dass er die Erfüllung Israels ist (Mt 21,42; vgl. Apg 4,11) und dieses der werdende Christus. Ebenso beruft er sich auf die Schrift des Alten Bundes, um seine göttliche Würde darzutun. Wie die Pharisäer ihm auf seine Frage die Antwort geben, der Messias müsse Davids Sohn sein, hält er ihnen entgegen: „Wie könnte ihn denn David im Geiste seinen Herrn nennen, da er sagt:      

Es sprach der Herr zu meinem Herrn: setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde dir zu Füßen lege.

Wenn ihn also David seinen Herrn nennt, wie kann er dann sein Sohn sein?“ (Mt 22,41–45). – Dass Jesus das Gesetz ablöst und an seine Stelle tritt, erklärt er auch, wenn er sich als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet (Joh 14,6), denn diese drei Ruhmestitel: Weg, Wahrheit und Leben zu sein, waren im Alten Bunde dem Gesetze beigelegt worden (Ps 119,1.35.37; vgl. Karrer). Und wenn er sich als den wahren Weinstock bezeichnet (Joh 15,1), so ist die Anspielung auf Sir 24,17 offenkundig, wo die Weisheit des alten Gesetzes ein fruchtbarer Weinstock genannt wird (Karrer).  

Die Apostel bekennen, dass es ihnen erst nach dem Tode Christi richtig zum Bewusstsein kam, wie sich in ihm die Schrift erfüllt habe (vgl. Joh 20,9). Dann aber ist Christus als Erfüllung der Schrift das große Thema ihrer Predigt. Matthäus beginnt sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu, den er bis auf Abraham zurückführt, und macht so aus seinem Evangelium ein sêpher thôledôth, ein „Buch der Zeugungen“, wie das Geschichtswerk des Alten Testaments ein großes sêpher thôledôth ist, um zu zeigen, dass diese Zeugungsreihe an ihrem Endziel angekommen ist. Und darin, dass Jesus Kafarnaum am See zum Mittelpunkt seines gnadenvollen Wirkens machte, sieht er das Wort des Propheten Jesaja erfüllt:

„Land Zabulon und Land Nephtali, Land am See und im Osten des Jordan, Galiläa der Heiden: Das Volk, das in Finsternis saß,sieht nun ein großes Leuchten; die im Schattenland des Todes saßen, denen ist aufgegangen ein Licht“ (Mt 4,12 ff.).  

Sogleich, wie die Apostel nach der Herabkunft des Heiligen Geistes am Pfingstfeste ihre Predigt von Christus beginnen, berufen sie sich auf die Erfüllung der Propheten. So erklärt Petrus: „Die Propheten insgesamt, von Samuel an und den folgenden, haben diese Zeit vorausgesagt“, und er begründet daraus, dass das Heil zuerst den Juden angeboten werde, weil sie die Kinder der Propheten seien (Apg 3,24 f.). Ebenso sagt er im Hause des Cornelius von Christus: „Ihm geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43).  

Paulus beginnt daher seine Heilspredigt an allen Orten, wohin er auf seinen Reisen kommt, stets in der Synagoge, wo er an die Heilige Schrift des Alten Bundes anknüpfen kann (Apg 13,5.14; 14,1 „in gewohnter Weise“; 17,2 „nach seiner Gewohnheit“; vgl. 18,4.19; 19,8), und wie er als Gefangener nach Rom kommt, bittet er zuerst die Häupter der Juden zu sich (Apg 28,17). Die Jünger haben daher auch gar keine Hemmungen, noch immer den Tempel zu besuchen (Apg 2,46; 3,1), denn sie kennen keinen Riss zwischen Altem und Neuem Bund. Der Evangelist Philippus legt dem äthiopischen Kämmerer die Schrift des Propheten Jesaja aus und bereitet ihn so auf die Taufe vor (Apg 8,26 ff.). Die Urkirche bezieht in ihrem Beten Ps 2 auf Christus:      

„Warum toben die Heiden und sinnen Eitles die Völker? Es erheben sich die Könige der Erde,es tun sich zusammen die Großen gegen den Herrn und seinen Gesalbten (Apg 4,52 f.).  

Ja, die Apostel sehen so sehr im ganzen Alten Testament Christus, dass sie auch Stellen aus dem Alten Testament auf ihn beziehen, die nicht eigentlich von ihm gesagt waren, so wenn Petrus aus Ps 16,10 „Du wirst mich nicht im Totenreiche lassen und deinen Heiligen nicht schauen lassen die Verwesung“ für die Auferstehung Christi von den Toten argumentiert (Apg 2,24 ff.; ebenso Paulus Apg 13,35). Für das messianische Verständnis der alttestamentlichen Schriften durch die Urkirche und ihre Auswertung ist eine Feststellung, die die neuere Forschung gemacht hat, besonders bedeutsam: dass Lukas beim Verfassen der Apostelgeschichte eine alttestamentliche messianische Zitatensammlung zur Verfügung gehabt haben muss.  

Der eindringlichste Zeuge für die Erfüllung der alttestamentlichen Schriften in Jesus Christus ist wiederum Paulus sowohl in seiner mündlichen Predigt wie in seinen Schriften. In der Synagoge von Antiochia in Pisidien rekapituliert er die Geschichte Israels bis zum Erscheinen Jesu Christi, von dem er sagt: „Die Bewohner Jerusalems und die Führenden haben ihn verkannt und mit ihrem Richterspruch die Worte der Propheten erfüllt“ (Apg 13,27). Über die Predigt des Paulus in Thessalonich schreibt Lukas: „Er erschloss ihnen die Schrift und führte daraus den Nachweis, dass der Messias leiden und von den Toten auferstehen musste: So ist denn dieser Jesus, den ich euch verkünde, der Messias“ (17,3). Den Römerbrief beginnt Paulus mit den Worten: „Paulus, ausgesondert für Gottes Heilsbotschaft, die er im voraus durch seine Propheten in den Heiligen Schriften verheißen hat: (nämlich) von seinem Sohne Jesus Christus“ (Röm 1,1 f.).  

In seinen Darlegungen über die wahre Rechtfertigung schreibt er: „Jetzt ist die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, die vom Gesetz und den Propheten bezeugt wird: jene Gerechtigkeit Gottes, die durch den Glauben an Jesus Christus kommt (Röm 3,21 f.). In diesem Sinne dienen die prophetischen Schriften auch jetzt noch zur Verkündigung Christi: Paulus nennt die Botschaft von Jesus Christus die „Offenbarung des Geheimnisses, das durch Weltzeiten verschwiegen, jetzt aber mit Hilfe der prophetischen Schriften allen Völkern kundgemacht wird (Röm 16,25). Vor dem Statthalter Festus und Agrippa II. erklärt er: „Ich sage nichts, als was die Propheten und Moses angekündigt haben: dass der Messias leiden werde, um als Erstling der Auferstehung der Toten die Botschaft des Lichts zubringen dem Volke (Israel) und den Heiden" (Apg 26,22 f.). Die Juden in Rom suchte er, wie Lukas berichtet, „von früh bis in den Abend hinein vom Gesetze des Moses und von den Propheten her von Jesus zu überzeugen“ (Apg 28,23).  

Ja, weil die Schriften des Alten Bundes Christus enthalten, kommt ein Bekenntnis zu diesen Schriften geradezu einem Bekenntnis zu Christus gleich (wie tröstlich ist das für uns!), wie Paulus es vor dem Statthalter Felix ablegt: „Ich glaube an alles, was dem Gesetz entspricht und bei den Propheten steht“  (Apg 24,14). Es ist dies nicht nur ein Bekenntnis mit dem Munde, sondern ein Martyrerbekenntnis, denn – so bekennt er vor den Juden in Rom –: „Um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Ketten“ (Apg 28,23). Wir könnten uns keinen kürzeren und ergreifenderen Ausdruck seiner Treue sowohl zu den Schriften des Alten Bundes wie zu Christus denken, als diesen!  

„Das Gesetz ward durch Moses gegeben, die Gnade und die Wahrheit aber kam durch Jesus Christus“, so sagt, wie wir sahen, Johannes (Joh 1,17). Nicht nur die Gnade durch die Ausführung des Heilswerkes, sondern auch die Wahrheit. Damit kann nicht gemeint sein, die Schriften des Alten Bundes hätten nicht die Wahrheit enthalten; im Gegenteil: Wie Christus die im Alten Testament formulierten Gebote zum Anlass nahm, um seine sittlichen Forderungen zu entwickeln, indem er ihnen einen tieferen Sinn gab, so knüpfte er auch die Wahrheiten, die er offenbaren wollte, an bereits im Alten Testament geoffenbarte Wahrheiten an, indem er diese ebenfalls in einem neuen und tieferen Sinn auslegte. Wie er über die Auferstehung der Toten befragt wird, gibt er zur Antwort: „Habt ihr nicht, gelesen, was Gott euch sagen wollte, als er sprach: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Gott ist ja nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigen“ (Mt 22,31 f.). Gewiss wollte Gott, als er sich aus dem Dornbusch dem Moses als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu erkennen gab, sich nicht zur Auferstehung der Toten äußern, sondern nur sagen, er sei der gleiche Gott, dem die Patriarchen gedient hatten. Aber Christus führt den Inhalt dieser Worte weiter: Wenn die Patriarchen Gott gedient haben, wenn sie für ihn gelebt haben, so können sie für ihn nicht tot sein, sondern müssen sie für ihn weiterleben: Er holt also aus den Worten von Ex 3,6 eine neue dogmatische Wahrheit heraus. – Seine Gottessohnschaft beweist er unter Berufung auf Ps 110,1, wovon wir bereits vorhin sprachen. Dort sagt der Psalmist vom König, seinem Herrn:

„Der Herr sprach zu meinem Herrn: setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde dir zu Füßen lege.“  

Christus bezieht das Wort auf sich, um darzulegen, dass er mehr sei, als nur Davids Sohn (Mt 22,41 ff.). Ein ähnliches, für uns etwas erstaunliches exegetisches Vorgehen erwähnt der Evangelist Johannes aus den Streitreden: Die Juden werfen Jesus vor, er mache sich zu Gott, obschon er nur ein Mensch sei. Da zitiert Jesus Ps 82,6, wo Gott die übermütig sich gebärdenden Machthaber ironisch Götter nennt, um daraus den Schluss zu ziehen: Wenn die Schrift schon Menschen Götter nennt, darf sich dann nicht der, der sich in der Welt als Gesandter des himmlischen Vaters ausgewiesen hat, Sohn Gottes nennen? (Joh 10,33 ff.).  

Ebenfalls bei Johannes (3,5) finden wir die Lehre über das Sakrament der christlichen Initiation, die Taufe, die als Wiedergeburt aus Wasser und Geist bezeichnet wird, und damit erklärt Christus, was Ezechiel meinte, als er weissagte, Gott werde sein Volk mit reinem Wasser besprengen und seinen Geist in ihr Inneres legen (Ez 36,25–27). Und Johannes macht sich selber diese Lehrmethode zu eigen in seinem Prolog, um die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater darzutun: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und war selbst Gott“ (Joh 1,1). In den Weisheitsbüchern des Alten Testaments erscheinen Wort und Weisheit Gottes, die einander gleichgestellt sind, „bei Gott“ oder „vor Gottes Thron“ (vgl. Karrer, Anm. zu Joh 1,1). Johannes nimmt den Gedanken auf und vollendet ihn, indem er erklärt, dieses Wort Gottes, das bei Gott ist, sei selber auch Gott. Und dann lässt er den Hymnus weiter aufsteigen bis zur Gipfelhöhe: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat bei uns gezeltet“: Jesus Christus ist dieses göttliche Wort, insofern es Fleisch geworden ist! (V. 14). Wie zeigt sich doch gerade in dieser Lehrmethode Christi und der Apostel vom Alten Testament her die Weisheit des göttlichen Waltens, das den Menschen nicht vergewaltigt, sondern ihn mit Milde und Geduld zu seinem Ziele führt!  

Zum Schluss dieser Betrachtung müssen wir einen Blick werfen in das letzte Buch des Neuen Testaments: die Geheime Offenbarung. In keinem Buch der Heiligen Schrift greifen Altes und Neues Testament so ineinander wie in diesem. Johannes spricht hier überhaupt nur in Ausdrücken und Bildern aus dem Alten Testament: Ein Symbol der Einheit der beiden Testamente: die Synagoge als die beginnende Kirche, die Kirche als die vollendete Synagoge. Da sieht Johannes um den Thron Gottes vierundzwanzig Sitze und auf den Sitzen vierundzwanzig Älteste, angetan mit weißen Gewändern, und mit goldenen Kränzen auf den Häuptern (4,4; vgl. auch die 144 000 in 7,4: „die Vollzahl der Erlösten Israels“ [Karrer]).Sie sind die Vertreter des Heilsvolkes auf Erden vor dem Throne Gottes: vierundzwanzig: zweimal zwölf, im Hinblick auf die zwölf Stämme Israels, in doppelter Zahl, weil sie die Gläubigen des Alten und Neuen Bundes vertreten: die Kirche aller Zeiten, die Gemeinschaft aller, die ehrlichen Herzens an die Erlösung Israels glauben – für uns eine trostvolle Zuversicht.

  1. Mt 4,6; Lk 4,9 f. (bei Mt die zweite, bei Lk aber die dritte Versuchung!).
  2. Der reiche Jüngling: Mt 19,16–26; Mk 10,17–27; Lk 18,18–27. Mt allein hat den Zusatz aus Lev 19,18, der gerade, weil er aus dem Rahmen des Dekalogs herausfällt, authentisch sein muss, vgl. Lagrange z. St.
  3. Joh 15,12 f.: Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. Eine größere Liebe hat niemand, als wer für seine Freunde sein Leben hingibt.“
  4. Röm 7,7–11, wo ähnliche Gedanken entwickelt werden, möchte ich nicht auf das mosaische Gesetz als solches beziehen, sondern auf jedes göttliche Gesetz, einschließlich des Naturgesetzes.

FrRu IV. Folge Nr. 16/1951–1952  1.


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