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Judith Buber-Agassi

Jewish Women Prisoners of Ravensbrück: Who were they?

Im deutschen Kontext erscheint die Erforschung des Holocausts wie zwischen zwei extremen Positionen aufgespannt. Auf der einen Seite wird sie durch den Schuldbewusstseinskult der Westdeutschen aus der alten Bundesrepublik bestimmt, für den die in Israel dominierende Sichtweise, den Holocaust allein mit Auschwitz zu identifizieren, leitbildsetzend war und ist. Auf der anderen Seite gibt es die auf die DDR und deren Bewertung des Holocausts zurückgehende Sicht, die im Wesentlichen an den „politischen“ Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungslager ausgerichtet war und an nicht wenigen ostdeutschen Forschungsstätten auch heute noch tonangebend ist. Während im westdeutschen Blickwinkel alles Licht auf den Massenmord an den Juden Europas fällt, wird zugleich aber das Gedenken an die vielen Sozialisten, Kommunisten und wehrhaften Christen vernachlässigt, die als „Politische“ in den Lagern einsaßen, gequält wurden und umkamen. Demgegenüber versündigte sich die DDR-offizielle ostdeutsche Erinnerungskultur an den jüdischen Opfern, die unter allen gewiss die größte Zahl ausmachten, zumal es sich in ihrem Fall darüber hinaus auch um den Versuch eines Völkermords gehandelt hat. Woran es hingegen noch immer fehlt, sind wissenschaftlichem Ernst allein verpflichtete Arbeiten.

Ein vorbildliches Dokument einer derartigen Arbeit ist das Buch der israelischen Soziologieprofessorin Judith Buber-Agassi: Jewish Women Prisoners of Ravensbrück: Who were they? („Die jüdischen Frauen-Gefangenen von Ravensbrück. Wer waren sie?“). Bei der Lektüre dieses Werkes wird niemand versucht sein, über den Holocaust primär unter politischmoralischen oder ideologischen Aspekten zu debattieren, – als ob es unter vernünftigen Leuten überhaupt noch irgendjemand gäbe, den man von der richtigen Gesinnung bezüglich der ethisch-moralischen Bewertung des Holocausts zu überzeugen hätte. Was uns präsentiert wird, ist ein umso stärker anrührendes Denkmal für die Opfer des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, ein „verschriftlichtes“ Denk- und Mahnmal, das seine historische Authentizität aus der unbestechlich vorgehenden empirischen Forschungsweise gewinnt, mit der es erstellt wurde.

Das Interesse an speziell diesem Thema war auch biografischer Natur: Frau Buber-Agassi, in Deutschland geboren und als Enkelin Martin Bubers mit dessen Familie in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gerade noch rechtzeitig nach Israel emigriert, erhielt die Anregung für die Beschäftigung mit den Frauen von Ravensbrück durch den Bericht ihrer Mutter, Margarete Buber-Neumann (1901–1989), die selbst Häftling in Ravensbrück war und nach dem Krieg, als damals bekannte Schriftstellerin, einen viel gelesenen und vor allem die Jüngeren stark beeindruckenden Lebensbericht – „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“ – über ihre Leidenszeit unter diesen beiden Diktatoren veröffentlicht hatte. Aber nicht nur der biografische Aspekt bewog Prof. Buber-Agassi zur Beschäftigung mit ihrer Thematik. Auch dass sie als international angesehene Soziologin sich in vielen Veröffentlichungen mit Frauenfragen befasst hatte, war eines ihrer Motive. Einführend spricht sie über die immensen Schwierigkeiten, die sich einer empirisch vorgehenden historisch-soziologischen Erforschung der damaligen Wirklichkeit der Nazi-KZs in den Weg stellen: angefangen bei der Materialvernichtung am Ende des Krieges durch die für die KZs zuständigen Behörden des „Dritten Reichs“, über Probleme mit Behörden in Staaten des früheren Ostblocks, aber auch in der Bundesrepublik, bis hin zu all den emotionalen Problemen, weltweit Frauen – Überlebende von Ravensbrück – ausfindig zu machen und zu Mitteilungen über ihre schwersten Lebensschicksalsjahre zu bewegen.

Unter dem zeitgeschichtlichen Gesichtspunkt macht die Autorin fünf Phasen der „Lagerbeschickung“ aus. Sie reichen von den Anfängen, in denen in der Tat fast ausschließlich politische Häftlinge in „Ravensbrück“ einsaßen, bis zum Kriegsende, als die Anzahl der jüdischen Häftlinge sprunghaft durch Überlebende des „Todesmarsches von Auschwitz“ anstieg. Entgegen der im Osten gepflegten Sichtweise kann Buber-Agassi belegen, dass von den insgesamt mehr als 110 000 Frauen, die im Lager Ravensbrück während dessen Bestandszeit einsaßen oder es durchliefen, mehr als 16 000 FrRu NF 3/2008 221 jüdische Häftlinge waren. Was in nüchterner Sprache im Einzelnen über Leben und Leiden der Frauen von Ravensbrück mitgeteilt wird, erscheint unsereinem heute wie der Bericht von einem anderen Stern. Dieser Eindruck drängt sich etwa auf, wenn man sich über die offiziellen „amtssprachlichen“ Nazi- und SS-Kategorien informieren lässt, nach denen die Gefangenen – von den „Politischen“ über „Mischlinge“, „Asoziale“ bis zu „Zigeunern“ – in die Lagerhierarchie eingeordnet wurden. Doch gerade wenn man, wie der Rezensent, zu einer Generation von Deutschen gehört, die unmittelbar vor dem Krieg oder auch während des Krieges geboren wurden, muss man sich im gleichen Atemzug das schwer Fassliche eingestehen, dass all das, was Frau Buber-Agassi mit methodischer Kühle und durch empirisch erhobene Statistiken erhärtet vor dem Leser ausbreitet, durch Leute von uns in unserem Land und zu unseren Lebzeiten Menschen angetan wurde. Dafür, dass eben auch dieser Eindruck, bei aller Wissenschaftlichkeit, nicht zu kurz kommt, sorgt das Einfügen von Schilderungen persönlicher Häftlingsschicksale in den sonst eher nüchternen Berichtstext.

Vermutlich gibt es keine historische Dokumentation eines nationalsozialistischen Konzentrationslagers, die bis ins Persönliche hinein eine dermaßen vollständige Aufschlüsselung des damaligen Geschehens enthält. Ich kann nur hoffen, dass diesem bisher nur in der englischen Ausgabe vorliegenden Werk bald eine deutsche Ausgabe folgt. Eine beigefügte Diskette enthält sämtliche Namen der jüdischen „Ravensbrück“-Häftlinge, mit Angaben über Nationalität und Person, eine Form der historischen Erinnerung und Mahnung, die bei den Nachgeborenen sicher einen stärkeren Eindruck hinterlassen muss, als die – wenn auch wohl unumgänglich gewesene – Anonymisierung der Opfer nach Art des Berliner Holocaust-Mahnmals.


FrRu Heft 3 / 2008 Seite 222