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J. Straubinger

4) Die Judenfrage im Licht der Heiligen Schrift

Der nachstehende Text ist ein in sich geschlossener Abschnitt aus einem größeren Werke von Msgr. , welcher früher am ‚Katholischen Bibelwerk’ in Stuttgart tätig war und jetzt in Argentinien Exegese doziert. Nach Rückfrage in unserem Beirat veröffentlichen wir diese Untersuchung als einen Diskussionsbeitrag zur Frage nach der möglichen heilsgeschichtlichen Bedeutung der Wieder-Errichtung eines jüdischen Staates im Heiligen Lande.

I.

Die profane „Welt-Geschichte“ misst das jüdische Volk gewöhnlich mit demselben Maßstab wie die anderen kleinen Nationen; und wenn sie so seine Geringfügigkeit feststellt, widmet sie ihm in ihren umfangreichen Werken kaum einige wenige Seiten. Nichts ist verständlicher als das, denn verglichen mit den übrigen Völkern des Altertums zeigte sich das Volk Israel so machtlos, dass viele Geschichtsschreiber nicht einmal von seiner Existenz Kenntnis hatten, oder es wenigstens in ihren Büchern nicht erwähnen. Die Modernen allerdings kennen es, aber infolge ihrer Art und Weise, alle Völker unter demselben Gesichtspunkt zu beurteilen, entgeht ihnen die einzigartige Stellung jenes Volkes, dessen Lebenskraft über allem menschlichen Urteil steht, und dessen Bestimmung ist, gleichsam „die Uhr Gottes durch die Geschichte hindurch“ zu sein.

Es ist sehr bequem, die Judenfrage ausschließlich vom ökonomischen oder politischen Standpunkt aus zu betrachten und auf die Gefahren hinzuweisen, die das Handels- und Geldgebaren der Juden für die christlichen Völker bedeute. Noch bequemer ist es, die Nationalgefühle gegen ein Volk aufzustacheln, das sich neben vielen Nachteilen auch der Vorteile des Internationalismus „erfreut“, und unter allen Nationen lebt, ohne sich ihnen zu assimilieren. Aber mit dieser Methode löst man die Judenfrage nicht, ja es ist nicht einmal ein Anfang zur Lösung.

Die Lösung liegt auf anderer Ebene. Die Juden des Alten Testamentes sind von Gott berufen worden als das „auserwählte Volk“, der „auserlesene Anteil“, die „heilige Nation“ (Ex 19,5–6), „der erstgeborene Sohn“ (Ex 4,22), die Träger und Übermittler der Offenbarung (Röm 3,2), nicht wegen ihrer Verdienste, sondern kraft der freien Wahl Gottes, der auswählt, wen er will (Röm 9,11 und 18); aber einmal auserwählt, sind sie nicht mehr den gewöhnlichen Gesetzen der Geschichte unterworfen, sondern gehen auf außerordentlichen Wegen der göttlichen Vorsehung, die sie bis heute erhalten hat in offenem Gegensatz zu dem, was mit anderen Völkern geschieht.

II.

Alle wissen wir, dass das auserwählte Volk sich immer wieder unter bestimmten Gesichtspunkten in das „verworfene Volk“ verwandelte, zuerst schon wegen seines steigenden Abfalls, und dann durch seinen religiösen Formalismus, der ihm die Augen so sehr verdunkelte, dass es den Messias, den es doch erwartete, bei seinem Kommen nicht erkannte.

Die Tatsache seines Abfalls ist so offenbar, dass alle Propheten, vom ersten bis zum letzten, ihn bekunden, und selbst Christus darüber weint (Mt 23,37–39; Lk 19,41–44). Auch der hl. Paulus zitiert Jesaja 6,9–10, und bestätigt die Ungläubigkeit der Juden in der Apostelgeschichte 28,28: „So sei es euch denn kundgetan: den Heiden ist dieses Heil Gottes gesandt. Diese werden es gläubig hören.“ Im Angesicht dieser vernichtenden Urteile wirkt es wie eine Herausforderung, wenn uns Max Kahn sagt: „Die Judenheit ist das Volk, das in der Morgendämmerung der ethischen Evolution der Menschen die unvergänglichen Werte des Lebens entdeckte und sich für sie verblutete, schon mehr als zweitausend Jahre hindurch“ (Revista de la Universidad Nacional de Colombia, abril 1948, pag. 9). Die Juden „entdeckten“ nicht diese Werte, sondern Gott unterwies sie darin, und sie verbluteten sich nicht immer nur durch ihre Treue; im Gegenteil, sehr oft auch kamen über sie alle Plagen bis zur Verbannung und Zerstörung, weil sie das Gesetz nicht erfüllten (vgl. Lev 26; Dtn 28, und die Weissagung Christi über den Untergang Jerusalems).

III.

Der Unglaube Israels an seinen Erlöser hatte zur Folge die Übertragung des Heiles auf die Heiden, endgültig vom hl. Paulus verkündet (Apg 28,28), und schon viele Jahrhunderte vorher durch die Propheten vorausgesagt. Führen wir als Zeugen nur die größten an, Moses und Jesaja. In Deuteronomium 32,21–22 lesen wir: „(Gott sprach) Vor ihnen will ich mich verbergen, will sehen, was ihr Ende ist. Denn ein verlogenes Geschlecht sind sie, und Kinder, die der Treue bar. Sie kränkten mich durch Ungötter, erzürnten mich durch nichtige Götzen. So will denn durch ein Unvolk Ich sie reizen, und kränken durch ein gottlos Volk.“ Bover-Cantera bemerkt hierzu: „Mittels der Barbaren, die nicht den Namen Volk verdienen, wird Gott Israel eine angemessene Strafe für ihre Schuld geben, da sie auch anbeteten, was nicht den Namen Gott verdient.“ Die authentische Erklärung gibt uns der hl. Paulus im Römerbrief 10,19 bis 11,12. Das „Nichtvolk“, das „unverständige Volk“, sind wir „Christen aus den Heiden“ als Nachkommen der heidnischen Völker, die für Israel nur eine unverständige Masse waren.

Bei Jesaja sagt der Allmächtige: „Ich war zu erfragen für die, so nicht fragten, zu finden war ich auch für die, so nicht suchten; Ich sprach: Hier bin ich, hier bin ich, zum Volke, das nicht mich anrief. Meine Hände streckte ich aus allezeit zum Volke, das störrisch, rebellisch, das da wandelte Wege, die nicht gut, das da nachging den eignen Gedanken“ (Jes 65,1–2). Der hl. Paulus erklärt diese Stelle in dem Sinne, dass das Heil an die Heiden kam, die vorher Gott nicht kannten (Röm 10,20–21), so dass also „durch den Fall der Juden das Heil zu den Heiden kam“ (Röm 11,11).

Aber bilden wir uns ja nichts ein, dass wir für das auserwählte Volk gesetzt worden sind, denn auch uns hat Er erwählt „nach der Güte seines Willens, zum Lobe der Herrlichkeit seiner Gnade (Eph 1,5–6), nicht wegen unserer Verdienste. „Wenn einige der Zweige (des jüdischen Volkes) ausgebrochen wurden, sagt der hl. Paulus, du aber (o Heide!), ein wilder Ölzweig unter ihnen aufgepfropft worden bist, und so Anteil bekommen hast an der fetten Wurzel des edlen Ölbaumes, so überhebe dich nicht über die Zweige; wenn du dich aber überheben willst, so bedenke: nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,17–18). Wenn wir nicht dieser Vorschrift der Demut folgen, so müssen wir genau dieselbe Strafe wie die Juden gewärtigen.

IV.

Das Außerordentliche im hebräischen Volke ist nicht seine Verwerfung, sondern das feierliche Versprechen der künftigen Nullundnichtigmachung derselben. Es ist das eine der staunenswertesten Wahrheiten, die der hl. Paulus uns mit seiner ganzen apostolischen Autorität offenbart in 2 Kor 3,16, wo er von der Rückkehr der Juden zum Herrn spricht, und besonders im 11. Kapitel des Römerbriefes, wo er sagt, dass die Juden von neuem in ihren eigenen Ölbaum aufgepfropft würden (Röm 11,24), und er fügt bei: „Ja, Brüder, folgendes Geheimnis will ich euch kundtun, damit ihr euch nicht selbst verständig dünkt: die Verstockung ist über einen Teil von Israel gekommen, bis die Vollzahl der Heiden (in das Reich Christi) eingetreten ist. Dann wird ganz Israel gerettet werden“ (Röm 11,25 ff.).

Der Völkerapostel macht uns in diesem Kapitel mit einem „Mysterium“ bekannt (V. 25), der Bekehrung Israels, und um unser Staunen zu vermehren, lässt er uns ahnen, dass dieses Ereignis von großem Vorteil für die Welt sein wird, denn „wenn ihre Verwerfung eine Versöhnung der Welt herbeiführte, was wird dann ihre Aufnahme anderes sein als das Leben aus den Toten?“ (V. 15); und „wenn schon ihr Fall Reichtum der Welt, und ihr kleiner Rest Reichtum der Heiden geworden ist, um wieviel mehr wird es dann ihre Vollzahl werden“ (V. 12).

Hier können wir mit Händen greifen das Geheimnis der unendlichen Barmherzigkeit, die eines Tages ihrem Volk verzeihen wird, „denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich“ (V. 29), und die Juden bleiben hinsichtlich ihrer Erwählung „geliebt wegen ihrer Väter“, der Patriarchen.

Aus Ungehorsamen und Ungläubigen werden Treue und Gehorsame im Glauben. Dann wird von ihren Augen der Schleier genommen, der ihre Blindheit verursachte (2 Kor 3,13 ff.), und ihre Herzensverhärtung wird erweicht durch die Heimsuchungen der göttlichen Barmherzigkeit, über diesen Punkt gibt es keine Verschiedenheiten unter den Exegeten, ebenso wenig wie über den Zeitpunkt, in dem die Christenheit die Freude haben wird, solch glückliches Ereignis zu erleben. Es wird sich erfüllen, wenn „die Vollzahl der Heiden eingetreten ist“ (Röm 11,25), das heißt, wenn die für die Heidenbekehrung bestimmte Zeit zu Ende ist (vgl. Lk 21,24).

V.

Viel schwerer ist die Erklärung der Weissagungen, die sich auf Israel als Volk beziehen. Der erste Prophet, der im Namen Gottes über das kommende Geschick Israels etwas aussagte, war Moses. Im 26. Kapitel des Buches Levitikus und im 28. des Deuteronomium verspricht der große Prophet dem treuen Volke die herrlichsten Segensverheißungen: „Der Herr öffnet dann für dich sein bestes Schatzhaus, den Himmel, um deinem Lande zur rechten Zeit den Regen zu geben und so alle Werke deiner Hände zu segnen. Dann kannst du vielen Völkern leihen, ohne selbst entlehnen zu müssen. Der Herr macht dich zum Haupte und nicht zum Schwanz. Du steigst immer höher und nicht tiefer, wenn du den Satzungen des Herrn, deines Gottes, gehorchst, die ich dir heute zur Beobachtung und Befolgung vorlege. Von allem, was ich dir heute befehle, weiche weder nach rechts noch nach links ab“ (Dtn 28,12–14. Vgl. Dtn 30,3).

Manche wollen in diesen Worten eine Voraussage der Weltherrschaft der hebräischen Menschen suchen und sehen sie erfüllt in der modernen Stellung der Juden als Bankmenschen der Welt, was praktisch die Oberherrschaft über alle Völker gibt, denn mit dem Geld könne einer „immer oben und niemals unten“ stehen. Und sogar die Kriege gewinnen sie, sagt man. Trotzdem gibt es kein exegetisches Fundament für eine solche Auslegung. Die Verwirklichung der Voraussagung hängt nach Moses von der treuen Erfüllung des alten Gesetzes ab; wir wissen jedoch, dass von den heutigen Juden nur ein Teil das Gesetz erfüllt. Soweit sie es überhaupt erfüllen: denn es fehlt ihnen ja der Mittelpunkt des mosaischen Kultes, der Tempel und die Opfer!

Moses vergisst nicht die andere Möglichkeit, nämlich den Abfall Israels, und sagt ihnen als Strafe die Zerstreuung unter andere Völker voraus: „Der Herr zerstreut dich unter die Völker von einem Ende der Erde bis zum andern. Dort verehrst du dann Götter von Holz und Stein, die dir und deinen Vätern unbekannt sind. Doch unter ihnen kannst du nicht rasten. Keine Ruhestätte gibt es für deinen Fuß. Der Herr gibt dir vielmehr ein zaghaftes Herz, verschmachtende Augen und ein zaghaftes Gemüt. Dein Leben hängt nur an einem Faden. Du zitterst bei Tag und bei Nacht und fühlst dich deines Lebens nicht mehr sicher. Am Morgen sprichst du: Wäre es doch schon Abend! Und am Abend sprichst du: Wäre es doch schon Morgen!“ (Dtn 28,64 ff.).

Der Prophet Jesaja bezieht sich mehr als einmal auf die Zukunft Israels, z. B. in 10,21 ff., wo er sagt: „Nur ein Rest kehrt um zum Heldengott. Wenn auch Israel gliche dem Sand am Meere, Vernichtung steht fest, flutend von Recht.“ Die Auslegung der Stelle ist gegeben durch den hl. Paulus, der sie in Röm 9,27 zitiert, in Verbindung mit der Bekehrung Israels. In Jesaja 59,20–21 spricht der Prophet von einem kommenden Erlöser, und sagt: „Mein Bund ist dies, den ich schloss mit ihnen, spricht Gott, mein Geist, der ruhet auf dir, die Worte, die in deinen Mund ich gelegt, nicht sollen sie weichen aus deinem Munde ...“

Glücklicherweise besitzen wir authentische Interpretation dieser Stelle in Röm 11,26, wo der Völkerapostel sie in Beziehung setzt mit dem kommenden Heil Israels. Hier finden wir den Gedanken eines neuen Paktes, verschieden von den vorherigen mit Abraham und Moses. Es wird ein geistiger Pakt sein, gleich dem Neuen Bund, in dem die bekehrten Juden sich vereinigen, und in ihm werden sie ihre alten Vorrechte zurückerlangen (Röm 11,29).

Auch durch den Mund des Jeremias (Kap. 31 und Ezechiel, Kap. 37) verspricht Gott, einen neuen Bund mit seinem Volk zu schließen. Der Prophet Jeremias sagt: „Denn siehe, es werden Tage kommen, spricht der Herr, da werde ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen ... Dies wird der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Inneres legen und in ihr Herz schreiben, und ich will ihnen ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. Sie werden sich nicht mehr gegenseitig belehren und einander auffordern: Erkennet den Herrn! Alle werden mich erkennen, vom Kleinsten bis zum Größten, spricht der Herr, denn ich vergebe ihre Missetat, und ihrer Sünden will ich nicht mehr gedenken“ (Jer 31,31–34).

Es ist vor allem zu bemerken, dass diese Weissagung sich an beide jüdische Reiche richtet, an Israel und Juda, obwohl jenes total vernichtet und die Situation des andern hoffnungslos ist, und dass ihr Zweck ist, alle Stämme Israels zu trösten, nicht nur die zwei, die das Reich Juda bildeten. Diejenigen, die unter Israel die Kirche verstehen, müssen zugeben, dass sie sich noch nicht erfüllt hat, oder nur sehr unvollkommen, denn immer noch ist Unterricht, Katechese, Predigt notwendig, und wir stehen noch sehr fern jenem glücklichen Zustand, wo keine religiöse Belehrung mehr notwendig sein wird. Die Stelle in übertriebenem Sinn zu nehmen, ist gleichfalls gefährlich, denn Gott spricht an dieser Stelle, und er übertreibt nicht, wie es die Menschen machen. Und ausschließlich auf die Kirche alle Weissagungen anzuwenden, die von einer glorreichen Zukunft Israels sprechen, würde zudem bedeuten, die Kirche auch der Missetaten anzuklagen, auf die jene Weissagungen hinweisen, wie z. B. hier, wo nicht nur die Rede ist von dem Neuen Bund mit Israel, sondern auch von seiner „Schuld“ und seinen „Sünden“ (Jer 31,31–34).

Gefährlicher noch ist die Methode, alle unangenehme Prophezeiungen auf die Juden zu beziehen, und auf uns alle angenehmen, wenn auch der Prophet sie ausdrücklich an die Stämme Jakob, an Israel, Jerusalem, Sion richtet. In der letzten Nummer der „Estudios Biblicos“, Januar/März 1949, Seite 99 kritisiert P. Jose Ramos Garcia C.M.F. dieses System mit folgenden Worten: „Wenn man anstatt jedem das Seine zuzugestehen, wie es Gerechtigkeit und Hermeneutik verlangen, den Inhalt der herrlichen Weissagungen in der Kirche erfüllt sieht, während Israel leer ausgeht, ist es einleuchtend, dass für das bekehrte Israel nichts mehr übrig bleibt als die Hefe der göttlichen Versprechungen, obwohl wir doch zuerst und hauptsächlich daran denken sollten. Und wenn es dieser Auslegung nach ginge, hätten wir wohl Grund auf die großartigen Versprechungen, die Gott wiederholt, mit ganzem Gewicht und genau diesem Volke gegeben hat, das Wort anzuwenden: „Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus“, was aus der Mehrzahl von ihnen nur einen drückenden Spott machen würde.“

VI.

Wie man sieht, sind die Prophezeiungen des Alten Testamentes hinsichtlich der Zukunft Israels sehr kompliziert. Sie scheinen sich nicht nur auf ihre Bekehrung, sondern auch auf ihre Restauration als Nation zu beziehen. Es ist klar, wie der hl. Paulus sagt, dass die Versprechungen Gottes zugunsten seines Volkes unwiderruflich sind (Röm 11,29), d. h. sie erfüllen sich unfehlbar. Aber hatten sie wirklich unbedingten oder nur bedingten Charakter? Wenn sie unbedingt waren, werden sie sich erfüllen. Wenn sie jedoch bedingt waren, muss ihre Erfüllung verbunden sein mit der Bekehrung Israels. Wenn sich die verwirklicht, müssen sich auch die Versprechungen verwirklichen. Nun gut: der hl. Paulus sagt uns, dass die kommende Bekehrung der Juden sicher ist; also gibt es kein Hindernis gegen die Erfüllung der übrigen Versprechungen und Weissagungen hinsichtlich Israels.

Mehr Licht werfen auf unser Problem die folgenden Prophezeiungen. Bei Jeremias lesen wir (30,3): „Denn siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da mache ich der Gefangenschaft meines Volkes Israel und Juda ein Ende, spricht der Herr, und bringe sie in das Land zurück, das ich ihren Vätern zum Besitz verliehen habe, damit sie es in Besitz nehmen.“ Der Leser denkt vielleicht an die Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft, aber Tatsache ist, dass aus der Gefangenschaft nur die zwei Stämme Juda und Benjamin kehrten, während der Prophet sich auch an die 10 Stämme Israels wendet, die niemals zurückkehrten. Es muss sich also um ein künftiges Ereignis handeln, das in Beziehung steht zur Rettung der Juden. So erklären es auch unter den Modernen P. Páramo S. J. und P. Réboli S. J. in ihren Bibelausgaben von Torres Amat. Vgl. Jer 23,3 und 8; Jes 11,11 ff.

Ezechiel vollendet die Weissagung des Jeremias, indem er seinem Volke nicht nur die Rückkehr, sondern auch den dauernden Besitz von Palästina verkündet. Gott spricht durch den Mund des Propheten: „Siehe, ich nehme das ganze Haus Israel aus der Mitte der Völker, zu denen sie gewandert sind. Ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie in ihr Land. Ich will sie erretten aus all ihren Ungesetzlichkeiten, durch die sie gesündigt haben und sie reinigen. Sie sollen mein Volk, und ich will ihr Gott sein ... Sie werden in ihrem Lande wohnen, das ich schon meinem Knecht Jakob gegeben, und worin ihre Väter gewohnt haben. Sie sollen darin wohnen, sie und ihre Söhne, und die Kinder ihrer Söhne bis in Ewigkeit“ (Ez 37,21–25).

Dasselbe verspricht Gott durch Amos: „In ihrem Lande pflanz ich sie ein. Sie sollen dann nimmer entrissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben! Der Herr, dein Gott, hat gesprochen“ (Am 9,15); und durch Micha: „An jenem Tage werde ich sammeln das Hinkende, spricht der Herr. Was verstoßen ist, will ich zusammenbringen, und das, dem ich Schaden gemacht. Das Hinkende mach ich zum Überrest, das ermattet ist, zum starken Volk. Der Herr ist ihr König auf dem Sionsberg von jetzt bis in Ewigkeit“ (Mi 4,6–7).

Sacharja fügt diesem trostreichen Bild einige neue Züge bei: „Mächtige Völker kommen und starke Nationen, um zu suchen den Herrn der Heerscharen, in Jerusalem, um den Herrn zu besänftigen ... In jenen Tagen wird es geschehen, dass 10 Männer aus jeglichem Heidenvolk den Mantelzipfel eines Juden ergreifen und dabei sagen: Lasst uns mit euch ziehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist“ (Sach 8,22–23).

Wie sollen wir solche staunenswerte Prophezeiungen erklären? Können wir einfach sagen,dass alles sich bei den ersten Christen erfüllte, die teils Juden waren und Lehrer der Heiden? Der hl. Jakobus erklärt es nicht so, sondern sieht darin ein zukünftiges Ereignis, wenn er im Apostelkonzil Amos zitiert: „Danach will ich wiederkommen und die zerfallene Hütte Davids wieder aufbauen. Ihre Trümmer will ich neu aufbauen und sie wieder neu aufrichten, damit auch die übrigen Menschen den Herrn suchen und alle Heidenvölker, denen mein Name beigelegt wird. Das spricht der Herr, der solches tut“ (Apg 15,16–17).

Der französische Exeget Boudou erläutert diese Stelle mit folgenden Worten: „Nach der Prophezeiung des Amos wird Gott die Hütte Davids wieder aufrichten; er wird das davidische Reich wieder in seiner Vollständigkeit herstellen und wird ihm seine alte Herrlichkeit zurückgeben. Dann wird Juda und Israel den Rest von Edom erobern und in Besitz nehmen, als Typus der Feinde Gottes, und alles was von den ausländischen Nationen übrig bleibt, über die der Name Gottes verkündet worden ist.“

Volle exegetische Sicherheit verschafft uns der eschatologische Diskurs des Lukasevangeliums, wo Jesus voraussagt, dass die Juden gefangen weggeschleppt werden zu allen Völkern und Jerusalem zertreten sein wird von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden abgelaufen sind (Lk 21,24). Diese letzte Zeitbestimmung ist zugleich die Zeit der Bekehrung Israels, wie uns der hl. Paulus in Röm 11,25 sagt, so dass also diese Bekehrung der Juden irgendwie mit dem Ende ihrer Zerstreuung, das heißt mit der Wiederherstellung als Volk, verbunden ist.

Damit sind endgültig die Lösungen derjenigen erledigt, die glauben, dass die Weissagungen hinsichtlich der Zukunft Israels sich schon erfüllt haben, sei es in der elenden Restauration nach der babylonischen Gefangenschaft, sei es in allegorischer Form in der Kirche.

VII.

Wird auch Jerusalem und der Tempel wiederhergestellt? Das ist eine unnütze Frage. Die Propheten sagen ebenso die Wiederherstellung Israels als auch Jerusalems voraus. Hören wir nur den Propheten Jesaja: „Überrascht wird sein der Mond, erstaunt auch die Sonne, wenn König ist der Herr der Heere vom Sionsberge aus, tut er in Jerusalem kund seine Hoheit den Ältesten“ (Jes 24,23). „Ich frohlocke und juble über Jerusalems Volk, nicht soll man darin mehr hören Weinen und Jammern ... Wie des Baumes Leben sei das meines Volkes, was da schuf ihre Hand, sollen sie verbrauchen“ (Jes 65,19–22). „Freut mit Jerusalem euch! Bejubelt es alle, die ihr es liebt! Frohlocket mit ihm, ja frohlocket, alle, die ihr betrauert es habt, auf dass ihr satt euch sauget an seinen Brüsten des Trostes, auf dass ihr mit Wonne schlürfet aus seinem Herrlichkeitsborn“ (Jes 66,10–11). Auf andere Art sagen dasselbe die übrigen Propheten. Ezechiel zeichnete uns den Plan eines neuen Tempels, der sich bisher nicht bewahrheitet hat (Ez 40–46). Im Falle der Verwirklichung wird er sich in ein Hauptzentrum der Christenheit verwandeln, vorausgesetzt die Bekehrung des Judenvolkes zum Christusglauben.

Bald nach der Wiederherstellung Israels im Lande ihrer Väter, und nach ihrer Einverleibung in den mystischen Leib Christi, werden die großartigen Prophezeiungen über die Herrlichkeit Jerusalems sich vollständig erfüllen. Man lese diesbezüglich den geheimnisvollen Psalm 86, wo hierüber so wunderbare Dinge stehen, dass man das neue Jerusalem notwendigerweise als die „geistige Hauptstadt aller Völker“ betrachten muss. Vgl. Jes 2,2–4; 54,1–3; 60,3–9; Ez 37,28; Am 9,11 ff.; Mi 4,1 ff.; Ps 47,2 ff.; 67,29 ff.; 86,4 ff.; 101,5 ff.; Tob 13,11 f. In diesen und vielen anderen Stellen bewundern wir Sion im weiten Licht der messianischen Hoffnungen gebadet und von den Völkern aller Nationen und Rassen überflutet, die von Freude jauchzen und Geschenke bringen. „Dieselbe göttliche Ehre, sagt Calès, beteiligt sich in der Wiederherstellung Israels. Völker und Könige werden Jahveh fürchten und ehren, wenn sie beweisen, dass Er Sion wieder aufgebaut und seine Herrlichkeit entfaltet hat; dass Er das Gebet jener erhört hat, die die Feindesmenge beraubt hatte und die verloren schienen ohne Hoffnung.“

Diejenigen, die die letzte der 70 Wochen Daniels (Kap. 9) im eschatologischen Sinne nehmen, haben im christlichen Jerusalem und seinem Tempel auch eine Bühne für die Missetaten des Antichrist und den Endsieg Christi (2 Thess 2,4 und 8; Jes 11,4).

VIII.

Man hört oft die Frage: Was sagen die Propheten hinsichtlich der Rückkehr der Juden nach Palästina? Nichts verbietet in diesem Ereignis die Erfüllung der zitierten Weissagungen zu sehen, wenn auch die volle Erfüllung in Verbindung mit der Bekehrung Israels steht.

Es ist richtig, dass nach dem internationalen Recht kein Volk den Besitz des Landes, wo seine Vorfahren vor zwei- oder dreitausend Jahren wohnten, zurückfordern kann. Was würde aus der Landkarte Europas werden, wenn wir die demographische Ordnung aus der Zeit Jesu Christi herstellen wollten? Und was würden z. B. die Nordamerikaner sagen, wenn die Rothäute die Gebiete zurückfordern würden, die heute die Weißen und Neger besitzen? Die Juden sind das einzige Volk, das nicht der allgemeinen Regel unterworfen ist, denn Palästina kommt ihnen durch göttliches Recht zu, besser gesagt, durch die göttliche Barmherzigkeit, die Gott selbst bezeugt in Dtn 9,4–6.

Es ist interessant, dass der Zionismus, der nicht auf religiösen Ideen beruht, sondern auf nationalistischen und rassistischen, das Werkzeug zu sein scheint, mittels dessen Gott die Pläne zu verwirklichen beginnt, die er für Israel vorbehalten hat. Und nicht weniger interessant ist die Tatsache, dass die christlichen Völker mittels der zwei Weltkriege beigetragen haben, die Projekte des Zionismus durchzuführen. In Anerkennung der Dienste, die die Juden im ersten Weltkrieg England geleistet haben, richtet 1917 Lord Balfour an Rothschild folgende Botschaft: „Die Regierung S. Majestät sieht mit Zufriedenheit die Aufrichtung einer Nationalheimat für das jüdische Volk in Palästina und wird ihre besten Kräfte einsetzen um dieses Ziel zu erreichen ...“ Und nach dem 2. Weltkrieg zahlte Nordamerika seine Schuld, indem es die Juden unterstützte mit seinem enormen Einfluss in der Besetzung des größten Teils von Palästina, eingeschlossen den Negev (Edom), sodass das neue Reich der Juden sich von Meer zu Meer erstreckt, vom Mittelmeer bis zum Golf von Akaba, wie in den Zeiten Salomons. Sie siegten über sieben arabische Reiche, und ihr nächstes Ziel scheint auch den Rest des Landes zu erobern, einschließlich der Hauptstadt Jerusalem. Vor dem l. Weltkrieg gab es in Palästina 35 000 Juden, heute ist ihre Zahl mehr als dreißigmal größer, und in ein paar Jahren dürfte sie die zweite volle Million erreichen.

In all dem sehen wir den Finger Gottes. Aber es ist noch nicht das Ende. Die Juden, die unter der Fahne des Zionismus in das Land Abrahams, Isaaks und Jakobs einwanderten, gedenken nicht, sich der Kirche anzuschließen. Ihre Bekehrung zu Christus ist ein Geheimnis, und es ist sehr wohl möglich, dass sie sich nicht so verwirklicht, wie wir es uns träumen. Es wird eines der großen Werke sein, die nur Gott tun kann, und wenn er es tut mit der Pädagogik, die er bisher angewandt hat, dann werden die Juden, und besonders das neue Reich in Palästina, vielleicht durch eine entscheidende Katastrophe gehen müssen, die ihnen die Augen öffnet.

Dann wird sich bewahrheiten, was der hl. Paulus sagt; „Wenn ihr Fall Reichtum der Welt, und ihr kleiner Rest Reichtum der Heiden geworden ist, um wie viel mehr ihre Vollzahl?“ (Röm 11,12). Der Apostel will sagen, dass die Juden, einmal teilhaftig des Reiches Jesu Christi, der geistige Reichtum der Welt sein werden, vielleicht seine neuen Missionare in jenen Zeiten der Apostasie, die der hl. Paulus in 2 Thess 2,3 und Christus selbst bei Lk 18,8 voraussagt. Wir wagen es nicht, in dieses Thema uns weiter einzulassen, das in seiner ganzen Tiefe betrachtet so schwer ist wie die Erklärung der Apokalypse. In allem wollen wir das bemerken, mit Bover-Cantera (Sagrada Biblia, pag. 996), dass es eine „begründete Tradition“ sei, dass „die Wiederherstellung Israels zur Krönung haben wird die Bekehrung der Heidenvölker zur wahren Religion“.

Wenig behandelte Themen sind auch: die an Israel versprochene Heiligkeit, die Wiederherstellung des Thrones David, die Vereinigung von Israel und Juda. Auf diese Tatsachen bezieht sich vielleicht die geheimnisvolle Frage der Apostel am Tage der Himmelfahrt: „Herr, ist dies die Zeit, in der du das Reich für Israel wiederherstellst?“ (Apg 1,6). Für viele ist diese Frage so unverständlich, dass sie sie als einen Beweis der wenigen Intelligenz der Apostel und ihres kleinen Geistes ansehen. Trotzdem sagt die Schrift, dass Jesus von ihnen nach der Auferstehung 40 Tage hindurch gesehen wurde, und er redete mit ihnen vom Reiche Gottes (Apg 1,3). Fehlte den Aposteln wirklich der Geist? Oder ist das nicht vielmehr bei den Kritikern der Fall, die den Juden die kommende Herrlichkeit nach ihrer Unterwerfung unter Christus absprechen wollen? Vgl. Jer 31,33–34; Sach 8,22–23; 12,10; 14,8–11; Apg 3,21; Offb 10,7.

Die gegenwärtige Arbeit hat nicht die Absicht, das Judenproblem zu lösen; ihr einziger Zweck ist zu zeigen, dass nach der Hl. Schrift die Juden ein außerordentliches Volk sind, das Gott erhält, um seine Versprechungen zu erfüllen. Wenn sie heute das Land ihrer Vorfahren zurückverlangen und es nach und nach besetzen, gehorchen sie, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, der Stimme Gottes, die sie von neuem in jenem kleinen Lande zusammenführt, um in ihnen das Geheimnis zu vollbringen, das vom hl. Paulus und den Propheten des Alten Bundes vorausgesagt worden war. Wir wissen nichts über die Art und Weise der Verwirklichung, aber wir sind sicher, dass es das staunenswerteste Werk sein wird zwischen der ersten und zweiten Ankunft Christi, und wahrscheinlich das Vorspiel der letzteren.


FrRu III./IV. Folge 1951/1952,  Nr. 12/15, Dezember 1951, S. 17–21 top