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Gertrud Luckner
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Wir haben Herrn Dr. E. L. Ehrlich gebeten, uns als jüdischer Mensch, der die Verfolgung in Deutschland überlebt hat, ungeschminkt zu schreiben, wie sich von der jüdischen Seite aus gesehen die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nach der Bonner Regierungserklärung ansehen. Es handelt sich also im Folgenden nicht um die Beziehungen zwischen jüdischen und deutschen Einzelmenschen mit ihren ungezählten Abwandlungen, sondern um diejenigen zwischen den vorhandenen politischen Größen auf beiden Seiten. Da können wir selbst uns dem Verfasser und den von ihm zitierten jüdischen Autoritäten nur anschließen, wo gesagt wird: Es kommt nun alles an auf die deutsche Tat.

Ernst Ludwig Ehlich

2) Deutschland und Israel

Am 25. Oktober 1951 tagte in New York eine internationale Konferenz, auf der Vertreter aller wesentlichen jüdischen Organisationen zugegen waren. Die Tagung hatte den Sinn, über die Wiedergutmachung der materiellen Schäden zu beraten, die den Juden durch das Hitlerregime zugefügt worden waren, und die Lage zu besprechen, die sich aus der Erklärung der deutschen Bundesregierung vom 27. September1951 für die Juden ergibt. Zwei Jahre seit Bestehen der Bundesrepublik hat sich die Bundesregierung und der Bundestag dazu entschlossen, in feierlichen Erklärungen von den Schandtaten der Nationalsozialisten abzurücken und versprochen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um dem jüdischen Volke möglichsten Schadenersatz zu leisten. Damit ist nun die Frage eines unmittelbaren Kontaktes zwischen der Bundesrepublik einerseits, dem Staate Israel und den jüdischen Organisationen andererseits akut geworden.

Welche Haltung können jüdische Menschen heute Deutschland gegenüber einnehmen, besonders angesichts der Tatsache, dass die deutsche Bundesrepublik in aller Form sich von den verbrecherischen Akten der Vergangenheit distanzierte? Die Antwort auf diese ungeheuer komplizierte und schwerwiegende Frage soll auf Grund der verschiedenen Äußerungen der repräsentativen jüdischen Körperschaften versucht werden. Um dies zu können, gilt es zunächst kurz auf die derzeitigen Verhältnisse in der westdeutschen Bundesrepublik einzugehen, denn nur mit dieser haben wir uns hier zu beschäftigen. Die Sowjetzone Deutschlands hat sich nämlich bisher nicht zu irgend einer Form der Wiedergutmachung geäußert, noch auch nur Einzelnen eine Restitution zuerkannt. Übrigens muss auch Österreich zu seinem vollen Anteil am Schadenersatz herangezogen werden.

Man darf wohl heute drei Hauptgruppen von Menschen in der Bundesrepublik unterscheiden:

1. Eine relativ kleine Gruppe von Nazis, die nichts vergessen und nicht zugelernt haben, und die durch das Gift des Judenhasses verseucht geblieben sind. Es sind jene Kreise um die Sozialistische Reichspartei. Bei ihnen handelt es sich um Berufsantisemiten, die es in jedem Land gibt und immer gegeben hat; gescheiterte Existenzen, die durch sinnlose Schlagworte ersetzen, was ihnen an eigener Persönlichkeit fehlt. Unter dieser ersten Gruppe, obwohl nicht mit den Neonazis identisch, fassen wir auch die Unbelehrbaren unter den arbeitslosen Berufsmilitärs zusammen, die Clubs und Vereine gründen und den Anschein erwecken, als ob hinter ihnen die Millionen deutscher Soldaten des Zweiten Weltkrieges ständen. Wegen des Projektes eines eventuellen deutschen Verteidigungsbeitrages wittert diese machthungrige Minorität von ehemaligen Hitlergeneralen, die knapp einem internationalen Militärtribunal entronnen sind, oder sogar vor ihm standen, Morgenluft. Durch ihr taktloses Auftreten tragen sie dazu bei, dass Deutschlands Kredit im Ausland geschädigt wird. Auch Angehörige der Deutschen Partei haben sich bisher nicht klar genug von dieser ersten Gruppe der Unbelehrbaren unterschieden.

2. Die große Masse des politisch amorphen und indifferenten Volkes, das 1945 mit Schrecken erkannte, wohin Hitler sie gebracht hatte, oft in Vorurteilen erzogen, aber dennoch teilweise offen für Belehrung und bereit zur Umkehr, wenn richtig angesprochen. Politisch unreif, weil nur kurze Zeit durch die Schule einer Demokratie gegangen, Untertanen ihrer jeweiligen Regierung.

3. Hunderttausende von Menschen, die 1945 erkannten, dass der Untergang des Dritten Reiches ihnen die Aufgabe auferlegt, Deutschland zu einer wahren Demokratie zu entwickeln, die Fehler einer Jahrhunderte langen Vergangenheit im deutschen Volke auszumerzen, bedingungslos und ganz gegen die Geißel des Judenhasses zu kämpfen; deutsche Menschen, von denen ein Teil in Hitlers Konzentrationslagern schmachtete; Tausende andere, denen Juden ihr Leben verdankten; Hunderte selbst aus der Emigration zurückgekehrt; deutsche Menschen, die aus dem Kriege heimgekommen erkannten, was sie von nun an zu tun haben. Es wäre immer schwer gewesen, den Umfang und die Zahl dieser Menschen zu erkennen, wenn nicht Erich Lueth und Rudolf Küstermeier ihre Aktion „Frieden mit Israel“ unternommen hätten. Aus dem Echo dieses Schrittes und dem der vorangegangenen Aktion Lueths gegen Harlan, war die große Zahl dieser Menschen guten Willens und anständiger Gesinnung aus allen Teilen der deutschen Bevölkerung zu erkennen.

Wenn auch das Bestehen einer solchen Minderheit innerhalb des deutschen Volkes – selbst in den Jahren des Hitlerterrors – höchst erfreulich ist, so wendet sich unser Blick dennoch zu jener Hauptgruppe, die die Masse des deutschen Volkes umfasst. Es ist die Tragik der Bundesrepublik, dass die Bundesregierung und die einzelnen Regierungen der Bundesländer teilweise nicht im Sinne der Elite des Volkes handeln, sondern allzu große Rücksicht auf jene amorphe Masse nehmen. Die Regierungen sind nicht antisemitisch oder böswillig, wenigen Regierungsmitgliedern kann etwas aus ihrem Verhalten in der Nazizeit vorgeworfen werden. Dennoch haben die Regierungen aber anscheinend immer noch nichtganz den Ernst und die Wichtigkeit des jüdischen Problems erkannt, trotz der Erklärung vom 27.9.1951, die zwei Jahre nach Bestehen der Bundesrepublik erfolgte, und daher nicht gerade als spontan bezeichnet werden kann. Man hat immer noch nicht verstanden, dass es sich bei der Schadenersatzleistung an den Juden um einen Akt elementarster Gerechtigkeit handelt, und dass die Millionen von Heimatvertriebenen, Ausgebombten, Kriegsversehrten und Kriegsgeschädigten niemals als eine Entschuldigung für bisher Versäumtes gelten können. Man kann zwar fortfahren, Dresden gegen Auschwitz aufzurechnen, die Zurückhaltung der Kriegsgefangenen mit den Deportationen der Juden zu vergleichen, aber man darf sich dann nicht wundern, dass in der gesamten jüdischen und nichtjüdischen Welt das Misstrauen gegen Deutschland fortbesteht. Daher kann die Judenfrage in Deutschland und für Deutschland gar nicht überschätzt werden, sie ist der Prüfstein für die Deutschen. Das deutschen Menschen klarzumachen, ist heute eine der Hauptaufgaben, gerade inmitten der ungeheuren Probleme, die der Zusammenbruch Deutschland aufgegeben hat. An der Einstellung zu den Juden muss, nach all dem, was deutsche Menschen Juden angetan haben, Deutschland heute beweisen, inwieweit das durch die reaktionäre Tradition und den Nationalsozialismus vergiftete deutsche Volk in Gesundung be-griffen ist und damit geeignet, ein gleichberechtigtes Mitglied in der europäischen Gemeinschaft zu sein.

Die Haltung der jüdischen Welt und besonders des Staates Israel war auch deshalb bisher Deutschland gegenüber ablehnend, weil man spürte, dass das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit wenige Zeichen des Willens zu einem neuen Anfang gezeigt hat; die Welt hütet sich, bloße Lippenbekenntnisse ernst zu nehmen. Zu viele billige Ausflüchte wurden und werden aufgetischt! Man muss sich doch einmal klar machen, was es eigentlich bedeutet, dass Deutsche 6 Millionen Juden ermordet haben! Wenn zu alldem jedoch noch Deutsche in verantwortlichen politischen und kirchlichen Positionen sich für wirkliche Kriegsverbrecher und geständige Massenmörder einsetzen und damit jede notwendige Distanzierung vermissen lassen, wenn ferner Naziaktivisten in führende Positionen berufen werden, so kann kein Jude und kein wahrer Demokrat dafür auch nur das geringste Verständnis aufbringen und wird geradezu den Verantwortlichen dieser Bundesrepublik aufs äußerste misstrauen. Darf denn etwa Vergebung für die Mitläufer gleich-bedeutend sein mit einer neuen Einflussnahme der Nazis? Wir können und wollen noch nicht glauben, dass wahrhafte Christen und gute Deutsche sich den Weg eines neuen Deutschlands so vorstellen. Wir wollen einstweilen annehmen, dass das genannte Verhalten eher aus Mangel an Verständnis und Feingefühl resultiert, als aus Böswilligkeit und dem Wunsche nach Renazifizierung. Aber es gilt hier schon den Anfängen zu wehren, die Bundesrepublik befindet sich bereits auf einem sehr gefährlichen Weg! Noch einmal: Dieser Prozess einer Restauration der Vergangenheit lässt sich nicht im geringsten mit der verständlichen Vergebung für die Mitläufer rechtfertigen.

Man wirft den Juden und dem Staate Israel Deutschland gegenüber ein übertriebenes Misstrauen vor. Aber: die Ursache für die ablehnende Einstellung des jüdischen Volkes liegt nicht allein in dem, was in der Vergangenheit geschah, sondern auch in dem, was in der Gegenwart nicht geschieht.
Das deutsche Volk hat bisher einfach nicht bewiesen, dass es den Willen hat, elementarste Gerechtigkeit zu üben.

Welche praktischen Möglichkeiten würden sich heute dafür bieten? Keine noch so eindrucksvollen parlamentarischen Erklärungen können Taten ersetzen, vollends werden keine noch so raffinierten Entschuldigungen, Verdrehungen und Ausflüchte das geringste Verständnis seitens der Juden finden. Nichts kann Taten ersetzen. Der einzige und mögliche Beginn eines Kontaktes zwischen Juden und Deutschen ist die Wiedergutmachung selbst. Der Terminus „Wiedergutmachung“, und das muss jeder Jude zutiefst empfinden, ist schief und falsch. Was geschehen ist, kann nie „wiedergutgemacht“ werden. Aber durch die Aufbringung des von Israel, das über eine halbe Million Juden aus deutschbesetzten Ländern aufgenommen hat, geforderten Reparationsbetrages und durch die individuelle Restitution zugunsten der wenigen in Deutschland noch überlebenden Juden, kann bewiesen werden, dass hinter den Worten vom 27.9.1951 überhaupt eine Wirklichkeit steht.

Der Staat Israel hat seine gerechten Forderungen gestellt, die in Warenlieferungen zu begleichen sein werden. Es handelt sich dabei um Forderungen, die die Bundesrepublik ohne jeden Zweifel zu leisten in der Lage ist. Der Staat Israel hat keine Freundschaftshand ausgestreckt; wer wollte das nach allem, was geschah, auch von ihm erwarten. Von der Erfüllung des Schadenersatzes wird es einstweilen abhängen, ob es wenigstens zu geordneten Beziehungen zwischen Israel und Deutschland kommen kann. Kein die Realität ernstnehmender Mensch kann nach dieser kurzen Zeit seit 1945 überhaupt mehr erwarten als geordnete Beziehungen, wer mehr verlangt, ist ein Illusionär. Gegen diese geordneten Beziehungen, falls Deutschland durch den Schadenersatz dem jüdischen Volke den Beweis seines Umdenkens erbringt, wenden sich heute in Israel nur zwei kleine Gruppen. Die einen, weil sie fürchten, dass dadurch etwas vergessen wird, was – wie wir Juden alle wissen – nie vergessen werden kann; die anderen (Kommunisten), weil durch eine Bereitschaft zur Zahlung der Reparationen seitens der Bundesrepublik die wahre Gesinnung der Sowjetzone, die bisher überhaupt keinerlei Bereitschaft zur Wiedergutmachung bekundet hat, allen klar erkennbar wird. Diesen beiden Gruppen kann man jedoch mit Nahum Goldmann das biblische Wort entgegenhalten: Du hast gemordet und sollst nun noch erben?

Ich brauche kaum zu betonen, dass auch die Aufbringung der Reparationen als solche Deutschland von der Schuld seiner traurigen Vergangenheit nicht loskauft. Alle gesetzlichen und behördlichen Maßnahmen müssen weit stärker, als es in den letzten Jahren geschah, ergriffen werden, um den Neonazismus, die nationalistische Restauration und den Antisemitismus zu bekämpfen und vor allem von innen heraus zu überwinden. Die Erziehung in diesem Sinne muss ganz anders als bisher vom Staate gefördert werden, und sie darf nicht nur privater Initiative oder etwa gar den Besatzungsmächten überlassen bleiben.

Dr. Israel Goldstern, Mitglied der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses, hat im Namen aller Juden auf der ganzen Welt gesprochen, wenn er sagte: „Wir können nicht aus dem Buch der Geschichte auslöschen, was das jüdische Volk von einer deutschen Regierung, welche im Namen des deutschen Volkes handelte und alle Kräfte des Deutschen Reiches zu befehligen vermochte, erlitten hat. Vergebung in diesem Sinne liegt unter keinen Umständen in der Macht unserer Generation. Es wird längere Zeit und eine neue Generation brauchen, bevor hier im Geiste das Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Man sagt uns, Deutschland wünsche jetzt Abbitte zu leisten. Um des gemeinsamen Menschseins willen möchten wir das gern glauben. Ob wir uns auch davon überzeugen können, wird nicht davon abhängen, was Deutschland sagt, sondern was Deutschland tut ...“


FrRu III./IV. Folge 1951/1952,  Nr. 12/15, Dezember 1951, S. 14–16 top