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Gertrud Luckner
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Israel Gelber

Erste Schritte auf dem Wege zum Frieden mit Israel

k) „Ich schenke Deutschland den Frieden.“

Aus einem „offenen Brief an Rudolf Küstermeier und Erich Lüth“
Jerusalem am Vorabend des Versöhnungstages....

Ich darf nicht für Israel und nicht für einen der Millionen Leidtragenden sprechen, doch darf ich ebenso wenig für mich selbst schweigen. Denn ich habe nicht nur die Grausamkeiten der SS und so mancher Mithäftlinge erlebt, sondern in der Hölle des Konzentrationslagers auch den deutschen Menschen.

Wenn ich des Einen nicht vergessen will, darf ich des Andern nicht vergessen.

Ihn, der unter den Bestien sein Menschentum bewahrte, will ich auch nicht vergessen. Ich bin kein Einzelfall. Jeder Jude, der lange Jahre Konzentrationslagers durchlebte, verdankt sein Leben deutschen Mitgefangenen. Sein Leben war außer Kurs, sein Tod mit der jüdischen Masse gewollt und nicht nur die SS, sondern auch zahllose Mithäftlinge waren zum Vollzug der Exekution entschlossen.

Da war aber der Jakob Kranzler, der Capo des gefürchteten Steinbruchkommandos, der seinen Juden Säcke umbinden ließ, damit die SS-Posten den Judenstern nicht erkennen sollten und der dem SS-Arbeitsdienstführer am Eingangstor Buchenwald laut erklärte, er werde seine Capobinde zurückgeben und lieber als Häftling mit dem Spaten arbeiten, wenn die SS seine Leute während der Arbeit störe; wo es doch nur die Juden seines Kommandos waren, die bei der Arbeit gestört wurden, indem sie ein gelangweilter SS-Mann tiefe Kniebeugen machen ließ, bis sie umfielen. Oder er nahm einem Juden die Mütze weg, deren Verlust mit 25 Hieben bestraft wurde, und warf sie hinter die Postenkette, um den Nacheilenden „auf der Flucht“ zu erschießen.

Doch dieser Kranzler, der nichts anderes war als ein kleiner deutscher Kumpel, der zeitlebens in Steinbrüchen schuftete und sicher keine zu großen Sympathien für Juden hegte, schützte diese auf einmal, als sie wehrlose Kreaturen im Konzentrationslager waren. Das trug sich im heißen Steinbruchsommer des Jahres 1938 zu, und am 3. April 1945 war es wieder ein Steinmetz Jacob mit Namen, der, als die Juden zum Todesmarsch aus Buchenwald gerufen wurden, die Judenlisten der Schreibstube in den Ofen warf ... Um alles zu schildern, was zwischen diesen Ereignissen liegt, muss ich wohl mehr Raum beanspruchen, als dieser Brief gewährt, doch erfahren Sie aus meinen Erinnerungen:

Es gab viele deutsche Kumpel, die mir persönlich halfen, denn viele göttliche Wunder und deren menschliche Werkzeuge waren notwendig, um mich sieben KZ-Jahre überleben zu lassen. Der Bibelforscher Steinbach, ein ehemaliger deutscher Artillerieoffizier und Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges, der Zimmermann Fröhlich, der mir an Sonntagen sein eigenes Essen gab, wenn die Juden ihren Sonntagsfasttag hatten, der Luis Zangerl, der mich auf die Liste der Maurer setzte, ohne dass ich ihn darum zu bitten wagte und mich so vor der Deportation nach Auschwitz bewahrte. Dann der Rauchlohner Alexander, ein Wiener Schlosser, der mich mit dem Feuer seines Blasebalges vor Lungenentzündung rettete, wenn ich vom Eisregen durchnässt zu ihm geflüchtet war und er mich innerlich mit seiner Frühstückssuppe erwärmte, die er mir einflößte, wenn meine erfrorenen Hände den Becher nicht halten konnten. Dann der letzte Capo des Pferdestalls, dessen Name ich nicht kenne und der meinen nicht kannte, mir aber trotzdem in der Nacht meiner Flucht vor dem Todesmarsch, zu dem die Juden Buchenwalds am 3. April 1945 antreten sollten, den Weg zum großen Heuschober wies, in dem ich mich 8 Nächte und 7 Tage verborgen hielt. Als ihn die SS zwang, den Heuschober nach Juden zu durchsuchen, lag ich plötzlich frei vor ihm, doch er deckte mich sogleich mit weicheren Heubündeln zu und erklärte dem Kommandoführer, er könne niemanden finden.

Solche Menschen allein könnten heute eine Brücke zwischen Juden und Deutschen bilden. Mit meinen Lebensrettern befinde ich mich in keinem Kriegszustand. Nun aber die Kardinalfrage. Was haben diese Retter der deutschen Menschenwürde heute in Deutschland zu sagen? Kennt man sie überhaupt? Man kennt General Chotitz, der den Trümmerbefehl von Paris sabotierte. Paris ist eine Messe wert und auch das Leben eines deutschen Generals, der mit seiner todesmutigen Attitüde gleichzeitig die Ehre der deutschen Armee zu retten versuchte. Ich will seinen Ruhm nicht schmälern, dennoch muss ich hier fragen: Was waren die jüdischen Konzentrationshäftlinge wert, für die deutsche Kumpel ihr Leben riskierten?

Und darum müssen Sie als Männer der Presse zuerst den wenigen Frauen und Männern das Wort erteilen, die selbstlos jüdische Menschenleben gerettet haben. Man suche nicht ihre Zahl künstlich zu vergrößern. Da Gott Sodom und Gomorrha verschonen wollte, wenn sich nur zehn Gerechte in ihren Mauern befunden hätten, kann Israel mitnichten eine dreistellige Zahl verlangen.

Bonn und Tel-Aviv mögen über Entschädigungssummen verhandeln. Die ethischen Probleme, die Frage der Menschenwürde müssen denen vorbehalten bleiben, die Menschenwürde in sich bewiesen haben.

Auf jüdischer Seite kenne ich einen Mann, den ich für würdig halte, seine Stimme in die Waagschale zu legen, denn er ist nicht nur ein Geretteter, sondern er war auch ein Retter. Leo Margulies, der Rabbiner der religiösen Juden Buchenwalds. Ein deutscher Jude, rein wie Kristall, der in dieser Hölle das Wort Gottes verkündete. Ich kenne seine Adresse nicht und weiß nur, dass er in den Vereinigten Staaten lebt, aber es dürfte Ihnen nicht schwer fallen, sie zu ermitteln. Lassen Sie Margulies zum Friedensproblem Stellung nehmen. Er ist ein Gerechter.

...Seither sind fünf Jahre verstrichen, jedoch nicht für meine teuren Toten, für die es keinen Zeitablauf mehr gibt. Jetzt eben sterben sie und alle Tage meines Lebens. Und doch werde ich morgen die Totengebete sprechen, wie es meine Religion vorschreibt. Ich bin Jude, und Jude sein verpflichtet. In jeder Hinsicht ... Ich schenke Deutschland den Frieden.

Schutzhaftjude Israel Gelber. KZ Buchenwald, Häftlingsnummer 2337.


(Aus Maccabi 10, Basel, 18.10.1951, 30.)

FrRu III./IV. Folge 1951/1952,  Nr. 12/15, Dezember 1951, S. 13 f.



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