Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv vor 1986 > 960  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Karlheinz Schmidthüs

Sonderausgabe: Friede mit Israel
1. Erste Schritte auf dem Wege zum Frieden mit Israel

Von Mainz 1948 bis Bonn 1951

Man darf bei der Erörterung und Darstellung des Weges der Versöhnung zwischen Deutschen und Juden nie vergessen, dass all unser guter Wille, alle unsere Anstrengungen und Bemühungen, all das also, was wir schon getan haben, gegenüber der Maßlosigkeit des wiedergutzumachenden Unrechts nur wenig bedeuten kann und erst Wirklichkeit gewinnt, wenn und soweit es von denen, die dies Unrecht erlitten haben, angenommen ist. Es darf also darin für uns keine Beruhigung geben, dass wir „schon getan haben“; es handelt sich immer noch um nicht mehr als erste Schritte, die freilich die Voraussetzung von unserer Seite für das sind, worum wir die andere Seite bitten und wozu wir ihre Antwort brauchen: Versöhnung und Frieden.

Wir schulden auch dem Bruder, gegen den wir gefehlt haben, für seine Vergebung nicht weniger, als der Katechismus als Voraussetzung für die göttliche Vergebung unserer Schuld aufzählt: die aufrichtige Reue aus Einsicht in das Böse unseres Tuns und Unterlassens; den festen Vorsatz, das Schuldigwerden nicht wieder geschehen zu lassen; die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens. Denn diese drei: Reue, Vorsatz und Wiedergutmachung sind keine formalen Bedingungen, sondern Anzeichen eines inneren Zustandes, der nötig ist, damit Versöhnung aufrichtig und wirklich geschieht, Anzeichen einer echten Bekehrung, in der der Mensch eines wahren Verhältnisses zu Gott und seinem Bruder wieder fähig wird.

Die Bekehrung des deutschen Volkes war die Hoffnung von 1945. Die Erschütterung, die es erlitt – und zu der die Enthüllung der furchtbaren Gräuel des Regimes, dem es mehr oder weniger willig gedient, jedenfalls aber nicht widerstanden hatte, nicht wenig beitrug –, schien bis in jene Tiefen der Seele zu reichen, in denen Bekehrung anheben muss. Aber die Hoffnung auf die plötzliche Bekehrung eines ganzen Volkes war wohl eine Überschätzung – mindestens der psychologischen – Wandlungsfähigkeit des durchschnittlichen Menschen. Was blieb und was bis heute geblieben ist, ist die Hoffnung, dass die Erschütterung das Volk williger machen würde, sich von nun an von den guten Kräften, die in ihm am Leben geblieben oder aufgewacht waren, einen langsamen und mühsamen Weg der Rehabilitierung führen zu lassen, auf dem es allmählich die innere und äußere Möglichkeit des Friedens mit den Völkern wiedergewinnen würde.

Wie die macht- und wirtschaftspolitischen Konstellationen seit 1945 diesen Prozess beeinflusst – gehemmt, gehindert, in andere Richtung gelenkt und anscheinend im Augenblick in ein für uns und unsere Nachbarn kritisches Stadium gebracht haben–, ist ein verwickelter Vorgang, dessen positive und negative Seiten in eben diesem Augenblick kaum abzuwägen sind. Unberührt davon aber blieb auf jeden Fall unser Verhältnis zu den Menschen, an denen wir am schuldigsten geworden waren, den Juden. Keine äußere Entwicklung konnte die Ungelöstheit dieses Verhältnisses beseitigen. Das trat zu Tage, als der Staat Israel sich weigerte, dem Beispiel von 47 Staaten, die den Kriegszustand mit Deutschland für beendigt erklärten, zu folgen. Die Friedenslosigkeit und Unversöhntheit zwischen Deutschen und Juden reicht in Tiefen der Schuld und des Leidens, die durch keine politischen Zweckmäßigkeitserwägungen zu verdecken, die nur durch einen vollgültigen, glaubwürdigen Akt der Sühne zu überbrücken sind. Auch hier wäre es freilich unrealistisch zu glauben, dass ein solcher Akt bewusst und reflektiert von einem ganzen Volke innerlich gleichzeitig vollzogen werden könnte. Auch hier kann kaum mehr verlangt werden, als dass dieser Akt repräsentativ gesetzt wird und dass ihm zunächst aus dem Vertrauen in diese Repräsentanz zugestimmt und die Zustimmung in der Folge durch unermüdliche Aufklärungs- und Erziehungsarbeit bewusster gemacht, gestärkt und vertieft wird.

Der Weg solcher repräsentativer Akte und solcher Arbeit ist in Deutschland zunächst innerhalb der christlichen Kirchen vorbereitet worden. Die Evangelische Kirche trat schon früh mit diesem Anliegen an die Öffentlichkeit. Innerhalb des deutschen Katholizismus wurde es zunächst von einem Kreise von Menschen getragen, die sich schon während der Verfolgungszeit des organisierten Hilfswerks für die Juden angenommen hatten und die sich mit anderen dann in unserer Freiburger christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft zusammenfanden. Aber als die deutschen Katholiken 1948 zum ersten Male seit dem Kriege auf dem Mainzer Katholikentag wieder an die Öffentlichkeit traten, machte sich der Katholikentag das Anliegen der christlich-jüdischen Versöhnung sofort rückhaltlos zu eigen, der Bochumer Katholikentag wiederholte die Mainzer Forderungen mit der Betonung ihrer Dringlichkeit, und in Passau-Altötting wurde die christlich-jüdische Arbeit zum ständigen Anliegen der Katholikentage erhoben.

Der Mainzer Katholikentag hat bewusst die notwendigen Bestandteile eines vollgültigen Aktes der Sühne hervorgehoben. Er sprach zunächst ein klares Bekenntnis der Schuld der Christen aus: der Schuld des harten Herzens gegen die Brüder, die die Verfolgung durch die Mächte, die in Wirklichkeit ebenso Widersacher der Christen wie der Juden sind, in ihrer vollen mörderischen Härte fast allein traf; der Schuld, aus Uneinsichtigkeit der schleichenden Vergiftung durch den Antisemitismus erlegen zu sein; der Schuld der Angst und Feigheit vor der Macht des Bösen.

Als zweites prägte er dann die Aufgabe ein, die aus dem Vorsatz, nicht wieder schuldig zu werden, erwächst: durch unermüdliche Erziehungsarbeit in Seelsorge, Schule und Haus die Lücken des christlichen Bewusstseins zu schließen, in die der antisemitische Irrtum über die Judenfrage eindringen kann, und jeden neu aufflammenden Antisemitismus unerbittlich zu bekämpfen.

Als drittes aber lässt er keinen Zweifel an der Pflicht der Wiedergutmachung in strengem Sinne, bei der es sich „nicht bloß um die gerechte Verteilung vorhandener Güter, sondern um die Rückgabe widerrechtlich entwendeter“ handelt. Der Bochumer Katholikentag bringt ein Jahr später noch einmal unzweideutig zum Ausdruck, dass diese Pflicht der Wiedergutmachung auch schon durch die Verzögerung der notwendigen Leistungen verletzt wird und fordert deren „unverzügliche Durchführung“.

Es hat dann freilich lange gedauert, bis auch die staatlichen Autoritäten sich entschlossen, sich zur Erfüllung der vollen Voraussetzungen für einen Frieden mit Israel in diesem Sinne zu bekennen. Der mutige Ruf Erich Lüths, den wir in unserer nachfolgenden Dokumentenveröffentlichung der Erklärung der Bundesregierung mit Recht voranstellen, und das große Echo, das er fand, waren sicherlich ein starker Anstoß zu diesem Akt. Sie waren ein Zeichen dafür, dass die Beunruhigung über die ungesühnte Schuld an Israel in den Herzen der besten Deutschen noch immer groß und wach ist. Aber auch der Inhalt der Regierungserklärung und die Tatsache, dass alle Parteien ihr zugestimmt haben, sind immerhin Ausdruck für das Bewusstsein des deutschen Volkes, dass zu Israel – wenn wir nun schon zu ihm zu sprechen versuchen – nichts Halbes und Ausweichendes gesagt werden darf. Das ist ein Grund, dass diejenigen, die unermüdlich für die Sühne und Versöhnung gearbeitet haben, auch zu so später Stunde noch Hoffnung haben dürfen.

Wir bitten Israel um Frieden. Es darf von uns verlangen, dass wir unsere Bitte glaubwürdig machen. Ein Zeichen dafür wird sein, dass wir beweisen, dass es uns um die Wiedergutmachung ernst ist und dass wir sie nicht mehr verzögern. Schwieriger und vielleicht letzten Endes entscheidender aber ist es, die Hoffnung auf eine echte Ausbreitung, Vertiefung und Bestärkung der Zustimmung zu jenem repräsentativen Akt der Reue und des Vorsatzes glaubwürdig zu machen, den die Regierung für das Volk geleistet hat.


FrRu III./IV. Folge 1951/1952,  Nr. 12/15, Dezember 1951, S. 3 f.



top