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Karl Thieme

2. Antisemitismus – Antiklerikalismus

Ein Vortrag am Bayrischen Rundfunk

Sie werden fragen, liebe Hörer: Was haben denn die Juden mit dem Klerus zu tun. Oder wieso kann man Antisemitismus mit Antiklerikalismus zusammenstellen?

Mancher wird sich dann vielleicht auf diese Frage die Antwort geben: Ach so, der Redner will sagen: Vom Antisemitismus geht der Weg zum Antiklerikalismus. Mit dem Antisemitismus hat Hitler angefangen und beim Antiklerikalismus ist er angekommen; – und wenn er gesiegt hätte, dann wäre heute in Deutschland vom christlichen Klerus vielleicht noch etwa eben so viel übrig wie schon länger in Russland.

Das ist zwar alles ganz richtig. Aber so ist unser Thema nicht gemeint. Sondern der Satz, den wir im Folgenden beweisen wollen, lautet so: Der Juden-Hass hat so gut wie gar nichts mit dem sogenannten ‚Rassen-Hass’ zu tun; die Juden-Feindschaft ähnelt weit mehr der Feindschaft gegen die Priester oder, wie deren Feinde sagen, gegen die ,Pfaffen’.

Wer am Mittwoch nach dem 3. Fastensonntag in die Kirche geht, der vernimmt dort eine Schriftlesung, die bis heute noch aus der Zeit vor mehr als tausend Jahren erhalten geblieben ist, wo man den Heiden, die getauft werden wollten, den Text der zehn Gebote Gottes für Israel in die Hand gab, um dieselben auswendig zu lernen, wie sie heute von den Kindern nach dem Katechismus auswendig gelernt werden. Wenn der Hörer dann zu Hause die Geschichte von der Gesetzgebung im biblischen Zusammenhang nachliest, dann stößt er auf einen erstaunlichen Spruch; er steht der Verkündigung der zehn Gebote voran und gibt an, welche Bedeutung diesem Reichs-Grundgesetz des Volkes Israel beiwohnt. Dieser Spruch nun lautet so: „...wenn ihr gehorsam auf Meine Stimme hört und Meinen Bund einhaltet, so sollt ihr vor allen Völkern Mein Eigentum sein auf besondere Weise, denn Mein sind alle Lande. Ihr aber sollt Mir ein priesterliches Königreich und ein heiliges Volk sein!“ (Ex 19,5 f.).

Hier wird also aus der Masse der von Gott geschaffenen und in Völker aufgegliederten Menschheit ein einziges Volk als Gottes besonderes Eigentums-Volk herausgesondert durch den Bundesschluss vom Berge Sinai, genau entsprechend wie aus der Menge der in ihre Berufsgruppen aufgegliederten Einzelmenschen ein einziger Stand herausgesondert wird durch die Priester-Weihe oder durch die feierliche Ordination. Und es wird diesem Volke ganz ausdrücklich von Gott Selbst gesagt: Ihr sollt Priester sein und Geheiligte! Nicht etwa nun im Sinne eines naturgegebenen oder sittlich wohlverdienten Vorrangs dieses Volkes: „Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der Herr Sich zu euch geneigt und euch erwählt; denn ihr seid weniger als alle Völker; sondern weil der Herr ... den Schwur hält, den Er eueren Vätern zuschwor“ (Dtn 7,7 f.). Das ist der alte Schwur an Abraham: „Ich will dich segnen – und du sollst zum Segen sein!“ (Gen 12,2). Also vor allem für die andern, nicht etwa nur für sich selbst ist das Priestervolk zur Segensübermittlung berufen, genau wie der Priester-Stand aus der Menge herausgesondert ist, um der Menge zu dienen.
Das ist unantastbare Offenbarungswahrheit für den gläubigen Menschen, für den Juden wie auch für den Christen, wofern dieser Christ nicht vergessen hat, dass auch der Heiden-Apostel Paulus im Römerbrief ganz ausdrücklich die Fortdauer dieser Auserwählung auch dem Jesus Christus noch ablehnenden Judenvolk bestätigt, weil es ja doch am Ende zum Gläubigwerden von Gott bestimmt ist. Aber sogar der Ungläubige wird sich leicht klarmachen können, was es für ein in alle Lande zerstreutes Volk und für dessen Verhältnis zu seinen Gastvölkern bedeutet, wenn diesem Volke eine Berufung gerade zum Priestervolk auf seinen geschichtlichen Lebensweg mitgegeben worden ist. Es bleibt ja da keineswegs bei bloß theoretischem Anspruch und Auftrag. Sondern mitten in der Praxis des Alltags wirkt sich das priesterliche Abgesondertsein des Juden höchst weittragend und folgenschwer aus.

So wie der Priester ja schon ganz äußerlich durch die Kleidung ausgesondert zu sein pflegt, welche ihn von ,gewöhnlichen Menschen’ unterscheidet, so ist es der streng gesetzestreue Jude durch Haar- und Barttracht. Er kann diese äußeren Zeichen seiner Berufung so ernst nehmen, wie es Christenmenschen geistlichen Standes auch können. In dem gerade durch seine beherrschte Sprache erschütternden Buche des Münchner Briefmarkenhändlers Jakob Littner über seine polnischen Ghetto-Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs ‚Aufzeichnungen aus einem Erdloch’ lesen wir: „Junge Burschen haben es zu einer Mode gemacht, alten und frommen Juden die Bärte abzuschneiden. Sie finden dies einen herrlichen und harmlosen Spaß. Der Synagogendiener, ein alter, frommer Israelit, hat sich am Abend des Tages, an dem ihm dies passierte, erhängt.“ Dieser Mann mag vergleichsweise wie eine Nonne gefühlt haben, der man ihr Habit vom Leib heruntergerissen hätte.

Zur Aussonderung durch die Kleidung kommt die Aussonderung durch die Wohngemeinschaft. Sie ergibt sich einfach durch die Tatsache, dass der gesetzestreue Jude liebt, in der Nähe der Synagoge zu wohnen. So ist das ‚Juden-Viertel’ entstanden, längst bevor es – zuerst in Venedig – ein obrigkeitlich vorgeschriebenes Zwangs-Ghetto für die Juden gegeben hat: Das Juden-Viertel, das man als eine Art ,Laien-Kloster’ bezeichnen könnte, weil auch hier ausgesonderte Menschen in besonderer Weise zu strengerem Gottesdienst zusammengeschlossen sind, – und weil auch hier sich manchmal Kostbarkeiten häufen, die den Pöbel zur Plünderung anreizen können. Geld und Gut besitzen, aber keine Waffen, das ist noch immer eine gefährliche Art von ‚Wohlstand’ gewesen und hat nicht nur die Diener Gottes nach dem alten Buchstaben-Gesetz viel Blut gekostet, sondern so manches Mal auch die Gottesdiener im Neuen Bunde; in Bauernkrieg, Bildersturm- und Revolutionszeiten. Noch gründlicher trennend aber als die Aussonderung durch das Äußere und durch das Zusammenhausen wirkt die doppelte Aussonderung durch das Verbot der Versippung und erst recht durch das der gemeinsamen Mahlzeiten in Gestalt der Pflicht für den gesetzestreuen Juden, nur koschere, d. h. im Sinne des Gesetzes ,reine’ Speisen zu essen. Die faktische Unmöglichkeit verbrüdernder Tischgemeinschaft zwischen Juden und Nichtjuden hat das alte Gottesvolk vielleicht mehr aus den Völkern herausgesondert als irgend etwas sonst.

Und so lebte dieses Volk unter den andern, in ihrer Mitte, aber doch von ihnen getrennt, manchmal wohlhabend, aber doch immer wehrlos, mit einem Heils- und Heiligkeitsauftrag, aber doch mit so besonderen Vorstellungen vom Heilsweg, dass von diesen Vorstellungen immer nur wenige angezogen werden konnten, viele abgestoßen werden mussten; vollends gerade seitdem Heiden in Menge dasselbe Gotteswort anerkannten wie die Juden, es aber genau entgegengesetzt verstanden! Und gar erst recht, seit ein mehr als fragwürdiger bischöflicher Byzantiner Höfling als erster die unbiblische Verleumdung vom ,Gottesmord’ gegen die Juden geschleudert hatte! (Eusebius, vgl. o. S. 8!). Da half es nichts, dass Jesus Christus selber am Kreuz, dass der Apostelfürst Petrus ihnen in der Halle Salomons ihre Unwissenheit bezeugte und der Heidenapostel Paulus sich anschloss; half nichts, dass ein Kirchenlehrer wie Augustin ausdrücklich gegen den Widersinn dieses Wortes vom Gottes-Mord protestierte. Das Wort war doch viel zu schön für den Pöbel, der einen Vorwand brauchte, um seine niedrigsten Instinkte an den Wehrlosen auszutoben! Und genügte der alte ‚Gottesmord’ nicht, so tat es die ‚Hostienschändung’ oder die ‚Verwendung von Christenblut’. Tat es? Tut es noch bis heute, wie vor wenigen Monaten in diesem Lande gerichtsnotorisch wurde. Und für die vermeintlich ‚Gebildeteren’ taten es andere Fälschungen wie die ,Protokolle der Weisen von Zion’. – Ja, was gibt es denn dem ähnlicheres als die Fülle von Verleumdungen und Legenden, wie sie Jahrhunderte lang gegen die Jesuiten verbreitet wurden und zweifellos im Flüsterton auch heute noch mancherorts verbreitet werden? Blicken wir aber auch auf die andere Seite! Wie muss denn empfinden, wer ständig ausgesondert gleichsam auf dem Präsentierteller lebt und sich gerade von den Minderwertigsten verspottet, verdächtigt, viel- leicht verfolgt sieht? Muss er nicht ein gestörtes, manchmal übertriebenes, manchmal erschüttertes Selbstbewusstsein entwickeln? Muss er nicht manchmal wünschen, bloß Mensch unter Menschen sein zu dürfen, die Kennzeichen abzulegen, welche ihn aussondern, nicht als ‚Priester’ zu erscheinen, nicht als ,Jude’, einfach als einer von vielen?

Und vollends, wenn einen das Joch des Gesetzes" zu sehr drückt oder wenn einem die Last der Gelübde zu schwer wird, wenn er abfällt und doch das unauslöschliche Siegel nicht loswird; wenn er nicht mehr Priester sein will und doch ewig der abgefallene Priester bleibt; wenn er nicht mehr zu Israel gehören will und doch mit jedem angenommenen Namen für die andern der ,Jude’ ist und zuletzt auch vor sich selber der Mensch mit diesem Jahrtausenderbe bleiben muss, – sind nicht auch dann die dadurch entstehenden Konflikte mit sich und den andern nirgends ähnlicher als beim Israeliten und beim Kleriker?

Reichen diese Ähnlichkeiten nicht sogar bis in den Bereich der Witze hinein, weil nur der Priester den Priester, nur der Jude den Juden so gut kennt, dass ihm jene Stellen auffallen, wo die Größe der Verpflichtung mit der Kleinheit allen Menschentums in solchen Konflikt gerät, dass wir darüber nur lachen können, – um nicht über uns weinen zu müssen?

In einer jüdischen Legende heißt es: „Israel hat Fehler ohne Zahl, gehasst aber wird es wegen seiner Tugenden.“ Welcher Gläubige nun wollte im Ernst bestreiten, dass auch der christliche Priester nicht wegen seiner „unzähligen Fehler, Sünden und Nachlässigkeiten“ gehasst wird, die er täglich beim Opfergang bekennt? Das alles sind Vorwände, leider allzu oft bequemgemachte Vorwände, bei den Priestern wie auch bei den Juden. Aber der tiefste Grund des Priesterhasses wie des Judenhasses ist nicht dieses oder jenes Versagen des Priesters oder des Juden auf dem vorgeschobenen Posten der Menschheit, auf den sie beide gestellt sind. Der tiefste Grund des Antiklerikalismus wie des Antisemitismus ist der Aufruhr gegen den Gott, als dessen Zeugen der Priesterstand und das Priestervolk unter den Menschen stehen.

Ob man an diesen Gott glaubt oder nicht, das wird für jeden einzelnen Menschen von sehr vielen und sehr verschiedenen Umständen seines Lebens abhängen. Gerade wer als Christ den Glauben für ein Gnadengeschenk hält, der wird sich hüten, von vornherein über irgend einen andern abzusprechen, dem dieses Geschenk nicht, vielleicht noch nicht, zuteil ward. Davon, ob einer glaubt und was einer glaubt, wird natürlich auch abhängen, ob er zu den Dienern des Gottes, den Jesus Christus Seinen Vater nannte, ein engeres oder lockereres Verhältnis hat. Der diabolische Hass aber, der gegen diese Gottesdiener aus Hass gegen diesen Gott in der Hitler-Zeit gesät wurde, der wird heute wohl von allen Menschen, die guten Willens sind, mit letzter Entschiedenheit abgelehnt; damit will kein anständiger Deutscher mehr das Geringste zu tun haben. Ganz genau im gleichen Sinne und aus dem gleichen Grunde ist der diabolische Judenhass, der Antisemitismus, eine Haltung, die der anständige Deutsche zu scheuen hat wie die Pest; und vollends der Christ. Denn der Christ glaubt an das Wort, das der lebendige Gott zu Abraham und zu seiner Nachkommenschaft gesprochen hat: Ich segne, die dich segnen, und die dich verwünschen, verfluche Ich (Gen 12,3). Wie auch Christus dann zu den Aposteln und ihren Nachfolgern sprach: Wer auf euch hört, hört auf mich. – Wer die Jünger beschimpft, der schmäht den Meister; wer die Juden verleumdet, der lästert Gott.


FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 8/9, August 1950, S. 12–14 top