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Gertrud Luckner
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1 e) Thesen christlicher Lehrverkündigung im Hinblick auf umlaufende Irrtümer über das Gottesvolk des Alten Bundes

(Die 1950 in Schwalbach gemeinsam von evangelischen und katholischen Theologen revidierte Fassung der Seelisberger Thesen von 1947)

1933 begann mitten im Frieden und ohne den leisesten Rechtsgrund die langsame Erdrosselung des dem Judentum zugehörigen Teils der deutschen Bevölkerung, um sich im Zweiten Weltkrieg zum systematischen Massenmord an der europäischen Judenschaft auszuwachsen, dem Millionen von unschuldigen Männern, Frauen, Kindern und Greisen zum Opfer gefallen sind. Unter den Christen haben zwar einzelne den Verfolgten tapfer geholfen, die große Mehrzahl aber hat gegenüber dieser unerhörten Herausforderung des barmherzigen Gottes durch die Verfolger schmählich versagt. Auch Gottes Gerichtssprache zu dem deutschen Volke während der letzten Jahre ist vielfach nicht verstanden worden.

Erst allmählich beginnen sich, angeregt durch verschiedene Kundgebungen aus den beiden großen christlichen Kirchengemeinschaften, kleinere Kreise auf die wirklichen Grundlagen und die Erfordernisse des Verhaltens von uns Christen zu den Juden zu besinnen. Trotzdem droht die Gefahr, dass der allenthalben neu aufkeimende Antisemitismus unausrottbar tiefe Wurzeln schlägt und seine öffentliche Bekämpfung im Namen der Wahrheit Christi bald wieder gefährlich wird. Darum gilt es, allen christlichen Verkündigern und Lehrern in Kirche und Schule zu zeigen, wie unlösbar wir als das Volk des Neuen Bundes mit dem Alten Gottesvolk verbunden sind. Es muss jedem Theologen und Religionslehrer die Verantwortung klar werden, welche mit der Behandlung unseres Verhältnisses zu den Juden auf ihn gelegt ist. Um den Sinn für diese Verantwortung wachzurufen und einige Handreichung für eine Gottes Wort gemäße Besinnung hierauf zu bieten, haben evangelische und katholische Theologen die folgenden Thesen gemeinsam als Richtlinien für die Predigt und den Religionsunterricht aufgestellt.

Als selbstverständlich ist dabei vorausgesetzt worden, dass unser Herr Jesus Christus uns allen Menschen gegenüber zu einer Haltung verpflichtet, wie er selbst sie eingenommen hat. Ebenso grundlegend und selbstverständlich ist bei der Behandlung von Christi Kreuzestod und des Martyriums seiner Nachfolger, dass ihn letztlich die Sünden aller Menschen ans Kreuz gebracht haben und dass die der Christenheit besonders streng zu beurteilen sind, weil ihr besonders reiche Gnadenhilfe angeboten ist (vgl. Lk 12,48b!). Gerade aus dem endlich wachgewordenen Gewissen für vielfache, alte und neue, christliche Sünden an jüdischen Menschen stammt die Hellhörigkeit, welche neu vernehmen ließ, was Gottes Wort über Sein Altes Bundesvolk wirklich sagt und was im Folgenden ohne jedes Ausweichen vor irgend einer echten Schwierigkeit und ohne irgend- welche Verharmlosung auch des vorläufig Trennenden auszusagen versucht ist.

  1. Ein und derselbe Gott spricht durch das Alte und das Neue Testament zu allen Menschen. Dieser einzige Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Moses’ und der Propheten. Wo wir Christen nicht an diesen einzigen Gott glauben, da bekennen wir statt seiner einen falschen Gott, selbst wenn wir ihn den Vater Jesu Christi nennen, wie es schon der Irrlehrer Marcion im 2. Jahrhundert getan hat.

  2. Jesus ist aus dem Volke Israel, von einer jüdischen Mutter, aus dem Geschlechte Davids geboren worden. Durch ihn, den Sohn Davids, den Gesalbten Gottes, unsern Herrn und Heiland Jesus Christus, haben wir Erbanteil an der Erlösung, welche für Israel mit dem Kommen des Messias verbunden ist. So gewiss für unseren Glauben dieser erlösende Erfüller aller Verheißung in der Person jenes Jesus von Nazareth gekommen ist, so gewiss wird auch von uns Christen der Tag noch als künftiger erwartet, wo wir die offenbarwerdende Vollendung schauen werden.

  3. Die Kirche, die durch den Heiligen Geist begründet wird, besteht aus Juden und Heiden, welche in Christus miteinander versöhnt und zum Neuen Gottesvolk zusammengefügt werden. Wir dürfen nie vergessen, dass Juden einen wesentlichen Bestandteil dieser Kirche bilden, wie denn auch die Apostel und die ersten Zeugen Jesu Juden gewesen sind.

  4. Das vornehmste Gebot für jeden Christen, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, ist schon im Alten Testament verkündigt und von Jesus bekräftigt, also für Juden und Christen verbindlich, und zwar in allen menschlichen Beziehungen ohne jede Ausnahme.

  5. Weil also der Jude unter dem gleichen uneingeschränkten Liebesgebot steht wie der Christ (Mk 12,33 f.; Röm 13,8. 10), ist es Sünde, wenn man „die Juden“ biblischer und nachbiblischer Zeit „den Christen“ gegenüber selbstgerecht herabsetzt, statt nur das Evangelium als Erfüllung des Gesetzes zu bekennen.

  6. Es ist auch unbiblisch, wenn „die Juden“ mit den Feinden Jesu gleichgesetzt werden; denn gerade der Evangelist Johannes, auf den sich dieser Sprachgebrauch stützt, meint da, wo er jene Gleichsetzung zu vollziehen scheint, unzweideutig nicht die Gesamtheit der jüdischen Menschen, auch nur in der Stadt Jerusalem mit „den Juden“ (7,12 f.), sondern ausschließlich die maßgebende Mehrheit der dort damals religiös politisch bestimmenden Gremien (7,48 ff.). Dementsprechend darf beim Erzählen der Passionsgeschichte nie von jener „großen Menge Volkes“ geschwiegen werden, die um Jesus trauerte (Lk 23,27) und nach seiner Kreuzigung „sich an die Brust schlagend umkehrte“ (Lk 23,48).

  7. Es ist vor allem unbiblisch und unchristlich, die Passion Christi, der wir unser Heil verdanken, einseitig im Licht einer Schuld historisch bestimmter Menschen oder eines bestimmten Einzelvolkes zu sehen und darzustellen. Soweit Menschen urteilen dürfen, sind auf Grund der Aussagen des Neuen Testamentes als „schuldhaft“ in sehr verschiedenem Grade drei Verhaltensweisen von Zeitgenossen Jesu deutlich unterscheidbar:
  1. Das Tun und Lassen der verhältnismäßig Wenigen, welche irgendwie in das Geschehen um seine Kreuzigung verwickelt waren, angefangen von denen, die Anstifter der Tötung des Herrn wurden, weil politischer Ehrgeiz oder religiöser Fanatismus sie trieb, bis hin zu den Amtspersonen oder Jüngern, die aus Feigheit versagten.

  2. Das Verhalten der Unzähligen, die sich nicht entschließen mochten, sich von der Auferstehungsbotschaft der Apostel Jesu in Verbindung mit dem alttestamentlichen Schriftbeweis für seine Messianität eher überzeugen zu lassen als von den Argumenten, die gegen einen wegen Gotteslästerung und Aufruhr Hingerichteten zu sprechen schienen (vgl. Apg. 17,11, aber auch Lk 5,39!).

  3. Der Hass, mit dem ziemlich Viele die Anhänger Jesu verfolgten und verleumdeten (Apg 13,50; 14,19; 17,5 ff.; 18,12 ff.; – wobei aber nicht zu vergessen ist, dass im Gegensatz zu dieser Einstellung in der Antike sich schon seit dem mittelalterlichen Lehrer Maimonides immer häufiger jüdische Autoritäten dafür ausgesprochen haben, den getauften Heiden als Anbeter des wahren Gottes gelten zu lassen).

  4. Bei alledem dürfen wir überdies nie außer Acht lassen, dass wir Christen noch weit mehr Schuld auf uns laden, wo trotz unsrer Begnadung<

  5. wir uns dem politischen oder sozialen Messianismus ergeben und dabei zwangsläufig zuletzt den Heiland in seinen Gliedern wiederum ans Kreuz bringen;

  6. wo wir uns mit einem Lippenbekenntnis zu Gottes Offenbarung begnügen, statt die Schmach des Kreuzes anzunehmen, wie es der für uns gestorbene und auferstandene Herr als Anspruch auf unser ganzes Leben fordert; sollten wir doch vielmehr hinhören auf Warnungen und Verheißungen, wie Er sie uns beispielsweise dadurch gab, dass 1933–1945 zum ersten Male in der Geschichte Juden und Christen gemeinsam verfolgt worden sind;

  7. wo wir uns weigern, den gutgläubigen Andersdenkenden zu respektieren.
  1. Was für Gottes Bundesverhältnis zu Israel die Kreuzigung Christi bedeutet, ist ein innerhalb der unverbrüchlichen Treue Gottes zu Seinem Volke verborgener Ratschluss, den uns auch das Mittelstück des Römerbriefs (Kap. 9–11) nur andeutungsweise in den Grundzügen enthüllt. Wie allenthalben in der Geschichte dieses einzigartigen Volkes darf hier von Fluch nicht gesprochen werden, wo nicht erst recht der Segen bezeugt wird, den Gott letztlich Seinem Volke und mit ihm allen Völkern gewähren will, und von dem sich nur ausschließt – nach Gen 12,3 –, wer jenes verheißungsvolle Bundesverhältnis leichtfertig oder gar böswillig antastet. Für den Christen gilt überdies Christi Wort am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ – Der Ruf einer verhetzten Menge: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ muss von uns fürbittend gewendet werden in dem Sinne, dass dieses Blut zuletzt die erlösen möge, für die es zuerst vergossen wurde, darf aber nimmermehr missbraucht werden, um die Vergießung jüdischen Blutes als eine Art gerechte Strafe hinzustellen, zumal die alte Christenheit auch jüdische Blutzeugen als Märtyrer besonders eifrig verehrt hat.

  2. Die einzige Stelle des Neuen Testaments, wo das Wort ‚Verwerfung’ für das Schicksal der Juden gebraucht, ihr aber sofort die künftige ,Herzunahme’ des Alten Bundesvolkes zum Neuen und Ewigen gegenübergestellt wird (Röm 11,15), ist für die richtig einordnende Auslegung aller neutestamentlichen Verwerfungsaussagen maßgebend. Es ist offenbarungswidrig, von dem gesamtbiblischen Doppelurteil nur die eine – vorübergehend gültige – Hälfte zu verkündigen, ohne gleichzeitig deren aufhebende Überwindung durch die andere – endgültige – zu erwähnen. Dass der Juden Ja zu Jesus als das letzte Wort ihrer Geschichte von Gott verheißen ist und dass diese Verheißung Sein Ja zu den Juden verbürgt, das muss auch stets das letzte Wort christlicher Verkündigung von den Juden sein.

FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 8/9, August 1950, S. 9–11 top