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Gertrud Luckner
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Jules Isaac

1 b) Die 18 Thesen Isaacs aus „Jésus et Israél"

Es sei mir gestattet, den Christen guten Willens – im gemeinsamen Einverständnis über das Prinzip der notwendigen Erneuerung – die folgenden achtzehn Punkte, wenigstens als Diskussionsgrundlage, zur Prüfung vorzulegen:

Christlicher Unterricht, der dieses Namens würdig ist, sollte

  1. allen Christen wenigstens Elementarkenntnisse vom Alten Testament vermitteln und die Tatsache unterstreichen, dass das – nach Substanz und Form – echt semitische Alte Testament die Heilige Schrift der Juden war, bevor es die Heilige Schrift der Christen wurde;
  2. daran erinnern, dass ihm ein großer Teil der christlichen Liturgie entnommen ist und dass das Alte Testament – das Werk (von Gott erleuchteten) jüdischen Geistes – bis heutigentags eine ständige Inspirationsquelle für christliches Denken, christliche Literatur und Kunst gewesen ist;
  3. sich vor dem Weglassen der grundlegenden Tatsache hüten, dass Gott sich in seiner Allmacht zuerst dem von Ihm erwählten jüdischen Volk geoffenbart hat; sowie dass der grundlegende Glaube an Gott vom jüdischen Volke bewahrt und danach der christlichen Welt weitergegeben worden ist;
  4. auf Grund der wertvollsten historischen Forschungen anerkennen und loyal aussprechen, dass das Christentum nicht aus einem degenerierten, sondern aus einem lebendigen Judentum entstanden ist, wie es der Reichtum der jüdischen Literatur, der unbezwingbare Widerstand des Judentums gegenüber dem Heidentum, die Vergeistigung des Gottesdienstes in den Synagogen, der Ausstrahlungsbereich des Proselytentums, die Vielfalt religiöser Sekten und Richtungen, die Erweiterung der Glaubenslehre beweist; sich davor hüten, den historischen Pharisäismus als bloße Karikatur hinzustellen;
  5. ich darüber klar sein, dass die Geschichte ein ausdrückliches Dementi der theologischen Legende von der Zerstreuung – als providentieller Strafe (für die Kreuzigung) – gibt, da ja die Zerstreuung des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu vollendete Tatsache war und aller Wahrscheinlichkeit nach der größere Teil des jüdischen Volkes zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Palästina lebte; sogar nach den beiden großen jüdischen Kriegen (im ersten und zweiten Jahrhundert) gab es keine Zerstreuung der palästinensischen Juden;
  6. die Gläubigen vor gewissen redaktionellen Tendenzen der Evangelien warnen, besonders im vierten Evangelium vor dem häufigen Gebrauch der Kollektivbezeichnung „die Juden“ in einengendem und pejorativem Sinne – als Feinde Jesu: die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer, – ein Vorgehen, das letztlich nicht nur die historischen Perspektiven verfälscht, sondern der Gesamtheit des jüdischen Volkes gegenüber Abscheu und Verachtung einflößt, während in Wirklichkeit dieses Volk keinen Anlass dafür bietet;
  7. ganz ausdrücklich sagen, damit jeder Christ es wisse, dass Jesus Jude war, aus alter jüdischer Familie, dass er (nach jüdischem Gesetz) acht Tage nach seiner Geburt beschnitten worden ist; dass der Name Jesus ein gräzisierter jüdischer Name ist (Jehoschua), und Christus das entsprechende griechische Wort für das jüdische „Messias“ ist; dass Jesus eine semitische Sprache, das Aramäische, wie alle Juden in Palästina, sprach; und dass, wofern man die Evangelien nicht in ihrem Originaltext, der in griechischer Sprache gehalten ist, liest, man das Wort nur durch eine Übersetzung der Übersetzung kennt;
  8. mit der Heiligen Schrift anerkennen, dass Jesus, der „unter dem Gesetz“, d. h. unter dem jüdischen Gesetz, geboren wurde, „unter dem Gesetz“ gelebt hat; dass er bis zum letzten Tag nicht abließ, die dem Judentum eigentümlichen Riten zu praktizieren; dass er bis zum letzten Tage nicht davon abließ, sein Evangelium in den Synagogen und im Tempel zu predigen;
  9. nicht die Feststellung unterlassen, dass Jesus als Mensch nur „der Diener der Beschnittenen“ (Röm 15,8) gewesen ist; dass er allein aus Israel seine Jünger berief; alle Apostel waren Juden wie ihr Herr;
  10. deutlich nach den Evangeliumstexten zeigen, dass, bis auf seltene Ausnahmen und bis auf den letzten Tag, Jesus nicht aufgehört hat, die begeisterten Sympathien der jüdischen Volksmassen zu finden, in Jerusalem ebenso wie in Galiläa;
  11. sich vor der Versicherung hüten, dass der Mensch Jesus vom jüdischen Volk abgelehnt worden sei, dass dieses sich geweigert habe, ihn als den Herrn und Sohn Gottes anzuerkennen, und zwar aus dem zwiefachen Grunde, weil die Mehrheit des jüdischen Volkes ihn selbst nicht gekannt hat, und weil Jesus vor dem Teil des Volkes, der ihn kannte, niemals öffentlich und ausdrücklich als solcher aufgetreten ist; zugeben, dass aller Wahrscheinlichkeit nach der messianische Charakter des Einzugs Jesu in Jerusalem am Vorabend der Passionszeit, nur von einer kleinen Anzahl bemerkt werden konnte;
  12. sich vor der Versicherung hüten, dass zuallermindest Jesus von den Führern und qualifizierten Vertretern des jüdischen Volkes abgelehnt worden sei; die ihn gefangen nehmen und verurteilen ließen, nämlich die Hohenpriester, waren nur die Vertreter einer kleinen Rom unterwürfigen und vom Volk verachteten oligarchischen Kaste; was die Schriftgelehrten und Pharisäer betrifft, so geht aus den Evangeliumstexten selbst hervor, dass sie nicht einstimmig gegen Jesus waren; nichts beweist, dass die geistige Elite des Judentums an der Verschwörung teilgenommen hat;
  13. sich vor der Vergewaltigung der Texte hüten, um darin die globale Verwerfung Israels oder eine Verfluchung zu finden, die nirgends im Evangelium explizit ausgesprochen ist; sich darüber Rechenschaft geben, dass Jesus immer darum besorgt war, für die Volksmassen Mitleidsgefühl und Liebe zu bekunden;
  14. sich überdies vor der geläufigen und traditionellen Versicherung hüten, dass das jüdische Volk das unsühnbare Verbrechen des Gottesmordes begangen und dafür auf sich, im großen ganzen, die volle Verantwortung genommen habe; sich vor einer solchen Versicherung nicht nur zu hüten, weil sie schädlich ist, Hass und Verbrechen hervorbringt, sondern auch, weil sie von Grund auf falsch ist;
  15. die Tatsache ins Licht rücken und durch die vier Evangeliumsfassungen betonen, dass die Hohenpriester und ihre Mitschuldigen ohne Wissen des Volkes und sogar aus Furcht vor dem Volke (gegen Jesus) gehandelt haben;
  16. was den jüdischen Prozess gegen Jesus betrifft, anerkennen, dass das jüdische Volk weder etwas dafür kann noch irgendeine Rolle dabei gespielt hat; dass die Ausschreitungen und Brutalitäten, die man ihm zur Last legt, von den Wachen und einigen Oligarchen begangen worden sind; dass im vierten Evangelium kein jüdischer Prozess und kein Zusammentreten des Synedriums erwähnt werden;
  17. was den römischen Prozess betrifft, anerkennen, dass der Prokurator Pontius Pilatus völlig Herr über Jesu Leben oder Tod war; dass Jesus verurteilt worden ist wegen messianischer Prätentionen, was in den Augen der Römer, nicht in denen der Juden, ein Verbrechen war; dass das Kreuzigen eine typisch römische Strafe war; sich vor der Beschuldigung hüten, das jüdische Volk habe Jesus die Dornenkrone aufgesetzt, was ein grausames Spiel der römischen Soldateska war; sich davor hüten, die von den Hohenpriestern aufgestachelte Menge mit dem ganzen jüdischen Volk oder auch nur mit dem jüdischen Volk in Palästina gleichzusetzen, dessen antirömische Gesinnung außer Zweifel steht; festhalten, dass das vierte Evangelium die Hohenpriester und deren Leute als Anstifter angibt.
  18. schließlich nicht vergessen, dass der ungeheuerliche Ruf: „Sein Blut komme über uns und über unsre Kinder“ nicht mehr Geltung hat als das Wort: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 8/9, August 1950, S. 4 f.



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