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Gertrud Luckner
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5. Von der ‚Juden-Mission’ zum ,Dienst für Kirche und Israel’

Eindrücke von der Kasseler Studientagung ‚Kirche und Judentum’

Papst Innozenz III. ist einmal der Tendenz, die Juden aus Rom auszutreiben, mit der Begründung entgegengetreten, die Juden müssten unter uns bleiben, „denn sie erinnern uns an Gottes Gesetz". Im Zeichen dieses lapidaren Papstwortes, das der evangelische Christ jüdischer Herkunft, Prof. Dr. Hans Ehrenberg, in einem seiner Diskussionsvoten zitierte, stand weithin die zweite Nachkriegs-Studientagung über ‚Kirche und Judentum’, die der ‚Deutsche Evangelische Ausschuss für Dienst an Israel’ vom 27. Februar bis zum 3. März 1950 in Kassel veranstaltete.

Die Fülle des dort Gebotenen auch nur überblicksweise zu erschöpfen, scheint uns unmöglich, aber auch unnötig, da vor allem die beiden reichsten Referate gedruckt werden sollen: Das des Marburger Kirchenhistorikers Prof. Maurer über die geschichtliche Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Judentum, das in der ersten uns bekannt gewordenen Einordnung der sämtlichen wechselnden Stellungnahmen Luthers zu den Juden in seine Gesamttheologie gipfelte. – Und vor allem das meisterhafte Hauptreferat des Tagungsleiters, des Münsterer Neutestamentlers Prof. Dr. Rengstorf, über altes und neues Gottesvolk im Lichte der Bibel, das die stets deutlichere Diaspora-Situation beider in einer neuheidnischen Welt herausarbeitete und mit Nachdruck beklagte, dass diese neue Solidarität zwischen Kirche und Israel noch nicht klarer erkannt und bezeugt worden ist. (Gerade so sei das Judentum zum Suchen einer ‚politischen Lösung’ veranlasst worden, in Palästina, über deren theologische Beurteilung in Kassel nur kurz diskutiert wurde, Vorfrühling 1951 aber auf der dritten Studientagung in Düsseldorf eingehender gesprochen werden soll.) Im gleichen Geist trafen sich schon die sämtlichen Ansprachen des Eröffnungsabends; wie ein Leitmotiv wurde Bischof Dibelius’ Wort abgewandelt von „der unerlässlichen bußfertigen Besinnung der deutschen Christenheit auf ihren Anteil an der schweren Schuld gegenüber der Judenheit, die das deutsche Volk auf sich geladen hat und die immer noch nicht hinreichend erkannt und zugegeben wird.“

Besonders verantwortungsweckend wirkte der Ausspruch des Rev. Dr. De Jonge vom britisch-christlichen Hilfswerk, wonach die Welt aus Deutschland ein neues Wort zum Judentum erwartet; und als mutige Tat empfanden alle, die den Ernst der Probleme kennen, dass der Herausgeber der ,Deutschen Rundschau’ Dr. Rudolf Pechel erklärte: „Solange nicht von der gewählten Vertretung Westdeutschlands eine verbindliche und definitive Erklärung zur Bereinigung des Vergangenen abgegeben ist, eine Erklärung, wie sie bis jetzt nur Präsident Heuß für sich persönlich abgegeben hat, so lange müssen immer wieder wir Einzelne von diesen Dingen reden.“

Außer den erwähnten beiden Hauptreferaten brachte dann der erste Tag eine geschlossene Vorstellung des Auschwitz-Films ,Die letzte Etappe’; dass die darin gezeigten Leiden der Häftlinge hinter den wirklichen im Konzentrationslager vielfach zurückblieben, bezeugte als ehemaliger Insasse Dr. Pechel; andererseits war vor allem festzustellen, dass die wirkliche Hoffnungslosigkeit eines ,âge concentrationnaire’ (Rousset), eines Konzentrationslager-Zeitalters, überhaupt nicht zum Vorschein kam, weil die sowjetpolnische Tendenz des Filmes fast von Anfang an eine aussichtsreiche Widerstandsaktion und als ‚letzte Etappe’ deren Triumph zeigte.

Überaus treffend entwickelte am zweiten Tage Dr. Alfred Wiener, der Leiter der Londoner Wiener Library der größten Literatursammlung über den zeitgenössischen Totalitarismus, dass die Judenfeindschaft ja nichts anderes als eine Anfangsform universalen Hasses gegen alle Religionen und alles höhere Menschentum überhaupt ist. – Ergänzend machte Studienrat Dr. Nothmann, Fürth, die Unterscheidung zwischen politischem „Antisemitismus“, der durch Entwicklung des Rechtsgefühls bekämpft werden müsse, und menschlicher Aversion gegen die Juden, die durch besseres gegenseitiges Kennenlernen zu überwinden sei.I

n einem Rundgespräch mit Pastor Lic. Janssen, Hannover, als lutherischem und Prof. Thieme als katholischem Teilnehmer vermochte Dr. Nothmann am dritten Tage selbst zu solchem Kennenlernen beizutragen, wie es s. E. nur durch persönliche Begegnung, nicht durch Literatur zu erreichen ist. Er entwickelte nüchtern aber eindrucksvoll die Haltung des gesetzestreuen „Thora-Juden“, der nur fragt, was Gott ihm gebietet, nicht aber, was Gott ist und wie er seine Verheißungen erfüllen wird.

Die ganze Tagung wurde regelmäßig eröffnet durch Betrachtungen von Prof. Dr. Oepke, Leipzig, über die für das Thema ‚Kirche und Judentum’ entscheidenden Kapitel 9–11 des Römerbriefes, woran sich am vierten und letzten Tage eine Aussprache eben darüber anschloss. Die Gewissheit, dass Gottes Verheißungen für sein altes Bundesvolk unverändert gelten und nur in bestimmter Hinsicht vorübergehend ihre Auswirkung unterbrochen ist, wurde auch durch Prof. Oep- kes Auslegung bestätigt.

Neben den Referaten her liefen meist in kleinerem Kreise ungemein anregende Gespräche, vor allem mit den beiden Vertretern des niederländischen „reformierten Rates für Kirche und Israel“ Pfarrer Grolle, Utrecht, und Pfarrer Kroon, Amsterdam. Es war zu spüren, dass die Holländer aus der gemeinsamen Verfolgungssituation besonders weitgehenden Anstoß zur theologischen Arbeit geschöpft und eine Menge Beiträge zum Verständnis des Neuen Testamentes anzubieten haben, über die noch viel nachzudenken und auszutauschen sein wird. (Z. B. dass die Kirche im eigentlichen Sinne die Gemeinschaft der Versöhnung zwischen Heiden und Juden ist.)

Neben der internen Arbeit der Studientagung liefen öffentliche Veranstaltungen für die Kasseler evangelische Gemeinde. Pfarrer G. Hedenquist, Stockholm, zur Zeit als neuer Generalsekretär des Internationalen Komitees für „Christian approach to the Jews“ in London, Dr. Otto Freiherr von Taube, Gauting, und Pfarrer Freudenberg, Bad Vilbel, forderten nachdrücklich auf, die Verschwörung des Schweigens mit Bezug auf unsere Schuld gegenüber Israel zu brechen. Auch der Kasseler Landesbischof Dr. Wüstemann fand in Ansprache und Predigt ergreifende Worte über die Möglichkeit echter Reue – im Frieden Jesu Christi. Und die Gesamtheit der evangelischen Teilnehmer bat die Synode der EKID um ein öffentliches Wort der Versöhnung (vgl. S. 23).

Aufs Ganze gesehen bedeutete diese Kasseler Tagung gegenüber der Darmstädter von 1948 einen gewaltigen Schritt voran, indem an die Stelle eines bloß „missionarischen“ Besitzerstandpunktes mehr und mehr das echte, auch hinhörende Gespräch tritt. Der katholische Christ kann nur hoffen, bald auch unter eigenen Glaubensgenossen ähnliche fruchtbare Gespräche führen zu können. In dieser Richtung war es ein verheißungsvolles Zeichen, dass der Hochwürdigste Herr Erzbischof von Paderborn in der Person von Prof. Dr. Josef Höfer seinen Referenten für interkonfessionelle Fragen nach Kassel entsandt hatte und dieser starke Eindrücke von Ernst und Fruchtbarkeit der dort geführten Gespräche empfing.


(Aus „Der christliche Sonntag“ Nr. 13 v. 26. März 1950.) FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 7, April 1950, S. 14 f.



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