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Karl Thieme

Das Mysterium Israels (II. Teil)

Gottes Wort über die Juden in Pauli Römerbrief

Fortsetzung und Schluss des Kommentars zu Römer, 9–11

c) Auch den Juden hat Gott diese Glaubensgerechtigkeit angeboten, aber schon angekündigt, dass ihnen die Heiden darin zuvorkommen würden (10,11–21)

  1. „Es spricht ja die Schrift: ein jeder, der auf Ihn sein gläubiges Vertrauen setzt, wird nicht zuschanden werden. –
  2. Es ist nämlich kein Unterschied zwischen Jude und Hellene; Derselbige (ist)ja Herr über alle und erweist sich als (gnaden-)reich zu allen, die Ihn anrufen.
  3. Denn: Ein jeder, der den Namen des Herrn
  4. anruft, wird gerettet werden. – Wie nun sollten sie (Den) anrufen, an Den sie nicht gläubig geworden sind? Wie aber (Ihn) gläubig annehmen Den sie nicht gehört haben? Wie aber hören ohne einen Verkündiger?
  5. Wie aber sollte man verkündigen, wenn man nicht gesandt wäre? Als da geschrieben steht: Wie lieblich sind die Füße derer,
  6. die Gutes als Botschaft bringen! – Nicht alle freilich sind der guten Botschaft gehorsam geworden; denn Isaias spricht: Herr, wer hat Glauben
  7. geschenkt dem, was wir zu hören gaben? – So kommt denn der Glaube vom Hörenlassen, das Hörenlassen aber durch Christi Rede.
  8. Aber ich sage: Haben sie etwa nicht gehört? – Gewiss doch: Über die ganze Erde ist ausgegangen ihr Schall, und zu den Grenzen des Weltkreises
  9. ihre Rede! – Jedoch, sage ich, hat Israel etwa nicht erkannt? Als erster antwortet Moses: Ich selbst mach euch eifersüchtig auf ein Nicht-Volk; auf ein unverständig Volk entzünd’ Ich euern Zorn.
  10. Isaias aber wagt. es und spricht: Finden ließ Ich Mich von denen, die Mich nicht suchten; offenbar ward Ich denen, die nicht nach Mir gefragt. –
  11. Zu dem Israel aber spricht Er: Den Ganzen Tag hab’ Ich ausgestreckt Meine Hände nach einem Volke, das nicht gehorchen will und widerspricht“ (V. 11–21).

Nach der Enthüllung, dass der ,Stein des Anstoßes’ und zugleich ‚köstliche Eckstein’ kein anderer als Jesus Christus ist (9,33; 10,4 ff.) greift der Apostel nun nochmals das erst jetzt in seiner ganzen Sinnfülle verstehbar gewordene Isaias-Wort auf, wonach keiner zuschanden wird, der auf Ihn, diesen lebendigen Eckstein des lebendigen Gottes-Tempels vertrauensvoll aufruht. Diese Gewissheit ergänzt und bestätigt auch ein anderes Gottes-Wort durch den Propheten Joel (3,5), wonach gerettet wird am Gerichtstag, wer immer den Namen des ‚Herrn’ anruft, – als welcher der Jesus-Name dem Gläubigen offenbar geworden ist (10,9; vgl. Apg 2,21.36); das gilt gleichermaßen für Juden wie für Heiden, weil Gott an allen den Reichtum Seiner Herrlichkeit kundmachen will (V. 11–13; vgl. 9,23.24 ff.; Eph 1,7.12).

Der Apostel macht und beantwortet sich selbst nun (V. 14–17) einen Einwand, der bis heute (von jüdischer Seite) wiederholt worden ist; Wie konnte denn die große Menge der Diaspora-Juden Jesus als Herrn anrufen, ohne vorher für den Glauben an ihn gewonnen zu sein? Wie aber dieses, ohne ihn haben anhören zu können? – In den beiden nächsten Fragen steckt schon die Antwort: Hat es denn nicht Verkündiger gegeben, die man hätte anhören können? Waren es nicht formell autorisierte ‚Gesandte’, ,Apostel’ gewesen? Sollte nicht in dem Isaias-Wort, das gerade die ‚Füße’ des Freuden-Boten, des ‚Evangelisten’ preist (62,7), ein Hinweis auf diesen Gesandten-Charakter verborgen sein, wenn es da hieß: „Sieh, wie anmutig sind auf den Bergen / Die Füße des Freudenboten / welcher hören lässet: Friede / welcher Gutes als Frohbotschaft bringt; / welcher hören lässt: Befreiung! / spricht zu Sion: Königtum trat an dein Gott!“ Wort und Auftrag Christi war doch wahrlich ergangen, solches ,hören zu lassen’; und so hätte auch wahrlich „der Glaube vom Hörenlassen“, fides exauditu, kommen können und sollen. Aber derselbe Isaias hatte ja schon gleich im nächsten großen Lied seines Trostbuches (40 ff.) auch klagen müssen: Wer hat denn dem, was es da zu hören gab, dieses gläubige Vertrauen geschenkt? Oder, fährt Paulus fort (V. 18–21), haben jene, die Juden, es etwa nicht zu hören bekommen? – Unsinnig, das zu meinen, da ja „bis an die Enden der Erde“ (Apg 1,8), d. h. eben zu den „Römern“ (Apg 2,10; vgl. zu 12,17!) das Zeugnis der Christus-Gesandten, der Apostel schon hinausgedrungen ist, wie es der Sänger des 19. (18.) Psalms schon angekündigt hatte! –

Am Hörenlassen von Gott aus hat es also wahrhaftig nicht gefehlt, wohl aber am Verständnis, an der ‚Erkenntnis’ von Seiten Israels in seiner Masse (V. 19; vgl. Lk 19,42!). Und das braucht nun nicht erst Saulus-Paulus zu sagen; das bezeugt als erster schon kein Geringerer als Moses, wo Gott durch ihn ankündigt, Er wolle Sein eigenes, den lebendigen Grundstein (Dtn 32,15) verwerfendes Volk, das Ihn eifersüchtig machte durch Hingabe an ‚Nicht-Götter’ (32,16 ff.; vgl. Mt 6,24; 7,15; 15,8 f.; 23,6 ff.), nun Seinerseits eifersüchtig machen durch die Begnadung eines religiös ‚unverständigen’ Nicht-Volks, eben der Heiden; wenn sogar die verstanden hätten, hätte dann etwa Israel nicht erst recht verstehen können? Und wenn es vollends bei Isaias (65,1) heißt, dass jene, die sich überhaupt nicht um Gott bekümmert hatten, Ihn finden, Seine Offenbarung erleben durften, weist nicht auch das auf die Überdeutlichkeit dieser Offenbarung hin, so dass wahrlich für die Juden kein Grund vorliegt, Gott, wohl aber für Ihn Sein Volk anzuklagen. Und so tut Er es denn mit dem erschütternden Wort gleich im nächsten Vers bei Isaias (65,2) von den vergeblich nach dem widerspenstigen Volke ausgestreckten Händen – „den ganzen Tag“, den ganzen Gnaden-Tag des Einst von Moses bis zu Jesus und auch seitdem wiederum den ganzen Gnaden-Tag des ‚Heute’ zwischen Christi Himmelfahrt und Wiederkehr entlang (Hebr 4,7).

Anmerkungen
Zu V. 19: „Hat I. etwa nicht erkannt?“ muss wegen der genauen Parallele V. 18 „etwa nicht gehört“ mit Blaß-Debrunner (Ntl. Gramm. § 427,2) zunächst als Frage verstanden werden, auf die ein ,Nein, es hat!“ erwartet wird: „Erkannt“ Im Sinne des Erkennen-Könnens hat es schon. Trotzdem scheint uns beachtlich, dass der Apostel nicht nochmals fortfährt: „Gewiss doch!“ Denn Israel hat ja tatsächlich ,nicht erkannt’, weil es am Wollen fehlte, wie Paulus nachweist. Darum erinnert Sickenberger mit Recht zur Stelle an Lk 19,42; vgl. auch Lk 11,52; Mt 13,11.13 ff.
Zu V. 21: „zu Israel aber“ beweist, dass Paulus sich (ganz ähnlich wie Os 2,25 in Röm 9,25 f.; vgl. oben 2c!) den vorangegangenen Vers derselben Isaias-Prophetie an die Heiden gerichtet vorstellt; wie akzeptabel dies (im Gegensatz zum heutigen philologischen Verständnis der Stelle s. Zt. erschien, zeigt eine Talmud-Stelle bei Strack-Billerbeck (III, 285), wonach noch im 4. Jhdt. ein Rabbi hier an Rahab und Ruth dachte, von denen sich Gott ungesucht finden ließ. (Vgl. Mt 1,5!)

4. Das alte Israel ist aber nicht endgültig verstoßen, sondern nur teilweise verhärtet, um der Heiden Rettung zu erleichtern und die eigne so verheißungsgemäß zu gewinnen (11,1–32).

Paulus beantwortet nun die Fragen, die 9,6–29 offen geblieben waren: Jener ,Rest’ Israels, von dem 9,27 die Rede gewesen war, enthüllt sich jetzt als Bürgschaft dafür (11,5), dass dieses Volk nicht verloren ist, ganz im Gegenteil hat sein Straucheln einen positiven Sinn (11,1–15). Möge sich der Heiden-Christ vor jedem Hochmut gegenüber dem angestammten Gottesvolk hüten (11,16–24), vielmehr beherzigen, dass Gottes Gnadengaben diesem Volke letztlich unverscherzbar aufbewahrt bleiben, also auch ganz Israel heimkehren wird (11,25–32).

a) Gott hat Sein Volk weder endgültig verstoßen noch sinnlos scheitern lassen (11,1–15).

  1. „Ich sage nun: Hat etwa Gott Sein Volk verstoßen? Nimmermehr! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Same aus dem Stamme Benjamin.
  2. Nicht verstoßen hat Gott Sein Volk, das Er vorher erkannt hat. Oder wisst ihr nicht, was bei Elias die Schrift sagt,
  3. als er vor Gott gegen Israel eintrat: Herr, sie haben Deine Propheten getötet, Deine Altäre zertrümmert; ich allein bin übriggeblieben, und sie
  4. trachten mir nach dem Leben. Aber was sagt da die Weisung für ihn: Siebentausend Männer habe Ich Mir übriggelassen, die nicht ihre Knie gebeugt haben der Baal(-Schande)! –
  5. So nun ist auch in der jetzigen Entscheidungszeitein Rest gemäß der Gnadenauswahl vorhanden;
  6. wenn aber durch Gnade, dann nicht mehr aus Werken, sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade.
  7. Was denn nun? Welches Israel erstrebt, dies hat es nicht erlangt, die Auslese aber hat’s erlangt;
  8. die übrigen jedoch sind verstockt worden. Als da geschrieben steht: Es gab ihnen Gott einen Geist der Betäubung, Augen zum Nichtsehen und Ohren zum Nichthören bis auf den heutigen Tag. –
  9. Und David spricht: Es werde ihre Tafel zur Falle und zum Fangnetz / und zum Anstoß und zur Vergeltung für sie.
  10. Verfinstert seien ihre Augen, dass sie nicht sehen, / und ihren Rücken verkrümme alleweil!
  11. Nun sage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, auf dass sie zu Fall kämen? Nimmermehr! Sondern durch ihr Straucheln (ward) die Rettung den Heiden,
  12. damit jene eifersüchtig würden. Wenn aber (schon) ihr Straucheln Reichtum für die Welt, ihre Minderung Reichtum für die Heiden ist, wie viel mehr dann erst ihr (dereinstiges) Vollwerden!
  13. Euch aber sage ich’s, den Heiden! So weit denn nun ich der Heiden Apostel bin, will ich meinen
  14. Dienst herrlich gestalten, ob ich wohl mein Fleisch und Blut zur Eifersucht reizen und einige
  15. aus ihnen zur Rettung locken möchte. Denn wenn ihre Verwerfung der Welt Aussöhnung (brachte), was dann ihre Herzunahme, wenn nicht Leben aus den Toten?“ (V. 1–15).

Zwei einander ergänzende Fragen tauchen auf und werden klar verneint: Bedeutet das soeben gekennzeichnete Schicksal Israels eine unwiderrufliche Verwerfung, eine ‚Verstoßung’ der ungetreuen Geliebten (Ez 16) für immer und ewig? Hat Gott die Begegnung der Juden mit Jesus von Nazareth und dann mit seinen Aposteln (10,15) so veranstaltet, um dieses Volk gewissermaßen in eine Falle gehen und geistlich zu Tode stürzen zu lassen? Indem er sich selbst, den Abraham-Spross und Israels-Sohn aus Benjamin, den begnadeten Christus-Feind, als Gegen-Beweis anführt, erklärt Saulus-Paulus unzweideutig, was so viele Christen seither vergaßen, mit den Worten des 94. (93.) Psalms (V. 14); „Nicht verstoßen“ hat Gott „Sein Volk“ – und ergänzt„das Er vorher-erkannt“, d. h. von Ewigkeit in Gnaden erwählt hat (V. 1–2a).

Zu diesem direkten Schrift-Beweis für die Nicht-Verstoßung des Israel tritt nun noch deren Illustration durch eine der gegenwärtigen des Apostels verwandte heilsgeschichtliche Situation (V. 2b–4): Als der große Prophet Elias in tiefer Bitterkeit vor Gott am Sinai über sein abgefallenes Volk klagte und sich selbst als den letzten überdies auch nochgefährdeten Diener des Herrn der Heerscharen hinstellte – 1. (3.) Kön 19,14 – da bedeutet ihm Dieser, dass Er selbst für das ,übrigbleiben’ der Vollzahl von siebentausend Getreuen gesorgt habe (19,18).

Ein ähnlicher ,Rest’ sei nun auch jetzt – in Gestalt der Christen jüdischer Herkunft, wie es sie durch all diese 19 Jahrhunderte stets in bescheidener Anzahl gegeben hat – von Gott erwählt worden. Und zwar ausschließlich auf Grund Seiner freiverfügenden Gnade, „nicht mehr aus Werken“; d. h. so, dass die betreffenden ihre frühere Auffassung (9,32), durch eigne Gesetzeswerke gerecht werden zu können, zugunsten der Anerkennung der Gerechtigkeit aus dem Glauben an Christus als alleinigen Erfüller des Gesetzes preisgaben und nunmehr anerkennen, die Gnadengabe solchen Glaubens nicht verdient zu haben, weil man sie nicht verdienen kann, wenn das Wort ,Gnade’ seinen Sinn behalten soll (V. 5–6).

Während also diese ,Auslese’ (buchstäblich „Auswahl“) jene Gesetzeserfüllung, der ganz Israel nachjagte (9,31), erlangt hat, sind „die Übrigen“, die meisten, zunächst einmal „verstockt“, verhärtet worden, wie es auch schon durch prophetische Worte angekündigt war; Is 29,10, ergänzt durch das bedrängende „bis auf den heutigen Tag“ der entsprechenden Wendung Dtn 29,4; sowie die Warnung des 69. (68.) Davidpsalms (V. 23 f.), wonach die Verfolger des Sängers da, wo sie Speise suchten, sich ins Tischtuch verwickeln, in eine Falle geraten und langanhaltende Beeinträchtigung ihrer Geistes- und Leibeskräfte erfahren sollen (V. 7–10).

Sogleich aber verneint nun Paulus (V. 11–15) nur noch dringlicher als zu Anfang die Frage nach der Endgültigkeit dieses ,Verwerfungs’-Schicksals der Juden: Nicht damit sie ein für allemal „zu Fall kommen“ (und ewig liegen bleiben), hat Gott sie „straucheln“ lassen. Sondern zunächst einmal sollte, wie die Erfahrung gezeigt hat, gerade dieses jüdische Straucheln den Heiden, der ,Welt’, die ‚Rettung’, die ‚Aussöhnung’ mit Gott, die Aneignung des ‚Reichtums’ Seiner Gnadengaben (10,12!) wesentlich erleichtern, weil ihnen dadurch der ohne das jüdische Versagen historisch tatsächlich wohl kaum zu vermeidende Umweg durch das Proselytentum, durch die Befolgung auch des Buchstabengesetzes zwecks Eingliederung ins Gottesvolk, erspart worden ist, wie er nun nur in einigen wenigen Grenzfällen beschritten wurde (Apg 16,1–3). Dann aber sollte weiter die Bekehrung der Heiden, ihre offenkundige Annahme an Kindesstatt durch den Gott Israels, das alte Gottes-Volk im Sinne der Deuteronomiums-Prophetie „eifersüchtig machen“ (vgl. 10,19), und zwar, wie die erweiternde Wiederholung dieses Gedankens von V. 11 in V. 14 beweist, zu seinem Heile: In dem Augenblick, wo die Juden sich wirklich nicht mehr dem Eindruck werden entziehen können, dass die Christenheit aus den Heiden, den ehemaligen Götzendienern, ein dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs wohlgefälliges ‚Heiliges Volk’ geworden ist, in diesem Augenblick – so ist SauIus-Paulus, schon wenn er ans eigene Beispiel denkt, gewisss – werden die Söhne Israels nicht mehr nur vereinzelt wie bisher („einige“ V. 14), sondern als Gesamt-Volk (s. u. V. 26!) sich in Gnaden in dieses erweiterte neue Gottes-Volk unter dem einen Hirten Jesus Christus aufnehmen, „hinzunehmen“ lassen, für das sie ja vor allen andern bestimmt sind (V. 24; vgl. Mt 10,6.23; 15,24; Jo 10,16). Und so wie schon ihr ,Nein’ das dankbare Ja der Heiden erleichtert und diesen also die Versöhnung mit Gott gebracht hat, wird der Juden Ja noch ganz unvergleichlich Größeres auslösen: „Leben aus den Toten“, das heißt „dass nach der Heimkehr der Juden nichts mehr das Eingehen der auferstandenen Gläubigen in die Herrlichkeit vezögern wird“, wie Lagrange das vor allem in der älteren Überlieferung völlig dominierende streng endzeitliche Verständnis der Stelle im Einklang mit allen uns bekannt gewordenen katholischen und den meisten protestantischen Exegeten bestätigt. – Also: Gott ‚verstockt’ zunächst Israel, a) um den Heiden faktisch die Gnade desto leichter und eindrücklicher fassbar zu machen, b) um aber dann erst recht den darauf eifersüchtig und dadurch nachdenklich werdenden Juden noch vollere Gnade gewähren zu können. Und in den Dienst solcher säkularer ‚Juden-Mission’ stellt Saulus-Paulus sein Heiden-Apostolat.

Anmerkungen
Zu V. l: „Ich“ ist hier wie bes. auch V. 13 stark hervorgehoben und scheint uns (zusammen mit dem: „Ich sage nun ... nimmermehr“ V. 1.11) den ganzen Abschnitt zu rahmen: Saulus-Paulus ist Israelit und betätigt sich letztlich für Israel und zugleich als Bürge seiner unausbleiblichen Rettung, auch und gerade wenn er den ‚Dienst’ an den Heiden „herrlich gestaltet“, der auf dem Wege über die Liebes-Gaben der Griechen-Christen für „die Heiligen in Jerusalem“ wieder zum alten Gottesvolke zurückführt und es eifersüchtig zu machen taugt (15,25 ff.; vgl. Apg 19,21ff.; 20,22.24; 24,17).
Zu V. 4: „der Baal(-Schande)“ übersetzen wir, weil der weibliche Artikel dasteht und treffend mit der Gewohnheit der Juden erklärt wird, das Maskulinum ,Baal’ überall beim Lesen durch das Femininum „Boscheth“ Schande zu ersetzen, so dass dessen Artikel geschrieben wurde; LXX: 3. Kön 18,25; 4. Kön 21,3; vgl. 2. Sam (Kön) 2,8; 4,4 die Namen der Söhne Sauls, die mit -baal zusammengesetzt gewesen waren, wofür -boscheth gelesen wurde.

Zu V. 10: „alleweil“ konnte, isoliert genommen, eine schlechthin unaufhörliche Dauer des angedrohten Unheils besagen; da der Zusammenhang des Textes, in den das Zitat hineingestellt ist, dies formell ausschließt, sollte man sich warnen lassen, ähnliche Wendungen an anderen Stellen durch buchstäbliche Interpretation ungebührlich auszuweiten; es ist wahrlich ein unüberhörbarer Unterschied zwischen dem ‚keiner’ Lk 14,24 sowie dem ,auf Weltzeit’ Lk 11,14 auf der einen Seite und der wirklich definitiven, nirgends widerrufenen Erklärung „weder in dieser Weltzeit noch in der kommenden“ von Mt 12,32; daselbst, aber n i c h t in den auf das jüdische Schicksal bezogenen Aussagen des Herrn, geht es wirklich um die Gnadenverscherzung für Zeit und Ewigkeit.
Zu V. 11: „auf dass sie zu Fall kämen“, scheint uns nicht n u r zu besagen: „dergestalt dass ihr Straucheln sie endgültig gefallensein lässt“; es steckt auch die Frage dahinter: Hat Ihr Straucheln wirklich keinen anderen Sinn gehabt, als dass sie eben in eine Falle gehen sollten? Gerade das wird im Folgenden widerlegt, indem der Sinn des Vorgangs gezeigt wird.
Zu V. l 2: „Vollwerden“ verstehen wir zunächst mit P. W. Maier als Gegensatz zu der ‚Minderung’ vom Vorgang der ‚Herzunahme’ der zur Apostelzeit ‚davongeworfenen’ (V. 15) „Übrigen" (V. 7), wodurch ,ganz Israel’ (V. 26) vollzählig wird; wir meinen aber, dass mit diesem ‚Vollwerden’, diesem Pleroma sowohl hier bei den Juden wie auch V. 25 bei den Heiden mehr gemeint ist und durchaus an die Verwendung des gleichen Wortes Eph 1,23 gedacht werden darf: Es geht nicht nur um das Zusammenkommen der quantitativen Vollzahl im Sinne der von jeher in Gottes Heilsplan ‚vorhererkannten’ Gesamtmenge der Erlösten (Apk 7,4), sondern es geht auch um das Eingetretensein der Voll-Reife (Eph 3,19; 4,13) bei beiden Teilgruppen des einen Gottesvolkes.

Es ist unseres Erachtens gerade hier ein klassisches Beispiel dafür, dass man dem biblischen Sprachgebrauch häufig nicht gerecht wird, wenn man von mehreren möglichen Bedeutungen eines Wortes nur eine einzige unter Ausschluss aller übrigen als an einer bestimmten Stelle gemeint erweisen will; so mag es bei abendländischen Philosophen angebracht sein, nicht bei orientalischen Propheten und Schriftgelehrten, Evangelisten und Aposteln.

b) Im Gegensatz auch zu den gläubig gewordenen Heiden-Völkern tragen die Juden als einzige unzerstörbaren Heiligkeits-Charakter (11,16–24).

  1. Wenn aber die Erstlingsgabe (von der Brotfrucht) heilig (ist), dann auch die Masse; und wenn die Wurzel heilig, dann auch die Zweige.
  2. Wenn aber einige der Zweige herausgebrochen wurden und du (Heidenchrist), der du von dem wilden Ölbaum bist, unter sie eingepfropft und mit teilhaft der fetten Wurzel des Ölbaums geworden
  3. bist, so rühme dich doch nicht gegenüber jenen Zweigen. Wenn du dich aber rühmen solltest, (so wisse:) Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich!
  4. Du wirst nun sagen: Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werde! –
  5. Schön! Durch den Unglauben sind sie ausgebrochen worden; du aber stehst (nur) durch den Glauben; sei (also) nicht hochmütig gesinnt, sondern fürchte dich!
  6. Denn wenn Gott schon die natürlichen Zweige nicht geschont hat, so wird Er dich auch nicht schonen. 
  7. So sieh nun die Güte und die Strenge Gottes! An den Gefallenen die Strenge, an dir aber die Güte Gottes, wenn du bei der Güte bleibst, da sonst auch du herausgeschnitten werden wirst.
  8. Auch jene aber, wenn sie nicht beim Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott
  9. vermag sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem der (eignen) Natur gemäßen wilden Ölbaum herausgeschnitten und der Natur zum Trotz dem edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, um wieviel mehr werden dann diese, die der Natur gemäß (dazu gehören), dem eigenen Ölbaum eingepfropft werden!“ (V. 16–24).

Hier im Mittelstück des die dunklen Rätsel um Israel lösenden Abschnitts hat nun der Apostel der Heiden zu diesen noch ein überaus ernstes Wort zu sagen, das leider in der bisherigen christlichen Geschichte in geradezu erschütterndem Maße überhört worden ist.

Den Auftakt bildet (V. 16) die Feststellung der wesensmäßigen Heiligkeit des jüdischen Volkes, welche an zwei Beispielen sinnfällig gemacht wird. Durch den – gemäß Num 15,17–21 –  von jedem Brotteig als Hebopfer ausgesonderten Erstlings-Kuchen sollte auch das übrige daraus gebackene und somit alles Brot Gott ‚geweiht’ werden, wie auch die Weihe der erstgeborenen Söhne den Gedanken an die priesterliche Heiligkeit des ganzen Bundesvolkes (Ex 19,6) konkretisiert. Dieser Ratschluss Gottes über Sein Volk kann nun durch dessen vorübergehendes Versagen in keiner Weise außer Kraft gesetzt werden. Vielmehr tragen jene, die da in ihren Erstlingen, den Patriarchen, einmal zur Heiligkeit auserwählt sind, den Charakter der Zugehörigkeit zum Priester-Volke genau so unzerstörbar an sich wie der einzelne geweihte Priester den ,character indelebilis’, den ihm der Ordo verliehen hat – zum Guten oder zum Bösen je nach dem Gebrauch, den er von dieser seiner ‚Heiligkeit’, d. h. Gott-Geweihtheit macht (Lk 12,48!). Weil die ursprünglich von Gott Selbst in den Boden des Gelobten Landes gesenkte Wurzel des edlen Ölbaums Israel (Jer 1,16) in Gestalt Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz und gar geheiligt ist, darum sind es auch alle diesem Ölbaum entsprossenen Zweige – für jeden einzelnen zum reichsten Segen oder zum furchtbarsten Fluch, wenn er nämlich seiner erhabenen Berufung untreu wird.

Da dies nun bei allzu vielen dieser ‚Zweige’ zur Zeit der Entscheidung des jüdischen Volkes für den falschen Messianismus der Bar-abbas und Bar-Kochba statt für den wahren Messias Jesus von Nazareth der Fall war, konnte unter den neuen Adoptiv-Söhnen Israels aus der Heidenwelt leicht ein nur mit dem pharisäischen vergleichbarer Hochmut aufkommen, aus dem heraus sie sich einbildeten, „etwas besseres“ als die Juden zu sein. (Wie der Pharisäer im Gleichnis sich für etwas besseres als der raffgierige Zöllner hält; Lk 18,11.) Demgegenüber erinnert der Apostel der Heiden diese zunächst daran (V. 17–18), dass schließlich sie vergleichsweise nur von dem wilden Ölbaum, dem oleaster, stammen, dessen Früchte wertlos sind; erst ihrer ,Einpfropfung’ auf den edlen Ölbaum des auserwählten Volkes, dessen Wurzeln auch die neuen Zweige mit Saft versorgen, verdanken sie, wenn sie nun gute Frucht bringen können. Wenn aber die Gläubiggewordenen aus den Heiden hier einwenden sollten – und wie regelmäßig tun sie es zumeist bis heute mehr oder weniger offen oder verhüllt! –, schließlich und endlich stehe doch die Tatsache fest, dass nun sie selbst zum fruchtbringenden Ölbaum gehörten und die Juden in ihrer großen Masse keine Spur von Teilhabe an der edlen Wurzel mehr zeigten, dann wird Saulus-Paulus noch deutlicher (V. 19–24). Was zunächst einmal euch Heidenchristen anlangt, sagt er, so ist der erwähnte Sachverhalt für euch vor allem ein Grund zu heiliger Scheu, nicht zum Übermut gegenüber jenen anderen; denn wenn ihr den in der Liebe sich auswirkenden Glauben verleugnet (wie es faktisch durch solchen Übermut geschieht!), dann werdet ihr erst recht wieder, und zwar endgültig, aus dem Baum herausgeschnitten und ins ewige Feuer geworfen werden, die ihr – zum Unterschied von den ‚natürlichen Zweigen’ – keinerlei Verheißung letztlich unverlierbarer Kollektivzugehörigkeit zum Gottesvolk habt.

Eine Feststellung, die uns gleichnishaft auch in der Apokalypse (11,13: Juden; zum Unterschied von 16,9.11: Heiden) und nicht minder durch die Tatsache bestätigt zu werden scheint, dass schon ganze heidenchristliche Völker (etwa Kleinasiens!) den früher gewonnenen Christen-Glauben in einer Weise verloren haben, die mangels irgendwelcher Verheißung kaum die geringste Wahrscheinlichkeit dafür bestehen lässt, dass sie je noch einmal damit begnadet werden. Positiv bleibt es hier bei der Forderung, festzuhalten an „der Güte“, der Güte Gottes, die alle begnaden will (V. 32!), insbesondere auch die Juden, zu deren Begnadung dann unsere Güte Gottes Werkzeug, bei der wir Seine Mitarbeiter sein sollen (V. 14; vgl. 15,27 f.). – über die Juden aber wird festgestellt, wie einerseits ihr Fall – ob als gemeinsamer in ihren großen Aufständen: Titus-, Trajans- und Hadrianskrieg, oder als individueller, wo immer einer von ihnen seine Priestervolks-Berufung verleugnet! – uns das warnende Beispiel dafür bietet, dass Gott züchtigt, den Er lieb hat, den zur höchsten Heiligkeit Berufenen am strengsten; wie jedoch andererseits auch ihr noch so lang anhaltender Unglaube gar nichts daran ändert, dass sie nach wie vor „dem ihrer Natur gemäßen eignen Ölbaum“ virtuell angehören und bei Preisgabe dieses Unglaubens von Gott sofort wieder eingepfropft werden. Denn für sie ist eben – im Gegensatz zu uns – die ‚Heiligkeit’ durch Jahrtausende so sehr zur ‚zweiten Natur’ geworden, dass, wenn jemand vor Gott ,etwas Besseres’ wäre ,von Natur’, dann dafür – genau entgegen dem heidnischen Juden-Hass und dem neu-heidnischen Rassenhochmut der Weltvölker! – nur sie, nicht wir in Frage kämen, ganz im Sinne des gewaltigen Vater-Wortes zum den Juden bezeichnenden ,älteren Bruder’ des heimkehrenden Schweine-Hirten: „Kind, du bist allezeit bei Mir und alles, was Mein ist, ist Dein“ (Lk 15,31).

Anmerkungen
Zu V. 16: „die Erstlingsgabe“ von den Judenchristen bzw. den Aposteln zu verstehen, ist eine heute aufgegebene Fehldeutung, gegen die schon Estius mehrere Väterzeugen zitiert (Chrysostomus u. a.); es liegt völliger Parallelismus zwischen den beiden Halbversen 16a und b vor. (Vgl. 11,28!)
Zu V. 17: „eingepropft“ wird im natürlichen Gartenbau gerade das edle Reis auf den zu veredelnden, wilden Baum, dessen Wurzel jenes dann trägt; hier musste aber die übernatürliche Einpfropfung als eine solche abgerissener, wurzelloser Zweige von den „Wildbäumen“ der Völker-Welt dargestellt werden, um nur noch deutlicher zu machen, worauf es ankommt: dass nicht bloß einiges Gute von Israel zu den Heiden übernommen wird, sondern dass diese gnadenhalber als Adoptiv-Söhne Israels in dieses aufgenommen und nun ‚geistlich Semiten’ sind, wie Papst Pius XI. beim Losbruch der ärgsten Juden-Verfolgung protestierend feststellte.
Zu V. 24: „die der Natur gemäß (dazugehören)“, kennzeichnet die Juden mit ihrer Unfähigkeit zum ‚Naturversunkensein’ und ihrem ständigen eifernden Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit (9,31; 10,2) als diejenigen, denen die Heiligkeit des Gottesvolkes wenigstens als unauslöschliche Zielvorstellung in Fleisch und Blut übergegangen ist. Während der ,Heide’ noch als ‚Christ’ viel eher dazu neigt, Ungerechtigkeit als ‚Lauf der Welt’ fatalistisch hinzunehmen und die Kreatur mythologisierend zu vergötzen. (Vgl. 1,18 ff.)

c) Der unwiderruflichen Verheißung gemäß wird Gott ganz Israel eben so unverdiente Erbarmung schenken, wie sie den Heiden zuteil ward (11, 25-32)

  1. „Darum will ich euch, Brüder, dies Geheimnis nicht unbekannt lassen, damit ihr nicht bei euch selber sinnreich seiet: Verstockung zum Teile ist dem Israel geworden, bis dass die Fülle der Heiden
  2. eingetreten sei und so ganz Israel gerettet werden wird. Wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Sion der Retter, Er wird abwenden die Frevel von Jakob!
  3. Und dies wird ihnen das Bundesvermächtnis von Mir sein, wenn Ich ihre Sünden hinwegnehmen werde.
  4. Im Hinblick auf die Evangeliumsverkündigung zwar sind sie Feinde um euretwillen; im Hinblick auf die Erwählung aber sind sie Geliebte um der
  5. Väter willen; denn die Gnadengaben und die Berufung von Gott werden nicht bereut.
  6. Wie nämlich ihr einst Gott ungehorsam wart, jetzt aber Barmherzigkeit erfahren habt durch jener
  7. Ungehorsam, so sind sie jetzt ungehorsam geworden durch das euch gewordene Erbarmen, damit auch sie jetzt (noch) Erbarmen erfahren.
  8. Denn Gott hat alle miteinander in den Ungehorsam eingeschlossen, damit Er Sich aller erbarme“(V. 25–32).

Der Gedankengang des Apostels kommt nun (V. 25–26a) an das Ziel, von welchem aus jeder einzelne Schritt des Weges durch diese drei Kapitelbestimmt war und verständlich wird. Damit die Heiden-Christen nicht „bei sich selber sinnreich“ seien(d. h. „hochmütig gesinnt“ im Sinne von V. 20 und Spr 3,7), sich nicht ähnlich verkehrte Gedanken über Israels Schicksal machen wie die eben abgewiesenen, enthüllt ihnen nun Paulus das Mysterium dieses Schicksals bis ins Letzte: Der größte Teil der Juden, jene ‚übrigen’, von denen V. 7 f. die Rede war, ist von Gott Selbst verstockt worden, aber nicht endgültig, sondern gerade nur für solange, bis Gottes Heilsplan mit den Heiden erfüllt sein und „so“, eben dadurch, auch sein ganzes auserwähltes Volk gerettet werden wird. Es ist mit Recht von F. W. Maier unterstrichen worden, dass nicht, wie die Auslegung meist stillschweigend voraussetzt, bloß dasteht: „dann“, wenn die „Vollzahl“ der Heiden ihren Weg ins Gotteskönigtum gefunden hat, werden auch die Juden „gerettet“; sondern eben: „So“. Das heißt aber, meinen nun wir betonen zu müssen, genau so im Großen und Allgemeinen, wie vorher Paulus, im Kleinen und Einzelnen anfangend, zunächst einmal einige seiner Stammesverwandten „retten“ wollte (V. 14, woran hier über das Zwischenstück hinweg wieder angeknüpft wird!), durch die heilsame Eifersucht.

Wenn sich nun dieses Verständnis aus dem Textzusammenhang geradezu zwangsläufig aufdrängt, dann genügt es auch hier nicht mehr, die ,Fülle’ der Heiden bloß quantitativ von der in Gottes ewigem Ratschluss vorherbestimmten ,Vollzahl’ zu verstehen, sondern dann handelt es sich wie bei dem ,Vollwerden’ der Juden oben (vgl. zu 11,12), um das Eintreten jener Vollreife in Christus, durch die dann die Gesamtheit der in der Treue zum Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs ausharrenden Heiden-Christen erst der Gesamtheit der diesem Gott, so gut sie es verstehen, die Treue haltenden Juden als ,neues Gottesvolk’, als ,Miterben der Verheißung’ existentiell glaubwürdig werden wird, – was in den Jahrhunderten zwischen dem dritten und dem zwanzigsten wirklich noch nicht der Fall sein konnte, wie wir ehrlich gestehen müssen, wenn wir nicht auf ein paar Spitzenerscheinungen, sondern auf das Ganze der Christenheit aus den Heiden hinblicken.

Das, was demnach bevorsteht, findet der Apostel angekündigt an zwei Stellen des Isaias-Buches (59,20 f.; 27,9), an denen ihm das Wichtige ist (V. 26b–29), dass es beide Male Gott Selbst ist (wenigstens nach den LXX), Der als Retter dem Sündenzustand Jakob-Israels ein Ende macht, und dass also auf göttlicher, nicht auf eigenwilliger menschlicher Initiative diese letzte und vollendete ,Bundes-Erneuerung’ beruht. So steht Gott als Der, Der Israel in den Erzvätern ein für allemal erwählt hat (9,5; 11,16; vgl. Gen 12,2 f.) und unwandelbar liebt (Dtn 4,31; Os 11, 8 f..; Is 62,12), aus dieser in unzähligen Gnadentaten immer neu bewährten Liebe heraus erst recht bestimmend hinter der einstigen freien Glaubens-Annahme der Juden, wie Er jetzt noch hinter ihrer Glaubensfeindschaft steht, durch die sie wider ihren eigenen, aber gemäß Seinem Willen die Verkündung der guten Botschaft an die Heiden nur erleichtert haben. (Wie ja schon 11,11 f. angedeutet worden war.)

Gottes Absicht bei alledem ist der Triumph Seiner souveränen Gnade: Zunächst an den Heiden, denen gerade durch jenen jüdischen Ungehorsam gegenüber Israels Gott und König barmherzig der Weg zu Ihm geebnet wurde; dann aber sogleich (das überraschende, vorweggreifende zweite ,jetzt’ V. 31, wo man ,dereinst’ erwarten würde!) auch an den Juden, denen zwar im ersten Augenblick die barmherzige Aufnahme der bis dahin verdienstlosen Heiden ins Gottesvolk zum Anstoß geworden ist (Mt 20,12; Lk 15,29 f.), die aber nun selbst noch Erbarmen erfahren sollen. Eben darum hat ja Gott ihren Ungehorsam zugelassen, damit ganz unzweideutig feststehe, dass niemand, auch der Jude nicht mit seinem jahrtausendelangen Tragen des Gesetzes-Joches, Ihm gegenüber auf ein Recht pochen kann, dass für alle unverdiente Gnade ist, was Er gewährt (V. 30–32).

Anmerkungen
Zu V. 26: „aus Sion“ statt „für“ oder „wegen Sion“ (LXX) setzte Paulus wohl, weil ihm in solchem Zusammenhang ,Sion’ schon ganz „das obere Jerusalem ... welches unsere Mutter ist“ (Gal 4,26) geworden war, der Wohnsitz Gottes, wie es etwa auch in Ps 14(13)7verstanden ist: „aus Sion Hilfe für Israel“.
Zu V. 28: „die Erwählung“ betrifft hier ‚ganz Israel’ als auserwähltes Volk, während 11,5 bloß die wiederum aus diesem Volke zur Zeit Pauli als Christgläubige herausgewählten Wenigen Gegenstand besonderer ‚Gnadenauswahl’ waren, die ‚Auslese’ von 11,7; diese Ausdrücke sowie ‚Gnade’ 11,6 und ‚Gnadengaben’ 11,29 scheinen uns den 4. Abschnitt als ganzen zu rahmen; „ganz“ 11,26 mit zweimal „alle“ 11,32 das dritte Teilstück. (Das zweite wohl am ehesten die ‚Ölbäume’ 11,17.24.)

5. Paulus bewundert und bejubelt Gottes unfassbare Herrlichkeit (11,33–36)
  1. „O welch eine Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind Seine Gerichte, und wie unaufspürbar Seine Wege.
  2. Denn wer hat des Herrn Gedanken erkannt, oder wer ist Sein Ratgeber geworden?
  3. Oder wer hat Ihm vorausgegeben, dass Er dafür wiedergeben müsste?
  4. Denn aus Ihm und durch Ihn und zu Ihm hin ist das All; Ihm die Glorie in die Ewigkeiten. Amen!“ (V. 33–36).

Angesichts des überschwänglichen Reichtums göttlichen Erbarmens, der sich in dem enthüllten Mysterium Israels so handgreiflich wie sonst nirgends offenbart, weil hier das dunkelste Rätsel der Geschichte, die anfängliche HeiIs-Versäumnis gerade des für dieses Heil zunächst bestimmten und vorbereiteten Volkes, die lichteste Lösung erfährt, bricht nun Saulus-Paulus in einen erschütterten und erschütternden Lobpreis des unerforschlichen Gottes aus. (V. 34 f. zitiert zuerst Is 40,13 und erinnert dann an Job 41,2 f., doch mit auf die Unverdienbarkeit der Gottesgaben verschobenem Akzent.) Dass alles, „das All“ der Schöpfung, von Gott ausgeht, durch Ihn gelenkt wird und zu Ihm versöhnt heimkehren wird, ist der Schlussgedanke, mit dem dieser Abgesang ins Gebet ausmündet wie der Auftakt 9,1–5. Der Heiden-Apostel aus den Juden kann mit diesem Aufblick zu Gott das Thema verlassen, weil von Ihm aus alles gut ist; in den durch sein Apostolat für den Glauben Gewonnenen aus den Heiden wird – und soll (15,27!) – das Gesagte nachhallen, damit wir, was uns als Beitrag zur Endlösung aufgegeben ist (11,14.25 f.), auch unsererseits gut machen.


FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 7, April 1950, S. 9–14 top