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Gertrud Luckner
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Schalom Ben Chorin

2d) Israels geistige Sendung

Zur Auseinandersetzung Thieme – Buber (Nr. 5/6, S. 20 ff.)

Martin Buber hatte zweifellos recht, wenn er Karl Thiemes Behauptung zurückwies, „die Juden für unrettbar = geistlich tot, d. h. für unbekehrbar zu halten“; eine Kritik, die Thieme ja sogleich in seiner Antwort als auch von seinem Standort aus in gewissem Sinne berechtigt anerkannt hat.

Der Grundfehler der Thieme’schen Aussage scheint mir darin zu liegen, dass das Kriterium für den geistlichen Tod der Juden in ihrer Unbekehrbarkeit gesucht und gefunden wird. Es kann wohl kaum als das Kriterium für den geistlichen Tod einer Glaubensgemeinschaft angesehen werden, dass sie für die Botschaft eines anderen Glaubens nicht offen ist.

Mit gleichem Recht können wir, Israel, die Christen oder die Mohammedaner für geistlich tot halten, weil sie für die Botschaft des Judentums kein offenes Ohr bewiesen haben.

Wenn nun auch Thiemes Schlussfolgerung nicht überzeugt, so ist an seiner Aussage selbst doch etwas Richtiges: tatsächlich kann man sich, gerade wenn man die Dinge von innen her sieht, des Eindrucks nicht erwehren, dass die Juden in ihrer überwiegenden Majorität heute geistlich tot sind, nicht aber weil sie die Botschaft des Evangeliums nicht im Glauben aufnehmen, sondern weil sie ihren „eigenen Weinberg nicht mehr hüten“, d. h. die Botschaft der Thora und der Propheten nicht mehr als das an jedes Geschlecht in Israel neu ergehende Wort Gottes existentiell erfahren und bewähren.

Auf der einen Seite herrscht ein rein weltlicher Nationalismus, z. T. mit marxistischem Überbau, auf der anderen Seite eine geistfremde, formelstarre Gesetzestreue, die weltweit von lebendigem Glauben entfernt ist.

Dabei wäre es dem heutigen Geschlecht in Israel leicht gemacht, zum Gott der Väter sich in großer Umkehr zu bekennen. Denn dieses Geschlecht hat, wie kein anderes, Gericht und Gnade des lebendigen Gottes in konkreter Unmittelbarkeit erfahren: das furchtbare Gericht, dem sechs Millionen Juden zum Opfer fielen, die die Märtyrer-Krone von Blutzeugen des Glaubens erwarben – und hernach, in wortwörtlicher Erfüllung der Weissagungen des Alten Bundes die Einsammlung des „Schear Jaschuw“, des zurückkehrenden Restes, der im gelobten Land der Verheißung wieder zum Staate Israel wurde. Es heißt geistlich tot, oder zumindest blind sein, wenn man den heilsgeschichtlichen Aspekt dieses Geschehens nicht erkennt und in Gebet und Leben bekennt.

Gerade die Juden der Heiligen Stadt Jerusalem aber haben noch zusätzlich in unübersehbarer Weise den „Ezba Elohim“, den Finger Gottes gesehen, der in der wahrhaft wunderbaren Errettung der Stadt des Gesalbten zu erblicken ist.

Das Trostwort des Propheten Jesaja 37,35 hat sich in unseren Tagen erfüllt: „Denn ich will diese Stadt schützen, dass ich ihr aushelfe um Meinetwillen und um meines Knechtes David willen.“ Und in dem misslungenen Ränkespiel der Mächte um Jerusalem hat sich das Drohwort des Propheten Secharja 12,3 bewährt: „Zu selbiger Zeit will ich Jerusalem zum Laststein machen allen Völkern; alle, die ihn hinwegheben wollen, sollen sich daran zerschneiden.“

Im Segen nach der sabbathlichen Schriftlesung betet die Synagoge: „Bewährt bist Du, Herr, unser Gott, und bewährt ist Dein Wort und nicht eines Deiner Worte kehrt leer zurück!“ Gerade heute und hier kann der Jude dieses liturgische Wort aus der Glaubenserfahrung sprechen, die ihm selbst in Gnaden zuteil geworden ist.

Aber er tut es nicht, denn er ist geistlich tot. Doch auch dieser geistliche Tod, aus dem wir erweckt werden, wie aus dem fleischlichen, entspricht genau Gottes Heilsplan, wie er uns durch Seine Propheten geweissagt wurde.

Der Schlüssel für den geistlichen Tod Israels ebenso wie für seine nationale Regeneration, die heute vor aller Welt offenbar wurde, liegt im 37. Kapitel Ezechiel, Vers 1–14, in der gewaltigen Vision des Propheten von dem „Azamoth jeweschoth“, dem dürren Totengebein.

Nach diesem, vom Propheten selbst gedeuteten Gleichnis, öffnet der Herr die Gräber Israels und führt das morsche Gebein des Volkes zurück in sein Land. Und dort ersteht Israel wieder auf zu sichtbarlicher Gestalt. Und die Skelette werden mit Adern, Fleisch und Haut überzogen. Das ist der Prozess der nationalen Regeneration, den wir heute erleben. Und dann erst, nachdem dieses Wunder der Auferstehung Israels im Fleische vollzogen ist, weht die Ruach, der Geistbraus Gottes, die lebenden Leichname an und sie werden voll des Odems des Herrn. So dürfen wir über den geistlichen Scheintod Israels die Hoffnung nicht fahren lassen, denn es ist uns gesagt: „Und ihr sollt erfahren, dass Ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch.“ (Ez 37,14). Im Lichte dieser Verheißung, deren erster Teil sich heute erfüllte und tagtäglich weiter erfüllt – dürfen wir, Israel, getrost der Ausgießung des Geistes harren (Joel, 3. Kapitel), die Israel erst wieder zu dem macht, was es gemäß dem Gesetz, nach dem es angetreten zu sein hat; „Mamlecheth Kohanim wegoj kadosch“ – „Ein priesterliches Königreich und heiliges Volk.“


FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 7, April 1950, S. 8



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