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Gertrud Luckner
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2c) Interview mit Martin Buber

Wir beginnen mit dem, was ihn interessiert, mit „Ihud“, einer kleinen akademischen Gruppe, die von Dr. Magnus gegründet wurde. Das hat mich immer um seiner grundsätzlichen Idee willen interessiert: Ein Zwei-Nationen-Staat, wiewohl sich hierin nicht die Gedanken der Hauptvorkämpfer des Zionismus ausdrücken.

– Sie müssen wissen, sagte Buber, dass wir durchaus nicht das Gleiche wollen wie die Araber, wenn diese vom Einheitsstaat sprechen. Wir hoffen, die beiden Nationen eher wie in der Schweiz oder in Kanada zu vereinigen. Seit der Staat Israel existiert, hat die Gruppe – ebenso wie die Arbeiterunionspartei, welche bedeutend wichtiger und auch für einen Zwei-Nationen-Staat war – diese Idee aufgegeben, doch glaubt sie noch an die Möglichkeit einer Konförderation.

– Wird eine Annäherung mit den Arabern jetzt nicht viel schwieriger sein? fragte ich.

– Ganz gewiss. Wird der Krieg nicht zur Erhitzung der Gemüter geführt? Aber vielleicht wird es uns gegeben sein, einen neuen Weg der Verständigung zu finden. Nach allem haben wir beide große Perspektiven ... Die Araber wollen ein großes Palästina, und wir wollen große Dinge in Palästina vollbringen.

– Ist der jungen jüdischen Generation das Problem bewusst?

– Ein großer Teil der Jugend hat den wirklichen Wunsch, sich mit den Arabern zu verständigen. Viele erlernen ernsthaft das Arabische. In den neuen Siedlungen werden oft ausgezeichnete Beziehungen miteinander unterhalten. Die arabischen und die jüdischen Elemente können sich nicht verschmelzen, aber sie können zusammenarbeiten und sich gegenseitig anregen. Die Juden könnten den Arabern viel geben, und die Araber sind ihrerseits von sehr ursprünglicher Art, aber ich spüre in ihnen Kräfte, die eines Tages, dank dem jüdischen Antrieb, schöpferisch werden könnten.

– Was für eine wirkliche Tragweite hat das, was in Israel vor sich geht? fragte ich schließlich. Ist die Jugend der neuen Siedlungen tatsächlich mit der religiösen jüdischen Tradition verbunden?

Er dachte lange nach.

– Wenn Sie sie fragen, werden Sie keine befriedigende Antwort erhalten denn sie würde aus dem kommen, was ihrer Seele bewusst ist. Ich glaube vielmehr, dass alle diese Arbeit in Palästina weit eher aus dem Unbewussten als aus beabsichtigtem Streben kommt. Unbewusst ist sie im traditionellen Ideal begründet. Der Zionismus ist Säkularisation eines religiösen Ideals. Er ist aus traditionellen Hoffnungen entsprungen. Die Jugend wächst aus einem Stamm, dessen Tradition degeneriert ist. Sie kennt nicht ihre Wurzeln und stellt sich gegen sie. Aber bei dem Siedlerleben, das sie führt, spürt sie das Fehlen von irgend etwas Unbekanntem. Sie sucht es tastend. Sie weiß nicht, dass sie die Religion von selbst erneuert. Eine Religion verbirgt manchmal ihre Bedeutung. Ihre Erneuerung ist noch nicht offenbar, aber ich glaube an die Kraft der Erneuerung. Er sah mit prophetischem Blick in die Ferne.– Natürlich ist es viel schwieriger für Leute wie mich geduldig zu sein, zu wissen, dass man das Heute nehmen muss, wie es ist, ohne nach etwas anderem zu suchen. Wir leben in den Tagen des verborgenen Gottes. Wir müssen uns gedulden mit diesen Leuten, welche die religiöse Tragweite von allem, was sie hier tun, nicht erkennen. Sie versuchen, der Gerechtigkeit gemäß zusammenzuleben.

– Das ist vielleicht eine rein profane Idee ...

– Kennen Sie in der Geschichte ein rein profanes Ideal, das solche Ergebnisse hervorgebracht hat? Nein. Das geht auf die Propheten und den Chassidismus zurück.

– Besteht eine notwendige Verbindung zwischen dem Leben, das sie führen und dem Boden Palästinas?

– Ganz gewiss. Die Verheißung ist immer mit Palästina verbunden gewesen.

– Kann diese Verbindung nicht einfach symbolisch sein?

– Ein wahres Symbol ist immer konkret. Ohne konkrete Form ist es nur eine Idee, nicht ein Symbol. Der Geist braucht eine Form, um sich zu offenbaren. Ohne das existiert er nicht auf Erden.

– Gewiß, fuhr er fort, man muss nun sehen, was aus all dem hervorgehen wird. Wird die Gemeinde dem jüdischen Gerechtigkeitsideal treu sein? Eine Gemeinschaft ist notwendig. Sie können nicht soziale Gerechtigkeit in einem rein individuellen Leben üben, und die Gerechtigkeit einer Nation ist nicht nur Sache ihrer Glieder, sondern die der Gemeinschaft unter Nationen.

– Meinen Sie, dass Jerusalem ein Teil des jüdischen Staates sein sollte?

– Nein. Ich habe immer die Internationalisierung Jerusalems gewollt. Ich setze große Hoffnungen auf Jerusalem. Es sollte ein großer Mittelpunkt des Zusammenwirkens werden. Nicht nur zwischen Juden und Arabern, sondern zwischen den Völkern im allgemeinen, irgendwie das Symbol eines Anfangs wirklicher Eintracht unter den menschlichen Wesen.


(In: Cahiers Sioniens, 3. Paris, [1.1.49] Nr. 5 p. 14/15)
FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 7, April 1950, S. 7


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