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Gertrud Luckner
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Ein Briefwechsel Karl Thiemes mit Martin Buber

Talbiyeh, Jerusalem, Israel, 12.6.49

Verehrter Herr Thieme –
Ich las mit einiger Verwunderung im „Rundbrief" Nr. 2/3 auf S. 51 diese von Ihnen herrührenden Worte:
„... als eine Versuchung, die Juden für unrettbar ‚geistlich tot’, d. h. für unbekehrbar zu halten.“ Ich war bisher überzeugt, dass Ihnen an einer echten Verständigung mit jenen gläubigen Juden gelegen sei, die für die Tatsache eines gläubigen Christseins Verständnis haben. Wie aber soll eine solche Verständigung noch möglich sein, wenn Sie für die Juden geistliches Leben mit Bekehrbarkeit identifizieren. Ich habe mein geistliches Leben in der Unmittelbarkeit zwischen Gott und mir, und mein leibliches Leben dazu. Ich kann ebenso wenig es für von Gott erlaubt halten, dass ein Christ dies in Frage stelle, wie ich es für von Gott erlaubt halten kann, dass ich dergleichen einem Christen gegenüber tue. Judentum und Christentum stehen miteinander im Geheimnis unseres Vaters und Richters: so darf der Jude vom Christen und der Christ vom Juden nicht anders als in Furcht und Zittern vor dem Geheimnis Gottes reden. Auf dieser Grundlage allein kann es zwischen Jude und Christ echte Verständigung geben.

Ihr Ihnen ergebener
gez. Martin Buber

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Basel, den 18. Juni 1949

Sehr verehrter Herr Buber!
Mit aufrichtiger Dankbarkeit gehe ich an die Beantwortung Ihres Briefes und meine – im Sinn der von Ihnen gelernten Dia-Logik – zunächst sagen zu müssen, aus welcher eigenen Lage heraus ich das Recht Ihrer Kritik an einer Gleichsetzung von ,Bekehrbarkeit’ und geistlichem Leben der Juden anerkenne.
Aufgewachsen als – nur vorübergehend um die Zwanzig herum gnostizistisch abgeirrter – evangelisch-lutherischer Christ bin ich zwar schon verhältnismäßig früh durch Befassung mit der alten Kirchengeschichte zur intellektuellen Anerkennung der Legitimität des römischen Papstes als Stellvertreter Christi gekommen, hoffte aber auf ein allmähliches Heranreifen meiner, ‚hochkirchlich’ zu erneuernden, Gemeinschaft zur Wiedervereinigung mit der inzwischen biblisch zu belebenden, Katholischen Kirche. Erst der ‚deutsch-evangelische’ Arierparagraph von 1933 und der Umstand, dass gerade nur die am wenigsten ‚katholischen’ Kreise dagegen rebellierten, veranlasste mich, den festen Rechtsboden da aufzusuchen, wo ich ihn allein noch finden konnte. Ich vollzog also am 30. Januar 1934 für meine Person die Wiedervereinigung mit der Römischen Kirche und bemühe mich seitdem vor allem, ihr eignes biblisches Erbe zu möglichst allseitig fruchtbarem Besitz entwickeln zu helfen.
Nun: Wenn mir jemand bestreiten wollte, dass ich schon vor jenem Moment mit geistlichem Leben beschenkt worden sei, dann müsste ich das ebenso entschieden zurückweisen wie Sie den Gedanken, dass der Jude nicht schon unmittelbar und noch ganz abgesehen von irgend einer ‚Bekehrbarkeit zu Jesus als Christus’ geistlich lebendig sein könne. Dass es der fromme Jude sogar unter neutestamentlicher Perspektive ist, dafür sprechen Worte Jesu wie das gewaltige im ‚Gleichnis vom verlorenen Sohn’ vom Vater an dessen ‚älteren Bruder’ (Typus des Juden!) gerichtete: „Mein Kind, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein“ (Lk 15,31); oder an Nathanael – vor dessen Huldigung! – „Siehe, in Wahrheit ein Israelit, an welchem kein Falsch ist“ (Joh l,47; verwandt Mk 12,34) so wie auch Pauli Aufzählung der Privilegien Israels im Präsens (Röm 9,4 f.); alles Zeugnisse neutestamentlicher Anerkennung geistlichen Lebens auch beim nicht – für den Glauben: noch nicht – ‚bekehrten’ Juden.
Aber mit dieser Überzeugung, die zu gewinnen schon mich selbst ein halbes Menschenalter immer intensiverer Beschäftigung mit dem Wort des Gottesvolkes und dem Volk des Gotteswortes gekostet hat, bin ich heute meinen meisten Brüdern im Glauben noch beträchtlich voraus. Wenn ich dieselben dafür gewinnen will, die Erkenntnis-Schritte nachzuvollziehen, welche ich selbst z. T. erst in allerletzter Zeit geführt wurde, dann muss ich zunächst immer wieder von der anderen Seite ausgehen, die jener relativen Anerkennung des Judentums polar als absolute Gewissheit seines endzeitlichen Erfülltwerdens in der Huldigung vor dem wiederkehrenden Jesus gegenübersteht; hier und nur hier ist der archimedische Punkt, von dem aus die bei der Menge der nicht übelwollenden aber un- unterrichteten Gläubigen, Laien und Klerus, landläufige Vorstellung von der „Verwerfung“ der Juden (contra Röm 11,11), von dem „Volk, das seine Stunde verkannte, und nun den Gottes-Fluch trägt durch die Jahrhunderte – in die Ewigkeit“, wie ich es voriges Jahr ahnungslos von einer Kanzel sagen hörte, zu Lk 19,41–44, ein für allemal aus den Angeln gehoben werden muss und kann.
Ich schrieb schon Anfang dieses Jahres einmal an den Berner Rabbiner Dr. Messinger, der ähnliche Bedenken geäußert hatte wie jetzt Sie: „Was Ihre Bemerkungen über die Missionsfrage anlangt, so habe ich auch da im Laufe der letzten Zeit gegenüber früher zugelernt. Zwar meine ich, dass jenes Verständnis, welches Jules Isaac anlässlich der einschlägigen Aussprache am französischen Radio dafür bekundet hat, ,que, évidemment, un Chrétien ne peut pas abdiquer cette tâche misionaire et qu’il doit avoir constamment devant les yeux les fameux vérsets de l’épitre romaine de saint Paul, n’est ce pas, que l’adhesion d’Israel sera la résurrection d’entre les morts“ im Prinzip jedem zugemutet werden sollte, der sich ernsthaft mit der Frage des Verhältnisses zwischen den beiden Völkern von der jüdischen Seite her befasst. Aber andererseits ist es mir selbst schon so gegangen, dass mir ein gewisser naiver Bekehrungseifer christlicherseits unangenehm auffiel. Ich verstehe auch vollständig, dass man jüdischerseits nicht mit zu missionierenden Heiden zusammengeworfen zu werden wünscht, weil es sich da wirklich um eine ganz andere Kategorie von Anzusprechenden handelt. (Viel weniger um ein echtes Zwiegespräch.)
Vor allem entscheidend aber ist, dass der Heidenapostel St. Paulus die Wiedervereinigung von Kirche und Synagoge zu dem einen Volke der Verehrer des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht früher erwartet, als bis die Christen aus den Heiden ihren jüdischen ‚älteren Brüdern’ neben dem ‚alttestamentlichen Schriftbeweis’ für ihren Glauben auch den Beweis des praktischen Lebens der Liebe aus diesem Glauben geleistet haben. Je weniger dieser Beweis erbracht ist, desto weniger Recht haben die Christen, den Juden Verstockung vorzuwerfen. Von hier aus ist im Sinne der christlichen Überlieferung – und nicht durch oberflächliche Kritik daran – eine wirklich fundamentale Revision des Verhältnisses aller ernsten Christen zu den Juden allein erreichbar.“ Herr Messinger schrieb mir dazu, er „halte diese Gedankengänge für eine brauchbare Grundlage zur Förderung der Freundschaft zwischen Christen und Juden. Ich glaube, dass sich die große Mehrheit der Juden der Meinung von Jules Isaae, die Sie in Ihrem Schreiben erwähnen, anschließen kann.“
Ich vermute, dass dies auch von Ihrer Seite der Fall ist und es mehr die gewiss in dieser Form nicht eben glückliche übermäßig verkürzte Formulierung war, was Ihnen anstößig erschien. Abgesehen von unserer die Aussprache auf S. 49 einleitenden Bitte an unsere nichtkatholischen Leser, „zu verstehen, wenn die Sprache, die wir sprechen, die der unmittelbaren Adressaten ist“, möchte ich wenigstens noch erwähnen, dass mit diesem einen Worte „unbekehrbar“ natürlich nicht nur eine – vom christlichen Glauben verneinte – endgültige Nichtversöhnbarkeit mit Jesus von Nazareth gemeint war, sondern auch der – für diesen Glauben damit verknüpfte, darum gleichfalls hoffnungsgewiss verneinte – Gesamtkomplex einer endgültigen jüdischen Verkrampfung in dem Willen, „sein zu wollen wie andere Völker auch“, der heute scheinbar dominiert.
Ich hoffe, dass so wenigstens der Schein eines Widerspruchs zwischen unserer echten Anerkennung auch noch ‚nachchristlichen’ Judentums als auf geheimnisvolle Weise ,von Gott gemeinte’ Religiosität und unserer unerschütterlichen Zuversicht auf deren schließliches Vollendetwerden in der Anerkennung Jesu als Gott und König beseitigt ist. Erhofft nicht andererseits auch der gläubige Jude den gläubigen Christen als einen solchen, der am Ende in Jesus doch nur einen menschlichen Propheten sehen wird, der auch ihn zum einpersönlichen Gott geführt hätte? Entsprechen so unsere Hoffnungen füreinander sich nicht gegenseitig? Bedeutet das nicht ein viel tieferes Aufeinanderhingewiesensein – den andern verstehen müssen, um vom andern verstanden werden zu können! – als wenn wir einander nur wie jene ,Parallelen, die sich in der Unendlichkeit schneiden’, über eine innergeschichtlich unausfüllbare Kluft hinweg gelten ließen?
Mit der Bitte um die Erlaubnis, unseren Briefwechsel, der vielleicht auch andern zu gedanklicher Klärung hilft, in unserem Rundbrief veröffentlichen zu dürfen, und in dem Empfinden einer durch die wahrlich noch ganz unabsehbaren und nimmermehr zu bagatellisierenden Differenzen letztlich völlig unzerstörbaren Verbundenheit begrüße ich Sie
als Ihr Ihnen ergebener
gez. Karl Thieme.

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Jerusalem, 25.6.49

Sehr verehrter Herr Thieme –
Nachdem Sie von der substantiellen Tiefe der Person und ihrer Erfahrung aus zu mir gesprochen haben, ist es mir weder erwünscht noch erlaubt, in der Erörterung fortzufahren. Nur das meine ich noch sagen zu sollen, dass jedenfalls ich – der ich freilich keineswegs ein gläubiger Jude im repräsentativen Sinn bin – keine Endzeithoffnung habe, die ich in einem „nur“ oder „doch nur“ zu fassen vermöchte: ich glaube daran, dass Gottes Geheimnis, hervorgetreten, alle menschenüblichen Fragen nach der Beziehung zwischen Gott und Mensch verbrennen wird, also auch die, deren verschiedene Beantwortung Juden und Christen von einander trennt. Es ist mir also letzter Ernst mit der Überzeugung, dass wie die Juden keine Christen, so auch die Christen keine Juden zu werden bestimmt sind.
Selbstverständlich steht es Ihnen frei, meinen Brief vom 12.6. zur Kenntnis der Rundbriefleser zu bringen.

Wie immer der Ihre
gez. Martin Buber.

Ohne mir Schoepsens Vorwurf einer „Schriftfälschung“ irgend zu eigen machen zu wollen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass eine vollständige Zitierung Dt 30,14 – also mit dem entscheidenden „es zu tun“ in Röm 10,8 das darauf folgende „das bedeutet ...“ unmöglich gemacht hätte. (Die LXX waren Paulus darin nicht vorangegangen.) Was μετανοια betrifft, so bedeutet es zwar nicht Verwandlung, aber die LXX haben doch sprachnotwendig aus einer Wesensumkehr (der ganze Mensch kehrt um) eine bloße νους-Änderung, ein Umdenken oder Umsinnen gemacht. – Erlauben Sie mir übrigens noch zu bemerken, dass ich die Alternative „oder er hat gelogen“ in Ihrer Rezension nicht verstehe: wenn etwas, was jemand sagt, unzutreffend ist, so braucht es doch wahrhaftig keine Lüge zu sein! Gott sei Dank, habe ich nicht dazwischen zu wählen, Jesus für den μονογενης υιος του δεου oder für einen Lügner zu halten!

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Basel, den 20. September 1949

Sehr verehrter Herr Buber,
erst heute antworte ich eingehender auf Ihren mir in mehrfacher Hinsicht besonders lehrreichen Brief vom 25. Juni, nachdem ich nun in der Lage bin, in Gestalt der Anmerkung meines inzwischen entstandenen Kommentars zu Röm 9–11 (in der Anlage angestrichen) eine mir hieb- und stichfest scheinende Antwort auf Ihren Einwand zum Deuteronomium-Zitat in Röm 10,8 zu geben: Paulus durfte verkürzen, weil er dort nicht argumentierte, – sondern jubilierte.
Dass ein echtes ,Umdenken’ für den Griechen mit ,Wesensumkehr’ gleichbedeutend ist, notwendig zu ihr führt, werden Sie gewiss anerkennen; – wie andererseits gern zugegeben sei, dass das sinnenhafte hebräische Wort noch stärker ist, welches das handgreifliche ‚Kehrtmachen und in der entgegengesetzten Richtung Weitergehn’ bezeichnet.
Am schwersten fällt mir das Verständnis für Ihre Bemerkung zu meinem Satz in der Schoeps-Besprechung (Rundbrief Nr. 4, S. 16): „Entweder ist Jesus von Nazareth Gottes eigner Sohn . . . wie er selbst gesagt hat, – oder er hat gelogen und kann die Nichtjuden genau so wenig erlösen wie die seiner vermeintlich nicht bedürftigen Juden.“ Ich gebe gerne zu, dass ich hier ‚lügen’ im Sinne von ‚objektiv die Unwahrheit sagen’ gebraucht habe, während Sie ,Lüge’ nur von der subjektiven Unwahrheit zu verstehen scheinen. Das war – anders als für das griechische ,Pseudos’ – zweifellos der dominierende deutsche Sprachgebrauch des letzten Jahrhunderts; ich habe allerdings den Eindruck, dass seit der Hitlerzeit, in der so über die Maßen viel ‚gutgläubig’ gelogen wurde, das Wort durchaus wieder in dem Sinne verwendet werden kann, wie es etwa üblich war, wenn man jemandem – völlig abgesehen von einem Urteil über seine Wahrhaftigkeit – ins Gesicht sagte: „Das lügst du!“ – Soweit liegt also nur eine verschiedene Nuancierung des Wortgebrauchs zwischen uns. Aber dicht dahinter steht dann gleich das Ganze: Wie schmerzlich ist es für uns, die Wahrheitsfrage jüdischerseits gerade beim Synhedrion, das Jesu Gottheitsanspruch ernstnahm und ihn dafür verurteilte, am meisten ernstgenommen – und bei denen beiseitegewischt zu sehen, deren Interpretation des Jüdischen sonst dem Christen am meisten Gesinnungsverwandtes in demselben empfinden lässt! Und muss es uns nicht hoffen lassen: Wenn diese Jesus gesinnungsverwandtesten Juden, den Schleier einer schlechten NT-Philologie durchstoßend, sehen werden, dass dieser Jesus Sich mit jedem Wort als Gott erklärte, – werden sie Ihm den Glauben nicht verweigern können!?
Durchaus verstanden zu haben meine ich Ihre berichtigenden Bemerkungen zu meiner Frage, ob nicht der gläubige Jude hoffe, dass zuletzt auch der Christ Jude werde. Vielleicht kann man das, was ich meinte, richtiger so ausdrücken: Wir sind beide gewiss, dass unser Gott Sich am Ende vollkommen offenbaren wird. („Die Erde wird einst voller Erkenntnis werden, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt“, lese ich als Schlusssatz von Maimonides’ Hauptwerk zitiert-) Also sind wir auch gewiss, dass wir dann über Ihn einig sein werden. Da wir wohl beide nicht annehmen, dass dies in Gestalt unserer magischen Verwandlung ohne Gewirktwordensein in unserem diesem Ende entgegenreifenden gemeinsamen Leben geschehen wird, und da wir mit dem baldigen Hereinbrechen des Endes jederzeit rechnen sollen (und dürfen!), ist uns jederzeit aufgegeben: das Bemühen, einander auf diese künftige Einigkeit hin zu verstehen.
Mit dem Wunsche, dass dem auch dieser unser Briefwechsel gedient haben möge, begrüße ich Sie als Ihr Ihnen sehr ergebener
gez. Karl Thieme.

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Jerusalem, 10.10.49

Sehr verehrter Herr Thieme –
Da meine Zeit gegenwärtig von der Arbeit an der Begründung einer volkspädagogischen Institution übermäßig beansprucht ist, muss ich mich heute auf ein paar geradezu schematische Bemerkungen beschränken.
Gerade von der Wahrheitsfrage aus hatte ich Ihrer Alternative widersprochen: Gottes Wahrheit lässt sich meines Erachtens nicht in die höchst menschliche Dialektik eines solchen Entweder-Oder einfangen. Nicht die Sohnschaft, sondern die Einzigkeit der Sohnschaft steht zwischen uns in Frage. Ich sehe sowohl ein Nein wie ein Ja, die geschichtsmächtig sind und denen meine arme, auch höchst menschliche, aber doch: Gotteserfahrung sich nicht fügen kann und darf. Um diese geht es nämlich, überhaupt um Erfahrung und nicht um Philologie. Ich höre in Mk 10,18 eine andere Stimme als in Joh 14,6 und ich halte mich zu jenem Sprecher und nicht zu diesem. Ich glaube Grund zu haben, meinen hörenden Ohren, den von Gott „gebohrten“ (Ps 40,7) und von ihm „erschlossenen“ (Jes 50,5) zu vertrauen – wie könnte ich anders! Im übrigen bin ich gewiss, und Sie wohl auch, dass Gott, wen er erlösen will, erlösen kann durch wen er will; warum müsste also Jesus von Nazareth, wenn er nicht Gottes eingeborener Sohn ist, sondern nur einer seiner Söhne und Boten, die Nichtjuden genau so wenig erlösen können usw. Ich freilich sehe überhaupt die Erlösung nicht als vollzogen, und wieder sind es meine Augen, die dies nicht sehen. Verstockung? oder eine Gnade, wiewohl eine furchtbare? Ich halte dafür, dass Er Ihnen und mir gnädig ist, jedem von uns anders, aber beiden in Seinem unbegreiflichen Geheimnis. Dass es am Ende vollkommen offenbart wird, glaube ich wie Sie; nur bin ich dessen gewärtig, dass aller Menschenglaubensinhalt darin aufgelöst wird.
Es liegt mir fern, Paulus „Schriftfälschung“ vorzuwerfen; ich meine nur, solche Zitate seien eher Schriftverwendung als Schriftdeutung zu nennen. Da die Verwendung im Glauben geschieht, darf sie nur so wie ich es tue, nicht anders angefochten werden.
Den Matthäus-Aufsatz las ich mit großem Interesse.

Wie immer der Ihre
gez. Martin Buber.

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Basel, den 15. Oktober 1949.

Sehr verehrter Herr Buber,
es ist sehr gut und ich bin Ihnen aufrichtig dankbar dafür, dass Sie sich trotz Ihrer Inanspruchnahme noch einmal zu meinem letzten Brief geäußert haben, insbesondere zur Wahrheitsfrage; so wird es auch Lesern unsres Rundbriefs, die solchen Gespräches weniger gewohnt sind, wesentlich erleichtert, beide Standpunkte zu verstehen und zu würdigen.
Was das Deuteronomium-Zitat Pauli Röm 10,8 anlangt, so sind wir also nun offensichtlich darüber einig, dass die dort gegebene Auslegung den christlichen Glauben nicht beweisen will, sondern voraussetzt, also nur ‚theologisch’ mitsamt diesem Glauben selbst diskutiert werden kann, nicht jedoch, wie es Schoeps tat, aber gewiss nicht aufrechterhalten wird, rein ‚philologisch’ profanwissenschaftlich als unredlich abgetan werden darf.
Nicht wesentlich anders steht es nun aber auch mit dem scheinbaren Widerspruch zwischen Joh 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“ und Jesu Antwort an den ‚reichen Jüngling’, der ihn als ,Guter Meister!’ angeredet hatte: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut als nur der Einzige, Gott!“ (Mk 10,18).
Selbstverständlich, außerhalb des Zusammenhangs der Gesamtverkündigung des Evangeliums nach Markus gelesen, kann das als bescheidene Zurückweisung der Qualifikation als ‚sündlos’, geschweige denn als ‚göttlich’ verstanden werden. Aber gerade dieses Verständnis ist es, was ich in meinem vorigen Briefe, vielleicht etwas pauschal, als vom „Schleier einer schlechten NT-Philologie“ getrübtes bezeichnete. Das Grundprinzip aller guten Philologie fordert, dass jede Aussage aus ihrem Kontext, aus dem Zusammenhang heraus verstanden werden müsse, in welchem sie steht. Nun, dieser Satz steht im Zusammenhang eines Evangeliums, das vom ersten Satze (1,1) bis zum letzten (16,19 f.) Verkündigung von der Gottheit Jesu von Nazareth ist, an den Akzentstellen unverhüllt, an allen übrigen in der verhüllten Form, die Jesus selbst bis zu seinem letzten klaren Bekenntnis vor dem Synhedrium wählte und aus pädagogischen Gründen wählen musste. Kann denn irgendjemand im Ernste annehmen, dass Markus (wie Lukas) diesen Satz gebracht hätte, wenn er ihn als Selbst-Dementi der Gottheit Jesu verstanden hätte?
Wie können, wie dürften also die Evangelisten diesen Satz verstanden haben? Kann ihr Verständnis das Jesu selbst gewesen sein? „Dieser“, ich zitiere meinen seit Jahren abgeschlossenen Kommentar, dessen Kurzfassung jetzt gerade gedruckt wird und Ihnen hoffentlich noch vor Weihnachten zugehn kann, „wies zunächst die – durchaus ungewöhnliche – Anrede des Jünglings streng zurück; so gewiss er untadelig war (Joh 8,46), so gewiss durfte, wer ihn bloß als einen Menschen unter Menschen ansah, ihn nimmermehr in jenem höchsten Sinne als ,gut’, d. h. Spender alles Guten, alles Heils anreden, wie bloß Gott Selber es ist. (Wenn aber – so ist damit angedeutet – Jesus ganz gut war, ist Er dann nicht als Gott erwiesen?!)“
Diese, von Überlieferungszeugen ersten Ranges wie Ambrosius und Beda vertretene, heute z. B. von Ketter und Dillersberger festgehaltene Auffassung scheint mir an sich möglich und vom Gesamtzusammenhang des Evangeliums geradezu gefordert zu sein. Hinter diesen Gesamtzusammenhang auf angeblich von den Evangelisten verbogene ursprüngliche Meinungsäußerungen Jesu zurückgreifen zu wollen, ist schlechthin Willkür, die sich durch unversöhnlichen Widerspruch nachgerade zahlloser ‚Richtungen’ in der Wiedergabe dieser ,ipsissima verba’ und ihres Sinnes selber längst und gründlich ad absurdum geführt hat.
Um nun von niemandem missverstanden zu werden, möchte ich selbst ausdrücklich unterstreichen, dass das von mir angenommene traditionelle Verständnis der Worte Jesu sicherlich nur dem naheliegen wird, der vom Auferstehungszeugnis der Apostel für den Glauben an Ihn als Gottes Sohn schon gewonnen ist. Insofern kehre ich nun nicht den Spieß um, werfe nicht den ,schlechten Philologen’ meinerseits ,Schriftfälschung’ vor. Ich meine nur, dass dieselben wissenschaftlich gewissenhafter wären, wenn sie sich in diesen Dingen jeden Urteils enthalten würden, wenn sie sagten: „Der Evangelist dürfte den Ausspruch so verstanden haben, wie die zitierten Überlieferungszeugen es vertreten; was Jesus selbst gemeint hat, wenn er diese Worte ausgesprochen hat, das ist rein profanphilologisch so undurchsichtig wie einigermaßen alles, was von ihm überliefert ist, weil alles auf Andeutung einer Vollmacht herauskommt („Ich aber sage euch [...]“), an die der Gläubige glauben mag, die für Nichtgläubige – im christlichen Sinne – jedoch schwer mit dem gesunden Menschenverstande des Sprechers vereinbar erscheint.“ (Wie schon Joh 8,48 zu Jesus gesagt wird: „Du bist vom Dämon besessen!“)
Das Maximum, was allenfalls ein nichtchristlicher Philologe leisten könnte, wäre der freilich hier wohl ,übermenschliche’ (‚übernatürliche’) Kräfte verlangende Versuch, die Frage zu beantworten: Wie muss dieser Jesus gewesen sein, wenn die vier verschiedenen Spiegelbilder von vier verschiedenen Standorten aus, die uns als die vier Fassungen des Evangeliums von ihm überliefert sind, alle vier zuverlässig und nicht gegeneinander ausspielbar sein sollten? Gäbe das gewissermaßen einen wirklichen (wenn auch einzigartigen) plastischen Menschen, – so wie der analoge Versuch Julius Stenzels, alle die scheinbar einander widersprechenden Zeugnisse von Sokrates positiv ernst zu nehmen (in Pauly-Wissowas Realenzyklopädie) einen wirklichen plastischen Menschen zutage treten lässt, der viel glaubwürdiger ist als der bloß ,platonische’, bloß ‚aristotelische’ oder gar bloß ‚xenophontische’ Sokrates? (Entsprechend dem bloß ‚johanneischen’ oder bloß ‚synoptischen’ Jesus!)
Verzeihen Sie, dass ich zu dem zentral wichtigen von Ihnen aufgeworfenen Problem der einander (scheinbar, sage ich) widersprechenden ‚Stimmen’ im Neuen Testament so ausführlich werden musste.
Dafür kann ich Ihnen um so lieber zustimmen in der Gewissheit, dass Gott Sich als eines Werkzeugs der Erlösung für unsre menschlichen Augen bedienen kann, wessen Er will, so dass es eine Aussage christlichen Glaubens, nicht des Schauens ist, wenn wir wiederum in allen diesen Werkzeugen (auch den ‚nichtchristlichen’) Jesus Christus wirkend sehen. Wenn jedoch nun dieser sich zwar als Gott Selbst ausgegeben – aber damit die objektive Unwahrheit gesagt und also vom Synhedrium mit Recht den Urteilsspruch erhalten hätte, – wie es Schoeps konsequent vertritt –, dann hätte der wahrhaftige Gott dieses Werkzeug doch höchstens wie einen Judas Iskariot oder allenfalls wie den sicherlich gutgläubigen ‚Lügenpropheten’ Hananja (Jer 28) brauchen können, – statt Millionen durch den absurdesten Aberglauben in die Irre zu führen.
Dass Sie aber „die Erlösung nicht als vollzogen“ sehen, – wie fern liegt es uns, darin ‚jüdische Verstockung’ zu erblicken! Wir sehen diese ‚nachchristliche’ und nachjüdische Welt täglich unerlöster werden. Sehen selbst den Acker, auf den die gute Saat in erster Linie gesät ist, weithin überwuchert von Unkraut. Sehen freilich auch die guten Ähren, die dazwischen ebenfalls der Ernte zureifen – und sogar weit ringsherum auf andern Äckern, und vor allem, trotz allem gerade auch in Gottes Lieblings-Garten Israel.
In der Verbundenheit durch die über alles noch Trennende hinweg gemeinsame Erwartung dieser uns vereinenden Ernte begrüße ich Sie
als Ihr Ihnen sehr ergebener
gez. Karl Thieme.


FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 5/6, Dezember 1949, S. 20–23
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