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Karl Thieme

5. Das Mysterium Israels (I. Teil)

Gottes Wort über die Juden in Pauli Römerbrief

Die eingehendsten Ausführungen über das Schicksal und die Zukunft des nachchristlichen Judentums im Neuen Testament sind die Kapitel, die das Mittelstück in des Heidenapostels Paulus Brief an die Römer bilden. Die bedeutenden Sondererklärungen zu diesen Kapiteln aus der Feder von F. W. Maier und von E. Peterson sind z. Z. im Buchhandel vergriffen. Von ihnen und andern Kommentatoren (wie O. Kuß und M. J. Lagrange OP) ausgehend ist ein verhältnismäßig knapper neuer Kommentar geschaffen worden, der in einigen Jahren im Rahmen einer Übersetzung und Erklärung des ganzen Neuen Testaments publiziert werden soll. Inzwischen scheint es aber wünschenswert, die erwähnte Lücke zu füllen und im Interesse aller ernsthaft um die Erkenntnis des göttlichen Heilsplans mit Juden und Heiden Ringenden diesen Versuch einer genauen Übersetzung und Erklärung des so häufig missverstandenen Textes zu veröffentlichen. (In der vorliegenden Doppelnummer 5/6 bringen wir die erste Hälfte von Text und Kommentar; der Rest soll noch innerhalb der II. Folge unsres Rundbriefs erscheinen, so dass deren Bezieher die Arbeit vollständig erhalten. Für Bibelstudienkreise ist später die Herstellung eines Sonderdrucks beabsichtigt, der bei Bezug einer größeren Anzahl verbilligt abgegeben werden kann. Subskriptions-Einladung folgt in Nr. 7 bzw. Nr. 8).

Das Herzstück des Römerbriefes widmet der Apostel der Heiden dem Schicksal der Juden, seiner Blutsverwandten: Auch als verstocktes ist und bleibt Israel das Volk der Verheißung (9,1–5); dass Gott seinen Fall zuließ, begründet keinen Vorwurf gegen Ihn (9,6–33), erklärt sich vielmehr durch Israels eigene Schuld von der menschlichen Seite (10,1–21) und von der göttlichen durch einen gnadenüberreichen Heilsplan für Heiden und Juden (11,1–32), der Staunen, Lob und Preis wachruft (11,33–36).

1. Paulus betrachtet und betrauert das Mysterium des verstockten Israel (9,1–5)

„Wahrheit rede ich in Christus, ich lüge nicht, mein Gewissen bezeugt es mit mir im Heiligen Geist, dass meine Trauer groß ist und unablässiges Weh (in) meinem Herzen. Denn ich wünschte wohl, (im) Bann ich selbst von dem Christus hinweg zu sein für meine Brüder, meine Stammverwandten dem Fleisch nach; die da Israeliten sind; deren die Annahme an Sohnesstatt ist und die Glorie und die Bundesvermächtnisse und die Gesetzgebung und die Liturgie und die Verheißungen; deren die Väter sind und aus denen der Christus ist, soweit er dem Fleisch nach ist, Der da ist über alle, Gott, benedeit in die Ewigkeiten. Amen“ (V. 1–5).

Dass die Juden sich binnen wenigen Jahrzehnten zu den erbittertsten Feinden eben jener Heilsbotschaft entwickelt hatten, die doch ganz ursprünglich gerade für sie bestimmt war und ihnen allein Rettung bringen kann, das hatte der Apostel der Heiden mit scharfen Worten ausgesprochen, wo es ihm nötig schien (1. Th 2,15 f.; vgl. unten 11,28). Umso stärker und überdies, wohl angesichts möglicher Missverständnisse, wie sie bei Juden und Christen seiner Haltung zum eigenen Volk nur allzu häufig begegnet sind (vgl. Apg 21,28; 24,5), mit größter Feierlichkeit bezeugt nun Paulus in der Verbundenheit mit dem, der die Wahrheit ist, und in Übereinstimmung mit der Stimme seines in der Gegenwart des göttlichen Geistes der Wahrheit befragten Gewissens, wie sein innerstes Herz wirklich gegenüber denen empfindet, denen er dem Blute nach Bruder ist (V. 1). Er trauert tief um sie; ihr dunkles Los schmerzt ihn beständig; ja, er hätte – ähnlich wie Moses (Ex 32,32) – gewünscht, selbst dem Anathema zu verfallen, von der Gemeinschaft mit dem Christkönig ausgeschlossen zu werden, wenn er damit die Eingliederung seiner jüdischen Brüder in diese Gemeinschaft hätte erkaufen können (V. 2–3). Und nun, einerseits wohl zur Begründung seiner weit mehr als bloß natürlich-fleischlichen Liebe zu seinem Volke, andererseits wie zur Bestärkung der tröstlichen Gewissheit, dass es nicht für immer verloren sein kann, zählt er alle die Privilegien auf, die den Juden gehören und verbleiben, wenn auch erst ihre Umkehr zum Christkönig dieselben wieder voll in Kraft treten lassen wird (V. 4–5). Es handelt sich um neunerlei:

Sie sind Israeliten;
ihrer sind: die Annahme an Sohnesstatt,
die Glorie,
die Bundesvermächtnisse,
DAS GESETZ
(bzw. die Gesetzgebung),
der Gottesdienst
die Verheißungen;
ihrer: die Väter;
und aus ihnen der Christus,

soweit er dem Fleische nach wahrer Mensch ist, Er, der zugleich wahrer Gott ist, alles regierend und ewigen Lobpreises würdig, auch als Retter Seines Judenvolkes, wie sich im weiteren noch zeigen wird.

Im einzelnen besagt das: Der Ehren-Name ‚Israel’, Gottes-Streiter, den Jakob am Ende seines Ringens mit dem Engel erhielt (Gen 32,29), bezeichnet ein für allemal das Volk, das nicht aufhört, um Gott zu ringen und zu eifern, wenn auch jetzt oft mit fleischlichem Unverstand und dementsprechenden Misserfolg (9,31; 10,2 f.). Weiter: Unter allen Menschen sind und bleiben diese Israeliten in besonderer Weise von Gott an Sohnesstatt angenommen (Ex 4,22; Dtn 14,1; Os 11,1).

Das hat der Herr selbst sehr deutlich zu verstehen gegeben (Mk 7,27 par; vgl. Lk 15,31); und daran haben – im Sinne der Unwiderruflichkeit göttlicher Gnadenratschlüsse (11,29), die nur suspendiert nicht aufgehoben werden können, auch die Apostel festgehalten (11,23 f.; 2 Kor 3,15 f. etc.).

Wenn Paulus weiter den Juden die ‚Glorie’, die ‚Herrlichkeit’ zu eigen erklärt, so ist dabei zunächst zweifellos mit den meisten neueren Erklärungen an das Erscheinen der Gottes-Herrlichkeit im Allerheiligsten zu denken (Ex 40,34; 3 Kön 8,10 f.); darüber hinaus aber vor allem, wie etwa Thomas bezeugt, an die dadurch vorgebildete künftige Herrlichkeit (Is 4,5 f.), an welcher die endlich bekehrten Juden (Is 4,4) in einzigartiger Weise teilhaben werden, wie es für die Zeit nach ihrer Heimkehr ins Land Israel von Gott durch den Propheten Ezechiel verheißen ist (36,22 ff.).

Entsprechend ist bei den ‚Bundesvermächtnissen’ nicht nur an den Gottesbund der Vergangenheit zu denken (am Sinai, vom Volke aus erneuert am Berg Ebal Jos 8,30 ff.); sowie gegenüber Abraham Gen 15,18; 17,2), sondern durchaus auch an die Verheißung des Neuen Bundes (Eph 2,12), der nur darauf wartet, dass auch die Juden sich in ihn aufnehmen lassen.

Erst dann wird ihnen wahrhaft gehören, was nun in der Herzmitte dieser Aufzählung folgt: das Gesetz, weil ja erst der Christus dessen letzter Sinn ist (10,4), in welchem Gottes Geheiß und Verheißung erfüllt und allen Gutwilligen erfüllbar wird. Wahrscheinlich hat eben darum der
Apostel hier nicht ,das Gesetz’ geschrieben, sondern: ,die Gesetzgebung’; dass diese gerade an das Volk Israel geschehen ist, macht seine unverlierbare Würde und Bürde aus; eben darum auch, wenn ihm einst die Augen aufgehen werden, seinen Vorrang (11,24; vgl. Mk 7,28 f.).
Unter der Liturgie, bzw. dem Gottes-Dienst dürfte alledem entsprechend nicht nur der Kult im Tempel zu Jerusalem verstanden werden, sondern im Sinne von Ps 141,2; Dan 6,10.20; Mk 12,32; Jak 1,27: Gebet und Almosen; eine Auffassung, die sich seit der Zerstörung Jerusalems auch unter den Juden allgemein durchsetzte und ihnen bis heute mit uns Christen gemeinsam ist.

Dass ihnen weiterhin auch Gottes unumstößliche Verheißungen eignen, wiewohl vor der Wendung zu Christus nur wie ein Hort in verschlossener Truhe dem, der den Schlüssel dazu verloren hat, wird noch wiederholt betont (11,1 f., 11.15.24.26.29.31).

Dass die Patriarchen „die Väter“ vor allem den Juden gehören, hat schon der Herr sehr deutlich ausgesprochen (Joh 4,22). Und so stammt denn seiner Menschheit nach wesensnotwendigerweise aus ihrer Mitte auch der Messias (vgl. etwa Lk l,32 f.).

Dass, statt dessen Gekommensein in der Person Jesu anzuerkennen, die Juden den Weg des falschen Messianismus, der Barabbas und Bar Kochba, verfolgen, das eben hat den guten Israeliten Paulus mit so tiefem Leid erfüllt wie etwa in unseren Tagen der falsche Messianismus der Deutschen den guten Deutschen Theodor Haecker in seinen ,Tag- und Nachtbüchern’.

Und darum hat der Apostel jenen fast ungeheuerlichen ‚Wunsch’ aussprechen können, um der Rettung der Brüder willen selbst die Verlorenheit zu tragen; wozu Chrysostomus schreibt: „So sehr beherrschte die Liebe seinen Geist, dass er, um Christus zu gefallen, selbst das verschmähte, was von allem das Liebenswerteste ist, nämlich mit Christus vereint zu sein; ja, auch das Himmelreich, welches als die Belohnung der Mühsale erschien, hätte er um Christi willen gern verlassen.“

Wenn einst die Heidenchristen dieser Gesinnung ihres Apostels – und wahrlich erst recht seines Herrn! – von ganzem Herzen nacheifern und dadurch auch den Juden erleichtern zu erkennen, dass dieser vermeintlich Abtrünnige der treueste Jude war, dann ist der Tag nahe, wo sie und wir „eine Herde werden, und ein Hirte“, wie es verheißen ist (Joh 10,16).

Anmerkung
Zu V. 4: „die Annahme an Sohnesstatt“ als durch keinen Abfall endgültig verfallendes Ehrenrecht der Juden (in das wir Heidenchristen erst nachträglich mitaufgenommen sind) geht besonders unzweideutig hervor aus der Isaias-Prophetie, wo Gott ankündigen lässt, dass Er die Exilierten heimholen werde: „Zur Mitternacht sag’ Ich: Gib her! – und zum Mittagsland: Hindere nicht! Bring her Meine Söhne aus der Ferne und Meine Töchter; alle, die mit Meinem Namen gerufen sind . . .“ Solch klare Verheißung, die Präsens-Form und sorgsame Wortwahl Pauli (‚Gesetzgebung’) zwingen uns, mit Kuß und Maier diese ‚Juden-Privilegien’ als unverscherzbare offenbart zu glauben.

2. Gott begnadet und verhärtet, wen und wozu Er will (9,6–29)

Um den Gedankengang gerade dieses zweiten Abschnitts nicht so misszuverstehen, wie er nur allzu häufig missverstanden worden ist, darf man keinen Augenblick vergessen, dass Paulus hier ausschließlich von ‚Völkern’ sowie Volks-Gruppen (Juden, Edomitern als Esau-Stamm etc.) und deren heilsgeschichtlicher Rolle spricht, nicht aber von einzelnen Individuen und ihrem Heil. Alles kreist darum, die zentrale Aussage (9,30 f.) zu erklären: Dem Gesetz, dessen Erfüllung Gerechtigkeit verbürgt, hat das Volk der Juden vergeblich nachgeeifert, – während den dafür blind gewesenen Heidenvölkern jene Gerechtigkeit durch die Glaubenshingabe an den Gesetzes-Erfüller (Christus 10,4) geschenkt ward. – Zunächst nun wird die souveräne Freiheit Gottes herausgearbeitet, die Werkzeuge und Zeichen Seines Erbarmens wie auch Seines Zornes völlig unabhängig von irgendwelchen Rechtsansprüchen derselben auszuwählen.

a) Gottes Gnadenwahl, nicht Menschenleistung bestimmt verheißungsgemäß über die Rollenverteilung in der Heils-Geschichte (9,6–13)
„Nicht solchermaßen aber (steht es), als ob das Wort Gottes hinfällig geworden wäre! Denn: Nicht alle aus Israel, selbige (sind) ‚Israel’; und nicht weil Samen Abrahams, sind sie alle auch ,Kinder’ (desselben). Vielmehr (heißt es): In Isaak soll dir Same berufen werden! – Das bedeutet: Nicht die Fleischeskinder, selbige (sind) Gottes Kinder; sondern die Verheißungskinder werden als ,Same’ gerechnet. Denn ein Wort der Verheißung war dieses: Um diese (Jahres-)Zeit werde Ich (wieder-)kommen, und der Sara wird ein Sohn (zu eigen) werden. Nicht allein aber (Sara), sondern auch Rebekka, die von einem einzigen Mann Empfängnis hatte, unserem Vater Isaak! Als nämlich ihre Söhne Esau und Jakob noch gar nicht geboren waren und nichts Gutes oder Schlechtes getan hatten, ward, – damit der Erwählungs-Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden – derselbigen gesagt: Der Größere wird dem Kleineren dienen; – wie geschrieben steht: Den Jakob habe Ich geliebt, den Esau aber gehasst“ (V. 6–13).

Zunächst beseitigt der Apostel den beunruhigendsten Gedanken, den die Ablehnung des Heils durch die große Masse derer, denen es bestimmt war, hervorrufen konnte: Sollte gar Gottes Verheißungswort an Israel hinfällig geworden sein? (V. 6a).

Die Antwort, die freilich erst 9,24 ff. vorläufig und 11, 1–5.25 ff. endgültig positiv ergänzt wird, lautet zunächst rein negativ: Nein, schon darum weil „nicht alle aus Israel“, nicht alle Menschen jüdischer Abstammung wirklich im vollen Sinne ‚Israel’, d. h. Verheißungserben sind, nicht alle leiblich aus dem „Samen Abrahams“ Erzeugten auch geistliche echte ‚Kinder’ Abrahams, schon darum beeinträchtigt der Ausfall massenhafter Menschen aus Israel in keiner Weise den Wahrheitsgehalt der Verheißungen für ‚Israel’ im vollen Sinne dieses Wortes (V. 6b–7a).

Das wird nun sogleich zwingend bewiesen: Wenn Gott dem Abraham geradezu erklärte, nicht sein älterer Sohn (von der Hagar) Ismael, sondern allein Isaak (von der Sara) sei der Verheißungs-Spross (Gen 21,12), weil eben nur Isaak ausdrücklich als solcher angekündigt worden war (Gen 18,10.14), dann zeigt schon dies allein, dass Gott Sich die volle Freiheit vorbehält, unter den Nachkommen der Verheißungsträger als Verheißungs-Erben zu wählen, wen immer Er will (V. 7b–9).

Vollends aber geht aus der Erwählung des zweitgeborenen Zwillings Jakob statt des zuerst ans Licht gekommenen Esau unter Isaaks und Rebekkas beiden Söhnen hervor, dass diese Gnadenwahl Gottes noch nicht das Allergeringste mit eigenem Verdienst oder Verschulden der dabei zum Antreten oder Nichtantreten des Erbes der Verheißung Berufenen zu tun hat, sondern nur mit des berufenden Gottes unerforschlichem Ratschluss (V. 10–13). Wie er denn schon im Alten Bunde den Israeliten ausdrücklich verbot sich einzubilden: „Um meiner Gerechtigkeit willen hat Er mich kommen lassen, dies Land zu ererben“ (Dtn 9,4). Weder haben die Juden das leiseste Verdienst daran, dass gerade sie zuerst auserwählt wurden, noch wir Heiden-Christen, dass dann vorwiegend aus uns das neue Gottesvolk der Kirche geschaffen ward.

Anmerkung
Zu V. 7: „Samen Abrahams“ nennen sich die Juden sehr betont Jo 8,33; die Argumentation, mit der ihnen dort Jesus widerspricht, hat aber ebenso wenig wie die des Täufers Mt 2,8 f. irgendetwas mit der Pauli hier zu tun, weil es dort in beiden Fällen um die Abraham-Kindschaft verscherzendes menschliches Tun geht, hier aber um jedem solchen Tun vorangehende Kindes-Erwählung von Seiten Gottes.
Zu V. 13: „Esau habe ich gehasst“ (Mal l,2 f.) bedeutet im Munde Gottes in keiner Weise einen (grundlosen!) Affekt, sondern eben nur die ausdrückliche Nicht-Erwählung. (Ähnlicher Sprachgebrauch im AT: Dtn 21,15–17; illustriert etwa durch Gen 29,30 f., Jud 14,16). Über das ewige Heil, das sich Esau persönlich kraft Gottes universalem Gnadenwillen für alle Menschen (l Tim 2,4) verdienen oder aus eigener Schuld verscherzen konnte, ist damit überhaupt nichts gesagt. (Das Nötigste schon im AT durch Ez 18,4 ff. 20!)

b) Gott hat diese Rollen-Verteilung ausdrücklich allein Seiner Freiheit im Hinblick auf Seine Verherrlichung vorbehalten (9,14–23)
„Was sollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Nimmermehr! Denn zu Moses spricht Er: Ich will Mich erbarmen, dessen Ich Mich erbarme, und will Mich’s jammern lassen, dess’ Ich Mich jammern lasse! – Also nun: Nicht bei dem wollenden oder laufenden (Menschen liegt’s), sondern bei dem erbarmenden Gotte. Denn es sagt die Schrift zum Pharao: Eben dazu habe ich dich erweckt, dass Ich an dir Meine Macht erzeige und dass Mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde. – Also denn: Wessen Er will, erbarmt Er sich; wen Er will, verhärtet er. Du wirst mir nun sagen: Was tadelt er dann noch? Denn wer widersteht Seinem Willen? – 0 Mensch, wer bist denn du, dass du Gott widerredst? Sagt etwa das Bildwerk zu seinem Bildner: Was hast du mich so gemacht? – Oder hat nicht der Töpfer die Vollmacht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen? Wenn aber nun Gott, willens Seinen Zorn zu zeigen und Seine Macht kundzutun, mit vieler Langmut Gefäße des Zornes ertrug reif zum Verderben; und (sogar) um den Reichtum Seiner Herrlichkeit kundzutun an den Gefäßen des Erbarmens, die Er vorherbereitet hat zur Herrlichkeit?“ (V. 14–23).

Es mag eingewendet werden: Wenn also auch das Verheißungswort an Israel durch die Messias-Ablehnung der meisten Juden nicht außer Kraft gesetzt ist, bedeutet es nicht doch eine ungerechte Bevorzugung, wenn Gott immer wieder eine in keinem menschlichen Verdienst begründete Auswahl trifft? – Keinesfalls! – antwortet der Apostel (V. 14).

Zwei Schriftworte bietet er zum Beweis. Das erste ist jene überaus feierliche Selbstoffenbarung Gottes gegenüber Moses, der für das in der Sinai-Wüste sündig gewordene Volk Fürsprache einlegt (V. 15–16). Gerade weil Gott hier Sein innerstes Wesen als grundlose Barmherzigkeit b stimmt (Ex 33,19 in Verbindung mit 34,6 f.), ist es vollkommen sinnlos danach zu fragen, ob denn solches Erbarmen, das Gott einem schenkt, auch ‚gerecht’ sei; es ist ja seinem Wesen nach eben nicht gerechter Lohn für selbsterworbenes Verdienst, für unser erst dadurch ermöglichtes „Wollen“ und „Laufen“ (Ph 2,13.16!), sondern überschwengliche Gnade, reines, freies Geschenk, für das der Geber keinem Rechenschaft schuldet (vgl. Mt 20,15). Niemand schuldet mehr Geschenke, als er selbst versprochen hat. Das zweite Schriftwort geht noch einen Schritt weiter (V. 17–18). In freier Abwandlung von Ex 9,16 (vgl. 10,1; 14,4.17) lässt Paulus Gott sagen, dass er den Israels Auszug aufhaltenden Pharao nicht nur, wie es dort heißt, ertragen, nein, geradezu als solchen ‚erweckt’, wachgerufen und aufgereizt habe, um an der glorreichen Überwindung dieses Widerstands vor aller Welt Seine Macht zu erweisen und Seinen großen Namen zu verherrlichen. Damit ist also klar offenbart, dass Gott Selbst es Sich vorbehält, an den Stellen der Geschichte, wo es Seinen Namen – eben jenen Namen, der Ihn als den grundlos Gnädigen kennzeichnet! – kundzumachen und preisen zu lassen taugt, Kreaturen auftreten zu lassen, die sich Ihm zu widersetzen suchen und eben dadurch die Machtentfaltung von Seiner Seite herausfordern, an der sie scheitern,

Der Eingangs-Einwand ist also beantwortet: Für Sein Erbarmen mit den einen schuldet Gott wesensmäßig keine Rechenschaft; und Sein ‚Verhärten’ (genauer: Sich-verhärten-lassen) der anderen ist gerechtfertigt durch den Zweck, dem ihr Auftreten als Verhärtete dienen muss.

Nun folgt aber ein zweiter Einwand: Wenn Gott bestimmte Kreaturen als Verhärtete auftreten lassen will, wie kann Er dieselben dann noch wegen der von Ihm Selbst gewollten Verhärtung tadeln? (V. 19).

Paulus kann sich gegenüber Lesern, die mit ihm die Überzeugung teilen, dass Gott den Menschen als für seine trotz Gottes universaler Erst-Ursächlichkeit frei getroffenen Entscheidungen verantwortliches Wesen geschaffen hat (1,20 f.; vgl. Dtn 30,19 f.; Mich 6,8), mit der einfachen Antwort begnügen: Wenn du armseliger Mensch in deinem stets selbstverschuldeten Trotz von Gott irgendwo als Werkzeug bzw. „Gefäß“ Seines Zornes gebraucht wirst, welches Recht hast du dann, deinem Bildner zu widerreden? Bist du vor ihm nicht „Ton in des Töpfers Hand“? (Jer 18,6). Hat er nicht das souveräne Recht, dich völlig nach Seinem Gutdünken und Ratschluss zu verwenden? (V. 20–21).

Und vollends, wenn Er nun sogar jene, die sich selbst das Zorngericht zuzogen – wie einst den Pharao so jetzt das trotzige Israel – zwar einerseits als ihrer Würde verlustige Gefäße eben jenes Zornes verwendet, andererseits aber auch in unendlicher Langmut geduldig erträgt (Israel bis zu jener All-Erbarmung, von der unten 11,25 f. die Rede sein wird!), statt sie sogleich dem Verderben anheimfallen zu lassen, für das sie an sich „reif“ (buchstäblich: zubereitet) wären, um gerade auch durch diese geheimnisvolle Duldung erst recht die Voraussetzung für das Offenbar-Werden Seiner Gnadenherrlichkeit an denen zu schaffen, deren Er Sich erbarmen will? (Wie 11,30–32 ausgeführt wird.) Wie dürfte da auch nur noch ein Wort der Widerrede laut werden? (V. 22–23).

Anmerkung
Zu V. 17: „es sagt die Schrift“, wegen der Zweckbestimmung („dass Mein Name verkündigt werde . . .“) erschien dem Apostel gerade Ex 9,16 als die geeignetste Stelle; wenn dann sehr frei zitiert ist, was Gott zu diesem Zwecke tat, so weil es letztlich dem Geist und Sinn des Gotteswortes im Buch Exodus gemäß ist, während der Apostel dem bloßen Buchstaben der Einzelstelle hier wie überall mit souveräner inspirierter Freiheit gegenübersteht (Vgl. zu 10,6!).
Zu V. 22: „Wenn aber nun Gott – ertrug?“ ist die Kern-Aussage der Periode; zu ergänzen etwa durch einen Satz wie: Dann bleibt doch wahrlich kein Grund zu Widerreden! (Sondern höchstens zu lobpreisen, wie 11,33 ff. geschehen wird.) Gott „erträgt“ aber die zunächst „Widerredenden“ einerseits, weil sie sowohl Seinen Zorn wie auch Seine Macht verspüren lassen, indem sie unter diesem Zorn dennoch langmütig bewahrt bleiben, obwohl sie sich nach dem Maßstab strikter Gerechtigkeit das sofortige gänzliche Verderben zugezogen hatten; andererseits gar, weil die Verstockung derselben in den Dienst einer umso größeren Herrlichkeits-Offenbarung an denen treten kann, deren sich Gott nun auch erbarmen will, der Heiden, wie es unten 11,11 f. 15.19 ausgeführt wird. – Der strenge Parallelismus der jeweils an den Schluss gestellten Daseins-Ziele: „Gefäße des Zorns . . . zum Verderben“ und „Gefäße des Erbarmens . . . zur Herrlichkeit“ nötigt uns – ausnahmsweise abweichend von dem hervorragenden Kommentar Maiers – schon hier den Satz zu schließen (mit der Vulgata, Estius, Perk, Peterson und den letzten Revisoren sowohl der Luther- wie der Zürcher Bibel), ja sogar den ganzen Absatz (mit Thomas, Schlatter und Sickenberger). Es scheint uns nämlich, dass in dem Mittelstück, gerahmt durch das Leitwort „erbarmen" (V. 15 f. 18.23), Paulus bewusst von den eigentlich ,Gemeinten’ schweigt, um sie nun im Schlussstück gleich zum Auftakt V. 24 (und unter Wiederaufnahme von „Israel“ aus V. 6 in V. 27) ausdrücklich zu nennen. – Der ganze größere Abschnitt 9,6–29 dürfte gerahmt sein durch „Wort“ (6.28), „berufen“ (7.12.24–26) und „Samen“ "(7 f. 29); das erste Teilstück 9,6–13 vielleicht durch „Israel“ (6) und „Jakob“ (13); für den Schlussteil kommt wohl nur das Leitwort „Heiden“ (24) mit der gelegentlich auch sonst zu beobachtenden ‚Außen-Rahmung’ 9,30 in Frage.

c) Außer dem ,Rest’ der Juden sind nun auch die Heiden laut der göttlichen Verheißung als Erwählte berufen (9,24–29)
„Als solche berief er auch uns, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden, so wie Er auch bei Hosea spricht:
Ich werde ‚Nicht-Mein-Volk’ rufen: Mein Volk, und die Ungeliebte: Geliebte;
und geschehn wird’s: An dem Ort, wo ihnen gesagt ward: Ihr seid nicht mein Volk;
dort soll’n sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes! Isaias aber ruft aus über Israel:
Wär’ die Zahl der Söhne Israels wie der Meeressand, (nur) der Rest wird gerettet werden;
denn vollendend und zusammenschneidend wird auf Erden handeln der Herr.

Und wie auch Isaias vorhergesagt hat:
Hätte der Herr der Heerscharen uns nicht Samen gelassen, wie Sodom wurden wir, glichen Gomorrha!“ (V. 24–29).

Der Schleier fällt: Wer sind jene, von denen es eben hieß, dass Gott sie als Gefäße Seines Erbarmens von Ewigkeit her bereitet hat zur Teilhabe an Seiner Herrlichkeit? –Wir, jubelt Paulus, wir, die Er sowohl aus den Juden wie nun gar auch aus den Heidenvölkern dazu berief! (V. 24).

Den Schrift-Beweis dafür, dass dieser Vorgang durchaus verheißungsgemäß war, wird nun in Ergänzung des rein negativen von 9,6 ff. positiv vollendet. Zunächst werden zwei Stellen, die beim Propheten Hosea (Osee) unmittelbar auf die abtrünnigen Nord-Israeliten gemünzt waren, in vertauschter Reihenfolge (erst Os 2,25 LXX: 2,23; dann 1,10, LXX: 2,1) als typologisch auf die Heiden-Berufung deutend erklärt; durchaus sinngemäß, denn von den Zeiten Abrahams und seiner Sippe an sind diejenigen, welche die Verehrung des wahren Gottes mit Götzendienst zuerst vermischen und schließlich vertauschen, als die ‚Heiden’ anzusprechen; wenn wir mit Paulus (1 Kor 10,11) und vor allem Jesus selbst (Lk 24,27.44) in allen Heiligen Schriften des Alten Bundes den Hinweis auf den Neuen suchen dürfen und sollen, so sprechen Buchstabe und allerweitester Sinngehalt dieser Prophetenworte wahrlich unzweideutig genug. Wenn nun vollends Paulus seine Zitierfreiheit durchaus nicht dazu benutzt, um im zweiten Zitat irgendwie zu verhüllen, dass dort ursprünglich dieselben Personen, denen zuerst die Gottesvolk-Eigenschaft abgesprochen worden war, gar als ,Gottes-Söhne’ wieder angenommen werden (und noch dazu „an dem Ort“ ihrer einstigen Verurteilung!), sollte da nicht – mit Theodor v. Mopsueste – angenommen werden dürfen, dass nun umgekehrt wie vorher durch die verheißene Versöhnung mit den Nord-Israeliten die mit den Heiden, hier durch die Sohnschafts-Annahme der Heiden die entsprechende Wiederannahme der Juden hindurchschimmert? (V. 25–26).

Ausdrücklich ist vom ‚Israel nach dem Fleisch’ nun freilich erst in den beiden abschließenden Isaias-Zitaten die Rede (V. 27–29). Das erste (Is 10,22 f.) erklärt, dass für eine bestimmte Phase der Heilsgeschichte ohnedies nur ein ,Rest’ aus der Gesamtmenge der Söhne Israels für die Rettung vorgesehen war (Näheres dazu 11,2 f.). Das zweite (Is 1,9) bestätigt, dass durch die eigene Schuld Israel kein besseres Schicksal als Sodom und Gomorrha verdient hat, ihm aber wenigstens solch ein ,Rest’ von Gott übriggelassen ist, indem derselbe nun hier als ,Same’ bezeichnet ist, leuchtet wieder die unerschütterliche große Zukunftshoffnung durch.

Anmerkung
Zu V. 28: „zusammenschneidend“ übersetzen wir mit Maier (ähnlich Sickenberger und nach Estius auch ältere Zeugen), weil wir mit ihm wegen des einleitenden ,denn’ für wahrscheinlich halten, dass der Apostel mit dem Ausdruck eine ähnliche Beschränkung des Verheißungserbenkreises angedeutet sah wie mit dem Worte ‚Rest’; immerhin bleibt auch die von Lagrange und anderen verfochtene Übersetzung „verkürzend, beschleunigend“ möglich, da sie dem zitierten Prophetenwort (Is 10,23) besser entspräche.

3. Im Gegensatz zu den Heiden haben die Juden die Glaubens-Gerechtigkeit verfehlt, obwohl Gott sie darauf vorbereitete und dazu aufrief (9,30–10,21)

Dieses innerste Herzstück des ganzen Römerbriefs spricht zunächst das ungeheure Paradox endlich mit dürren Worten aus: Dass das von den Juden gesuchte Heil zunächst den Heiden ungesucht zuteil ward (9,30–10,4), entwickelt dann ganz knapp, als wer dieses Heil in Person schon durch die Offenbarung im Alten Bunde hindurchleuchtet (10,5–10), und zeigt, dass Gott schon dort den Heilsweg bahnte, aber auch ankündigte, dass jenes Paradox bevorstehe.

a) In Christi Person haben die Juden die eifrig gesuchte Gesetzeserfüllung an die Heiden verloren, welche dieselbe gar nicht gesucht hatten (9,30–10,4).
„Was sollen wir also sagen? Dass Heiden, die nicht die Gerechtigkeit verfolgt haben, die Gerechtigkeit ergriffen haben, die Gerechtigkeit aber aus Glauben; Israel jedoch, das ein Gerechtigkeitsgesetz verfolgte, ist nicht zum Gesetz gelangt! Warum? Weil (es hinstrebte) nicht aus Glauben, sondern wie aus Werken! – Sie sind angestoßen am Steine des Anstoßes; wie geschrieben steht: Siehe, ich setze in Sion einen Stein des Anstoßes und einen Felsen des Ärgernisses; und wer auf ihn sein gläubiges Vertrauen setzt, wird nicht zuschanden werden. Brüder, wahrlich, der Wunsch meines Herzens und das Gebet zu Gott für sie (geht) auf ihre Rettung. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer haben für Gott, aber nicht nach rechter Erkenntnis. Denn die Gerechtigkeit Gottes verkennend und die eigene aufzustellen bestrebt, unterwarfen sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes; ist doch Endsinn des Gesetzes Christus, zur Gerechtigkeit jedem, der glaubt“ (9,30–10,4).

Nicht ohne Zögern, das in der vorausgeschickten Frage zum Ausdruck kommt, spricht nun endlich der Apostel die heilsgeschichtliche Grundtatsache der Epoche zwischen Christi Himmelfahrt und Wiederkunft aus (V. 30–3l): Jene Heiden, welche in ihrer gewaltigen Masse weit davon entfernt waren, ernstlich um eine Daseinsform zu ringen, wie sie Gott als ‚gerecht’ offenbart hatte, sie haben plötzlich in großer Anzahl den Glauben geschenkt bekommen, der gerecht macht. (Wenn ihm die Auswirkung in der Liebe nicht fehlt; vgl. 13,10; Gal 5,6). Die Juden aber, welche ganz überwiegend mit leidenschaftlichem ,Eifer für Gott’ (10,3) jene in der Gesetzes-Offenbarung vorgezeichnete Gerechtigkeit verfolgten wie der Jäger das Wild, sie sind – „nicht zum Gesetz gelangt“. Dieser rätselhafte Ausdruck, ganz besonders alarmierend für den Juden, dessen beglückendstes Privileg ihm selbst gerade der Besitz des Gesetzes zu sein schien (s. o. zu 9,l–5!), wird verständlich, wenn im Schlusssatz des Abschnitts als ‚Endsinn’, gleichsam: Summe, des Gesetzes Christus enthüllt wird, auf den es als auf seinen Erfüller hinweist (10,5–10), und in dessen Nachfolge allein es für Menschen erfüllbar wird (10,l–4; vgl. l Tim 1,5).

Indem die Juden diesem Jesus Christus die gläubige Nachfolge überwiegend verweigerten, durch die sie gerecht werden konnten, haben sie der fleischgewordenen Gottes-Gerechtigkeit, dem Gesetze in Person, den Gehorsam aufgesagt; sie haben diese Gerechtigkeit verkannt; ihr Eifer war – und ist solang sie daran festhalten – ein unerleuchteter; und die Fürbitte ist fast noch das Einzige, was Paulus in seinem Schmerze für sie tun kann (10,1; vgl. 9,3 und zu Mk 9,29!).

Warum ist dies den Juden zugestoßen? Die doppelte Antwort lautet (9,32 f.; 10,3): Einmal, weil sie sich nicht zu jenem Hingabe-Akt des rein empfangenden Glaubens angesichts der Gesetzes-Sinn-Enthüllung im gekreuzigten und auferstandenen Christus entschließen konnten, sondern „wie aus Werken“, d. h. vermeintlich durch Anhäufung von Gesetzes-Erfüllungen (Mizwoth), gerechtfertigt werden wollten; das heißt aber andererseits: weil sie sich auf die ‚eigene’, unabhängig von zuvorkommender Christus-Gnade selbst erworbene Gerechtigkeit berufen zu können wähnten (vgl. Lk 15,29 f.; 16,15; 18,11 f.). Auf diese Weise hat sich das Wort des Propheten (Isaias 8,14) vom „Stein des Anstoßes“ erfüllt, als der Gott Selbst Sein Volk auf die Probe zu stellen angekündigt hatte; zusammen mit dem anderen Wort vom „köstlichen Eckstein“ (Is 28,16) – dass es derselbe Stein ist, betont Paulus, indem er diese Wendung durch die obige ersetzt! – welchen Gott auf dem Sionsberg als Fundament Seines lebendigen Tempels zu legen verheißen hat (Eph 2,20 ff.!); ihm und damit also letztlich Gott das gläubige Vertrauen zu schenken ist die Vorbedingung des Heils (9,33; 10,11).

Anmerkung
Zu 10,4: „Endsinn des Gesetzes Christus“ übersetzen wir, weil uns K. Emmerich in einer leider noch ungedruckten Basler Preisarbeit ‚Telos’ nachgewiesen zu haben scheint, dass dieses Wort hier – wie an der genau parallelen. Stelle 1 Tim 1,5! – geradezu die Übersetzung des hebräischen Kelal darstellt: Zusammenfassung, Summe, Rekapitulation. Als Kelal des Gesetzes ist auf die dahin zielende Frage von Jesus selbst das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe – im vollen Einvernehmen mit den besten Schriftgelehrten (Mk 12,32 f.) – bezeichnet worden. Wenn auf die darauf weiter folgende Frage bei Lukas: „Wer ist mein Nächster?“ Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter antwortet, das ihn selbst nach dem übereinstimmenden Väter-Zeugnis als diesen ‚Samariter kennzeichnen soll (Lk 10,29.36 f.; vgl. Joh 8,48!), dann ist in Bild und Gleichnis das Entsprechende gesagt wie hier ohne Bild: Jesus Christus gläubig liebend nachfolgen, das ist d e r Weg zur Gerechtigkeit durch die Erfüllung des Gesetzes. Die starke traditionelle Verwurzelung dieses erst in neuerer Zeit durch die unhaltbare Fehlübersetzung von ‚Christus Ende des Gesetzes’ in den Hintergrund gedrängten Text-Verständnisses bezeugen Thomas („Christus, auf welchen das ganze Gesetz hingeordnet ist“) und noch deutlicher Estius („Christus, durch den allein das Gesetz erfüllt wird“), der auch schon treffend auf 1 Tim 1,5 als Parallelstelle und dort dann auf Mt 22 verweist. Dass im Sinne von Mt 5,17 f. und des Hebräer-Briefs, ja sogar noch Barnabas’, keineswegs nur die ‚überzeitlich’ verdünnte Forderung der 10 Gebote, sondern das ganze, auch das Ritual-Gesetz in Christus erfüllt ist und in seiner Nachfolge von den Christen erfüllt wird bis – am Jüngsten Tage – „alles geschehen ist“, gehört zu den elementaren Wahrheiten unseres Glaubens, ohne deren Wiedererweckung weder mit Protestanten noch vollends mit Juden sinnvolle Aussprachen möglich sind. (Näheres in ‚Kirche und Synagoge’, Olten 1945 unserer kommentierten Neu-Ausgabe des Barnabas-Briefes und des Justin-Dialogs mit dem Juden Tryphon.)

b) Erst Christus hat ja die Gerechtigkeit in greifbare Nähe des gefallenen Menschen gebracht (10,5–10)
„Moses nämlich schreibt von der Gerechtigkeit, der aus dem Gesetz (hergeleiteten): Der Mensch, der danach tut, wird in ihr das Leben haben. – Die Gerechtigkeit aber aus dem Glauben spricht so: Sage nicht in deinem Herzen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen? – Nämlich, um Christus herunterzuführen! Oder: Wer wird in den Abgrund hinabsteigen? – Nämlich, um Christus von den Toten heraufzuholen! Sondern, was spricht sie? Nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen! – Dies ist das Wort des Glaubens, welches wir verkünden. Denn wenn du mit deinem Munde Jesus als Herrn bekennst und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn auferweckt hat von den Toten, wirst du gerettet werden. Das Herz nämlich vertraut gläubig zum Gerechtwerden; mit dem Munde aber bekennt man zum Gerettetwerden“ (V. 5–10).

Dass letzter Sinn, Ziel und Erfüllung des Gesetzes erst in Jesus Christus offenbar, wirklich und für Menschen möglich geworden (10,4), das beleuchtet nun der Apostel durch zwei Sätze, die einander ergänzen. Einmal die unabdingbare Forderung der Gesetzes-Gerechtigkeit des Alten Bundes: Nur, wer nach dem Gesetze wirklich tut, wer es in seinem vollen Umfang hält, wird in der so erworbenen Gerechtigkeit das Leben haben (V. 5 gleich Lev 18,5; vgl. Gal 3,11 f.; 5,3). Dem Nachweis, dass unter dieser unabdingbaren Voraussetzung ohne Christus schlechthin alle Menschen des ewigen Todes wären, hat Paulus im ersten Teil des Briefes geführt.

So lange er selbst sich unter dieser bei allem guten Willen unerfüllbaren Forderung (vgl. 3,9 ff.; Ps 14,1 ff.) wie unter einem Fluch befand (Gal 3,13) war auch dem Paulus das andere Wort wie ein Hohn erschienen, das die Nähe- und Leicht-Erfüllbarkeit des Gesetzes triumphierend verkündet (Dtn 30,12.14). Seither aber war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen und nun wusste er’s (V. 6–10): Wenn dort gefragt ward, ob man etwa erst noch in den Himmel hinaufsteigen müsse, um die Lebens-Quelle zu finden, so deutete das im Mysterium schon darauf, dass der Christus ja vom Himmel gekommen ist, also nicht erst heruntergeholt zu werden braucht. Wenn als Gegenstück gemäß Ps 107 (LXX: 106,26) – auch gefragt werden mochte, ob man in den Höllen-Abgrund hinunter müsse, so lautete die Antwort: Christus ist ja schon „niedergefahren zu den Unteren und am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten (vgl. 1. P. 3,19.21 f.). Wenn es also bei Moses hieß: Nahe ist dir das Wort ..., dann war dies wahr, wirklich wunderbar wahr geworden, in Gestalt des Wortes vom Glauben an den auferstandenen Herrn, dessen in Liebe tätiges Bekenntnis (wie es der dritte Teil des Briefes 12,1 ff. entwickelt) uns die Rettung bringt.

Anmerkung
Zu V. 6: „Die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht“, P. will hier nicht einen ‚Schriftbeweis’ gegen die Juden führen, wie solche meinen und ihm dann ‚Schriftfälschung’ vorwerfen, weil er das zweimalige „danach tun“ Dtn 30,12.14 wegließ (obwohl er es doch eben V. 5 als ‚mosaisch’ klar genug zitierte!), sondern er will den christlichen ‚Brüdern’ (10,1) zeigen, wie die scheinbar überkühnen Worte Moses’ in Christus bewahrheitet sind (2 K 1,20; Apk. 3,14): Weil Er tat, können wir – nach-tun.


FrRu II. Folge 1949/1950,  Nr. 5/6, Dezember 1949, S. 8–13
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