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Karl Thieme

8. „Kirche und Judentum“

Eine Tagung des Rates der Evangelischen Kirche in Darmstadt
vom 10. bis 15. Oktober 1948„

Möchte doch der Tag kommen, wo unsere Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte nicht mehr nötig hat, Christen aus Israel in bitterer Not zu helfen, sondern sich der Unterstützung hilfsbedürftig gewordener ehemaliger Nationalsozialisten zuwenden kann!“ Diese Worte aus dem Munde eines Mannes, der – obwohl von Jugend auf Christ – selbst den gelben Judenstern hatte tragen müssen und wie alle seinesgleichen „ärger als das Vieh“ behandelt worden war, bildeten einen der menschlich eindrucksvollsten Beiträge zur Diskussion auf der Darmstädter Studientagung des „Deutschen evangelischen Ausschusses für Dienst an Israel“, die vom 10. bis 15. Oktober 1948 stattfand. Über das gegenseitige Verhältnis von ‚Kirche und Judentum’ haben dort deutsche und nichtdeutsche evangelische Christen der verschiedensten Schattierungen zusammen mit einigen Katholiken und nicht zuletzt auch Sprechern aus dem Judentum Klarheit zu gewinnen versucht.

Nach den warmherzigen Eröffnungsworten des hessischen Kirchenpräsidenten Dr. Niemöller und einem tiefdringenden Überblick über die Lage des Judentums in der Welt von Dr. Conrad Hoffmann, Direktor des International Committee on the Christian Approach to the Jews (New York), bildete den ersten Höhepunkt der Tagung ein Vortrag des durch Theresienstadt behütet hindurchgegangenen ehemaligen Berliner Oberrabbiners Dr. Leo Baeck (London): „Das Judentum auf neuen und alten Wegen“. Der unter die Slawen des Ostens verschlagene Jude war dort durch den Chassidismus vor rund 200 Jahren ‚homo mysticus’ geworden; da lud ihn die Emanzipationsbewegung des Westens ein, den Schritt zum ‚homa rationalis’ zu tun: „Die Jahrzehnte verdrängten die Jahrtausende.“ Wohl schien sich in der jüdischen Renaissance, wie sie etwa Martin Buber verkörpert, ein Ausgleich anzubahnen; aber die reine Zionsidee erfuhr unter denjenigen, welche aus dringendster Not heraus suchen mussten, sie in dieser Welt zu verwirklichen, manche Trübung. Der im Westen allmählich entwickelte Rationalismus war im Osten vielfach geradezu extremistischer Nihilismus geworden. Aber dennoch sprechen auch die Radikalisten im Lande der Bibel in Sätzen der Bibel; und „man kann die Bibel nicht lesen, ohne besser zu werden“. Die Zukunft liegt in Gottes Hand. Insbesondere auch, was die Hoffnung des Christen wie des Juden auf den Tag anlangt, da der andere den Weg zu ihm findet. Inzwischen müssen sie weiter miteinander leben und einander zu verstehen suchen auf der Grundlage der Einsicht: „Das Judentum ist das Mysterium, nicht eines neben den anderen.“

Dass das Judentum jedenfalls gewissermaßen die mysteriöseste Seite an dem einen Mysterium göttlicher Gegenwart inmitten der Menschen darstellt, gerade auch nach dem Neuen Testament, das wurde mit wachsender Einmütigkeit in den Diskussionen und Gesprächen herausgearbeitet, die noch von zwei weiteren theologischen Vorträgen befruchtet waren. Und zwar sprach über das Verhältnis von Kirche und Synagoge Pfarrer Wittenberg, Dozent an der lutherischen theologischen Hochschule im fränkischen Neuendettelsau: „Wenn sich die Kirche als ‚jüngerer Bruder’ der Synagoge versteht, so wird ihr grobe und feine Judenfeindschaft unmöglich sein.“ Noch deutlicher: „Wenn sie Judenfeindschaft duldet, treibt sie Gott hinaus; wenn sie jene nicht bekämpft, duldet sie das Verweilen der Leugner Gottes in ihrer Mitte“, wie es ein anderer Sprecher ausdrückte, der einhelligen Beifall fand.

Über „die eine Kirche aus Juden und Heiden“ sprach der Tagungsvorsitzende selbst, Prof. Lic. Rengstorf, Münster. Gefährlicher als alle anderen Zertrennungen wäre für die Kirche ein Riss zwischen Christen jüdischer und nichtjüdischer Abstammung; sie zerfiele dadurch in zwei Sekten, die auch im Falle organisatorischer Zusammenfassung nicht mehr als das eine neutestamentliche Gottesvolk gelten könnten. Wie wenig es sich bei allen solchen Erörterungen um wirklichkeitsfremde Wortklauberei handelt, das zeigten erschütternd die Vorträge von Vertretern der ehemals rasseverfolgten Christen aus Israel, besonders als der schon eingangs Zitierte von den Schicksalsgefährten berichten musste, die sich erst auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahre innerlich ganz vom deutschen Volk gelöst hätten, weil sie ihre bis 1945 festgehaltene Hoffnung preisgeben mussten, wenn erst der Terror aufhöre, werde die von ihm erzwungene Kollektivfeindschaft gegen die Menschen aus Israel ein Ende nehmen.

Wie wenig dies der Fall ist, bestätigte ein Tagungsgast aus der Arbeiterbewegung. Mitten in deren einst dagegen immunen Reihen breite sich neuerdings die Judenfeindschaft aus, die von den Tagungsteilnehmern angestrebte Verständigung sei geradezu „elementare Notwendigkeit für die geistige und politische Erneuerung unseres Volkes“.

Keineswegs verschwiegen wurde, dass die Juden-Feindschaft auch unter den anderen Völkern des Erdballs sich beunruhigend ausbreitet und auch dadurch die Deutschen versucht sind, ihr nur noch mehr zu verfallen.

Ebenso wenig fehlte die Bitte an die Juden, sich der deutschen Bevölkerung gegenüber durch Persönlichkeiten vertreten zu lassen, die alles vermeiden, was den Graben vertiefen könnte.

Dass hier durch gegenseitiges persönliches Begegnen der Menschen guten Willens von beiden Seiten doch noch einiges zu retten wäre, war der starke Eindruck, den die Diskussionsvoten des Vorstehers der Darmstädter Jüdischen Gemeinde, Herrn Wolf, hinterließen, der – selbst mit genauer Not dem Vergasungstod entgangen – seine Begrüßungsansprache darin gipfeln ließ, dass er für beide Teile, Juden und Nichtjuden, das Bekenntnis des gerade stattgehabten Versöhnungstags wiederholte: „Aber wir haben gesündigt ...“ Er gestattete den Tagenden auch die Teilnahme am Synagogengottesdienst seiner Gemeinde, aus dessen wehmütigen Melodien die Klage zweier Jahrtausende erklang.

Besonders eindrücklich aber war für alle Beteiligten der Besuch des in einigen Schulbauten untergebrachten jüdischen Flüchtlingslagers Bensheim. Die Lehrwerkstätten (Tischlerei, Schneiderei, Automechanik), die zum Teil mit Zweischichtenbetrieb arbeiten, um möglichst vielen dort Untergebrachten Gelegenheit zu produktiver Arbeit und späterem Fortkommen zu geben, verrieten deutlich genug, wie froh die Lagerleitungen wären, wenn sie alle Insassen voll beschäftigen könnten und überhaupt kein Schwarzhandel getrieben würde. Die Versuchung zu solchem freilich verstand man nur zu gut,  wenn man diese seit Jahren aus ihrer Heimat herausgerissenen, auch für regelmäßige Arbeit nur mit einem kleinen Sackgeld entschädigten, dagegen mit allenfalls entbehrlichen Konsumgütern relativ besser als ihre deutsche Umwelt versorgten Menschen sah. Dass selbst unter den verhältnismäßig günstigen Bensheimer Unterbringungsverhältnissen manchmal zwei Familien in einem Zimmer wohnen und kochen mussten, ließ ihre Sehnsucht nach Palästina wahrlich begreifen. Als aus ihrem Kreise gesagt wurde, dass alle Juden fort wollten und Deutschland nun doch bald ganz „judenrein“ sein werde, meinte ein deutscher Teilnehmer: „Aber dann geht ja auch der Abrahamssegen fort, in dem nach der Verheißung alle Völker gesegnet werden sollen!“ – „Nun, dann geht er eben ...“, antwortete der Jude.

Gerade angesichts dieser Situation wurde die Anwesenheit auch der Flüchtlinge, so sehr sie einerseits Gefahr für neue Vergiftung des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Juden und Deutschen ist, andererseits als Aufgabe und gar – rasch entgleitende – Chance für die Kirche erklärt. Sie sieht sich aufgefordert, jetzt einen ernsthaften Versuch zu wenigstens ansatzweiser Heilung der seelischen Wunden auf beiden Seiten zu machen.    Darum beschloss man auch, im Gegensatz zur früheren Praxis der in zweijährigem Abstand stattfindenden ähnlichen Tagungen, deren letzte 1930 in Stuttgart ein viel beachtetes Religionsgespräch zwischen Prof. Karl Ludwig Schmidt und Martin Buber brachte, schon Herbst 1949 wieder zusammenzukommen. Darum vor allem wurde am Schluss des offiziellen Tagungsberichts auf die Tatsache hingewiesen, dass die meisten getauften Juden durch die Güte und Hilfsbereitschaft rechter Nachfolger Jesu Christi gewonnen worden sind. Das sei für alle Christen – besonders aber, fügen wir bei, wahrlich nicht nur im heutigen Deutschland – „eine Mahnung, die nicht überhört werden sollte. Die Erkenntnis, dass das Problem ‚Kirche und Judentum’ nur im Geiste christlicher Liebe selbst werden kann, war der wichtigste Ertrag der Tagung.“


(Entnommen dem Freiburger Kirchenblatt, Zonenausgabe, Nr. 39, 19.12.1948.)



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