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Gertrud Luckner
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2. Die Judenfrage auf dem Katholikentag

Auf dem 72. Deutschen Katholikentag in Mainz, der die Vertreter der katholischen Organisationen vom 1. bis 5. September 1948 versammelte, behandelte eine Arbeitsgemeinschaft für „Übernationale Zusammenarbeit“ die Beziehungen der deutschen Katholiken zu den nicht deutschen Glaubensbrüdern, zu den Juden und den Menschen anderer Religionen. Aus dem Bericht der Herderkorrespondenz darüber entnehmen wir die folgenden Darstellungen:[...] Der zweite Tag der Arbeitsgemeinschaft beschäftigte sich in seiner Morgensitzung mit der Judenfrage. Professor Dr. Karl Thieme, Lörrach, hielt das grundlegende Referat. Verfolgt sein, so sagte er, gehört nicht zufällig, sondern wesentlich zur Definition zweier Gemeinschaften, der Kirche und der Synagoge. Ursache dafür ist in beiden Fällen auf verschiedene Weise das Verhältnis dieser Gemeinschaften zur göttlichen Offenbarung, insbesondere zum Gesetz. Es buchstabengetreu zu halten, hat Gott selbst, besonders eindringlich vom babylonischen Exil bis zu den Zeiten des Herodes, von seinem Volk gefordert, womit dessen Selbstaussonderung aus den Völkern und Verfolgtwerden durch sie wesensnotwendig verbunden war. Durch Jesus Christus hat Er das Buchstabengesetz „aufgehoben“, aber die Synagoge hat dies nicht gewollt und wird darum weiter verfolgt.

Laut der neutestamentlichen Offenbarung (Lk 21,23 f.) setzt sich dies fort bis zur Bekehrung der Juden am unmittelbaren Vorabend des Jüngsten Tages (Röm 11,25 ff.), die davon ausgelöst werden soll, dass sie die Liebe der Christen als Erfüllung des Gesetzes erkennen.

Im Lichte dieser Aufgabe können wir erst unsere Schuld ermessen, die zutiefst die Schuld des harten Herzens des seelisch „reichen Mannes“ ist, der den nach Gerechtigkeit hungernden und durstenden armen Lazarus vor der Kirchentüre überhaupt nicht bemerkt. Noch so viele in sich preiswürdige Einzelleistungen von Christen für verfolgte Juden schaffen die beiden großen Unterlassungssünden nicht aus der Welt.Keine christliche Gemeinschaft kann von sich behaupten, sie habe ihre Angehörigen so über die besonderen Christenpflichten gegenüber den Juden und über Gottes fortbestehende Heilsabsichten mit ihnen unterrichtet, dass alle im Sinn der betr. Gemeinschaft rechtgläubigen Christen dadurch immun gegen die antisemitische Vergiftung geworden wären.

Keine christliche Gemeinschaft kann von sich behaupten, dass ihre offiziellen Vertreter irgendwo öffentlich und unzweideutig gegen Entrechtung und Misshandlung der Juden ihres Landes vor demjenigen Moment Stellung genommen hätten, wo es sich bei solcher Stellungnahme zugleich um einen Protest gegen den im Lande stehenden politischen Feind gehandelt hat.Als Aufgabe ergibt sich vor allen anderen, dass die kirchliche Verkündigung nicht eine Lücke lassen darf, in die sich der antisemitische Irrtum über die Judenfrage eindrängen kann. Die Wahrheit muss auch hier gelehrt werden, damit ihr gemäß gelebt werde.
Thiemes Ausführungen wurden ergänzt durch ein Korreferat von Ober-Präsident Dr. Hans Lukaschek.

So wenig, sagt er, es im strengen Sinne „Kollektivschuld“ gibt, so schwer lastet doch auf vielen Einzelgewissen, was an den Juden ohne genügenden und vor allem ohne genügend öffentlichen Widerstand von unserer Seite geschehen ist. Was bleibt uns in dieser Lage zu tun?

Die Juden haben uns gegenüber einen klaren Anspruch auf Schadenersatz.

Abzuraten ist von irgendwelcher Sondergesetzgebung gegen den Antisemitismus. Nicht der Staat hat hier zu handeln, sondern die Einzelperson und die Gesellschaft.

Vor allem muss die rechte Haltung persönlich in der Familie und überhaupt in der Erziehung vorgelebt werden.

Im Übrigen liegt das Verhältnis der Katholiken zu den Juden ähnlich wie das der Katholiken zu den Protestanten. Wir müssen klar sagen, wo wir stehen, ohne Unterschiede zu verwischen. Wir müssen aber auch ins Gespräch miteinander kommen. Wir müssen dabei sogar imstande sein, uns etwa einmal vom Gesprächspartner überfordern zu hören, ohne gleich die Ruhe oder die Liebe zu verlieren. Wir dürfen nie vergessen, dass wir das Gesetz der Zehn Gebote und das unerschöpfliche Gebetbuch des Psalters als gemeinsames religiöses Gut mit den Juden haben.In der Diskussion wurde betont, dass alles geschehen müsse, um jedes Fremdgefühl zu überwinden, das viele Juden infolge Jahrhunderte langen Leidens und unerfüllten Verständnissehnens den Christen gegenüber empfinden.

Prälat Wolff berichtete von der Freiburger Tagung (Schweiz) des Internationalen Rates der Christen und Juden, bei der Rabbiner aus 17 Ländern zugegen waren. Es sei ihm dort aufgefallen, wie allgemein die Juden in einem ungeschickt erteilten christlichen Religionsunterricht eine der Hauptwurzeln des Antisemitismus erblickten. Allgemein befürchteten sie heute eine neue antisemitische Welle und blickten mit größter Spannung nach dem Vatikan, von dem sie Hilfe gegen diesen Antisemitismus erwarten. Umso schmerzlicher werde empfunden, dass gerade in katholischen Kreisen noch sehr wenig Echo auf die Bestrebungen des Rates zu vernehmen sei, und es sei zu hoffen, dass vom Katholikentag eine Aktion in dieser Richtung erfolge.

Ein Student bedauerte, dass nur so wenige Katholiken wirklich vom Geiste der Kapitel 9–11 erfüllt, ja überhaupt mit ihnen bekannt sind. Ein tieferes Vertrautsein mit der heiligen Schrift würde uns bewusst werden lassen, dass wir keinerlei Anlass haben, uns den Juden gegenüber als etwas Besseres zu dünken, und würde uns zu lebendigeren Mitträgern des göttlichen Heilsplanes machen. Von Seiten des protestantischen Bruderrates seien die evangelischen Christen schon sehr nachdrücklich in diese Richtung gewiesen worden.

In der weiteren Diskussion wurde all derer gedacht, die sich zum Schutze der Juden während der nationalsozialistischen Verfolgung besonders exponiert haben, besonders des Wirkens von Frau Dr. Gertrud Luckner, Freiburg, die sich im Auftrag des Erzbischofs Gröber und des Caritas-Verbandes eines organisierten Hilfswerkes für die verfolgten Juden angenommen hatte, und Frau Dr. Sommer, Berlin, die das Material für den Protest des deutschen Episkopats gegen das Gesetz über die Trennung der sogenannten Mischehen zusammengebracht hat. Es wurde dabei betont, dass bis heute das Problem der Christen jüdischer Herkunft offen geblieben sei, welche in der Hitlerzeit entrechtet und verfolgt wurden, von jüdischen Organisationen in der Regel nicht unterstützt werden und noch heute zu großen Teilen in besonders drückender Not sind

Ausländische Redner berichteten dann noch von den französischen Hilfsaktionen für die verfolgten Juden, deren sich besonders Kardinal Gerlier angenommen hatte, sowie von ähnlichen belgischen und holländischen Initiativen.Aus den Beratungen der Arbeitsgemeinschaft wurde dann eine Resolution zur Judenfrage gefasst.


Hier nur sehr knapp resümiert ausgearbeitet in Gestalt des Aufsatzes: Karl Thieme: „Die Christen, die Juden und das Heil“ in den Frankfurter Heften 4 (Februar 1949), S. 113.

FrRu I. Folge,  Nr. 2/3, März 1949, S. 2–5.



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