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Gertrud Luckner
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Schalom Ben-Chorin, Jerusalem

5. Die Kerzen von Ejn-Karem

Tausende von Kerzen wurden entzündet im Laufe der langen Geschichte des stillen Dorfes Ejn-Karem, das sich an den Hügeln im Westen Jerusalems hinzieht mit Kirchen und Klöstern. Die russischen Nonnen haben vor den dunklen Ikonen ihres Klosters Wachs verbrannt, das der Patriarch der heiligen Stadt Kiew geweiht hatte, die italienischen Mönche brennen Tag und Nacht Kerzen vor dem Bilde des „Santo Bambino“ und seiner Mutter, der Vergine, der auch die Franzosen ihre geistliche Minne und ihre Lichter weihen. Uns aber sind die vielen kleinen Kerzen heilig, die in einem unscheinbaren Raum neben dem Cha-dar Ochel (Speisesaal) des Jugenddorfes der Histadruth (Gewerkschaft) „Klar Hanoar“ in diesen goldenen Herbsttagen entzündet werden.

Die Leiterin des Jugenddorfes, Frau Rachel Janaith, eine Vorkämpferin der Jugendbildung im Lande, erzählte uns bei einem Besuch im Kfar Hanoar die Geschichte von den Kerzen Ejn-Karems.

Es war letztes Jahr am Nachmittag vor Jom-Kippur (Versöhnungstag). Die Kinder hatten sich festlich für den heiligen Tag gekleidet, da kam ein Büblein, das eigentlich zur Jugendgruppe des antireligiösen Haschomer Hazair gehört, zur Leiterin und sagte ihr: „Ich will ein Licht anzünden für meine Eltern, die von den Deutschen im Konzentrationslager erschlagen wurden.“ Und der Junge nahm eine Kerze und klebte sie auf einen Mauervorsprung und zündete das Licht an. Und das war wie ein Fanal für die zweihundert Kinder aus vierzehn Ländern, die heute in dem weitläufigen Dorfe leben, das sich mit einem kleinen Walde und Obstplantagen, einem Olivenhain und Gemüsegärten auf einem Areal von tausend Dunam hinzieht.

Die Kinder drängten sich um Frau Rachel Janaith, und jedes Kind wollte eine Kerze. Und die Kinder schlossen die Augen und beschworen das Bild ihrer Mütter und Väter herauf, die erschlagen und verbrannt, vergast und lebendig begraben worden sind, alle hinweggespült von einer unfassbaren Welle des Hasses und der Grausamkeit, einer Riesenwelle aus Blut und Tränen.

Zitternde Kinderhände entzündeten die Lichter und bebende Kinderlippen begannen zu erzählen – eine furchtbare Martyriologie. „Ich habe genau gesehen, wie man meinen Abba im Zimmer mit einem Beil erschlug, während wir uns in der Küche verborgen hielten“ – „und ich habe mit meinen Händen in Lublin ein Grab für meine Mutter gegraben, die die Deutschen auf der Straße tot liegen ließen“. – „Ich habe gesehen, wie man meine Schwester in einem Steinbruch herabschleuderte und ihr das Genick brach.“ – „Mein Bruder war ein Partisane, und die Nazis haben ihn gefangen und ganz, ganz langsam zu Tode gefoltert.“

Geschichten und Romane, grausamer als sie je erdacht werden konnten, werden in unbeholfenen hebräischen Worten (neu ist ja noch und ungewohnt die Sprache im Munde dieser Kinder) vernommen. Seit einem Jahr sind die Kinder nun hier in Ejn-Karem. Ein Jahr lang haben sie geschwiegen. Und jetzt, jetzt plötzlich in dieser Stunde vor dem Sühnetag, in dieser Stunde der heiligen Lichter, brach es in ihren Herzen auf und sie redeten und berichteten – wirr durcheinander.

Es war, als ob sie es den Kerzen erzählen wollten, die stumm und anklagend brannten. Ein furchtbares Denkmal der gemarterten Kinderseelen.

Nur ein kleines Mädchen stand abseits mit großen verwunderten Augen, in welchen der Schrecken sich spiegelte, aber keine Träne. Und in der Kinderhand, der feinen, hielt das Mädchen eine Kerze, und es wollte sie nicht entzünden.

„Warum willst nicht auch du dein Licht anstecken?“, fragte die Leiterin. Aber das Kind schwieg. Und sie strich ihm über das wirre, aschblonde Haar und beugte sich zu dem stummen Kinde und da hauchte es: „Ich – ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nicht mehr, wie mein Vater aussah, und ich weiß nicht mehr, wie meine Mutter aussah, und ich weiß nicht mehr, ob ich Geschwister hatte. Alles ist weg. Ich weiß nur, dass ich allein war und dass ich hungerte und Schläge bekam – ich brauche kein Licht!“ Und zornig warf das kleine Mädchen die Kerze weg und trat mit dem Fuß drauf.

Aber die Mutter der zweihundert Kinder wollte nicht, dass dieses Kind kein Licht haben sollte in der Nacht der Tränen. „Vielleicht erinnerst du dich sonst an einen Menschen, der lieb zu dir war und nicht mehr auf der Welt ist?“

Und langsam ging es wie eine Erleuchtung über das trotzige Kindergesicht: „Ja, – ich habe eine Großmutter gehabt.“ Plötzlich war es da, das Bild einer guten alten Frau, ein vergessenes Bild, das letzte offenbar, das diese Zwölfjährige aus der Golah (dem Exil) mit herübergebracht hat ins neue Leben. Und das Kind nahm die fortgeworfene Kerze und stellte sie neben die Lichter der anderen Kinder und breitete die Hände aus und entzündete, auch es, ein Seelenlicht.

Es wurde nicht gebetet und nicht gesungen angesichts dieser stillen Lichter. Aber erzählt und berichtet wurde – einen Nachmittag lang.

Und als die Kinder dann am Kol-Nidre-Abend hinausgingen in den Ort und sich an den Gebeten der Aschkenasen und der Sefarden, der Jemeniten und der Marokkaner beteiligten, die jeder auf seine Weise zu dem alten Gott Jisraels flehten, brannten die Lichter allein neben dem verlassenen Chadar ochel.

Aber die Kinder kehrten wie auf Verabredung zurück und sahen stumm in die Flammen und sahen die Bilder derer, die im Ebenbilde Gottes geschaffen waren, aber von anderen, die das Siegel des Ebenbildes aus dem eigenen Antlitz gewischt haben, unwürdig Menschen zu heißen, zertreten wurden ohne Anklage und Schuld!

Bis tief in die Heilige Nacht hinein brannten die Kerzen von Ejn-Karem, und ihr Schimmer drang weit hinaus in das gesegnete Land, das der Fleiß dieser Kinder zu einem Garten Gottes macht.


 FrRu Nr. 10–11/1950–1951



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