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Gertrud Luckner
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2. Eine Botschaft Jacques Maritains

Nach meiner Überzeugung haben zunächst die Christen eine gewaltige Arbeit an Besinnung und innerer Einkehr zu leisten. Sie müssten sich von der Lehre des hl. Paulus ganz erfüllen lassen; dann verständen sie die tiefere Bedeutung des Antisemitismus, und zugleich würde Ihnen klar werden, welche geheimnisvollen Bande sie mit diesem erstgeborenen Volk verbinden. Denn sie rufen trotz allem gemeinsam mit ihm die Patriarchen und Propheten an, sie sprechen täglich gemeinsam mit ihm die Psalmen Davids im Gebet, sie bekennen, dass eben jener gekommen ist, dem die Synagoge die Anerkennung verweigerte und den sie noch heute erwartet. Er ist geboren aus einer Jungfrau in Israel, er war selbst „per excellentiam naturae“ ein Jude, gleichwie seine Apostel und die ersten Blutzeugen, welche für Christus jüdisches Blut dahingaben und dadurch die Kirche aus Juden und Heiden befruchteten. Es ist das mindeste, wenn Christen begreifen, dass verleumderische Legenden, wie die Geschichten von Ritualmorden, und Machwerke wie die Protokolle der Weisen von Zion, dort, wo sie noch Glauben finden, gleich Unrat auszufegen sind; darüber hinaus muss aber auch die Sprache der Christen in ihren Ausdrücken einer aufmerksamen Überprüfung und Läuterung unterzogen werden. Der Gebrauch unpassender Ausdrücke, die sich hier eingeschlichen haben, kann nicht immer von aller Schuld freigesprochen werden; zumindest aber bezeugt es eine seltsame Sorglosigkeit in genauer und exakter Formulierung, wenn man z. B. von einer „entarteten Rasse“ spricht; es erinnert eher an den Rassenmythus als an eine christliche Auffassung, wenn Kindern die Leidensgeschichte in einer Weise erzählt wird, die ihren Hass gegen die jüdischen Mitschüler wachruft; oder wenn das liturgische Karfreitagsgebet „pro perfidis Judaeis“ völlig sinnwidrig übersetzt wird. In der Kirchensprache bedeutet „perfidia“ nämlich „Unglaube“ und keineswegs „Treulosigkeit“.1  Selbst die Art, wie die Christen an die Probleme herangehen, die sich aus dem Leben der Juden in der Diaspora ergeben, muss von brüderlicher Gesinnung getragen sein. Hinreichend umfassend und eingehend und mit einfühlendem Verständnis gepaart, wie es die Liebe zum Nächsten, der Mensch ist wie wir, mit sich bringt, muss die Kenntnis der Ängste und seelischen Konflikte des Juden sein, den die Verpflichtung, sich selber treu zu bleiben, und der Wille, die allen Menschen geschuldete Gerechtigkeit und Gleichheit auch für den Juden zu erlangen, innerlich aufreibt. Das alles vorausgesetzt, werden die Heidenchristen in etwa, nicht nur in der Theorie, sondern wahrhaft und wirklich, indem sie vielleicht ihrerseits für den Juden Leiden auf sich nehmen, wie es neuerdings manche in der nationalsozialistischen Verfolgung getan haben, in das Geheimnis des Volkes eindringen, das für die Erlösung der Heidenchristen gestrauchelt ist, dessen Ungehorsam ihnen Barmherzigkeit erlangte und das sich Gott aufgespart hat für das Ende der Zeiten. Sie werden so dem Antisemitismus nicht nur alle Wege versperren, auf denen der barbarische Urinstinkt der menschlichen Seele nach religiösen Vorwänden sucht, sie werden darüber hinaus ihren Beitrag dazu leisten, dass jene Erneuerung eintrete, welche uns der hl. Paulus voraussagt. Diese wird nach einem Wort von Cornelius de Lapide nicht eine Bekehrung, sondern eine Erfüllung bedeuten; sie wird die lau gewordene Zeit zum Leben erwecken.“

1 Hier sei die Gelegenheit wahrgenommen, ehrend anzumerken, dass die in Deutschland verbreitetste deutsche Ausgabe des römischen Messbuches, der „Schott“ des Verlages Herder, die hier geforderte Revision in der Übersetzung des Karfreitagsgebetes mitten im Dritten Reich im Jahre 1938, also im Jahre der Judenpogrome, vorgenommen hat. Seitdem heißt es also im „Schott“ nicht mehr: „Lasset uns beten für die treulosen Juden“, sondern: für die „ungläubigen Juden“.


Fr_Ru I. Folge 1948. Nummer 1


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