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Gertrud Luckner
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„Bessere menschliche Beziehungen“

Der erste deutsche Kongress des Internationalen Rates der Christen und Juden in München vom 30. und 31. Mai 1949

Als der Rektor der Frankfurter Johann-WoIfgang-Goethe-Universität, Prof. Dr. Franz Böhm, die öffentliche Abschlusskundgebung des ersten vom ,,Deutschen Koordinierungsrat der Christen und Juden“ einberufenen Kongresses im Sitzungssaal des Münchner Rathauses eröffnete, zog er die Summe aus dem Verhandlungsverlauf, indem er sagte:

„Wir haben es gewagt, so offenherzig über das zu sprechen, was uns trennt, dass ängstliche Gemüter fürchten mochten, wir könnten unserer Parole: „Gemeinschaft – Nicht Feindschaft“ entgegenwirken. In Wahrheit haben wir der echten Gemeinschaft untereinander dadurch den besten Dienst getan, dass wir uns über die Differenzen zwischen uns ohne verwaschene Illusionen ehrlich aussprachen, so dass das tiefere Verbindende erst recht hervortrat.“

Zu solcher zugleich realistischen und brüderlichen Aussprache hatte schon bei der Begrüßung des Kongresses namens der Bayrischen Staatsregierung Staatssekretär Dr. Dieter Sattler aufgefordert. Mr. Harry S. Jones, der Leiter der Section für Beziehungen zwischen den Religionsgruppen in der amerikanischen Militärregierung mahnte dann, die so oft versäumte Bewährung der Liebe zu Gott in der zum Nächsten nicht zu vergessen. Dr. Pierre A. Visseur, der Generalsekretär des Internationalen Rates von Christen und Juden in Genf, wies auf die tiefste Begründung der neuen Gemeinsamkeit zwischen Christen und Juden hin, indem er an den Kreuzweg erinnerte, auf dem in den letzten Jahren Juden und Christen immer wieder hier oder da geführt werden.

Das erste Hauptreferat von Geheimrat Prof. Dr. Otto v. Zwiedineck-Südenhorst galt dann dem Thema: „Rasse, Nation und Religion“. Der Vortragende betonte, dass im Vergleich mit den rein anthropologisch-biologischen Erscheinungen, welche die Rasse kennzeichnen, die gemeinsam erlebten Schicksalseinflüsse (politische, soziale und nicht zuletzt religiöse Erlebnisse), die von ihnen betroffenen Menschengruppen viel stärker prägen. Als eindrucksvolles Beispiel skizzierte er das Werden des jüdischen Volkes durch die Jahrtausende seiner Geschichte hin.

Am Nachmittag entwickelte Prof. Dr. Alois Dempf ein eindrucksvolles Bild von der Einheit der abendländischen Kultur, angefangen von der großartigen Improvisation des mittelalterlichen Sacrum imperium über das kommunale Zeitalter der Stadt-Staatlichkeit, den Territorialstaat, mit seiner immer mehr spezialisierten Wissenschaft und Wirtschaft bis hin zu der großen Synthese, die sich im Denken der letzten Jahrzehnte anbahnt.

Prof. Dr. Rudolf Bultmann, Marburg, wies die Prägung nach, die der Geist dieses Abendlandes durch das Alte Testament, das Gesetz und die Propheten erfahren hat. Bis hin zu den schon dort keimhaft angelegten Tendenzen des Existenzdenkens, das in Luther, Pascal und Kierkegaard aufbricht und sich heute über sich selbst immer klarer wird.

Prof. P. Hugo Lang (OSB) sprach über christliche Gemeinschaft und kirchliche Zusammenarbeit. Mit vorbildlicher Nüchternheit zeigte er die Möglichkeiten und Grenzen gegenseitiger Annäherung vor allem von Protestantismus und römischem Katholizismus auf. Gerade wenn man sich keinen trügerischen Hoffnungen auf organisatorische Konsequenzen in irgend absehbarer Zeit hingibt, kann man sich der im Ganzen im Vergleich mit früheren Jahrzehnten bedeutend herzlicheren Atmosphäre zwischen den beiden „ökumenischen“ Gemeinschaften um Rom und um Amsterdam dankbar freuen.

In die Diskussion kam nach diesem Vortrag ein dramatisches Moment durch den Appell eines jüdischen Arztes aus Lemberg, der die Mitschuld am Schicksal seines Volkes unterstrich, die auch denjenigen an diesem jüdischen Schicksal zufällt, die allzu rasch bereit waren, von der Kanzel herab grobe Vereinfachungen und ungenügend geprüfte Beschuldigungen gegenüber den jüdischen Menschen nachzusprechen.

Während von christlicher Seite durchaus anerkannt wurde, dass nicht nur Unterlassungs-, sondern manchmal auch Tatsünden begangen worden sind, gegen die verhältnismäßig bescheidene Bewährung nicht aufgerechnet werden soll, wurde von mehreren der ehemals Verfolgten, darunter von Staatssekretär Aue rbach auf das nachdrücklichste gegen jede Konstruktion einer Kollektivschuld Verwahrung eingelegt.

Den Höhepunkt des Kongresses bildeten die Vorträge des ersten Abends: Prof. Dr. Hans Joachim Schoeps,Erlangen, sprach als gläubiger Jude bewusst deutscher Nationalität über die Probleme jüdisch-christlicher Verständigung. Wenn auch von den 600 000 deutschen Juden von vor 1933 kaum mehr 2 % im Lande seien und darunter keine Jugend, so gebe es doch immer noch jüdische Menschen, die sich zum deutschen Volk bekennen und in seiner Mitte geblieben oder dorthin zurückgekehrt sind wie er selbst. Sie begegnen sich mit denen, die erkannt haben, dass alle, die an den Gott der Offenbarung glauben, in ständig wachsendem Maße für eine gemeinsame Sache zu kämpfen haben.

Als Juden können sie zwar nicht gelten lassen, dass in Jesus von Nazareth der welterlösende Messias gekommen sei: – „Eine erlöste Welt müsste anders aussehen.“ – Aber keine jüdische Überlieferung verbiete ihnen anzuerkennen, dass mit Jesus und seinen Aposteln tatsächlich eine grundlegende religiöse Erneuerung für die Weltvölker angebrochen ist: biblisch gesprochen seien sie durch die christliche Mission, soweit sie sie annahmen, aus „Götzendienern“ zu „Noachiden“ geworden, zu vor Gott prinzipiell gleichberechtigten Erben des vorsinaitischen Gottesbundes mit dem Erzvater Noah, und niemand könne sagen, ob nicht das Antlitz dessen, der gemäß der jüdischen Hoffnung am Ende der Tage kommen wird, dieselben Züge tragen werde wie das Antlitz dessen, den die Kirche als Wiederkommenden erwartet.

Prof. Dr. Michael Schmaus antwortete auf diese Ausführungen, indem er das Verhältnis von Christen und Juden als katholischer Theologe zu klären suchte. Nachdem er die unüberschätzbare Bedeutung des gemeinsamen Besitzes der hl. Schriften des Alten Bundes betont hatte, kraft dessen die Kirche die Synagoge als ihre Mutter anerkennt, ging er zunächst auf die Gemeinsamkeit des Ursprungs beider Gottesvölker in Gestalt der Berufung Abrahams ein. Nicht nur dessen unmittelbare Nachkommenschaft sollte ja in Abrahams Samen gesegnet werden.

Die Kirche glaubt an die gleiche Botschaft, an die Abraham geglaubt hat, indem sie an den Abrahamsspross glaubt, durch dessen Kreuz und Auferstehung ihr das Heil zukam, wenn auch noch im Verborgenheitszustand. „Wenn das jüdische Volk ihm den Glauben verweigerte, so hat es nur ausgeführt, wofür die ganze Menschheit verantwortlich ist, und zwar nicht in seiner Gesamtheit und nicht allein“; denn zunächst waren es ja die Führer, welche den Messias beseitigen wollten, und dann war es die heidnische Besatzungsmacht, deren Vertreter zuletzt das Urteil sprach, überdies hat auch die jüdische Glaubensverweigerung für die Heiden die Heilsbedeutung gehabt, dass sie ohne den überschweren Umweg einer Übernahme der Lasten des jüdischen Buchstabengesetzes Zugang zu dem Heilserbe gefunden haben, das ihnen im Abrahamssegen verheißen war.

Und zuletzt wissen wir, dass Gottes Liebe auch das jüdische Volk noch weiter behütet und aufbewahrt bis in die letzten Tage der menschlichen Geschichte, in denen seine Hinwendung zu Christus die Vollendung der Welt einleitet: „Wie der Anfang des Heils aus dem jüdischen Volke kam, so ist das endgültige Heil durch seine Bekehrung bedingt.“ Wer als Christ „auf die Zukunft hofft, ohne diese Teilhoffnung, der verkennt Gottes barmherzigen Heilsplan“. – Als praktische Folgerung ergab sich auch hier schon die von Prof. Schoeps betonte gemeinsame Front aus in wesentlichen Punkten gemeinsamem Glauben und gemeinsamer Hoffnung. Anderseits allerdings auch die Pflicht des Christen, für Jesus Christus zu zeugen im rechten Wort, vor allem aber durch die rechte Liebeshaltung.

Der dritte Vortrag von Studiendirektorin D. lic. Carola Barth, Frankfurt a. M., begann mit einem aufrichtigen Bekenntnis des Schmerzes über die judenfeindliche Haltung des späten und zur Judenfreundschaft des jungen Luther. Noch weit über die Grenzen der europäischen interkonfessionellen Probleme führte der Ausblick auf die brüderliche Begegnung unter Vertretern der großen Menschheitsreligionen in Rudolf Ottos religiösem Menschheitsbund, dem die Referentin entscheidende Anregung zur interdenominationellen Verständigungsarbeit ohne Religionsmengerei zu verdanken bekannte.

Der zweite Tag begann mit einer erfahrungsreichen Einführung in die gruppenpsychologisch basierte amerikanische Versöhnungsarbeit unter dem Titel: „Das Vorurteil und seine Überwindung“ von Ministerialdirektor z. D. Dr. med. Hugo Freund, Frankfurt a. M. Als entscheidende Errungenschaft der letzten Jahrzehnte erläuterte er die Beteiligung der vom Vorurteil Bedrohten und Befallenen an dessen Überwindung durch Selbstkontrolle unter Anleitung wissenschaftlich ausgebildeter Sozialarbeiter.

Der Nachmittag brachte einen tiefschürfenden Überblick des nord-württembergischen Kultusministers Dr. Theodor Bäuerle über Deutsche Probleme der Gegenwart. Nicht die materielle, sondern die moralische Krise sei die schwerste. Auch sei sie durch tiefere als nur äußere Not begründet. Rechts-Not, wie sie durch falsch angesetzte Säuberung, militärpolitisch unbegründbare Demontagen und viele der Nürnberger Urteile über die Gewissen gekommen sei, wirke mindestens ebenso belastend wie das Leiden an der eigenen geschichtlichen Vergangenheit, von der wir ein gründlich revidiertes Bild gewinnen müssten. Trotzdem sei das, was seit Mai 1945 von Westen über Deutschland hereinbrach, weniger schlimm, als man nach allem Vorangegangenen erwarten musste; und der kleine Kreis derer, die den Sinn der Stunde erfasst zu haben hoffen, brauche die Zuversicht nicht aufzugeben.

Darin bestärkte die Kongressteilnehmer Prof. Josef Lauwerys von der London University und dem englischen Internationalen Rat von Christen und Juden. Nachdem er als ehrlicher Freund die Haltung der Welt gegenüber Deutschland zu-nächst ohne Schönfärberei in ihren von Land zu Land wechselnden Aspekten beschrieben hatte (was bedeutete für Norwegen, dass Tausende einst dort gesundeter Ferienkinder als Hitlers Fallschirmtruppen landeskundig über ein friedliches Volk herfielen!), zeigte der Vortragende, wie sozusagen überall undifferenzierte Ablehnung oder Reserve in eine Haltung des kameradschaftlichen Unterscheidens übergegangen ist, die dem Nachbarn helfen möchte, sich in lebendigem Austausch mit den Nachbarn in der Richtung einer Gemeinsamkeit im Guten zu entwickeln.

Die Abschiedskundgebung brachte nach dem eingangs erwähnten Überblick von Prof. Böhm einige besonders eindrucksvolle persönliche Zeugnisse: Domkapitular Msgr. Dr. Josef Weißthanner konnte als Caritasreferent des Münchner Kardinals von dem Troste sprechen, den es für jeden Miterlebenden bedeutete, wenn er wenigstens einige der Verfolgungsopfer dem ihnen drohenden Schicksal zu entreißen vermochte. Er erinnerte an die Worte Papst Pius’ XII. von 1942, in denen dieser seinen Wahlspruch so ausgelegt hat:

„Das Werk der Gerechtigkeit ist Friede, der ebenso auf die Innen- wie auf die Außenseite des sozialen Lebens seine Anwendung findet. Er lässt keinen Widerspruch, noch eine Wahl zwischen beiden zu: Liebe oder Recht, sondern nur die fruchtbare Synthese Liebe und Recht ... Während das Recht den Weg zur Liebe ebnet, mildert und verklärt die Liebe das Recht. Beide erheben das menschliche Leben in jene soziale Atmosphäre, in der auch unter den Mängeln, Hemmnissen und Härten dieser Erde ein brüderliches Zusammenleben möglich wird.“

Prälat D. lic. Wilfried Lempp, Schwäb. Hall, bezeugte, wie er in der Verantwortung für evangelische Hilfswerke in Polen in gemeinsamer Front mit den dortigen Juden als Vorposten deutscher Kultur gestanden hat und Dr. Alfred Mayer, Wiesbaden, sprach den erschütternden Satz aus: Westdeutschland hat nach 1945 gegenüber den heimatvertriebenen Brüdern aus dem Osten genau so versagt wie vor 1945 gegenüber den deportierten Juden. – Aber nicht um anzuklagen wurde das gesagt, sondern um Herzen wach zu rütteln, damit sie endlich ernst machen mit dem Gebot: ,,Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!“ (Nach der Übersetzung von Oberrabbiner Dr. Leo Baeck).

Dankbar konnte Rev. Dr. Carl F. Zietlow, der Liaison Vertreter des Internationalen Rates der Christen und Juden, den an Anregungen überreichen Kongress .mit dem Ausblick auf deren praktische Verwirklichung in der weiteren Arbeit abschließen.


Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk − im Geiste der beiden Testamente, 1. Jahrgang, Nr. 4, Juli 1949, Seite 8.

 



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