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Josef A. Jungmann. S. J.

Erbstücke aus der Synagoge in der christlichen Liturgie

Die katholische Kirche hat sich von ihren ersten Tagen an eindeutig zum Alten Testament und zu dessen heiligen Büchern bekannt, deren Verheißungen in den neutestamentlichen Heilsereignissen ihre Erfüllung gefunden haben. Aber darüber hinaus hat die junge Kirche, die ja zunächst eine judenchristliche Kirche war, auch noch einen guten Teil der religiösen Lebensgewohnheiten des gläubigen Judentums festgehalten und nicht wenig davon ist bis auf uns gekommen. Wir beschränken uns auf das, was in unserer heutigen täglichen Messe auf diese Wurzel zurückgeht.

Da ist vor allem ein ganzer Abschnitt, der sogenannte Lesegottesdienst. Während das, was den Lesungen vorausgeht, vom Stufengebet bis zur Oration, ein jüngeres Gebilde ist, das der eucharistischen Feier zunächst in ihrer hochfestlichen Form eine würdige Einleitung geben sollte, ist der Lesegottesdienst auf direktem Wege aus der Synagoge herübergekommen. Es war ja nur natürlich, dass die Apostel nach dem Beispiel unseres Herrn, auch als er selbst von ihnen geschieden war, am Sabbat in die Synagoge gingen und dort am Gottesdienst teilnahmen. Von Paulus und Barabas, die auf ihrer Missionsreise nach Antiochia in Pisidien kamen, wird es ausdrücklich bezeugt (Apg 13). Dieser Gottesdienst bestand aber darin, dass die Heilige Schrift gelesen, eine erklärende Aussprache gehalten, gesungen und gebetet wurde. Die Schriftlesung geschah in zwei Abschnitten: es wurde ein Stück gelesen aus dem ,,Gesetz“, d. i. den fünf Büchern Mosis und deren Fortsetzung, und ein zweites Stück aus den ,,Propheten“, d. i. aus den übrigen Büchern. Es war im Grunde nichts anderes als eine in bestimmter Weise aufgebaute Bibelstunde.

Eine solche Bibelstunde konnten die Christen auch für sich allein halten, und sie mussten es tun, als die Spannung gegenüber der Synagoge größer wurde und schließlich die Trennung erfolgte. Eine solche Bibelstunde hat man auch der Messfeier vorangestellt, als man, wohl noch im ersten Jahrhundert die Verbindung mit einem religiös umrahmten Mahle löste. Schon um die Mitte des zweiten Jahrhunderts bei Justinus dem Märtyrer sehen wir die Sonntagsfeier auf diese Weise eröffnet.

Wie treu man dabei das alte Vorbild festgehalten hat, ersieht man daraus, dass in der Liturgie von Antiochia, diesem ältesten außerpalästinensischen Zentrum christlichen Lebens, im vierten Jahrhundert noch immer die alte Leseordnung der Synagoge in Geltung war. Man las nämlich jedesmal einen Abschnitt aus dem ,,Gesetz“ und einen Abschnitt aus dem ,,Propheten“, fügte dann aber, wie dies selbstverständlich war, die neutestamentliche Erfüllung hinzu, nämlich eine dritte Lesung aus der Apostelgeschichte und eine vierte aus den Evangelien. Der eine Zweig der Nachfahren der alten antiochenischen Kirche, die ostsyrischen Christen, die, heute freilich nur mehr als kleines Häuflein, in Mesopotamien leben, beobachten noch jetzt außerhalb der österlichen Zeit genau diese Leseordnung. Der andere Zweig, der etwas stärker ist, die Westsyrier, die u. a. im Libanon als Maroniten noch geschlossen siedeln und nach ihrem altüberkommenen Ritus die Liturgie feiern, haben ein ähnliches Lesesystem: sie gebrauchen beinahe in jeder Messe drei alttestamentliche Lesungen, je eine aus dem Gesetz, den Propheten und den Weisheitsbüchern (vgl. die entsprechende Dreizahl Luk 24,44!), und dann drei neutestamentliche: je eine aus der Apostelgeschichte, den Paulusbriefen und den Evangelien. In unserer römischen Liturgie ist die Zahl der Lesungen früh beschränkt worden: aber z. B. an den Wochentagen der Quadragesima gilt heute noch die Regel, dass als „Epistel“ eine alttestamentliche Lesung genommen wird, während im Sonntagsgottesdienst wegen der größeren Nähe des Mysteriums nach einem in allen Liturgien hervortretenden Gesetz ebenso wie in der österlichen Zeit das neutestamentliche Lesegut das Übergewicht bzw. die Alleinherrschaft erlangt hat.

Ein zweites Erbstück aus der Synagoge ist die Art und Weise, wie liturgisches Beten eingeleitet und wie es abgeschlossen wird. Bevor der Zelebrant oder der Offiziator ein Gebet beginnt, versichert er sich des Mitgehens der Gemeinde, und zwar durch einen Gruß, den er an sie richtet: Dominus vobiscum – et cum spiritu tuo. In der Antwort ,,Und mit deinem Geiste“ liegt der Hebraismus offen zu Tage. Schon die Apostel müssen mit diesem Gruße gegrüßt und müssen die gleiche Antwort erhalten haben. Und sie haben damit nur an der Überlieferung ihres Volkes festgehalten, wie aus mehreren Stellen der Hl. Schrift hervorgeht (Ruth 2,4; Lk 1,28 usw.).

Dasselbe gilt von der Weise, das Gebet zu beschließen. Uns erscheint es als selbstverständlich, dass jede Oration ausklingen muss in die Worte ,,per omnia saecula saeculorum“. Dieser Schluss war schon in der Synagoge geläufig. Es war feste Regel, dass das Gebet mit einem Ausblick auf die ewige Herrschaft Gottes schließen solle: sie dauert ,,von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Das war eine Lobpreisung, die zugleich das feste Vertrauen der Gläubigen zum Ausdruck brachte. Das Wort, mit dem das Volk antwortet, „Amen“, trägt wieder seine Herkunft an der Stirn: wir sprechen es noch in der Sprache, in der es in der Synagoge gesprochen wurde und in der es unser Herr selber so oft gesprochen hat, wenn er sein Wort bekräftigen wollte.

Aus synagogalem Brauch hervorgegangen ist auch eine Art und Weise Psalmen zu singen, von der in unserer römischen Messliturgie allerdings nur mehr kümmerliche Reste übrig sind. Es ist das respondierende Psalmsingen, das in den beiden ältesten Gesängen unserer Messe, Graduale und Allelujagesang, noch irgendwie fortlebt. Damit ist jene Vortragsweise gemeint, in der ein Vorsänger den Text des Liedes, des Hymnus, des Psalmes vortrug und das Volk darauf mit einem gleichbleibenden Ruf, der am Anfang angegeben wurde, antwortete, „respondierte“. Einer der beliebtesten Rufe war: Quoniam in aetemum misericordia eius. Aber auch das Alleluja wurde viel gebraucht. Der Allelujagesang, wie wir ihn vor dem Evangelium haben, lässt noch deutlich den Plan dieser Singweise erkennen. Da wird nämlich am Anfang zweimal das Alleluja gesprochen, weil es nach ursprünglicher Absicht einmal vom Vorsänger vorgesungen und dann sofort von der Gemeinde nachgesungen werden sollte. Darauf folgt heute nur noch ein einziger Vers, aber darauf noch einmal das Alleluja, so wie es ursprünglich nach jedem Vers von der Gemeinde wiederholt werden musste.

Auch im innersten Heiligtum unserer Messliturgie, in das wir mit der Präfation eintreten, müssen wir Erbstücke aus der Synagoge anerkennen. Schon die Tatsache eines Dankgebetes, das das sakramentale Geschehen der Wandlung umhüllt, geht zurück auf das Dankgebet, mit dem das jüdische Mahl bei feierlichen Gelegenheiten geschlossen wurde und mit dem auch das ,,Herrenmahl“ geschlossen wurde. Dasselbe gilt im besonderen vom Wortlaut des einleitenden Aufrufs: Gratias agamus Domino Deo nostro! Denn bevor der jüdische Hausvater das Dankgebet begann, forderte er auf: „Wir wollen lobsagen dem Herrn unserm Gott“! Und auch für die Anfangsworte unserer Präfation gibt es eine genaue Parallele schon in einem der abschließenden Gebete beim jüdischen Ostermahl: „Denn fürwahr würdig, schön, gut ist es, Dir zu danken und gebührend Deinem Namen zu lobsingen ...“

Die Kontinuität der Heilsgeschichte, die im Alten Bunde begann und im Werke Christi und seiner Apostel ohne Bruch in die Geschichte der Kirche überging, ist also dem Ritus unserer täglichen Messe tief eingeprägt. Wir sehen dann gewissermaßen heute noch die Apostel am Werk, wie sie in der judenchristlichen Urgemeinde und aus deren Überlieferungen heraus die ersten Umrisse jenes Baues schufen, der dann zum hohen Dom unserer Messliturgie geworden ist.

Literaturangaben

R. Stapper: Die Messe im Abendmahlssaale und in der urchristlichen Kirche (Schöninghs Sammlung kirchengeschichtlicher Quellen und Darstellungen 5. Heft), Paderborn 1925, 5 ff.

A. Baumstark: Vom geschichtlichen Werden der Liturgie (Ecclesia Orans 10), Freiburg 1923, 13–21.

J. A. Jungmann: Missarum Sollemnia, Wien 1948, I. Bd., 26 f., 483 ff., II. Bd. 135 ff.


Rundbrief zur Förderung der Freundschaft zwischen dem alten und dem neuen Gottesvolk − im Geiste der beiden Testamente, 1. Jahrgang, Nr. 4, Juli 1949, Seite 7.


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