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Gertrud Luckner
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Der Ökumenische Rat der Kirchen in Amsterdam zur Frage der Verkündigung Christi in Israel

Eine Studienkommission der Generalversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam untersucht spezielle Probleme der Mission. Die Frage der Verkündigung Christi in Israel spielt dabei eine besondere Rolle. Der „Protestantische Ausschuss für Judenmission beim französischen Kirchenbund“ gibt dazu ein besonders eindringliches Gutachten, dem wir die folgenden Auszüge entnehmen.
Solidarität der Kirche als des „neuen Israel“ mit dem Israel „nach dem Fleisch“

Es wäre ein recht blinder Optimismus nötig gewesen, um beim Ende des Krieges zu glauben, dass das Drama Israels aus unseren Sorgen zugleich mit dem Nationalsozialismus verschwinden würde, der es in den Vordergrund der Weltbühne gerückt hatte. Wir wissen jetzt, dass in diesem Bereich, wie anderwärts, nichts mit dem Ausgang des Konfliktes gelöst worden ist.

So wie die Kirche Jesu Christi die tödliche Verfolgung nicht zugegeben hat, die ihnen die Nazis bereitete, wird sie angesichts des gegenwärtigen Schicksals der Juden nicht gleichgültig bleiben können ... weil die Kirche als das „neue Israel“ nicht vergessen darf, dass sie unmittelbar solidarisch ist mit dem Israel nach dem Fleisch, dessen Namen sie angenommen hat ...

Es handelt sich also für die Kirche nicht darum, eine Stellung zu beziehen, die von dem inspiriert ist, was die Ungläubigen so leicht „christliche Liebe“ nennen, sondern sich vielmehr einer Haltung und Tat der Solidarität zu befleißigen. Es handelt sich nicht darum zu sagen: „Erbarmung für die Juden“, sondern zur Grundlage unserer Haltung und unseres Handelns als Christen vor allem die Gewissheit zu machen, dass unser eigenes Los mit dem ihren verbunden ist.

Zunächst unsere Haltung, denn es geht hier um unser Heil und das ihre. Die antisemitische Verfolgung verdammt auch uns, und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Heil der Juden verdammt uns nicht minder. Der Ruf des Paulus „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte ...“ (1 Kor 9,16) bezieht sich auch, nach dem Text der Epistel, wie in der ganzen Geschichte der Kirche auf das Zeugnis bei den Juden.

Sodann unser Handeln, das aus dieser Haltung fließen muss wie der Gehorsam aus dem Glauben. Man darf nicht nachlassen in der Bekundung der Solidarität der Christen gegenüber den Juden. Die Anstrengung der Kirche darf nicht aufhören, wenn die Konzentrationslager schließen. Anderseits darf uns diese Aktion niemals von der Sorge um die Verkündigung des Evangeliums entlasten

Die Verheißung gilt für die Juden

Israel ist auserwähltes Volk aufgrund einer Verheißung Gottes und wegen der Verwirklichung dieser Verheißung ... Demnach sollte sich die Evangelisierung der Juden ausschließlich darauf stützen können, was das Alte Testament darüber gesagt hat. Es handelt sich immer noch darum, den Schleier zu lüften, der in Emmaus von Jesus selber gelüftet worden ist, die Schrift zu erklären, wie es der Diakon Philippus dem Kämmerer aus Äthiopien gegenüber getan hat.

Aber Israel ist dieser Verheißung untreu geworden. Im Alten Testament besteht diese Untreue, wenn sie ihm von seiten Gottes vorgeworfen wird, wesentlich in einer Weigerung, den einzig wahren Gott anzuerkennen und sich ihm zu weihen., d. h. in einem Götzendienst. Die Strafe für diesen Götzendienst ist die vom Ewigen auferlegte Prüfung. Doch die Heiden, die sich haben zum Werkzeug dieser Strafe machen lassen, sind selber verdammt und geschlagen, weil sie sich an dem Volke Gottes vergangen haben.

Die Kirche muss heute gegenüber Israel, gegenüber den Juden wie gegenüber ihren eigenen Gliedern, die Haltung und Botschaft der Propheten wieder aufnehmen. Botschaft der Buße und Botschaft der Hoffnung.

Dem verfolgten Volke sollte sie sagen, dass seine Leiden nicht eine Rache Gottes für die Hinrichtung Jesu sind, sondern ein Ruf zur Umkehr, zur Absage an seine Untreue. Es ist klar, dass diese Sprache hart ist und den Überlebenden der Nazimetzeleien schwer vorgehalten werden kann. Aber für die Christen ist es unmöglich zu behaupten, man verkünde den Juden das Evangelium, wenn man nicht damit beginnt, ihnen zu bezeugen, dass Jesus wirklich der Christus, der Sohn Gottes ist, und dass ihre Untreue in der Weigerung besteht, ihn als den angekündigten Messias anzuerkennen.

Den Antisemiten dagegen muss die Kirche prophetisch die Verdammung ansagen, die jene trifft, die sich an Gottes Volk vergreifen. Selbst die Untreue Israels kann in keinem Falle die Rechtfertigung des Antisemitismus sein, der immer in letzter Wurzel eine Bekundung der eigenen Gerechtigkeit ist. Die Verfolgung gegen Israel trifft immer auch die Kirche, wie auch die Untreue der Juden nur das Abbild der Untreue der Christen ist.

Antijudaismus und Antisemitismus

Man muss ... um ernste Missverständnisse zu vermeiden, deutlich unterscheiden zwischen dem Antijudaismus, der letztlich in jedem Ruf zur Bekehrung enthalten ist – einem Antijudaismus, der sich auch an die Kirche wendet, die es jederzeit nötig hat, sich zu bekehren, und die immer eine Neigung hat, selber zu judaisieren – und dem Antisemitismus. Alle Versicherungen, denen zufolge man schließlich wirklich und total jüdisch, weil christlich, sei, scheinen tatsächlich recht einleuchtend, und die allgemeine Bekehrung kann nicht anders ins Auge gefasst werden als durch die geistige Zerstörung des Judaismus. Darin liegt aber eine große Schwierigkeit, denn die ernstesten Juden geben sich aus und betrachten sich als einen notwendigen Rest zur Erhaltung der Welt und zur Erhaltung des Gesetzes vom Sinai in dieser Welt. Doch selbst wenn sie sich sagen, dass dieser Rest untreu ist, so können die Christen nicht gut vergessen, dass die Erhaltung Israels bis an den jüngsten Tag eines der Mysterien Gottes ist.

Den Zionisten muss man zuerst sagen – und das ist für sie das Allerschwerste, wenn nicht gar Herausforderndste – menschlich gesprochen, weil man nur im Glauben davon überzeugt sein kann –, dass nämlich das Heil der Juden und ihr eigenes Heil als Juden nicht im Zionismus liegt, sondern in ihrem Heiland Jesus Christus.

Den Unterdrückten kündigen die Propheten in ihrem größten Elend an, dass Gott sein Volk nicht verlassen hat, und dass er an sein Heil denkt. Von ihrem Heil und nicht von materiellen Vorteilen muss man heute zu den Juden reden, besonders zu den Zionisten.

In der gleichen Zeit, da die Menschen sich bescheinigen, dass Gott tot ist, fällt die Welt Systemen zum Opfer, die behaupten, sie würden ein zeitliches Heil herbeiführen, und die alle damit enden, dass der Mensch versklavt wird oder verzweifelt ... Auch der Nationalismus ist für die Juden der verzweifelte Versuch von Menschen, die glauben, sie könnten ihr Heil durch materielle Mittel erwirken. Wie gegenüber den Kommunisten, Existentialisten und Internationalisten ist die Kirche auch gegenüber den Juden verpflichtet, besonders gegenüber den Zionisten, ihnen zu sagen, dass es Heil in keinem andern gibt, als in Jesus Christus.

Die mögliche Opposition der Kirche gegen den Zionismus kann in keinem Falle anders als geistlich sein. Sie kann, ja sie sollte begleitet sein von menschlicher Sympathie für die Anstrengungen dieser Pioniere. Die Kirche muss sich mit größter Gewissenhaftigkeit die Frage nach der Bedeutung des Zionismus für Israel vorlegen, um der Welt und um der Kirche willen. Dennoch muss sie den Zionisten sagen – in dem Maße, als ihre Bewegung wesentlich politisch und unreligiös ist –, dass, wenn sie sich auf die Bibel stützen, um Palästina zu fordern, sie sich auf die Unteilbarkeit der göttlichen Botschaft berufen, sie auf solche Weise ermahnend, etwas anderes zu suchen als „ein Volk wie die anderen zu sein“.

Die Art der evangelischen Verkündigung kann verschieden sein, je nachdem ob man es mit orthodoxen Juden, mit Liberalen oder Emanzipierten zu tun hat. Aber das Wesentliche kann man nicht ändern. Doch gibt es für diese Arbeit Bedingungen, die zuvor erfüllt werden müssen. Die erste ist, dass diejenigen, die sich ihr widmen, die Juden lieben, und zwar sie lieben nicht, obwohl sie Juden sind (und weil sie elende Menschen sind), sondern weil sie Juden (und elend) sind. Und die zweite Bedingung, die aus der ersten folgt, lautet, dass sie sie kennen, noch genauer, dass sie die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Fälle kennen, die sich ihnen darbieten können ... (In: Herder-Korrespondenz 2. Jg. 9 (Juni 1948) S. 425 ff.).



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