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Gertrud Luckner
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Vermächtnis der Überlebenden des Holocaust

Moralische und ethische Folgerungen für die Menschheit

Das Zeitalter der Überlebenden geht zu Ende.* Bald wird keiner mehr da sein, der sagen kann: „Ich war dort. Ich habe es gesehen. Ich erinnere mich an das, was geschehen ist.“ Was bleibt, sind literarische und wissenschaftliche Abhandlungen, Bilder, Filme sowie zahlreiche persönliche Erlebnisberichte — der Anfang einer neuen Zeit. Doch das dunkle Erbe der Schoa, das sich den Herzen und Seelen der Überlebenden unauslöschlich eingeprägt hat, wird an die Menschheit als ein heiliger Auftrag weitergegeben.

Im Frühjahr des Jahres 1945 verstummte der große Donner des Zweiten Weltkrieges. In der darauffolgenden unheimlichen Stille tauchten wir, der letzte Rest des europäischen Judentums, wieder auf — aus Lagern, aus Wäldern und Todesmärschen. Wir waren zerlumpt, verbittert und verwaist, ohne Freunde und ohne Verwandte, heimatlos. In der Stille unseres Herzens haben wir uns gefragt, ob wir — nach den Gettos, den Transporten und nach Auschwitz — jemals wieder fähig sein würden, den Lebensfunken in uns neu zu entfachen. Würden wir je wieder arbeiten können? Je wieder lieben können? Je wieder wagen, eine Familie zu gründen? Nein, wir wurden auch nicht zu wilden Tieren, die nur noch nach Rache gieren.

Dieses Testament zeugt von den Prinzipien unseres Volkes, von seinem unerschütterlichen Glauben an die Menschheit und an die Vorsehung. Wir wählten das Leben. Wir entschieden uns, unser Leben neu aufzubauen, für die Errichtung des Staates Israel zu kämpfen, entschlossen, zum Aufbau der Gesellschaft in Israel und in vielen anderen Ländern beizutragen. Viele der Überlebenden kamen nach Israel, dem jüdischen Staat. Es war für sie eine existentielle Verpflichtung, eine Folge des Holocaust. Aber die Grundfesten, auf denen der Staat Israel aufgebaut wurde, ruhen nicht nur auf dem Andenken an die sechs Millionen aus unserem Volk, die ermordet wurden. Die Grundfesten wurden auf dem aufgebaut, was wir aus der Geschichte der Schoa gelernt haben: Es darf keinen Holocaust mehr geben. Seither ringen wir mit der unauslöschbaren und unfaßbaren Frage: Warum und wozu wurde dieser Horror verübt? Warum wurden die Juden von den Deutschen ausgesondert, zur Gefahr für die Menschheit erklärt, die exterminiert werden muß? Wie war es möglich, daß aus der deutschen Nation, einem Volk von Intelligenz und moderner Kultur, das große Künstler, Denker und Ethiker hervorgebracht hatte, Mörder hervorgehen, die eine nie dagewesene Tötungsmaschinerie konzipierten und betrieben?

Die Überlebenden sind eine vielschichtige Gruppe und vertreten unzählige unterschiedliche Ansichten, Überzeugungen und Meinungen. Aber eines ist uns allen gemeinsam: die tiefe Sehnsucht, bevor wir aus diesem Leben scheiden, das uns so viel Bitterkeit gebracht hat, den kommenden Generationen das zu übermitteln, was wir in jener dunklen Zeit erlitten und gelernt haben. Von hier aus, vom Har ha Zikkaron, dem Berg des Gedenkens, von Yad Vashem in Jerusalem, wollen wir, die Überlebenden, unsere Geschichte erzählen. Hier und jetzt [...] wollen wir — kollektiv und individuell — unsere Stimme erheben. In der jüdischen Tradition ist das Gebot des Erinnerns absolut verpflichtend. Aber diese Pflicht ist nicht mit einem Akt des Erinnerns abgetan und erfüllt. Aktive Erinnerung verlangt nach Sinn und Handeln. Wir, denen die Erinnerung in die Herzen und in das Fleisch eingebrannt ist, haben uns hier versammelt, um die Fackel der Erinnerung an die nächste Generation weiterzureichen. Und wir geben an euch auch die grundlegende Lehre des Judentums weiter, daß Erinnerung gepaart sein muß mit ethischem und moralischem Tun. Das muß die Grundlage und der Zielpunkt eures Bemühens sein für die Schaffung einer besseren Welt.

„Du sollst nicht morden!“ Dieses Grundgebot menschlicher Moral wurde von den Höhen des Berges Sinai der gesamten Menschheit laut verkündet. Die Erinnerung an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis und ihre bereitwilligen Helfer verpflichtet uns zur Einhaltung dieses Gebotes. Leben ist ein Geschenk der Schöpfung. Es ist Ausdruck der absoluten Gleichheit aller, die nach dem göttlichen Abbild erschaffen sind. Aus diesem Wissen heraus müßte es selbstverständlich und indiskutabel sein, daß dieses Gebot für die gesamte Menschheit verpflichtend ist. Und trotzdem wird es an allen Enden der Erde höhnisch verachtet. Das Vermächtnis der Schoa verpflichtet uns, unnachlässig nach Lösungen von menschlichen Konflikten zwischen Nationen und Völkern zu suchen, um Blutvergießen zu vermeiden. Wir, die wir Erniedrigung und die Grausamkeit von Rassismus erlebten, wir, die nur deshalb zum Tode verurteilt wurden, weil wir als Juden geboren waren, wir rufen die gesamte Menschheit auf, das Prinzip der Ebenbürtigkeit aller Menschen und Nationen anzuerkennen. Tyrannische Gewaltherrschaft, politische und religiöse Unterdrückung, wirtschaftliche Ausbeutung und menschliche Entwürdigung sind schwere Sünden und dürfen von der Weltgemeinschaft nicht geduldet werden. Es gibt keine Alternative für die Koexistenz von Menschen und Nationen. Es muß alles getan werden, um Zwietracht durch Gespräche und durch Vermittlung zu lösen anstatt durch Blutvergießen, im Nahen Osten sowie auf der ganzen Welt.

Antisemitismus und alle Arten von Rassismus gefährden nicht nur Juden, sondern die gesamte Weltgemeinschaft. Der „neue Antisemitismus“ richtet sich sowohl gegen Juden als auch gegen Israel und gegen den Zionismus. Die Gleichstellung dieser Begriffe verschärft die Gefahr für alle Juden. Dieses Phänomen zeigt sich auch in der arabischen Propaganda. Der Holocaust demonstrierte der Welt die zerstörerische Kraft von Antisemitismus und Rassismus. Verleugnung, Minimalisierung und Banalisierung des Holocaust dienen als Vorwand, die entsprechenden Folgerungen und Warnungen für die Zukunft zu umgehen. Wir, die Überlebenden, rufen die Welt auf, diese Phänomene gnadenlos zu bekämpfen und auszurotten.

Die Erinnerung an die Schoa ist umstritten und dunkel, denn sie macht das häßliche und nackte Angesicht abgefeimtester („vollendeter") Unmenschlichkeit sichtbar, die selbst die Grundlagen jeglicher Zivilisation bedroht. Wir, die wir durch das Tal des Todes gewankt sind und gesehen haben, wie unsere Familien, unsere Gemeinden und unser Volk zerstört wurden, sind nicht in Mutlosigkeit und Verzweiflung versunken. Im Gegenteil! Wir haben uns durchgerungen, daraus eine sinnvolle Botschaft abzuleiten und eine erneute Aufgabe für unser Volk und für alle Völker zu erkennen: eine Botschaft der Menschlichkeit, der menschlichen Anständigkeit und Würde. Der Holocaust, der den Standard des absolut Bösen festlegte, ist das universale Erbe aller zivilisierten Völker. Die daraus zu ziehende Lehre muß zukünftig der kulturelle Schlüssel sein für eine Erziehung für menschliche Werte, für Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Geduld und für den Widerstand gegen Rassismus und totalitäre Ideologien. Diese Konferenz in Yad Vashem in Jerusalem muß laut und klar die Worte von Rabbi Hillel verkünden: „ Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!“ Mögen diese Worte eine Inspiration sein für unsere zukünftigen Generationen.


*) Dieses „Lebendige Vermächtnis“ wurde am 11. April 2002 anläßlich der Schlußfeierlichkeiten der Dritten Internationalen Konferenz der Überlebenden des Holocaust in Yad Vashem in hebräischer Sprache vorgetragen. Übersetzt aus dem Englischen von E. Weidinger.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 4 Seite 269−271.


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