Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 861  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Kalman Yaron

Leben im Schatten des Todes —
Janusz Korczak, Marina Falska und Stefa Wilczynska

Janusz Korczak1 wurde 1878 als Henryk Goldszmit in einer assimilierten jüdischen Familie in Warschau geboren und 1942 in Treblinka ermordet. Nach dem Abschluß des Medizinstudiums (1905) spezialisierte er sich in Kinderheilkunde, weil ihn das Schicksal von Kindern aus unterprivilegierten Familien besonders bewegte. Dabei hatte er aber vor allem die sozialen Ungerechtigkeiten sowie die ungleichen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern vor Augen, denn: „Medizin kann Krankheit verhindern und heilen, aber sie kann die Welt nicht verbessern.“

Arzt, Erzieher, Schriftsteller und Menschenfreund

Korczak (sein Name als Autor) war auch ein angesehener Schriftsteller. Seine Erzählungen „Straßenkinder“ und „Salonkinder“ waren beliebt. Seine erste pädagogische Grundsatzarbeit, „Wie man ein Kind lieben soll“ (1914—1918 verfaßt), wurde geradezu ein Klassiker und trug ihm große Wertschätzung und Achtung ein. Mit dem Erlös konnte er einen Teil seiner theoretischen und praktischen Bemühungen für das Wohl von Kindern finanzieren. Zu seinen späteren Werken gehören die Kinderbücher „König Hänschen I.“, „König Hänschen auf der einsamen Insel“, „Der Bankrott des kleinen Jack “, die Romane „König Marcius“ und „Wenn ich wieder klein bin“, das Buch „Allein mit Gott — Gebete eines Menschen, der nicht betet“ und schließlich sein zweites pädagogisches Werk „Das Recht des Kindes auf Achtung“.

Korczaks Sorge um die benachteiligten Kinder zeigte sich schon am An-fang seiner ärztlichen Laufbahn. In Warschau rief er Sommerlager für arme Kinder ins Leben, die er als Arzt und pädagogischer Leiter betreute. Die Kinder erfreuten sich nicht nur an der Umgebung, den Stärkungen und dem Programm, sondern vor allem an der Achtung, mit der sie hier behandelt wurden. Korczak beschloß, seine ärztliche Karriere aufzugeben und sein Wirken in den Dienst der vernachlässigten Kinder zu stellen. Er nahm eine Stelle in einer Klinik in den Warschauer Elendsvierteln an und arbeitete dort sowohl als Arzt als auch als Betreuer elternloser Kinder.

1910 wurde in der Krochmalna-Straße in Warschau nach Korczaks Vorstellungen ein altes jüdisches Waisenhaus als Dom Sierot wiedereröffnet. Korczak leitete es als Kinderrepublik, d. h. die Kinder waren weitgehend selbständig, wenn auch unter der Leitung von Mitarbeitern. Nicht der Wortlaut der aufgestellten Regeln, sondern deren Geist prägte die Atmosphäre des Hauses. Korczak fühlte, daß in jedem Kind ein moralischer Funke glüht, der aber in der Dunkelheit schnell erlischt, wenn er nicht sorgsam behütet wird. Er bestand darauf, daß jedes Kind das Recht auf eine ei-gene verschließbare Schublade hatte, in der es alle seine Habseligkeiten, so wertlos sie auch gewesen sein mögen, aufbewahren durfte, – ein kärglicher Rest verlorener Achtung.

Unterstützt wurde Korczak durch den mutigen Einsatz der Jüdin Stefania (Stefa) Wilczynska, seine Assistentin seit 1911, ohne die er die ungeheuren Belastungen nicht hätte bewältigen können. Während der Kriegsjahre 1914–1918 diente er als Militärarzt in der polnischen Armee und ließ die ganze Verantwortung für das Kinderhaus in den Händen von Stefa. Sie war Herz und Seele des Hauses und sorgte für alles, was nötig war. 1942 ging auch sie freiwillig mit Korczak und den Kindern nach Treblinka in den Tod. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm Korczak seine Arbeit in Unterricht und Forschung wieder auf. Zusätzlich übernahm er auch die Pädagogische Leitung des katholischen Kinderheimes Nasz-Dom (Unsere Heimat) zusammen mit der katholischen Polin und Kommunistin Marina Falska, deren jüdischer Mann Arzt war. Später wurde sie als kommunistische Kämpferin nach Sibirien verbannt. Anders als Korczak war für Marina Falska nicht so sehr die religiöse Eigenständigkeit der Kinder ein Anliegen, aber sie stimmte mit seinen erzieherischen Leitlinien überein und wurde ihm eine gute Freundin.

Das Warschauer Getto

Im Oktober 1940 erhielten Korczak und Stefa Wilczynska die Nachricht, daß alle jüdischen Bewohner den Bezirk Cholodna 33 und die benachbarten Viertel innerhalb von vier Tagen verlassen müssen. Auch das Waisenhaus, das außerhalb des früheren Gettos lag, mußte sofort geräumt werden. Hier zeigte sich Korczaks legendärer Mut. Er fand in dem völlig überfüllten Getto ein beschlagnahmtes Haus, das vorher als Gemeindehaus gedient hatte, und geleitete die Kinder ganz ruhig zu dieser provisorischen Unterkunft. Stefa übernahm die Versorgung der Kinder. Sie teilte den begrenzten Lebensraum so gut es ging unter den Kindern und den Mitarbeitern auf und legte den Tagesablauf fest. Jedes Kind bekam seine eigene Aufgabe, in der Küche, im Haus, in der Nähstube oder in der Werkstatt. Es gab sogar auch weiterhin einen Chor und eine Theatergruppe. Der Unterricht verlief in zwei Schichten. Aber nach und nach wurden die Lebensmittel immer weiter reduziert und Stefa mußte einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringen, kleine Handarbeiten gegen Nahrungsmittel zu tauschen.

Eine Typhus-Epidemie dezimierte die Bevölkerung im jüdischen Getto so sehr, daß auf dem Friedhof bald nicht mehr genug Platz war für alle Opfer. Erschöpft, verzweifelt und gealtert versuchte Korczak, kranken Kindern zu helfen. Aber es mangelte an Medikamenten und er mußte schließlich aufgeben. Viele Kinder, die er an einem Morgen barfuß durch die überfrorenen Straßen laufen sah, fand er am nächsten Morgen erfroren wieder. Als das Getto noch mehr abgeschottet wurde, war Korczak von der völligen Teilnahmslosigkeit seiner polnischen „Brüder und Schwestern“ besonders deprimiert. Als echter polnischer Patriot hatte er im polnischen Militär gedient und er trug einen polnischen Namen, wurde aber trotzdem in der Stadt keineswegs geschätzt. Er war daher besonders tief bewegt, als ganz unerwartet die katholische Kommunistin Marina Falska vor der Tür stand. Obwohl sie in erster Linie für die Kinder des Katholischen Kinderheims „Nasz-Dom“ verantwortlich war, versteckte sie weiterhin jüdische Kinder — trotz der damit für sie verbundenen Gefahren.

Denkmal in Yad Vashem

Janusz Korczak und die Waisenkinder.
Denkmal in Yad Vashem

An einem verschneiten Novembertag kam Marina in das überfüllte Getto. Auf ihrem Weg begegneten ihr Kinder, die Zigaretten und Sonnenblumenkerne zum Kauf anboten, Bettler mit erfrorenen Gliedmaßen, halb-nackte, verwahrloste Jugendliche. Marina traf Janusz an der Tür des Waisenhauses und war entsetzt, wie sehr er abgemagert war. Sie kannte ihn seitden frühen zwanziger Jahren als begabten Studenten, von dessen Ansichten und Plänen sie angetan war. Als sie wieder ging, wußte sie, daß sie ihren Freund nie wiedersehen würde. Sie umarmte ihn sanft und fragte mit zitternder Stimme: „Wie fühlst du dich?“ Da blitzte auf Januszs Gesicht ein trotziges Lächeln auf: „Wie ein Schmetterling“, antwortete er, „ein Schmetterling, der bald in eine bessere Welt fliegen wird.“

Der alte, kranke und erschöpfte Janusz Korczak hat sich bis zum bitteren Ende um die Kinder gesorgt, die unter seiner Fürsorge standen. Er humpelte über die grauenvollen Straßen, um vielleicht doch noch einen Kanten Brot für seine Waisenkinder zu finden. Stefa Wilczynska blieb bei ihm und begleitete ihn bis zum Ende, und beide sorgten für die Kinder im Schatten des Todes.

  

Das Ende der Tragödie

Am 5. August 1942 wurden die Bewohner des Waisenhauses zusammen mit weiteren Tausenden Gettobewohnern von den Soldaten der SS für die „Umsiedlung in den Osten“ — so umschrieben die Nazis die Todeslager von Treblinka — aus dem Getto geholt. Korczak sammelte die 200 Kinder unter seiner Obhut und begleitete sie zusammen mit Stefa und einigen anderen Mitarbeitern in Würde auf ihrem letzten Gang durch die Straßen des Gettos zum Bahnhof. Kaum noch fähig, sich zu bewegen, schleppten die Kinder ihre winzigen Habseligkeiten auf ihren Schultern. Hungrig und total er-schöpft, waren sie dennoch glücklich, daß sie zusammenbleiben durften. Gehorsam gingen sie zum Rangierbahnhof, um in fensterlosen Viehwaggons nach Osten gebracht zu werden. Ein Augenzeuge berichtete über ihren Gang: „Dicht an dicht zusammengepfercht, Körper an Körper, und von den Bewachern von allen Seiten mit Peitschenhieben begleitet, wurde die Menschenmenge getrieben, auf den Bahnsteig zu rennen, von dem aus die Fahrt in den Tod begann.“

Sich selbst und den Waisenkindern treu geblieben und im Vertrauen auf seinen Weg, haben Janusz Korczak, „der Vater der Waisen“, und Stefa Wilczynska, seine treue Gefährtin, die Kinder begleitet. Händehaltend und auf ihre kleinen Habseligkeiten achtend, gingen sie ohne Zögern den Weg ohne Wiederkehr. Daß Menschen auch auf dem Weg zum Krematorium noch menschlich bleiben, gibt Zeugnis dafür, daß die Liebe stärker ist als der Tod. In seinem Buch „Die Kunst zu lieben“ schreibt Erich Fromm: „Nur wer sich selbst vertraut, kann auch anderen vertrauen.“ Obwohl Korczak sich im Getto von seinen polnischen Freunden verlassen fühlte, hatten mehrere seiner Freunde angeboten, ihn zu verstecken, damit er nicht ins Getto müsse. Aber Korczak hatte abgelehnt. Er wollte bei seinen Kindern bleiben.

Noch Jahrzehnte nach dem Krieg wurde das Thema des Umgangs der Polen mit den Juden verschwiegen oder verzerrt dargestellt. Erst das 2001 von dem polnischen Historiker Jan Thomacz aufgedeckte Massaker von Jedwabne2  im Nordosten Polens hat u. a. frühere Untaten ans Licht gebracht. Nach zuverlässigen Quellen wurden 2500 jüdische Einwohner Jedwabnes vom Bürgermeister aufgefordert, zum Marktplatz zu kommen, angeblich um das Gelände zu reinigen. Als sie sich versammelt hatten, wurden 1600 der versammelten Juden von ihren polnischen Nachbarn niedergemetzelt. Die Grausamkeiten von Jedwabne waren zweifellos auf dem Nährboden eines verbreiteten Judenhasses gewachsen. Antisemitismus war nicht von außen eingeführt worden, sondern hatte sich auf polnischem Boden im Laufe von Jahrhunderten entwickelt.

Es soll aber auch daran erinnert werden, daß die Mehrheit der als „Gerechte unter den Völkern“ geehrten Menschen Polen sind, die ihr Leben und manchmal auch das Leben ihrer Freunde und Familien aufs Spiel setz-ten, um Juden zu retten. Eine solche Entscheidung war in Polen mit seiner langen antisemitischen Geschichte besonders schwierig und gefährlich. Angesichts der Tatsache, daß Polen während des Zweiten Weltkriegs besonders schwer gelitten hat, sind diese Taten der Menschlichkeit um so höher zu achten.

  1. Vgl. Michael Kirchner, Janusz Korczak, FrRu 10(2003)123-134.
  2. Vgl. Henryk Muszynski, „ Die Nachbarn“ von Jedwabne, FrRu 10(2003)106-112.

Prof. em. Kalman Yaron, Jerusalem, war von 1965 bis 1992 Leiter des Martin-Buber-Instituts der Hebräischen Universität Jerusalem.
Übersetzt aus dem Englischen von Horst Dahlhaus, Sankt Augustin.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 2 Seite 94−98.


top