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Kalman Yaron

Verbannung und Erlösung

Während der Zionismus seine Aufmerksamkeit dem territorialen und nationalen Aspekt des jüdischen Volkes widmet, richtet das Tora-Judentum seinen Blick auf die göttliche Offenbarung am Berg Sinai. Der Widerspruch zwischen jenen, die Normalität suchen, und den anderen, die die jüdische Besonderheit betonen, ist so alt wie das Judentum selbst. Diese Uneinigkeit fand ihren tiefgründigen Ausdruck in dem Urteil einer der bedeutendsten Gestalten im jüdischen Geistesleben in nachtalmudischer Zeit, dem Gaon Saadja ben Josef (882-942), Leiter der hohen rabbinischen Schule von Sura. In seinem Werk Glauben und Wissen sagte er: „Die Juden sind ein Volk durch die Kraft der Tora“ und darum dem himmlischen Joch unterworfen. Eine große Wirkungsgeschichte hatte auch Num 23,9: „Siehe da, ein Volk, abgesondert wohnt es, und unter die Völker läßt es sich nicht rechnen.“ Aus diesem Grund identifizieren sich observante Juden heute eher mit der Wüstengeneration als mit den hebräischen Siedlern in Kanaan, mit Mose, dem Knecht Gottes, und nicht mit Josua, dem Kämpfer um das verheißene Land, mit den Tora-Gelehrten und nicht mit den zionistischen Pionieren.

Die Bevorzugung der Tora vor dem Land Israel zeigte sich bereits bei den Verbannten in Babylon (586-538 v.Zt.). Sogar nachdem ihnen erlaubt worden war, nach Zion zurückzukehren, entschieden sich die meisten, im Exil zu bleiben, wo sie erfolgreich waren, für die Wiederherstellung Zions beteten und zwei eindrucksvolle Talmudhochschulen aufbauten. Zur gleichen Zeit wurde eine bedeutende jüdische Akademie in Ägypten gegründet, die mit dem Ansehen Jerusalems konkurrierte. Als jedoch die jüdische Bevölkerung Alexandriens unter hellenistischen Einfluß geriet und die griechische Sprache an die Stelle des Hebräischen trat, wurde der ursprüngliche Wortlaut der Tora nicht mehr allgemein verstanden. Die Übersetzung der Tora ins Griechische (Septuaginta) bezeugte die Entfernung der Juden von der hebräischen Kultur.

Auch heute fehlt es der jüdischen Orthodoxie sowohl in Jerusalem als auch in Brooklyn und anderswo an der verpflichtenden Treue zu ihrem historischen Heimatland und zur hebräischen Kultur. Sie zieht die jiddische Sprache der hebräischen vor, und während die Ultra-Orthodoxen (Charedim) in Israel sich im zionistischen Staat als Fremde fühlen und sich weigern, der Einberufung zum Armeedienst Folge zu leisten, genießen so manche in Brooklyn die Freuden des Lebens im Exil, indem sie sich von Nichtjuden bedienen lassen und den gottlosen Staat Israel verwerfen.

Eigenstaatlichkeit und Königtum, das davidische Königtum ausgenommen, spielten in der jüdischen Geschichte nur eine geringe Rolle. Allen Priestern war es auferlegt, Wächter über den Gottesdienst und Träger der jüdischen Tradition zu sein. Später waren es die Rabbinen, die Ausleger der Tora, die an der Spitze der israelitisch-jüdischen Rangordnung standen. In der Realität gab es niemals einen jüdischen Staat entsprechend orthodoxem Verständnis, weder in Israel noch sonstwo. Dies schließt ironischerweise ein: Der Staat Israel ist de jure jüdisch, aber nicht de facto. Herzl selbst bemühte sich eher um einen „Judenstaat“ (einen von Juden regierten Staat der Juden) als um eine jüdische Theokratie. Dies gilt ebenso für die jüdische Mehrheit in Israel, die einen pluralistischen „Staat der Juden“ einem rückwärts gerichteten „jüdischen Staat“ vorzieht.

Tatsächlich ging es den Juden vielfach besser, wenn sie von Nichtjuden beherrscht wurden, denn diese entbanden sie vom Militärdienst, von Verwaltungsaufgaben und politischer Verantwortung und ermöglichten ihnen damit, die tradierte Halacha zu bewahren, unabhängig von territorialer Gebundenheit. Die Ironie ist, daß ein jüdischer Staat somit theoretisch nur in messianischer Zeit oder aber in einer entsprechenden Theokratie bestehen kann. Nach Generationen der Auslieferung unter die Völker waren die Charedim für die Begegnung mit einem modernen Staat nicht vorbereitet.

Jigal Elams Bestimmung des rabbinischen Judentums als einer Religionsnation trifft den Kern: Eine Religionsnation ist in diesem Zusammenhang eine Religion, die sich als eine Gruppe naher Verwandter darstellt und sich als erwähltes Volk begreift. Ohne den göttlichen Auftrag verliert ihr Bestand seine Bedeutung. Eine Religionsnation verwirklicht sich also im Volk und nicht in einem Territorium. Für die Religionsnation zählt allein die Bestätigung von Gottes Königsherrschaft. Ein weltlicher König und ein irdischer Staat sind für sie belanglos. Daher wird von der jüdischen Orthodoxie gefordert, das Kommen des Messias nicht zu antizipieren und nicht vor der bestimmten Zeit nach Erez Israel zurückzukehren.

Die Juden überlebten ihr schweres Los demnach nicht trotz der Verbannung, sondern wegen der Verbannung. Sie überlebten, weil sie eine Tora-Überzeugung schufen, die weder an eine Person, noch an einen Ort gebunden war. Diese Tora-Überzeugung gleicht der beweglichen Bundeslade in der Wüste: Sie wurde von ihren Priestern getragen und später von den Rabbinen übernommen. Diese gaben der Tora den Vorrang vor den königlichen Zeremonien. Trotzdem wurde von den Juden ein unerträglicher Preis für ihre politische Zurückhaltung verlangt. Sie wurden zu einer Scheinexistenz verdammt, der Selbstbestimmung beraubt und der Verfolgung ausgeliefert. In einer rabbinischen Darlegung von Schemaja (50 v.Zt.) spiegelt sich die Tatsache, daß die Juden die Politik hinter sich gelassen hatten: „Liebe die Arbeit, hasse die Herrschaft und mache dich nicht mit Machthabern bekannt“ (mAv 1,10). Rabbi Schemaja ben Hakana sagt: „Wer das Joch der Tora auf sich nimmt, wird vom Joch der Herrschaft befreit.“

Politisches Denken vom Bar-Kochba-Aufstand bis zur Gründung des Staates Israel überbrückt den Abstand zwischen Verbannung (gola) und Erlösung (geulla). Im volkstümlichen Verständnis ist das Exil die Zeit der Unterwerfung unter die Nichtjuden, Erlösung dagegen die Epoche, in der die Juden in Frieden und Wohlstand im Schatten von Gottes Flügeln leben werden. Erlösung bedeutet in diesem Kontext das Ende von Politik und der ihr innewohnenden Zwangsgewalt und Roheit. Der amerikanische Philosoph Michael Walzer schrieb: „Hier ruhen vielleicht die jüdischen Wurzeln der Voraussage von Marx, daß der Staat verschwinden und dies nur am Ende der Tage glücken wird“ (Arts and Letters, Jerusalem Post, The Space between Exile and Redemption, 29.09.2000).

Verbannung war ein Hauptmerkmal der Geschichte des Lebens des jüdischen Volkes. Deswegen war und ist in der israelischen politischen Kultur die Vorstellung vom Entstehen eines souveränen Staates dominant. Die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dem jüdischen Staat lassen sich an drei Strömungen belegen: 1) die Siedler in Judäa und Samaria und ihre Lehre von „Groß-Israel“, 2) die Ultra-Orthodoxie, die auf das Kommen des Messias wartet, und 3) die Anhänger der „Frieden-Jetzt-Bewegung“, die ein Friedensabkommen anstreben. Die israelische Politik bleibt damit wie in einer Falle gefangen – zwischen Verbannung und Erlösung – zwischen existentiellen Erfahrungen und messianischen Träumen. Doch schließlich wird Israel der politischen Realität nicht entrinnen können und dem Grundsatz folgen müssen, daß Politik die Kunst des Möglichen ist.


Prof. em. Kalman Yaron ist Leiter des Martin-Buber-Instituts der Hebräischen Universität Jerusalem.
Jahrgang 4/2001 Heft 4 Seite 271−273.


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