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Leser-Echo

Prof. h. c. Dr. Herbert Rosenkranz, Jerusalem, nimmt Stellung zur „Schuldfrage“ am Tod Jesu an Hand der Rezension zu „Schoa – Schweigen ist unmöglich“ (FrRu 7[20001135-136) und des Beitrags „Die Passion Jesu als historische Frage. Wer trägt die Schuld am Tode Jesu?“ von Johann M. Schmidt (FrRu 7[2000]99-106):

Dank der Rezension von E. L. Ehrlich wurde ich auf das Buch von Lohrbächer/Ruppel aufmerksam gemacht, das ich mit Interesse und Gewinn gelesen habe. Ich nehme an, daß Sie ein früheres Lehrbuch von Albrecht Lohrbächer besprochen haben, und zwar: „Was Christen vom Judentum lernen können. Modelle und Materialien für den Unterricht“, Herder, Freiburg 1994 (vgl. FrRu 2[1995]57-59, Anm. d. Red.) In einem Abschnitt setzt sich dieses Buch mit der Frage der Mitschuld der Juden an Jesu Verurteilung und Kreuzigung auseinander: „Durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen. Versuch einer nicht judenfeindlichen unterrichtlichen Behandlung der Verurteilung Jesu“ (138-144). Versuche ich von der jüdischen Warte aus darzustellen, daß Jesus vor keinem jüdischen Gericht gestanden haben kann, (vgl. Herbert Rosenkranz, „Die Passionsgeschichte und die Juden. Revision einer Unterstellung“, in: Materialdienst. Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau, Ausgabe Nr. 1/Feb. 1996, S. 17-29; Ausgabe Nr. 2/Apr. 1996, S. 5-17), so negiert Lohrbächer die „Schuld“ der Juden an Jesu Tod von historischen, moralischen, theologischen und religiösen Standpunkten aus und kommt zum Schluß, daß „keine Verurteilung durch den Hohen Rat“ möglich war. Es wirkt daher befremdend, im Artikel von J. M. Schmidt die Feststellung zu lesen: „Innerhalb der Forschung herrscht insoweit Übereinstimmung, als von einem Zusammenwirken römischer und jüdischer Machthaber zu sprechen ist.“


C. C. Aronsfeld, Harrow, zur Rezension der Wiesel-Biographie von Christian Feldmann (FrRu 7[2000]50):

Als Jude habe ich die Besprechung mit einiger Verlegenheit gelesen. Der Titel „Ein Leben gegen die Gleichgültigkeit“ deutet darauf hin, daß der Autor kaum mehr von dem berühmten „Chassid“ gelesen hat, als er selbst in immer neuen Variationen darbietet (und auch das nicht immer vollständig). Da hören wir dann viel von dem Gegensatz zwischen „Gleichgültigkeit und Erinnerung“. Das ist in der Tat sehr wichtig, nur muß man aufpassen, woran man sich erinnert.

Nietzsche hat uns sehr bemerkenswerte Gedanken vermacht über Erinnerung und Gewissen, und er würde Wiesel vermutlich zustimmen, daß ein Schriftsteller nach Auschwitz die Aufgabe hat, „nicht zu unterhalten, sondern zu beunruhigen“. Feldmann sagt: „Wiesels Werk will aufrütteln, warnen vor Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht — jeglichem Unrecht — und vor allem vor Selbstzufriedenheit.“ Leider sagt er nicht, wie es damit bei Wiesel steht.


Dr. phil. Helmut Reischle, Nürtingen, zur Rezension des Buches von Behr/Rupp: Vom Leben und Sterben. Juden in Creglingen (FrRu 7[2000]205-207):

In der Besprechung kann man folgendes Urteil lesen: „Das Vorgehen gegen die Creglinger Juden (am 26. März 1933) ist somit wohl die erste Gewaltaktion der Nationalsozialisten in Deutschland, die sich ausschließlich gegen Juden richtete und in deren Verlauf es infolge exzessiver Brutalität sogar zu Tötungen kam. Die beiden ersten Opfer der Schoa sind damit die Creglinger Hermann Stein und Arnold Rosenfeld.“ Diesem Urteil kann ich mich leider nicht anschließen aufgrund der Lektüre des Buches von Eberhard Röhm/Jörg Thierfelder: „Juden-Christen-Deutsche“:.... schon am 6. März 33, einen Tag nach der Reichstagswahl, kam es ... in Berlin zu Übergriffen auf Juden. In den folgenden Tagen steigerten sich die Krawalle bis zu blutigen Unruhen ... In Breslau überfielen am 11. März etwa zwei Dutzend ... bewaffnete SA-Männer das Gerichtsgebäude und mißhandelten die dort anwesenden jüdischen Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte in übelster Weise ... Bei diesem Überfall war auch ein Todesopfer zu beklagen. Der Jurist und ehemalige USPD Abgeordnete, Walter Eckstein, starb 5 Tage später an den Folgen der Mißhandlungen“ (Bd. 1., S. 113).

Weiter berichten Röhm/Thierfelder „... daß SA-Leute am 18. März ... in Öhringen (Württemberg) nach Haussuchungen ... am Abend 10 Juden durch die Stadt führten. Vor dem Oberamt mußten sie sich in einem öffentlichen Bekenntnis selbst beschuldigen ... Damals gab es noch Proteste gegen dieses Vorgehen unter der Bevölkerung. So gaben die 3 evangelischen Pfarrer der Stadt ihrer Empörung über das rohe Vorgehen in einer öffentlichen Erklärung im ,Hohenloher Bote‘ Ausdruck“ (S. 120).

„Eine Woche später, am 25. März zogen 30 grölende SA-Leute, Polizisten und Kriminalbeamte durch die Stadt Niederstetten (in der Nähe von Creglingen). Unter dem Vorwand, nach versteckten Waffen und staatsfeindlicher Literatur zu suchen, drang die aus Heilbronn angereiste Bande gewaltsam in die jüdischen Häuser ein ... Am Ende wurden die Männer der jüdischen Gemeinde aufs Rathaus geschleppt. Dort mißhandelte man sie aufs schwerste mit Stahlruten ... Einige der Männer waren so schwer verletzt, daß sie unter Lebensgefahr in eine Würzburger Klinik gebracht werden mußten.“


Jahrgang 7/2000 Seite 318



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