Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Inhalt Neue Folge > Notizen > 854  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Beiträge
Berichte
Bücherschau
Dokumente
Geburtstage-ad multos annos
In memoriam
Notizen
Personenregister
Verzeichnisse Einzelnummern
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Notizen Jahrgang 7/2000 Heft 4

In Anlehnung an das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000 hat die Litauische Bischofskonferenz ein Schreiben zum Tag der Buße und Vergebung veröffentlicht (14. April 2000). Zur Schuld gegenüber den Juden heißt es in dem Text: „Wir bedauern, daß einige Glieder der Kirche während des Zweiten Weltkriegs nicht genügend Mitgefühl für die verfolgten Juden zeigten und nicht alles in ihrer Macht Stehende taten, um sie zu verteidigen, besonders daß sie es an Entschiedenheit fehlen ließen, auf die Helfershelfer der Nazis abwehrend einzuwirken. Das Gedächtnis der Kirche ist belastet durch den Antisemitismus der Vergangenheit, der noch immer heutzutage von gewissen Leuten vertreten wird, die es an Verantwortung und christlicher Nächstenliebe fehlen lassen.“ (Anm. d. Red.: Der ungekürzte Text liegt auf englisch und deutsch vor.) Von den 250 000 Juden Litauens sind neunzig Prozent in der Schoa umgekommen.

Polens Kardinal-Primas Jozef Glemp hat am 20. Mai 2000 in Warschau im Rahmen einer umfangreichen Predigt vor versammelter Bischofskonferenz ein öffentliches Bekenntnis abgelegt. Unter anderem sagte er: „Ich bereue das Verhalten der Geistlichen, die die Liebe zu den Menschen verloren haben und ihr privates Leben ausbauten, indem sie viel reisten oder sich bequeme Wohnungen einrichteten, anstatt ihre ganze Zeit den Armen und besonders der Jugend zu widmen. Der Verlust der Liebe zu den Menschen zeigte sich manchmal in Geringschätzung von Personen anderen Bekenntnisses oder im Tolerieren von Erscheinungen von Antisemitismus. Ich bitte um Vergebung für die, die nicht treu ihre Verpflichtung erfüllen, besonders ihre seelsorgerischen oder erzieherischen, und den Religionsunterricht vernachlässigen.“ Den grundsätzlichen Sinn eines Bekenntnisaktes der Kirche hatte Kardinal Glemp bereits in einer Predigt am 14. Mai 2000 in Krakau behandelt. Der Kongreß Europäischer Juden (CJE) hat die Entschuldigung begrüßt.

Der Polnische Rat der Christen und Juden hat am 16. Juni 2000 Manfred Deselaers den Titel „Mensch der Versöhnung 2000“ verliehen, „einer der wenigen Deutschen, der wenigen Christen, der wenigen Menschen! — die wahrhaftig die Herausforderung von Auschwitz annehmen. Die das nicht nur einmal tun, sondern auf allen Wegen gleichzeitig, ... mit ihrem ganzen Leben“ (Laudatio). Deselaers ist Priester des Bistums Aachen und arbeitet seit 1990 in Auschwitz. Bekannt ist vor allem seine Arbeit über Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz (vgl. FrRu 5[1998]208-209).

Das französische Parlament hat den 16. Juli zum Gedenktag für die Opfer von Antisemitismus und Rassismus erklärt. Bei den Feiern soll auch jener Franzosen gedacht werden, die zur Rettung von Juden beigetragen haben. Am 16. und 17. Juni 1942 waren im Radsport-Stadion Veld‘Hiv in Paris rund 13 000 Juden zusammengetrieben und deportiert worden.

Am 3. Mai 2000 starb in New York Kardinal John O‘Connor im Alter von 80 Jahren. Die Zeitung „The American Israelite“ nannte ihn einen „scharfen Feind des Antisemitismus“ und einen „Mann des Gewissens, der sich für bessere jüdisch-christliche Beziehungen einsetzte“. Das Israelische Außenministerium schrieb: „Das jüdische Volk und der Staat Israel haben einen Freund verloren, einen geistlichen und moralischen Riesen.“ 1999 hatte ihm das Hebrew Union College — Jewish Institute of Religion (Reform Movement) ein Ehrendoktorat verliehen. Zum Jom Kippur 1999/5759 sandte Kardinal O‘Connor seinen jüdischen Freunden ein Schreiben, in dem er seine persönliche Reue ausdrückte über die Freveltaten von Mitgliedern der katholischen Kirche gegenüber den Juden. Nach Rabbiner James Rudin, Direktor für religiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee, war der Kardinal einer der führenden Architekten der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan.

Fünfundfünfzig Jahre nach der Befreiung von Bergen-Belsen durch die britische Arme am 15. April 1945 eröffnete Königin Elizabeth II. Anfang Juni 2000 die erste britische Dauerausstellung über die Schoa. Der Ausstellung sind zwei Stockwerke des Londoner Imperial War Museum reserviert. Während sich das obere Stockwerk mit geschichtlichen Hintergründen, der Entwicklung des Antisemitismus und des Nationalsozialismus sowie persönlich gestalteten Erinnerungen aus glücklichen Zeiten befaßt, führt der zweite Teil im unteren Stockwerk in das Grauen der Schoa: Auschwitz-Birkenau, Transporte ungarischer Juden, Mauthausen, das Euthanasieprogramm, usw. Am Schluß stehen Erzählungen britischer Soldaten über die Befreiung der Konzentrationslager.

Die türkische Journalisten- und Schriftstellerstiftung („Gazeteci ve Yazar Vakfi“) hat im April 2000 Juden, Christen und Muslime zu einem interreligiösen Treffen in Istanbul eingeladen. Die Eröffnung fand in den Ruinen einer Moschee in Urfa (Harran), Anatolien, statt. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Gestalt Abrahams als gemeinsamer Vater im Glauben. In der Schlußerklärung wurde der Dialog als Aufgabe der drei monotheistischen Religionen unterstrichen. Theologen und religiöse Gemeinschaften müßten dafür eintreten, politische Ethik und Wertebewußtsein in den internationalen Beziehungen zu stärken. Juden, Christen und Muslime sollten sich, in Überwindung historischer Vorurteile und tagespolitischer Auseinandersetzung, um eine gemeinsame Basis bemühen.

Am 13. Juli 2000 verstarb Jan Karski, der legendäre Kurier der polnischen Untergrundbewegung (vgl. FrRu 4[1997]301-302). Um als Augenzeuge berichten zu können, hatte sich Karski 1942 in das Warschauer Getto und in das KZ Izbica Lubelska einschleusen lassen und es geschafft, dem britischen Außenminister Anthony Eden persönlich Fotos und Dokumente vorzulegen. Zu Churchill wurde Karski nicht vorgelassen. Nachdem die britische Regierung in keiner Weise reagierte, wandte er sich 1943 — ebenso erfolglos — an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Vor drei Jahren resümierte Karski in einem Interview, die Verhinderung des Völkermordes an den europäischen Juden war „nur ein Nebenaspekt, der einfach nicht in die militärische Strategie paßte“.


Jahrgang 7/2000 Seite 316



top