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Strobl, Ingrid

Die Angst kam erst danach

Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 1998. 478 Seiten.

Ingrid Strobl, Filmemacherin und Soziologin, befaßt sich seit langem mit dem Beitrag der jüdischen Frauen im Widerstand gegen die Naziherrschaft. Dieses Buch basiert auf Interviews und aufwendigen Archivstudien in Frankreich, Belgien, Holland, Ungarn und Polen. Überall zeigt sich das gleiche Bild: die Arbeit der Frauen war unerläßlich. Doch sie sahen weder damals noch sehen sie heute einen Anlaß, ein Aufhebens darüber zu machen, denn „man mußte einfach“ handeln. Sie transportierten Waffen, Sprengstoff, falsche Ausweise und dergleichen. Als Frauen und besonders als Schwangere waren sie den Gestapokontrollen weniger ausgesetzt und konnten sich auch oft mit Charme und Lächeln aus einer gefährlichen Situation retten. Viele von ihnen widmeten sich hauptsächlich der Rettung der Kinder, suchten Verstecke und Familien, die ein Kind aufnehmen würden, erkundeten und organisierten Fluchtwege in die Schweiz. Auch Erwachsene mußten geschützt, versteckt und ernährt werden. Die Frauen wurden Meisterinnen in der Herstellung falscher Ausweise. Einige wenige waren auch Kämpferinnen.

Ergreifend in ihrer Selbstverständlichkeit sind die Berichte, wie diese meist sehr jungen Frauen in Polen, die natürlich auf der „arischen“ Seite wohnen mußten, ihren Alltag „als Polinnen“ bewältigten, wie sie keinen Augenblick ihre Rolle vergessen durften und ihr Doppelleben in absoluter Einsamkeit durchhielten. Die dauernde Bedrohung des Entdecktwerdens und der sicheren Folter war unendlich schwer zu ertragen, aber es war selbstverständlich und mußte einfach ertragen werden. Diese Frauen empfanden sich weder damals noch heute als Heldinnen. Auch die Männer taten im Widerstand ihre gefährliche Pflicht, aber ihre Arbeit war spektakulärer, wie sich nach dem Krieg erwies, als es um Auszeichnungen und — viel wichtiger in der prekären Nachkriegszeit — finanzielle Unterstützung ging. Da waren die Frauen vergessen. Sie waren unauffällig ins traditionelle Frauenleben zurückgekehrt und lebten wieder das Leben des „schwachen Geschlechts“, sei es in der alten Heimat, sei es in Israel.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 7/2000 Seite 311



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