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Katz, David S. / Popkin, Richard H.

Messianic Revolution

Radical Religious Politics to the End of the Second Millennium. Hill and Wang, New York 1999. 303 Seiten.

Am Mittwoch, dem 22. März 2000, wurde auf S. 3 der Süddeutschen Zeitung in Anlehnung an Moskauer Stimmungsbilder Wladimir Putin als „schneidiger Messias“ porträtiert. Den unteren Teil dieser Seite nahm ein Bericht über die „Bewegung für die Wiedereinsetzung der zehn Gebote“ ein, einer Sekte, die im März 2000 im südlichen Uganda Mord und kollektiven Selbstmord verübt hatte. Über Bewegungen, die einen Mann als Messias verehren und über Männer, die sich selbst für den Messias halten, handelt auch das Buch von Katz und Popkin. Der Titel Messianische Revolution bezieht sich in diesem Buch fast ausschließlich auf christliche fundamentalistische Bewegungen.

Die acht Kapitel des Buches können in zwei große Abschnitte eingeteilt werden: Kapitel 1-5 behandeln messianische Theorien und Erwartungen in Europa, Kapitel 6-8 beschreiben und analysieren messianische Bewegungen und Aktionen des politischen Fundamentalismus in Amerika. Die Autoren vertreten die Ansicht, die fundamentalistischen Aktionen der amerikanischen Sekten seien nur verständlich auf dem Hintergrund der früher in Europa verbreiteten diversen christlichen Theorien über den Messias. Diese These ist, je allgemeiner sie formuliert wird, sicher richtig. Doch auch wenn die Autoren im Detail nur partiell Beweise für ihre These liefern können, schmälert dies den Wert des Buches nicht, das man zum Ende hin mit immer größerer Spannung liest.

Das Buch beginnt mit einem Kapitel über „Renaissance Messianism, nachdem in der Einleitung auf den Vater des christlichen „Messianismus“, Joachim von Fiore (ca. 1132-1202), hingewiesen worden war. In der Renaissance kommen in den Blick: das Corpus Hermeticum, Pico della Mirandola, Johannes Reuchlin, Savonarola, Columbus, Isaak Abrabanel, Paracelsus — um nur die großen Namen zu nennen. Allein diese Aufzählung zeigt, daß es sich Katz und Popkin mit dem Terminus Messianismus vielleicht zu leicht gemacht haben. Er steht hier allein für Endzeit und Endzeiterwartung. Mit dem, was im Judentum unter der Lehre vom Messias verstanden wird, hat dies alles nichts zu tun. Auch im zweiten Kapitel wird — streng genommen — nicht über messianische Ideen verhandelt, sondern über Spiritualismus und Mystik (Salomon Franck, Kaspar von Schwenckfeld, Thomas Müntzer, Jacob Hutter, Johann Calvin, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz). Die Endzeiterwartungen dieser christlichen Gestalten, bisweilen am Rande der offiziellen Kirche angesiedelt, werden konfrontiert mit den Lehren der römischen Päpste. Das Ergebnis des Vergleichs formulieren die Autoren so: Katholiken wie Protestanten wären sich einig gewesen in ihren Bemühungen um das Wissen vom Ende der Tage; die Katholiken hätten geglaubt, Sakramente, gute Werke und mystische Vereinigung mit Gott würden das Ende der Tage beschleunigt herbeiführen, „while Protestants placed greater emphasis an learning God‘s plan in a spirit of resignation“. Kann man wirklich die aufmüpfigen und kämpferischen Gestalten der radikalen Reformation in dieser Art charakterisieren?

Nach den zwei ersten recht flachen Kapiteln kommt ab dem dritten Kapitel, „Der Messias während des Dreißigjährigen Krieges“, echte „radikale religiöse Politik“ in den Blick, „the Fifth Monarchy Men“ in England im 17. Jahrhundert. Diese Männer, die im Anschluß an Daniel an ein ewig währendes fünftes Reich glaubten (nach: Babylon, Persien, Griechenland und Römisch-Katholischer Kirche), setzten einen neuen Akzent in den Theorien vom Ende der Tage: sie waren sich sicher, daß ihre eigenen politischen Aktionen diese fünfte Monarchie unter dem König Jesus herbeiführen könnten. Und das machte sie gefährlich, da für sie Politik zum Gottesdienst wurde. Nach ihren eigenen Angaben betrug ihre Zahl 1655 etwa 40 000. Diese und ähnliche Gruppierungen werden im folgenden behandelt. Der Theologie Isaac Newtons wird ein eigenes Kapitel gewidmet.

Im fünften Kapitel über die radikale Aufklärung stehen neben den von der Französischen Revolution ausgelösten Bewegungen Richard Brothers, der „Neffe des Allmächtigen“ (1757-1824), und Emanuel Swedenborg (1688-1772), Kants „Geisterseher“ im Mittelpunkt. Alle Namen und Gruppen aufzuzählen (u. a. auch die Adventisten, Zeugen Jehovas, Moons „Unification Church“, Robertsons „700 Club“ und viele mehr), die in den letzten drei Kapiteln beschrieben werden, ist im Rahmen einer Besprechung unmöglich. Die Verfasser beschäftigen sich u. a. auch intensiv mit dem kollektiven Selbstmord von David Koresh und seiner 81 „Davidianer“ im texanischen Waco am 19. April 1993 und der Bombardierung des Federal Building in Oklahoma City am 19. April 1995. Lesenswert ist auch das 7. Kapitel über die „Britischen Israeliten“ in England und Amerika im 19. und 20. Jahrhundert. „Das Ende der Welt und der nukleare Messias“, so das letzte Kapitel, behandelt die jüngsten Bewegungen, z. B. die von James Warren Jones, der zusammen mit seinen 913 Anhängern am 18. November 1978 in Guyana Selbstmord beging.

Der jüdische Philosoph Josef Albo schrieb im christlichen Spanien 1425 ein Buch über die Grundlehren der jüdischen Religion (Sefer ha-Ikkarim), in welchem er behauptete, der Glaube an den Messias sei nicht notwendigerweise ein essentieller Bestandteil des jüdischen Glaubens. Nach der Lektüre des Buches von Katz und Popkin wünscht man sich, die These von Albo hätte Verbreitung gefunden und sei akzeptiert worden, und zwar speziell von Christen. Man kann das vorliegende Buch nämlich auch als eine Sammlung und Beschreibung von christlichen Meinungen und Dokumenten bezeichnen, aus denen geradezu erschreckend deutlich wird, in welch tödliches Ende „Messianismus“ ausarten kann: in Mord und Selbstmord.

Es wird heute in den Geisteswissenschaften oft von messianischer Politik und Kultur, messianischen Ober- und Untertönen, messianischen Hoffnungen und Tendenzen gesprochen. Nach der Lektüre des Buches und der Bewegungen, die es beschreibt, wird der Leser sicher in Zukunft dieses Adjektiv peinlich vermeiden wollen. Der Messias sollte ausschließlich und allein dort gelassen werden, wo er wirklich hingehört: in die gläubigen Erwartungen der frommen Juden.

Friedrich Niewöhner


Jahrgang 7/2000 Seite 303



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