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Alwin Renker/Elisabeth Weidinger„Sein ist die Zeit“

„Sein ist die Zeit“

94. Katholikentag in Hamburg (31. Mai bis 4. Juni 2000)

Das 1995 neu gegründete Erzbistum Hamburg war Gastgeber des 94. Deutschen Katholikentags, den das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) vom 31. Mai bis 4. Juni 2000 veranstaltet hat. Die Wahl des Ortes, eine deutsche Großstadt mit 1,85 Millionen Einwohnern, von denen 44% keiner Religion angehören, war absichtlich getroffen. Mitten in der Diaspora sollten die etwas mehr als 10% Katholiken Hamburgs von den Katholikentagsteilnehmer/innen aus der ganzen Bundesrepublik Deutschland Rückhalt und Stärkung erfahren. Außerdem sollte die ökumenische Zusammenarbeit besonders mit der evangelisch-lutherischen Kirche Hamburgs einen sichtbaren Ausdruck finden. 37 500 registrierte Dauerteilnehmer/innen verteilten sich auf 19,6% in der Altersgruppe bis 19 Jahren, 33,4% auf Besucher von 20 bis 29 Jahren, 18,4% auf die über 50jährigen. Zusammen mit den Tagesgästen nahmen ca. 50 000 katholische wie evangelische Gläubige teil.

Die Themenbereiche waren gegenüber dem Treffen vor zwei Jahren in Mainz anders markiert: Weggemeinschaft mit Gott, mit Christus, mit der Kirche als Volk Gottes, dazu Weggemeinschaft mit allen Menschen guten Willens. Dann wurden die Beziehungen artikuliert zu Politik, Staat und Gesellschaft, zu Wirtschaft, Arbeit und Schöpfung, zu Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung und schließlich zu Familie, Bildung und Leben.

Dr. Alwin Renker (Mitte) und Frater Elias Füllenbach OP (r.) mit Besuchern beim Katholikentag in Hamburg

Erstmals gelang es, über das Geistliche Zentrum hinaus, das auf den zurückliegenden Kirchentagen seine Bedeutung und seinen Platz immer mehr gefestigt hat, eine Pilgerkirche (St. Ansgar, Messehalle 8) und St. Ansgar-Pilgerfahrt einzurichten. Dazu wurde ein ansprechendes Pilgerbuch mit Lied- und Gebetstexten herausgebracht. Eigene Liturgien fanden in „Kirchen am Weg“ statt. Weitere Gottesdienste, Gespräche und Dialoge der Weltreligionen, das Lehrhaus „Judentum für Christen“, Meditationen, Bibelarbeit usw. waren gleichfalls unter der Rubrik „Geistliches Zentrum“ aufgeführt. Kulturelle Veranstaltungen mit Ausstellungen, Musik, Film, Theater und Kleinkunst fanden ihren Platz ebenso wie Podien in der Innenstadt, wo Aktionen und Folklore der verschiedensten Art bis hin zum Kirchenkabarett Christen wie Nichtchristen in ihren Bann zogen. Die Hauptorte der Innen-Veranstaltungen waren die zwölf Messehallen des Messegeländes Hamburgs in unmittelbarer Nähe zum Fernsehturm. Hinzu kamen Räume des CCH (Congress Centrum Hamburg) und der Universität. Für die Außenveranstaltungen waren besonders der Rathausplatz an der Außenalster, der Fischmarkt von St. Pauli und die Landungsbrücken am Hafen gewählt.

Die Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch-Abend auf dem Rathausmarkt dauerte gut eine Stunde und war, wie alle zentralen Veranstaltungen und Gottesdienste, durch eine mustergültige Gebets- und Liedvorlage bestens angeleitet. Die gut moderierte musikalische Gestaltung gelang dezent durch zwei Sängerinnen und eine Studioband. Eine riesige Video-Bildfläche, auf der die Redner/innen jeweils für die etwa 20 000 Anwesenden gut sichtbar waren, komplettierte die ausgefeilte Übertragungstechnik.

Der Präsident des ZdK, Staatsminister Prof. Hans-Joachim Meyer, eröffnete das Laientreffen. Die Vizepräsidentin, Kultusministerin Dr. Annette Schavan, ging in ihrer programmatischen Rede zum Leitwort „Sein ist die Zeit“ besonders im zweiten Teil auf die neuen Anforderungen ein, die heute angezeigt sind.

Dabei müßten Christinnen und Christen nicht immer nur auf die zu bewahrende Treue zur Tradition schauen, sondern ungewohnte Wege in die Zukunft wagen. „Vielfalt stört Einheit nicht ... Wir sollten Neues zulassen, das noch nicht zur Entfaltung kommen konnte.” In einem Rundgespräch kamen zu Wort der Erste Bürgermeister der Freien Hansestadt Hamburg, Ortwin Runde, die ganz in rot gekleidete Bischöfin der Nordelbischen Kirche, Maria Jepsen, Martin Dolde, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, und Erzbischof Dr. Ludwig Averkamp, Hamburg. Von Dolde kam besonders an, daß er die Christen und Christinnen aufforderte, endlich „vom Hintern auf die Füße zu stehen” und den Schulterschluß zwischen den Konfessionen zu machen angesichts der immer weniger werdenden Gläubigen in der katholischen und evangelischen Kirche. Das Schlußgebet und der Segen oblagen dem Gastgeber, Erzbischof Averkamp. An die Eröffnungsveranstaltung schloß sich ein Eröffnungsfest „moin, moin“ (Grußwort) an.

Der Donnerstag (Christi Himmelfahrt) wurde mit einer Eucharistiefeier am Fischmarkt von St. Pauli eröffnet. Hauptzelebrant war Erzbischof Ludwig Averkamp, zu seiner Rechten konzelebrierte der Apostolische Nuntius, Erzbischof Giovanni Lajolo, und zu seiner Linken der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann. Im Hintergrund bot die Kulisse des Hafens ein prächtiges, ungewohntes Bild. Geschätzte Zahl der Anwesenden: 30 000.

Die Grußbotschaft von Papst Johannes Paul II. zum Katholikentag in Hamburg wurde von Nuntius Lajolo verlesen. Im Zusammenhang seiner Aussage, daß „die Zeit, die uns zur Verfügung steht, ein Geschenk ist, das Gott uns anbietet“, legte der Papst allen Christinnen und Christen sein besonderes Anliegen ans Herz: „Die Einheit sei Euch ein hohes Gut. Laßt Euch in Euren Initiativen von keiner irdischen Macht auseinanderdividieren.“ Im Hintergrund der Szene der Eucharistiefeier hatte ein Schiff angelegt mit dem Transparent: „Machen Sie bei uns fest.“ Positiv äußerte sich der Papst über den Katholikentag als christliches Forum zum Dialog und gemeinsamen Handeln: „Mit Dankbarkeit und Wertschätzung betrachte ich das bunte Bild, das dieser Spiegel darbietet.“ Erzbischof Averkamp warnte in seiner Predigt davor, nach dem Zerbrechen der Utopien „alles auf die Karte des privaten Glücks“ zu setzen. Gerade Christen müßten Kundschafter der Hoffnung sein. Europa habe an der Schwelle zum dritten Jahrtausend ein heiliges Recht darauf, die christlichen Antworten zu den großen Gegenwartsfragen zu hören. Zur gleichen Zeit feierte der Jugendbischof Franz-Josef Bode, Osnabrück, auf der „Planten un Blomen-Rollschuhbahn“ mit 3000 Teilnehmer/innen einen Kindergottesdienst.

Mut zur Religion ist Mut zur Freiheit

Von den zahlreichen Veranstaltungen am Donnerstag nachmittag erreichte die größte Aufmerksamkeit ein zentrales Forum im Innenhof des Axel-Springer-Hauses. Beim Thema: „Mut zur Religion ist Mut zur Freiheit“ waren u. a. auf dem Diskussionspodium Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer MdB, Marianne Birthler, Bündnisgrüne, Erzbischof Dr. Oskar Saier, Freiburg, EKD-Präses Manfred Kock, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und ZdK-Präsident Hans-Joachim Meyer. Ministerin Fischer bemerkte, daß es einem Tabubruch gleichkomme, öffentlich über den eigenen Glauben zu sprechen. Ihre Ex-Ministerinkollegin Birthler stellte dagegen in Frage, ob es noch sinnvoll sei, bei der Reichstagseinweihung etwa das Vaterunser zu beten, wenn die meisten Menschen nicht mehr religiös und in manchen Gemeinden schon andere Glaubensgruppen wie Muslime in der Überzahl seien.

Bundestagspräsident Thierse verteidigte hingegen vehement die Haltung, sich zu den Traditionen des Landes und auch etwa der Einweihung des Reichstagsgebäudes zu bekennen. Ihm sekundierten Präsident Meyer und der Ratsvorsitzende der EKD Kock sowie Erzbischof Saier darin, daß es Christenpflicht sei, sich einzumischen, etwa in Fragen der Biomedizin oder, wie Erzbischof Saier anmahnte, in der Frage der Feiertagsheiligung, die von der Öffnung der Börse mißachtet werde. Die Religionsfreiheit, so der Erzbischof, sei ein hohes Gut in Deutschland: „Wir sollten sie nutzen und uns nicht in ein Getto zurückziehen. Es ist ein hoher Preis, den wir sonst zahlen.“ Die Werte des christlichen Menschenbildes seien schließlich das alles Tragende. Gelten sie nicht oder nicht mehr, „bricht der Staat auseinander“.

Suche nach der Stille

Das andere Thema in der Axel-Springer-Passage hatte nicht weniger Aufmerksamkeit erregt, diesmal einen Tag später, am Freitag. Die Forumsdiskussion mit mehr als 900 Zuhörern ging über die Frage „Was bleibt von Jesus Christus?“ Die Journalistin Bascha Mika von der Berliner Tageszeitung (taz) und ihr Kollege vom Norddeutschen Rundfunk Joachim Knuth, Claus Larass (Axel Springer Verlag), Michael Rutz („Rheinischer Merkur“), und Roger de Weck („Die Zeit“) diskutierten als Meinungsmacher die Glaubenslandschaft. Moderiert wurde das Podium vom Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz P. Dr. Hans Langendörfer SJ. Larass meinte, es bestehe die Gefahr, daß der Glaube in dieser Gesellschaft immer schwerer einen Platz findet. Die Stille, die heute die Menschen suchen, fänden sie kaum. Auch Roger de Weck sorgte sich um „Muße und Ruhe“. Die sonntägliche „Zockerei an der Börse“ sei das falsche Signal. Daß die katholische Kirche ihre Riten geändert, die Dogmen aber beibehalten habe, bedauerte er: „Die Riten waren Riten der Stille.“ Die Kritik an der Kirche dürfe aber nicht dazu führen, daß man nicht mehr über den Glauben spreche.

Frau Mika kritisierte, die Kirche könne den Gläubigen heute oftmals nicht mehr das Gefühl der Geborgenheit und Dazugehörigkeit vermitteln. Dabei werde die Kirche langfristig nur überleben, wenn sie mit den Gläubigen dieselbe Sprache spreche — ansonsten drohe die Abwanderung zu irgendwelchen spirituellen Scharlatanen. Insgesamt werde deswegen so wenig über Glauben geredet, weil angesichts massiver Informationsflut die gemeinsamen Gesprächsthemen verloren gegangen seien. Joachim Knuth sieht, daß viele sinnstiftende Themen der Kirche, die noch vor 20 Jahren wirksam waren, heute „out“ wirken. Michael Rutz teilte die Sorge seiner Vorredner, was die Vermittlung von Stille und Innerlichkeit in der Kirche angeht, doch muß ihm zufolge offen und viel über den Glauben gesprochen werden; nur so könne es zur positiven Prägung der Gemeinschaft kommen. Bekanntlich seien die Kirchen auch denjenigen gegenüber gesprächsbereit und aufgeschlossen, die nicht zu ihr gehören. Eine distinkte Antwort auf die beabsichtigte Frage ans Podium von Hans Langendörfer, wer Jesus, der Menschensohn sei, ist nicht berichtet.

Rechtfertigung durch Gnade

Am Freitag vormittag geschah im Themenbereich „Kirche als Volk Gottes ... in ökumenischer Verbundenheit“ zuerst Bibelarbeit unter der Leitung von Dr. Elisabeth Raiser, dann sprachen Martin Dolde, der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags und ZdK-Präsident Hans-Joachim Meyer. Es folgten Kurzreferate von Bischof Dr. Hans Christian Knuth, Schleswig, und Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen). Leider war die Veranstaltung mit ca. 200 Personen ziemlich schwach besetzt.

Nach der Annahme der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre durch die römisch-katholische Kirche und den Lutherischen Weltbund nährten sich die Hoffnungen, man könne nun zusammengehen. Bischof Wanke differenzierte: Für Katholiken wie für die Orthodoxie sei Abendmahlsgemeinschaft Ausdruck vollendeter Kirchengemeinschaft. Übereinstimmung in zentralen Fragen des Kirchenverständnisses sei indes nicht gegeben. Dennoch zögerte Wanke nicht, die am 31. Oktober 1999 in Augsburg verabschiedete Gemeinsame Erklärung als ein großartiges Geschenk zu sehen. Vor allem das Herzstück der Erklärung, die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, wie sie durch die Lehre der Lutheraner in der Geschichte festgehalten wurde, liegt heute auch voll im katholischen Verständnis vor.

Wanke warnte nach einem Bericht der F.A.Z. vor einer „Ökumene der abgeschliffenen Profile“. Im Verständnis von Amt und Autorität in der Kirche seien Lutheraner von Katholiken getrennt. Es müßten nun beide Kirchen mit der Selbstreinigung beginnen. Für die katholische Kirche sei die Zeit gekommen, der Forderung Luthers nach einer Reform an Haupt und Gliedern Gehör zu schenken, für die Lutheraner, ihrer Lauheit in Fragen des Glaubensvollzugs in Gemeinschaft, etwa bei der Feier des Abendmahls, und ihrer zunehmenden Zersplitterung auf den Grund zu gehen. Ablaß und lutherische Bekenntnisschriften, Marienfrömmigkeit und subtile Formen der Nötigung des Partners, die Wahrnehmung und Wertschätzung des geistlichen Reichtums der jeweils anderen Konfession: über alles müsse gesprochen werden. Kritisiert wurde an der vom ZdK und dem DEKT (Deutschen Evangelischen Kirchentag) gemeinsam ausgerichteten Veranstaltung, daß der Apostel Paulus flugs zum Lutheraner gemacht wurde und die Feststellung von Präsident Martin Dolde, „Jesus hat sich mit Sündern und Zöllnern an einen Tisch gesetzt, und wir können nicht einmal gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen“.

Auffallend viele Veranstaltungen „in ökumenischer Verbundenheit“ zogen sich vom Freitag bis zum Samstag hin, wobei sich die Perspektiven über den „deutschen Tellerrand“ hinaus auf Europa und die Ökumene im 21. Jahrhundert weltweit öffnete mit Metropolit Damaskinos Papandreou, Orthodoxes Zentrum des Ökumenischen Patriarchats, und den deutschen Bischöfen Dr. Paul-Werner Scheele, Würzburg, und Bischof Karl Ludwig Kohlwage, Lübeck.

Die Frauen in der Ökumene waren ein besonderes Thema, wie überhaupt versucht wurde, mit „Luther über Martin Luther hinaus“ zu gehen und über Sakramentenverständnis und Eucharistie in den christlichen Kirchen Klarheit zu bekommen.

Soziale Gerechtigkeit

Die Veranstaltungen zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ waren enttäuschend wenig gefragt. Bedenkt man, daß noch vor drei Jahren das gemeinsame Sozialwort der Kirchen die Aktualität sozialer Gerechtigkeit herausstellte, so nimmt wunder, wie schnell das Interesse abgeflacht ist. Nach einem zuverlässigen Bericht erreichten die Besucherzahlen der Foren bis hin zum Thema Asyl, das mit Justizministerin Dr. Herta Däubler-Gmelin, Berlin, hochrangig besetzt war, gerade einmal zweistellige, selten dreistellige Höhe. Dabei führten Fachleute wie Präsident Hellmut Puschmann und Dr. Thomas Broch vom Deutschen Caritasverband Freiburg eindrücklich die wachsende Kluft zwischen reich und arm vor. Immerhin war SPD-Gereralsekretär Franz Müntefering am Donnerstag nachmittag auf dem Podium beim Forum „Arbeit allenthalben — und doch arbeitslos“, während die Parteivertreter der F.D.P. schon im Vorfeld ihre Teilnahme dankend abgesagt hatten.

Die Kirchen stellten kompetente Gesprächspartner mit Weihbischof Prof. Dr. Reinhard Marx, Paderborn, und Friederike Woldt, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Ein Podium am Samstag nachmittag (Universität) „Wer ist dein Nächster? Was heißt soziale Gerechtigkeit?“ eröffnete Antworten aus Judentum, Christentum und Islam. Immerhin waren dazu bekannte Wissenschaftler wie Prof. Lothar Roos, Bonn, und Prof. Hans Maier, München, gekommen. Auf jüdischer Seite gab Rabbiner Prof. Dr. Albert Friedlander, London, ein Statement. Von muslimischer Seite war Dr. Nadeem Elyas, Köln, Zentralrat der Muslime in Deutschland, mit von der Partie. Elyas war auch auf dem Podium beim Thema „Christen und Muslime in der säkularisierten Gesellschaft — Glauben und Leben“ (Donnerstag nachmittag) zusammen mit Dr. Heiner Bielefeldt, Bielefeld, von Justitia et Pax. Um Gesellschaftsgestaltung ging es auch im „Trialog“ am Donnerstag nachmittag mit etwa 100 Zuhörern zum Katholikentagsthema „Sein ist die Zeit“ . Bischof Dr. Franz Kamphaus, Limburg, warnte nach einem Bericht der in Würzburg erscheinenden „Tagespost“ davor, daß sich der moderne Mensch zum Sklaven der Zeit macht und sagte: „Wir sind im Hamsterrad des Fortschritts. Nicht wir haben Zeit, sondern die Zeit hat uns.“ Imam Razvi, der Vertreter des Islam, bezeichnete es als Aufgabe der Religion, Gegenakzente gegen die Geschäftigkeit unserer Zeit zu setzen. Dem in London lehrenden Rabbiner Friedlander gilt der Sabbat als Tag der Ruhe, weil auch Gott — dessen Abbild der Mensch ist — am siebten Tag des biblischen Schöpfungswerks ruhte.

Forum der Weltreligionen

Einen besonderen Höhepunkt stellte die im Geistlichen Zentrum angesiedelte Veranstaltung „Forum der Weltreligionen“ dar. Vertreter der großen Weltreligionen trafen sich zum Austausch und zu Gebet und Meditation am Donnerstag abend im Congress Centrum Hamburg. Zu Wort kamen Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, Hamburg, dem neben Erzbischof Averkamp der Hamburger Katholikentag viel zu verdanken hat, Bischöfin Maria Jepsen, Nadeem Elyas, Rabbiner Jonathan Magonet, London, und Gesche Thubten Ngawang, der geistliche Leiter des Tibetischen Zentrums in Hamburg. Nach dem Bericht der „Tagespost“ gestand Bischöfin Jepsen, daß die Lutherische Kirche viel von der katholischen und orthodoxen Kirche gelernt habe. Von den Hindus, den Buddhisten oder Muslimen hoffe sie, das Staunen wieder zu lernen. Missionarisch solle die Kirche sein, aber nicht, „indem wir die Angehörigen einer anderen Religion ‘rüberziehen, sondern gemeinsam uns denen zuwenden, die keinen Glauben haben“.

Weihbischof Jaschke unterschied sich von Bischöfin Jepsen darin, daß er nicht nur den Glaubenslosen ein Missionsangebot machen wollte, doch war er überzeugt, daß Gott niemandem das Heil versagt, der die Wahrheit ehrlichen Herzens sucht. Dr. Elyas forderte einen interreligiösen Schulterschluß: „Wir haben denselben Gott.“ Und auf Christus und Mohammed bezogen: „Alle Propheten sind Brüder, deren Vater derselbe ist, deren Mütter verschieden sind.“ Der Präsident der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden, Franz Brendle, wies ausdrücklich darauf hin, daß die vorgetragenen Gebets- und Meditationstexte des Hinduismus, des Buddhismus, des Judentums und der christlichen Kirchen keinen Synkretismus betreiben wollen.

Lehrhaus Judentum für Christen

Angesiedelt unter der Rubrik „Geistliches Zentrum“ bot das Lehrhaus Judenturn für Christen eine Fülle von Anregungen in Referaten, Bibelarbeit und Diskussionen, vorgetragen und geleitet von namhaften jüdischen wie christlichen Referenten und Referentinnen. Das Spektrum reichte von bibelorientierten Themen wie ,Judentum ist mehr als Bibel — Der Talmud“ (Dr. Yizhak Ahren) über grundlegende christlich-jüdische Beziehungsfragen, „Katholische Kirche und Antijudaismus in jüdischer Sicht“ (Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich), zum besonderen Verhältnis von „Katholiken und Juden in Deutsch-land 1800-1933“ (Prof. Dr. Arno Herzig) bis hinein in die Gegenwart „50 Jahre jüdische Geschichte in der Bundesrepublik 1949-1999“ (Prof. Dr. Monika Richarz).

Mahnung und Aufklärung, Trauer und Hoffnung: Katholikentag in Neuengamme

Von besonderer Bedeutung für diesen Katholikentag war die Einbeziehung des südöstlich von Hamburg gelegenen KZ Neuengamme, ein Stammlager mit mehr als achtzig Außenlagern, von denen über zwanzig mit Frauen belegt waren. Kurz vor Kriegsende kamen auf Todesmärschen und -transporten weit über 10 000 Häftlinge ums Leben, davon 7000 am 3. Mai 1945 beim Untergang der KZ-Häftlingsschiffe „Cap Arcona“ und „Thielbek“ in der Neustädter Bucht. Insgesamt kamen schätzungsweise 55 000 Häftlinge des KZ Neuengamme ums Leben.

Der Umgang mit jüngeren Diktaturen und Menschenrechtsverbrechen sollte im Forum „Was läßt sich aus der Aufarbeitung der DDR-Diktatur lernen?“ zur Sprache kommen. Hauptkontrahenten auf dem Podium waren Dr. Reinhard Höppner, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und der Stasi-Beauftragte Joachim Gauck. Die Verknüpfung dieses Themas mit Neuengamme war aber bereits im Vorfeld heftig kritisiert worden als ein „doppelter Mißbrauch von Thema und Ort“. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse nannte den Vergleich eine „Verhöhnung der Opfer“. Insgesamt waren etwa 3000 Besucher zu Diskussionen, Gesprächen mit Zeitzeugen und zu den Pilgerwegen auf dem Gelände des KZ Neuengamme gekommen. Die Presse hatte von den Veranstaltungen in Neuengamme kaum Notiz genommen.

Mit 250 Personen war das erste Forum, „Was geht uns Euer Nationalsozialismus an? — Ein Gespräch über die Zukunft der Erinnerung“, gut besucht. Die Podiumsteilnehmerin Gisela Wiese, Pax Christi Bewegung Hamburg, griff den erweiterten Untertitel „Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus — nur etwas für die Alten? Nur eine Aufgabe der Deutschen?“ auf und bezog sich dabei vor allem auf Erfahrungen mit Jugendlichen und deren Zugang zur Schoa. „Die Erfahrung zeigt, daß Jugendliche durchaus wissen wollen ..., [aber] anders als wir, mit diesem Wissen umgehen.“ Die Veranstaltung „Streitfall Auschwitz“ fand weniger Interessenten, ließ aber, z. B. zur Frage der Kreuze in Auschwitz, den tiefen Riß zwischen Juden und Polen spüren. Überaus gut besucht dagegen war die Aufführung der Kinderoper „Brundibar“ von Hans Krasa (geschrieben und erstaufgeführt in Theresienstadt 1943), inszeniert von der Klasse 3a der Katholischen Schule Blankenese.

Donum vitae — Irrweg oder Ausweg?

Zur Veranstaltung von „Donum vitae“ am Donnerstag nachmittag in Messehalle 3 mit der ehemaligen ZdK-Präsidentin und jetzigen Vorsitzenden des Vereins Donum vitae e. V., Rita Waschbüsch, kamen wohl auch wegen heftiger Einsprüche im Vorfeld von Kardinal Joachim Meisner, Köln, und Erzbischof Johannes Dyba, Fulda, viele Interessierte. Eine pro- und contra-Veranstaltung war aber nicht vorgesehen, was Leute aus dem Publikum bemängelten. Die Argumente der Gegner und der Befürworter dieser Laieninitiative sind freilich längst ausgetauscht. Donum vitae verbleibt in der staatlichen Schwangerschaftsberatung, während die Deutschen Bischöfe bis zum Ende des Jahres 2000 aussteigen wollen. Zu der für den Donnerstag-Abend auf dem Rathausmarkt geplanten Großveranstaltung kamen kaum Teilnehmer.

Kirche ist hip! Option für die Jugend

Ist die Kirche „hip“? Auf dem Podium am Freitag vormittag in Messehalle 3 saßen Jugendbischof Dr. Franz-Josef Bode, Osnabrück, der BDKJ-Bundespräses Rolf-Peter Cremer, Bischof Dr. Oswald Hirmer, Südafrika, und Dr. Ronald Sequeira aus Indien sowie Prof. DDr. Hermann Steinkamp, Münster. „Die meisten Jugendlichen basteln sich selbst ihre Religion zusammen“, so Steinkamp. Die Kirche ist für sie nicht „hip“ (auf der Höhe der Zeit). Bischof Hirmer schaffte es dennoch, mit seinem Schlußwort tosenden Beifall zu erzielen mit einem gesungenen Halleluja und der Ermunterung: „Sprecht mehr von Gott! You will see, it will change things!“

Weltethos — Weltfrieden

Am Samstag vormittag versammelten sich ca. 3000 Teilnehmer in der Messehalle 6 um die CDU-Vorsitzende Dr. Angela Merkel MdB und Prof. Dr. Hans Küng, Tübingen. Zur Sprache gebracht wurde der Beitrag der Religionen zum Weltfrieden. Das Projekt Weltethos hat Küng seit 1990 vorgelegt. Es wurde auf dem Kirchentag in Stuttgart 1999 und nun auf dem Katholikentag behandelt.

Moral in der Politik

Zum Forum „Ehrenwort und ‘tschuldigung“ — Braucht die politische Klasse eine moralische Wende? (Messegelände, Halle 6) am Samstag nachmittag waren mehrere Tausend Teilnehmer erschienen. Das Forum war mit Ministerpräsident Kurt Beck (Rheinland-Pfalz), dem Kölner Staatsrechtler Prof. Otto Depenheuer, der CDU Bundesvorsitzenden Angela Merkel und ZdK-Präsident Hans-Joachim Meyer kompetent besetzt. Die Elemente einer politischen Erneuerung wurden durchaus gesichtet. Merkel redete ungeschminkt und weniger formelhaft als andere Politiker von ihren Erfahrungen, als es darum ging, schonungslos Licht in die Partei-Spendenaffäre zu bringen. Es war nicht leicht für sie, wie sie gestand, den „Kampfanzug“ anzuziehen und gegen die etablierten Politiker in den eigenen Reihen Aufklärungsarbeit zu leisten.

Wege zueinander — Zeit miteinander

Ebenfalls am Samstag eröffnete Bundespräsident Johannes Rau zusammen mit Avital Ben-Chorin, der Witwe von Schalom Ben-Chorin, und der Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser den Themenabend „Wege zueinander — Zeit miteinander“. In seiner Ansprache erinnerte Rau an das Grundgesetz Art. 3 Abs. 3, das jedwede Zurücksetzung eines Menschen wegen Abstammung, Zugehörigkeit zu einer Rasse, wegen einer Sprache, Heimat und Glaubens untersagt. „Wir haben noch vieles zu tun: Die Religionsfreiheit gilt für Muslime genauso wie für Christen“, was ins Bewußtsein z. B. beim Bau von Moscheen und Synagogen gleichermaßen wie für den Bau von Kirchen bei manchen Zeitgenossen erst noch eindringen müsse. Vieles zu tun gebe es auch noch bezüglich der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Rau war dankbar dafür, daß die Kirchen „auf vielen Feldern mithelfen, das Grundgesetz mit Leben zu füllen“.

Ökumenische Schlußveranstaltung

Zur ökumenischen Schlußveranstaltung am Sonntag waren die katholischen Gläubigen nach Eucharistiefeiern an vier Orten — sowie die evangelischen Gläubigen aus ihren Kirchen — in Prozession zum Rathausmarkt gekommen. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, blickte in seiner Predigt auf den Katholikentag Hamburg 2000 zurück. Er dankte ausdrücklich dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, besonders seinem Präsidenten Hans-Joachim Meyer, und allen Mitverantwortlichen mit einem herzlichen Vergelt‘s Gott.

Das Katholikentagsthema „Sein ist die Zeit“ führte Lehmann auf den noch heute unsere Zeit prägenden Grund Jesus Christus zurück, der in der „Fülle der Zeit“ (Gal 4,4) uns Menschen so nahe kam, daß sich unsere Geschichte und unser eigenes Leben verändert. Lehmann würdigte die Grußbotschaft des Papstes, der an das Geschenk der Zeit erinnert hatte, und riet: „Wo Sie leben und arbeiten: Schenken Sie einander Zeit.“ Alte Vorhaltungen, z. B. in Sachen Schwangerenberatung, brauchten wir nicht, noch weniger nützten „Brandsätze, die ständig polarisieren, nach innen Mißmut und nach außen den Hohn unsrer Gegner hervorrufen“. Hamburg 2000 sei eine Zwischenstation für den Ökumenischen Kirchentag Berlin 2003. „Das Symbol des Hamburger Katholikentags tragen wir mit der Sanduhr nach Hause.“

ZdK Präsident Meyer beharrte in seiner Rede auf dem christlichen Bekenntnis: „Es gibt einen Gott.“ Er übersteigt all unser Können und Wissen. Er wirkt in unserer Zeit, führt uns Menschen zusammen und läßt den Mitmenschen zum Nächsten werden, wie er in seinem Sohn Jesus Christus uns zum Bruder geworden ist. Dies ist die christliche Zeitgenossenschaft, die in Hamburg 2000 erneut aufgewiesen wurde und als Struktur heutigen christlichen Lebens bewußt zu machen ist. „In diesem Geist leben und verkünden Christen die Frohe Botschaft in ökumenischer Geschwisterlichkeit.“

Am Ende der ökumenischen Schlußfeier luden Hans-Joachim Meyer und Elisabeth Raiser, Mit-Präsidentin des ökumenischen Kirchentags 2003, gemeinsam nach Berlin ein.

Ausblick

„Die Papphocker-Foren sind out“, so schreibt Publik-Forum zum 94. Deutschen Katholikentag, und fährt fort: „Der subjektive Faktor zieht die Menschen in Bann.“ Für viele jugendliche Teilnehmer (53% unter 30 Jahren) waren die Tage von Hamburg in erster Linie ein Gemeinschaftserlebnis, schon ein wenig Spaßgeneration.

Die Theologie, besonders die Bibelauslegung, kam vor mit bekannten Professorinnen und Professoren. Aber nicht das Bibelwissen allein war gefragt, sondern Bibelarbeit. Erstaunlich ist, daß es zum staatlichen Religionsunterricht in der Schule keine Veranstaltung gab. Spezifisch verhandelt wurden die gemeindlichen Probleme, wie z. B. „Der Pfarrer geht — die Gemeinde bleibt.“ Vor weit über 1000 Zuhörerinnen und Zuhörern erklärte die Diözesanvorsitzende Christel Ruppert, Freiburg, das diözesane Konzept der Seelsorgeeinheiten. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner sagte: „Entweder unsere Gemeinden wagen einen Aufbruch, oder sie gehen unter.“ Ist das der Offenbarungseid für die Christinnen und Christen, die im normalen religiösen Alltag leben und — von einer Aufbruchsveranstaltung wie dem Katholikentag 2000 in Hamburg in ihre Gemeinden zurückgekehrt — nun weitermachen sollen? Aber wie?


Jahrgang 7/2000 Seite 280



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