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Ernst Ludwig Ehrlich

Christen und Juden III

Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum

Am 8. Mai 2000 erschien diese Studie als weiterer Versuch, das Verhältnis der protestantischen Christen zum Judentum zu erneuern. In einer umfangreichen Arbeit werden die Grundprobleme sachkundig erörtert, wobei es um folgende wesentliche Fragen geht:

• den Bund Gottes,
• die bleibende Erwählung Israels und den Streit um die Judenmission, Handlungsfelder und Aufgaben von Christen und Juden,
• Orientierung im christlich-jüdischen Gespräch.

Die früheren Studien zu diesem Thema von 19751 und 19912 wurden hier weitergeführt, wobei an diesem dritten Text im Unterschied zu den vorangegangenen Texten keine Juden mehr beteiligt waren. Das Ausscheiden der früheren jüdischen Mitarbeiter hat wohl jeweils verschiedene Gründe. Das Ergebnis hat jedoch gezeigt, daß diese rein protestantische Arbeit auch ohne die Mitwirkung von Juden so ist, daß Juden sich in keiner Weise bedroht fühlen oder negativ dargestellt wissen. Im übrigen sind seit den früheren Erklärungen wichtige Texte der Landeskirchen erschienen, die in der EKD-Studie verarbeitet werden konnten.

Das Grundproblem besteht in dem ganzen Komplex des Bundes. Man ist sich darüber klar, daß der Bund Gottes mit Israel ein ewiger Bund ist. Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland hatte dies zuerst am 11. Januar 1980 festgestellt, und im gleichen Jahr — am 17. November — hat auch Papst Johannes Paul II. in Mainz vom „nie gekündigten“ Alten Bund gesprochen. Die Frage stellt sich für Christen, wie sie ihren „neuen“ Bund mit der Beständigkeit des Bundes mit Israel vereinbaren können. Man kommt zu dem Ergebnis, daß es sich hier um eine durch Jesus in seinem Tod realisierte neue Gestalt des einen Bundes handelt, von dem es ja schon früher viele Gestalten gab, die sich nicht gegenseitig aufheben — diesmal allerdings mit Wirkungen, die weit über Israel hinausreichen. Wesentlich sind natürlich hier die Aussagen von Römer 9-11. Diese paulinischen Aussagen wurden früher entweder verdrängt oder umgedeutet.

„Der Begriff ,neuer Bund‘ ist ... keine ekklesiologische, sondern eine christologische Kategorie. Es geht weder um einen ,neuen‘ Bund, der den ,alten‘ ersetzt, noch um eine einfache Hineinnahme der Kirche in den Bund Gottes mit Israel, und erst recht nicht um einen eigenen neuen Bund ... vielmehr geht es um eine in Jesus und seinem Tod vollzogene eschatologische Vorausnahme des Zielpunktes von Gottes Bund mit Israel ... Der Begriff ,Bund‘ verweist auf das Handeln Gottes, seine begleitende Treue, von der Juden und Christen gleichermaßen leben“ (46).

Merkwürdigerweise ist in den letzten Jahren das Problem der Judenmission wieder aktuell geworden, als ob Christen keine anderen Sorgen hätten. Daher muß sich die EKD in ihrer dritten Studie auch mit diesem leidigen Problem auseinandersetzen. Organisierte Judenmission gibt es im katholischen Bereich nicht; im evangelischen nur noch in einem eher sektiererisch fundamentalistischen Verein, von dem sich freilich die Württembergische Landessynode nicht eindeutig distanziert, obwohl dies der Württembergische Bischof öffentlich getan hat.

Die Kirche hatte von Anfang an keine einheitliche Haltung zur Judenmission. In der Studie wird die Judenmission nicht eindeutig und absolut abgelehnt, sondern folgendes als Ergebnis festgehalten:

„Aus ihm ergibt sich für uns die notwendige Folgerung, daß Juden keineswegs im Status der Heilsferne und Heillosigkeit stehen. Unbeschadet der grundsätzlichen Universalität des christlichen Zeugnisses ist die Notwendigkeit besonderer christlicher missionarischer Zuwendung zu den Juden heute kritisch in Frage zu stellen“ (55).

Uns erscheint diese Formulierung recht schwach. Sie wird übrigens auch im Vorwort von Präses Kock aufgenommen, der ebenfalls den Verzicht auf eine organisierte, gesonderte Judenmission mit einem Fragezeichen versieht (7). Die Tatsache, daß die Juden am längsten bei Gott sind und mit Christen in einer Erwartung der endgültigen Erlösung stehen, entspricht jüdischem Selbstverständnis, was in der Studie nicht eindeutig herausgearbeitet wird. Andererseits sind durchaus Ansätze erkennbar, endlich die Judenmission ad acta zu legen. Man sollte freilich die Ablehnung der Judenmission nicht allein mit der Schoa begründen, noch mit dem Fehlverhalten von Christen und Christinnen gegenüber den Juden. Es handelt sich tatsächlich um ein Problem, das die Existenz und Identität des Judentums schlechthin betrifft. Auch vor der Schoa war Judenmission längst unmöglich und anmaßend, weil sie einem falschen Wahrheits- und Absolutheitsanspruch entspringt; und daß nach der Schoa Judenmission ohnehin absurd ist, braucht nicht eigens betont zu werden.

Wie aber soll man das Verhältnis von Juden und Christen begrifflich bezeichnen? Drei Begriffe stehen zur Verfügung: Zeugnis, Begegnung, Dialog. ,Zeugnis‘ erscheint eher als ein Euphemismus von Mission; auch ,Dialog‘ ist recht abstrakt und verdeutlicht nicht die menschliche Komponente; die Studie entscheidet sich für den Begriff ,Begegnung‘, was vernünftig erscheint.

„Soll das christlich jüdische Verhältnis auf eine neue Basis gestellt werden, so muß an die Stelle der besitzergreifenden Umarmung eine behutsame Freundschaft treten, mit so viel Distanz, wie der Andere sie braucht“ (62).

In der Studie wird festgehalten, welche gemeinsamen Aufgaben es gibt: Menschenrechte, Bewahrung der Schöpfung, Arbeit und Ruhe, Kampf gegen den Antisemitismus, Schutz der Minderheiten, Formen des Gedenkens etc. Natürlich bildet auch der Staat Israel Gesprächsstoff. Hier erscheint es heute selbstverständlich, wie Christen sich zu verhalten haben: den Betroffenen auf beiden Seiten mit gleicher Aufmerksamkeit zuhören, Israelis und Palästinenser zum Frieden ermutigen, die Begegnung und Zusammenarbeit von Israelis und Palästinensern und den interreligiösen Dialog nach Kräften unterstützen. Zusammenfassend wird man sagen, daß hier viel guter Willen vorliegt, besonders auch, wenn man berücksichtigt, daß man sich in dieser Studie auch mit der Sachkritik am Neuen Testament beschäftigt und in Rechnung gestellt wird, daß die Evangelien erst Jahrzehnte nach Jesu Tod entstanden sind und keine historische Darstellung bieten. Gerade dieser Abschnitt ist hervorragend; ebenso der ausführliche Hinweis auf Römer 9-11.

Es ist zu wünschen, daß diese Studie, die von ernsthaftem Nachdenken zeugt, in den evangelischen Gemeinden diskutiert wird. Es ist ja erfahrungsgemäß leider so, daß die Kirchen hervorragende Erklärungen über dieses Thema produzieren, davon aber nicht selten nur jene wissen, die selbst daran gearbeitet haben. Ein weites Echo in den Gemeinden bleibt oft aus. Möge diese Studie einmal ein besseres Schicksal haben.

  1. Christen und Juden. Eine Studie der Kommission „Kirche und Judentum“ der Evangelischen Kirche in Deutschland, kommentiert von Dr. Willehad Paul Eckert OP, in: FrRu XXVII(1975)68-72.
  2. Vgl. „Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis von Christen zum Judentum“, Vor-trag von Klaus Engelhardt, in: FrRu 2(1995)19-26.

Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, Prof. em. für Judaistik an der Universität Bern, ist Generalsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz und Mitglied der Jüdisch-Römisch-Katholischen Gesprächskommission in der Schweiz.


Jahrgang 7/2000 Seite 277



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