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Leser-Echo

Bernard L. Raeber lic. oec. HSG, Luzern, antwortet auf den Leserbrief zur Rezension der Tagebücher von Viktor Klemperer (FrRu 7[2000]156.157):

Viktor Klemperers zweibändiges Buch „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ hat mich bei seinem Erscheinen 1995 unter anderem interessiert, weil ich Eindrücke im Zusammenhang mit der Zerstörung Dresdens suchte. Im Jahr darauf habe ich mich mit seinen andern Büchern befaßt, sie in kleineren und größeren zusammenhängenden Auszügen gelesen und bin bei der Lektüre zunehmend skeptisch geworden. Die Besprechung von Eva Auf der Maur im „Freiburger Rundbrief“ (6[1999]297-300) zum Buch „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ finde ich treffend, und ich verstehe das Anliegen der Rezensentin sehr gut.

Was Gerhard Kaiser in seiner Entgegnung auf diese Besprechung zum Buch schreibt, respektiere ich als seine Auffassung — es ist eine der möglichen Betrachtungsweisen. Seine Forderung hingegen nach Rezensenten, „deren historisches Urteil im historischen Verstehen gründet“, scheint mir in diesem Fall ein Mißverständnis. Es geht in dieser Besprechung gerade nicht um ein „historisches Urteil“, sondern um die Frage, ob dieses Buch das Versprechen einlöst, das der Titel verspricht. Ich teile die Auffassung der Rezensentin, daß es dies nicht tut, sondern die Befindlichkeit des Tagebuchschreibers spiegelt, Zeugnis hin oder her, das er glücklicherweise nicht zu leisten hatte und verschont blieb. Das Wort „Zeugnis“ suggeriert nach allgemeinem Sprachgebrauch etwas anderes als ein gewissenhaft geführtes Tagebuch. Dieses Schreiben wird nicht zum Zeugnis, weil es für den Autor zur „Überlebensstrategie“ gehörte und „die Innensicht in das Leben eines jüdischen Deutschen ermöglicht, der Glück gehabt und davongekommen ist“.

Aber was meint Gerhard Kaiser mit „Verachtungsgebärde“ und „demagogischer Schiefheit“, mit der er die Besprechung von Eva Auf der Maur charakterisiert? Sie begründet ihre Auffassung sachlich aus dem Gelesenen, und daß ihr Text „demagogisch“, aufhetzerisch oder aufwiegelnd sein soll, ist für mich grotesk. Zum Vorwurf, die Besprechung und die Verfasserin erweckten den Eindruck von „Antisemitismus“ und „Neonazismus“ stelle ich fest, daß Gerhard Kaiser leider nicht ausführt, ob er diesen Eindruck teilt und wenn ja, warum er diese Tatbestände in der Rezension erfüllt sieht.

Ich vermute, es sind folgende Feststellungen, die solch emotionalen und ungerechtfertigten Vorwürfen zugrunde liegen: „Als ,Zeugnis‘ für die Nazizeit ist es [das Buch] belanglos und trägt nichts zur Erkenntnis oder zur Vermeidung der Wiederholung der Katastrophe bei“ und „Doch noch mehr stört das Lob der Apologeten, die es nicht wagen, Berichte von Juden genau und kritisch zu werten aus Angst, sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen oder weil es einfach ,in‘ ist, in jeder jüdischen Literatur Bedeutendes zu finden“. Wenn diese Sätze Grund solcher Reaktionen auf die Besprechung sind, dann ist das Verhältnis, der Dialog und die Begegnung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürgern auch in Deutschland von sachlicher Auseinandersetzung allerdings noch weit entfernt. Oder verrät die der Redaktion „verbal übermittelte Empörung“ eine ganz andere Befindlichkeit, den Wunsch, endlich zur „Normalität“ zurückkehren zu dürfen, „frei von der moralischen Last des singulären nazistischen Völkermords“ (Péter Nádas, NZZ 26./27.2.2000), das heißt zu einem „Lebensgefühl“, das jede kritische Haltung gegenüber Berichten oder Literatur von jüdischen Menschen ablehnt, weil man nicht gerne an die Vergangenheit erinnert wird und sich vorstellt, mit einem pauschalen Philosemitismus dem Wiederaufleben jenes Rassismus in der Gegenwart beizukommen?

Prof. h. c. Dr. Herbert Rosenkranz, Jerusalem, ergänzt, auf Anfrage der Redaktion, zur Person von Prof Ege (FrRu7[2000]157):

Prof. Richard Ege lehrte Biochemie und Nahtangs-Theorie an der Universität Kopenhagen. In der Wohnung von Prof. Ege und seiner Frau Vibeke trafen sich die jüdischen Flüchtlinge auf dem Weg nach Schweden. Den nach Theresienstadt deportierten Juden sandten Ege und seine Helfer durch das Dänische Rote Kreuz Kleiderpakete. Da Eßpakete verboten waren, legte Ege den Kleidern von ihm selbst hergestellte Nahrungspillen bei. Das Lebensmittelverbot wurde von angeblichen Verwandten umgangen, meist Priester, die aus eigenen Mitteln für die Kosten aufkamen. Das Fehlende wurde aus einem Hilfsfonds (1944) ergänzt. Ege legte auch eine Kartothek der Deportierten an nach Adressen, Eigentum, ja selbst Mobiliar. Um sie zu vervollständigen, zeichneten Verschickte, die nicht in der Kartei erschienen, als Empfänger der Pakete (vgl. Leni Yahil, The Rescue of Danish Jewry. Test of a Democracy). Aus Erzählungen ist mir bekannt, daß Prof. Ege die Torarollen der Hauptsynagoge von Kopenhagen in seinem Büro verbarg.

Dr. jur. Günter Raacke, Richter i. R., Edermünde, bemerkt zum Beitrag „Antisemitismus, Schoa und Kirche“ (FrRu 6[1999]262-279):

Die Studie des theologischen Arbeitskreises wirft mir, einem Juristen, die Frage auf, von welchen Gottesvorstellungen die Autoren ausgehen. Konkret zu Nr. 32 f.: Denkt man hier an den Gott der Offenbarung? Oder an einen Gott, der den Postulaten der Theologen, jüdischen und christlichen, gefälligst zu entsprechen hat? Oder gar an einen Gott, der durch philosophische Spekulation entwickelt und von ihren Begriffen begrenzt wird? Zahlreiche Stellen berichten von dem Gott, der mit Härte straft, wenn seine Gebote übertreten werden. Wenn Gott in einer Weise zu zürnen vermag, daß er ganze Völker straft, ist es dann nicht folgerichtiger, auch die Schoa als Beweis für seine Existenz anzusehen? Demgegenüber scheinen die Autoren im Banne der Auffassung von Hans Jonas zu stehen, man müsse angesichts des ungeheuren Ausmaßes des hier geschehenen Mordens den Gottesbegriff neu überdenken. Kann man überhaupt, wie es Jonas tut, Gott in einen Begriff einzwängen? Und vom menschlichen Begriff auf das schließen, was Gott tun darf und was nicht?


Jahrgang 7/2000 Seite 238



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