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Notizen Jahrgang 7/2000 Heft 3

Am 11. Februar 2000 wurde in Heidelberg die Martin-Buber-Gesellschaft gegründet, die weltweit wirken und Mitglieder gewinnen möchte. Die Gesellschaft will sowohl wissenschaftlich zu Martin Buber, seinen geistigen Herkünften, zur Wirkungsgeschichte seines Denkens arbeiten, als auch seinem Denken heute eine Stimme geben. Sie will sich der jüdischen Grundlage seiner Anschauungen, seiner Stellung im Judentum widmen und auch den Einfluß von Bubers Denken in unserer Zeit (etwa in Psychotherapie, Philosophie, Theologie) untersuchen und fördern. Mittel- und langfristig sind die Herausgabe einer Zeitschrift (die auch verwandten anderen Denkrichtungen Raum geben soll) sowie die Abhaltung von Seminaren und Kolloquien geplant. Vorsitzender ist Lothar Stiehm, Heidelberg, der bis 1991 den Verlag Lambert Schneider leitete (in dem damals die meisten Bücher Bubers erschienen); stellvertretende Vorsitzende ist Dr. Susanne Rutter (Leiterin Existentielles Seminar Hannover). Geschäftsstelle: Lothar Stiehm, Marstallstr. 13, 69117 Heidelberg.

Akademiedirektor Hans Hermann Henrix wurde, in Anerkennung seiner Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog, am 25. Mai 2000 die Würde eines Dr. phil. h. c. verliehen. Mit ihm geehrt wurde Rabbiner Erwin Schild aus Toronto/Kanada. Rabbiner Schild, ein gebürtiger Kölner, hat die Schoa in England überlebt und ist heute eine überragende Persönlichkeit im kanadisch-jüdischen Leben. Dr. Hans Hermann Henrix ist seit 1969 Dozent für Theologie und Ökumene an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen. Als Experte des christlich-jüdischen Verhältnisses hat er sich bereits internationalen Ruf erworben. Von 1984-1986 war er katholischer Vorsitzender des Deutschen KoordinierungsRates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wirkt bis heute in mehreren interreligiösen Gremien und Fachkonferenzen mit. Seit 1980 berät er die Deutsche Bischofskonferenz in Fragen des Judentums und seit 1990 ist er Mitglied der Vatikanischen Delegation bei den offiziellen Begegnungen des Internationalen Verbindungskomitees zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum. Seit der Neubegründung des Freiburger Rundbriefs (1993) begleitet er denselben als Konsultor. Unübertroffen unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen ist das zusammen mit Rolf Rendtorff herausgegebene Standardwerk Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, München 1988.

Rabbiner Leon Klenicki, Direktor für interreligiöse Angelegenheiten der Anti-Defamation League, New York, und Professor für jüdische Theologie am Immaculate Conception Seminary in Huntington, West Virginia, hielt im Januar 2000 an der theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität Ateneo Romano della Santa Croce in Rom ein sechsteiliges Seminar zum Holocaust. Unter den zwölf Studenten, die sich eingeschrieben hatten, waren zu Klenickis Überraschung auch drei afrikanische Teilnehmer, die sich aus ihrem eigenen Erleben und Erinnern als Opfer von Sklaverei und Bürgerkrieg mit dem Holocaust sehr persönlich identifizierten konnten.

Im Rahmen der Zentralen Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit 2000 im Kölner Opernhaus wurde am 19. März 2000 an Bundespräsident Dr. h. c. Johannes Rau die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Bereits als junger Landtagsabgeordneter hat Rau 1959 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wuppertal und 1960 die Arbeitsgemeinschaft der Gesellschaften in Nordrhein-Westfalen mitbegründet. Seitdem fördert er christlich-jüdische Zusammenarbeit auf allen Ebenen seiner politischen und kirchlichen Tätigkeiten. Als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen hat er freundschaftliche Kontakte zum Staat Israel gepflegt und wissenschaftliche und kulturelle Einrichtungen unterstützt, die der Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte und dem Gedenken an die Schoa dienen.

Der Leo-Baeck-Preis 1999, verliehen vom Zentralrat der Juden in Deutschland, wurde am 10. Februar 2000 im Berliner Centrum Judaicum dem Industriellen-Ehepaar Else und Bertold Beitz überreicht. Bundespräsident Johannes Rau, der als sechzehnjähriger Leo Baeck begegnet war, würdigte die Preisträger als Retter vieler Juden im besetzten Polen. Mit „jugendlicher Unbekümmertheit“ hätten sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt. „Sie haben menschliches Antlitz gesehen und gerettet.“

Eine Tafel am Geburtshaus von Papst Johannes Paul II. in der Koscielna-Straße in Wadowice wird an den früheren Besitzer, Chaim Balamuth und dessen Familie, erinnern, die größtenteils der Schoa zum Opfer fiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus als einstiger jüdischer Besitz von den Kommunisten beschlagnahmt. Heute ist es Eigentum der römisch-katholischen Kirche und beherbergt das „Johannes Paul II. Museum“.

Auf Anregung von Yaron Svoray soll ein israelisch-amerikanisches Unterwasserteam im Toplitzsee im oberösterreichischen Salzkammergut nach NS-Dokumenten und Wertgegenständen suchen. Bereits in den sechziger Jahren hatten österreichische Taucher hunderttausende von Pfundnoten aus dem See geholt, mit denen die Nazis den Britischen Markt zu destabilisieren gedachten. Besonderes Interesse gilt den Geheimdienstakten, aus denen man sich Hinweise zur Identifizierung von Schweizer und anderen ausländischen Bankkonten erhofft, auf die gegen Kriegsende deutsche Konten transferiert worden sind.

Die diesjährige Gedenkveranstaltung in Freiburg/Br. an die Befreiung von Auschwitz war geprägt von der Erinnerung an Gertrud Luckner, deren Geburtstag sich im Jahr 2000 zum 100. Mal jährt. In einer Gemeinschaftsveranstaltung des Kulturamtes, des SWR-Studios Freiburg, der Jüdischen Gemeinde, des Deutschen Caritasverbandes, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten wurde des Lebenswerkes der Freiburger Ehrenbürgerin gedacht. Zunächst stellten Schülerinnen und Lehrerinnen der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule in einer szenischen Lesung verschiedene Stationen aus dem Leben der Namenspatronin ihrer Schule vor. Im zweiten Teil berichteten Hans-Josef Wollasch, der ehemalige Leiter des Caritas-Archivs in Freiburg, und Prälat Dr. Georg Hüssler, der als Präsident des Deutschen Caritasverbandes viele Jahre mit Gertrud Luckner zusammengearbeitet hat, aus dem Leben und Wirken dieser großen Frau.

An der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde am 8. März 2000 das erste Studienzentrum zur Erforschung des Christentums eröffnet. Gegenstand der Forschung ist die Geschichte der Christenheit von ihren Anfängen im Judentum sowie die Entwicklung der Kirchen im Osten und im Westen, mit besonderer Betonung der Heiligen Stätten in Israel und der Beziehung zwischen Kirche und Judentum. Geleitet wird das Institut von Guy Stroumsa, Professor für vergleichende Religionswissenschaft an der Hebräischen Universität.

Anfang März 2000 wurden in Jerusalem die 1200 Seiten umfassenden Memoiren von Adolf Eichmann freigegeben, die er vor seiner Hinrichtung (Mai 1961) niedergeschrieben hat. Der Tenor der Memoiren entspricht seinen Aussagen vor Gericht: er sei nur ein Rädchen in der großen Tötungsmaschinerie gewesen und er hätte nur getan, was man ihm aufgetragen hatte. Von Historikern wurde die Veröffentlichung begrüßt. Jehuda Bauer, Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem, mißt den Memoiren keinerlei historischen Wert zu, warnt aber, daß eine einseitige Lektüre eine verzerrte Sicht der Schoa vermitteln könnte.

Ein neues Archiv- und Bibliotheksgebäude in Yad Vashem, eröffnet am 7. März 2000, bietet verbesserte Möglichkeiten zur Schoa-Forschung. Das Archiv umfaßt 55 Millionen Seiten Dokumente und die Bibliothek mehr als 80 000 Titel. In dem neuen Gebäude befinden sich auch die 50 000 Erinnerungs-Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden. Die Gedenkblätter für die Opfer werden demnächst auch im Internet zugänglich sein.

Beim Abriß eines Gebäudes in Würzburg (1987) fanden sich im Schutt des einstigen Dominikanerklosters an die 1500 Steine aus einem mittelalterlichen jüdischen Friedhof. Nach dem gewaltsamen Untergang der Würzburger jüdischen Gemeinde im Jahre 1349 waren sie vermauert worden. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung der Steine durch den Würzburger Neutestamentler Prof. Dr. Karlheinz Müller sollen demnächst in Zusammenarbeit mit zwei israelischen Universitäten veröffentlicht werden. Die „Judensteine“ sollen sowohl als historischer Schatz als auch als bleibendes Zeugnis für die Verfolgung und Vernichtung der Juden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Diesem Zweck diente eine Ausstellung im Spitäle unter dem Titel „Stein des Anstoßes“. Eröffnet wurde die Ausstellung von Albrecht Fürst von Castell-Castell, dem Vorsitzenden des Initiativkreises „Shalom Europa“, mit dem Schuldbekenntnis „Herr, wir haben gesündigt“ und mit einer Bitte um Vergebung.


Jahrgang 7/2000 Seite 235



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