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Shire, Michael (Hg.)

Die Pessach Haggada

Knesebeck, München 1998. 66 Seiten.

Der Auszug aus Ägypten gehört zu den markantesten Erinnerungen des antiken Judentums. Die Urerfahrung einer Wanderung aus der Knechtschaft in die Freiheit schildert zugleich eine menschliche Ursituation. So tief macht dieses Ereignis die jüdische Identität aus, daß der Exodus bis zum heutigen Tage die Grundlage des Pessach-Festes bildet. Seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. wird der Seder-Abend in den Häusern gefeiert. Die Festordnung enthält Gebete, Preisungen, Waschung der Hände, ein Mahl aus Wein, ungesäuertem Brot und Bitterkräutern und die Exodus-Erzählung. Eine eindrucksvolle, mit Illustrationen aus sechs mittelalterlichen Codices aus dem 14. und 15. Jahrhundert prachtvoll geschmückte Haggada ist nun zu einem vernünftigen Preis erschienen und macht Freude beim Lesen und Betrachten. Dem christlichen Bewußtsein zeigt sich eine durch die alttestamentliche Erzählung und die Psalmen vertraute, wenn auch durch das Ritual verfremdete Erinnerung. Der Bruch mit dem gemeinsamen Alten Testament gehört zu den Auseinandersetzungen, die das zeitgenössische Christentum zu leisten hat, um in einem offenen und zugleich wegen der Geschichtslast wehmütigen Blick auf die „älteren Brüder“ die Kenntnis ihrer ehrwürdigen Überlieferung, ihrer Gebetskultur, ihrer festlichen Freude zu vertiefen. Solche festliche Freude ist im übrigen nicht ohne Humor, wenn der jüdische Hausvater, statt auf das Bitterkraut zu zeigen, auf seine Hausfrau deutet, wie es eine der spanischen Illustrationen aus dem Britischen Museum zeigt. Wer die Bilder mit der Lust am Entdecken betrachtet, wird vieles Unbekannte, aber auch der christlichen Symbolik Entsprechende finden. Mit leisem Schauder vermerkt man bereits den gelben Kreis auf dem Kleid eines jüdischen Knaben und eines Erwachsenen — ein im Italien des 13. sowie im Deutschland des 15. Jahrhunderts angeordnete Kennzeichnung. Im übrigen wechseln Tiere, Blumen, Blattwerk und Abbildungen von Menschen in der zeitgenössischen bunten und spielerischen Anordnung.

Das schöne Buch ist leider nicht ohne Mängel. Wenn es auch keine kunstgeschichtliche Abhandlung anzielt, so lautet doch die Erklärung zu manchen Illustrationen teilweise trivial. Auch der Kommentar ist leise moralisch eingefärbt, abgesehen von einer theologisch falschen Zuordnung (19), wo Gott angeblich Abraham versprochen habe, die Israeliten zu beschützen (der Name Israel wurde bekanntlich erst Jakob verliehen). Vor einer weiteren Drucklegung empfiehlt sich eine aufmerksame Druckfehler- und Errata-Beseitigung (es heißt z. B. „Psalter“, nicht Psalterien). Die Übersetzung könnte sprachlich geschliffener sein. Vor allem stören die so lästig klingenden Doppelnomina („die Jüdinnen und Juden“). Auch „progressives Judentum“, zu dem sich der Autor und Londoner Rabbiner Michael Shire und der das Vorwort liefernde Landesrabbiner von Niedersachsen, Walter Homolka, zählen, muß nicht um jeden Preis wiederholt neben dem klassischen Leiter auch eine Leiterin des Seder-Abends einführen (dazu genügt gewiß eine Fußnote). Abgesehen von solcher unschöner Sprachlichkeit ermöglicht das Buch mühelos den Sprung aus dem Vergangenen in die Gegenwart. Ferne und Nähe einer im Gemeinsamen wurzelnden europäischen Kultur werden hörbar und sichtbar.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


Jahrgang 7/2000 Seite 222



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