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Schwendemann, Wilhelm (Hg.)

Philipp Melanchthon 1497-1997

Die bunte Seite der Reformation. Das Freiburger Melanchthon-Projekt. Hrsg. im Auftrag der Evangelischen Fachhochschule Freiburg. LIT Verlag, Münster 1997. 252 Seiten.

Schwendemann, Wilhelm / Stahlmann, Matthias

Reformation und Humanismus in Europa

Philipp Melanchthon und seine Zeit. Eine Einführung mit Praxisentwürfen für den Unterricht, in: Calwer Materialien. Anregungen und Kopiervorlagen. Sekundarstufe I und II. Calwer Verlag, Stuttgart 1997. 112 Seiten.

Die evangelische Fachhochschule Freiburg nahm das Melanchthon-Jubiläumsjahr zum Anlaß, die Kenntnis Melanchthons (1497-1560) für eine breitere kirchliche Öffentlichkeit aufzufrischen und seine Bedeutung in Geschichte und Gegenwart neu in den Blick zu nehmen. Die vorliegende Dokumentation des Freiburger Melanchthon-Projekts enthält eine Predigt zum 500. Geburtstag Melanchthons, zwölf Vorträge verschiedener Autoren und sechs Unterrichtsmodelle. Damit entsteht tatsächlich ein Bild von der „bunten Seite der Reformation“. Melanchthons Leben und das seiner Frau Katharina treten neu in den Blick. Es wird deutlich, daß er nach Luther zur bedeutendsten Person der deutschen Reformation wurde. Er war versöhnlicher, ruhiger und kompromißfreudiger als sein großes Vorbild. Innerprotestantisch hat er sich vor allem durch seine Arbeit an der „Confessio Augustana“, die sich bis heute als wichtige Bekenntnisschrift durchgesetzt hat, große Verdienste erworben, sowie durch seinen Einfluß auf das protestantische Bildungswesen. Von ihm kommen Impulse für die Pädagogik, die auch heute bedacht sein müssen. Für Schwendemann ist Melanchthon fast so etwas wie ein „Ahnherr der innerprotestantischen Ökumene und nicht nur des protestantisch-römischen Dialogs“. Durch den Einfluß Reuchlins kam Melanchthon zu einer Sicht des Judentums, die von der Sicht Luthers erheblich abwich (vgl. Wilhelm Schwendemann, „Melanchthon und der Dialog zwischen Juden und Christen — Melanchthon und das Judentum“, in: FrRu 4[1997]172-176). An einem wichtigen theologischen Exempel, der Messiasfrage und der Bedeutung des reformatorischen Solus Christus, macht Schwendemann klar, wo die Problematik lag und liegt. „Verabschieden müssen wir uns von der klassisch-reformatorischen Christologie, die das Solus Christus absolut und antijüdisch versteht und gleichzeitig zurück zur reformatorischen Christologie im Sinne Melanchthons, wo das Solus Christus als Mitverantwortlichkeit der Heiden für Gottes Schöpfung gesehen werden kann, d. h. als Freiheit der Bundesgenossen. Freiheit und Umkehr sind die theologischen Stichworte, die Melanchthon dem heutigen christlich-jüdischen Dialog zu sagen hätte.“

Zweifellos spielt Philipp Melanchthon in den Unterrichtsplänen und Schulbüchern für den Religionsunterricht eine untergeordnete Rolle. Der vorliegende Unterrichtsvorschlag Reformation und Humanismus in Europa erschließt für den Unterricht fruchtbares Neuland und macht bewußt, wie lohnend die Arbeit mit diesem engsten Mitarbeiter Luthers sein kann. Der Unterrichtsentwurf setzt interessante und für die Schüler/innen belangvolle Schwerpunkte, gibt wichtige Hintergrundinformationen zur Zeitgeschichte, enthält viele Textquellen und Bilder als Unterrichtsmaterialien und bietet detaillierte Vorschläge für die Gestaltung der einzelnen Unterrichtsschritte. Ob das Programm schon in der Sekundarstufe I einsetzbar ist, erscheint mir fraglich. Für die Sekundarstufe II ist es lohnenswert, wenn man auch fragen muß, ob die Religionslehrer/innen die Zeit für ein so umfängliches Unternehmen finden werden. Problemlos dagegen kann diese informative Einführung in der Erwachsenenbildung eingesetzt werden. Der Abschnitt „Melanchthon und die Juden“ legt offen dar, wie stark die Christenheit im Mittelalter und in der Reformationszeit von Judenfeindschaft geprägt war. Die Entwicklung Luthers von seiner vergleichsweise milden antijüdischen Schrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) bis zu seiner späteren aggressiven Polemik wird genau nachgezeichnet und in ihrer verhängnisvollen Wirkung beschrieben. So harte Äußerungen gegen die Juden wie die von Martin Luther sucht man in Melanchthons Schriften vergebens. Am Beispiel dieses großen Reformators und Humanisten läßt sich exemplarisch ein Stück der christlich-jüdischen Geschichte erarbeiten.

Werner Trutwin


Am 28. Januar 2000 wurde Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann für sein Melanchthon-Projekt der Landeslehrpreis 1999 des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg verliehen.


Jahrgang 7/2000 Seite 220



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