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Grözinger, Karl E. (Hg.)

Die Geschichten vom Baal Schem Tov Schivche ha-Bescht

Teil I: Hebräisch mit deutscher Übersetzung. Teil II: Jiddisch mit deutscher Übersetzung. Harrassowitz, Wiesbaden 1997. LXXV, 881 Seiten.

Baal Schem Tov, „Meister des Gottesnamens“, abgekürzt Bescht, ist der Beiname besonders für Israel ben Elieser, der ca. 1700-1760 in Südostpolen lebte. Von 1740 bis 1760 lebte er in Miedzyborz (Podolien) und stand dort einem von der Gemeinde unterstützten Kabbalistenzirkel vor. Er gilt als der Begründer des modernen Chassidismus. Israel ben Elieser hinterließ keine eigenen Schriften (nur ein Brief ist bekannt). Sein Leben und seine Lehre wurden von seinen Nachfolgern u. a. in den „Geschichten vom Baal Schem Tov“ festgehalten. Diese Geschichten erzählen von der Kindheit ohne Vater, von seinem Werdegang als Lehrer und Weiser, von seiner Hochzeit, von sieben Jahren in der Abgeschiedenheit. Als erste Tat erwies sich der Bescht als schlechter Kutscher und chauffierte seinen schlafenden Schwager in den Sumpf. Die jiddische Version erklärt, der Bescht sei „in seine reinen Gedanken versunken gewesen“ (II,18). Als der Schwager mit Helfern vom Dorf zurückkehrte, war die Kutsche wieder flott: Der Bescht hatte seine Kraft, Wunder zu wirken, bewiesen. Auf die Frage, wie er das getan habe, antwortete er: „Nun, ich habe den Pferden einen Klaps gegeben, da sind sie flugs herausgegangen“ (I,26). Es folgt Erzählung über Erzählung, die den Bescht als Wundermann, als Charismatiker, provozierenden Wanderprediger, Zaddiq und Fachmann für halachische Fragen, aber auch als tiefgläubigen, selbstbewußten und nie um eine Lösung verlegenen Menschenkenner schildern.

Zum ersten Mal liegen die Geschichten vom Baal Schem Tov in einer zweisprachigen Ausgabe (hebräisch/deutsch und jiddisch/deutsch) vor. Der Text stützt sich auf die Erstausgaben: Hebräisch: Ausgabe Kopust 1814; Jiddisch: Ausgabe Korez 1815/16. Die einzige vorhandene hebräische Handschrift, das Manuskript Mondschein (MS M), wurde in Text und Kommentar des hebräischen Teils mit einbezogen (XXXIV). In der Einleitung arbeitet Grözinger die Gründe für die unterschiedliche Beurteilung des Bescht innerhalb des Judentums heraus: Einerseits wurde er als magischer Wundermann gepriesen, andererseits als mystischer Charismatiker verehrt (XXVI f.). Diese unterschiedlichen Sichtweisen sind nicht allein durch verschiedene philosophische Interessen seiner Interpreten entstanden, sondern beide Ströme, der magisch-volkstümliche wie auch der mystisch-philosophische, sind bereits in beiden Versionen des Grundtextes vorhanden (XXVI). Dabei zeichnet sich die jiddische Version in ihrer flüssigen Volkssprache mehrheitlich als Garantin für den magischen Wundermann, während die hebräische eher den theologisch reflektierten Charismatiker stützt (XXXII). Die Abhängigkeit der beiden Texte voneinander wird unterschiedlich beurteilt. Fest steht, daß die jiddische Version einer auch der hebräischen vorangegangenen jiddischen Erzähltradition folgt (XXXIV).

Wer Erzählungen des Baal Schem Tov von Martin Buber oder Elie Wiesel kennt, findet hier interessante Ergänzungen, Aspekte des Lebens des Baal Schem, die bisherige Interpreten nicht sehen konnten, weil die Archive in Polen nicht zugänglich waren (XI) oder nicht sehen wollten, weil sie — wie Buber — den Mystiker suchten, den volksnahen Wundermann hingegen ablehnten. Literaturhinweise zur Wirkungsgeschichte des Baal Schem Tov und der Legende über ihn sowie zu weiteren angrenzenden Themen werden in den ausführlichen Anmerkungen geboten. Rachel Elior rollt in „Der Baal Schem zwischen Magie und Mystik“ (XXXV-LV) kurz die Quellenlage und Forschungsgeschichte auf, um dann die biographischen Grundlinien, das Weltbild und die Grundzüge der Lehre des Bescht zu erläutern. Da von den ersten 35 Lebensjahren wenig bekannt ist, entwerfen die Schivche ha-Bescht von Herkunft und Jugendzeit ein legendenhaftes Bild mit hagiographischen Zügen. Verläßlicher dokumentiert ist die zweite Lebenshälfte. Nach einer Zeit des Rückzuges in Einsamkeit und Askese wirkte der Bescht im Rampenlicht der Öffentlichkeit: unter dem Volk als trostspendender Baal Schem und unter mystisch-philosophisch Interessierten als Philosoph und Lehrer.

Das geistige Umfeld des Bescht war geprägt von mittelalterlichen Vorstellungen, von Dämonen und bedrohlichen Wesen, „die sich auf dem Weg in die Synagoge an einen hefteten“ und den Menschen auf Schritt und Tritt Furcht einflößten. Die Lehre des Baal Schem Tov bestand nun darin, den vorherrschenden Dualismus „in eine ganz andere Art Dualismus zu verwandeln“ (LIII). Seine Lehre, die an Platons Ideenlehre erinnert, „spricht von der göttlichen Allgegenwart im Gegensatz zum Nichtsein der physischen Welt, die in Wahrheit nur Schein und nicht Realität ist“ (XLV). Ruth Berger vergleicht den Text von MS M mit der hebräischen Edition (177-186). Sie kommt zum Schluß, daß MS M dem Drucker kaum vorlag, aber ein ihm eng verwandtes Manuskript (181). Der übersichtlich gestaltete und ausführlich kommentierte Text ist für interessierte Laien eine bereichernde Lektüre und für Fachkräfte eine solide Grundlage für weitere Studien.

Olivia Franz-Klauser


Jahrgang 7/2000 Seite 212



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