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Behr, Hartwig / Rupp, Horst F.

Vom Leben und Sterben

Juden in Creglingen. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999. 276 Seiten.

Hier liegt ein Werk vor, das in vieler Hinsicht die von ähnlichen Publikationen bekannten Standards übertrifft. Die Autoren Hartwig Behr, Historiker und Germanist, und Horst F. Rupp, evangelischer Theologe mit Schwerpunkt Religionspädagogik, ergänzen einander in idealer Weise und bürgen sowohl für die notwendigen wissenschaftlichen Absicherungen der Forschungsergebnisse als auch für deren Kommunizierung in Schule und Universität. Die Darstellung bietet eine Gesamtschau der Geschichte der Creglinger Juden von den Anfängen bis zum Ende des „Dritten Reiches“. Auch die Nachbarstadt Rothenburg wird mit einbezogen, zieht sich doch durch deren Geschichte ein erschütternd starker antisemitischer Faden. Wer einmal in Rothenburg das liebliche Festspiel des Schäfertanzes miterlebt hat, muß nun irritiert feststellen, daß ihm ein Pogrom Ende des 14. Jahrhunderts mit Vertreibungen und Verbrennungen Rothenburger Juden zugrunde liegt. Im tauberfränkischen Creglingen, durch den Riemenschneider-Altar der Herrgottskirche weithin bekannt, konnte sich jüdisches Leben in kleiner Zahl entwickeln. In die Darstellung sind gelegentlich längere Exkurse über einzelne Personen eingestreut, so über den Lehrer und Vorsänger der jüdischen Gemeinde Josef Preßburger (1878-1938) und über die christliche, bei einer jüdischen Familie in Dienst stehende Magd Anna Schall (geb. 1913). Im Jahr 1925 zählt die kleine Landstadt an der Tauber knapp 1200 Einwohner, darunter 1088 Protestanten, 22 Katholiken und 77 Juden. Rupp gelingt es, die Gesamtsituation der folgenden Jahre überaus anschaulich zu schildern. Am 5. März 1933 wählten 75,9% der Creglinger die NSDAP, ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz, der die drei Wochen später eingetretenen Vorkommnisse in ein besonderes Licht rückt.

Am 26. März 1933 wurden während des Synagogengottesdienstes 16 Creglinger Juden von Polizeikräften aus Heilbronn und der örtlichen SA verhaftet. Sie wurden nach Waffen durchsucht, aufs Rathaus (!) gebracht und dort so schwer mißhandelt, daß Hermann Stern noch am selben Tag verstarb und Arnold Rosenfeld am Tag darauf. Lion Feuchtwanger hat die Vorfälle in seinem Roman „Die Geschwister Oppenheim“ aufgegriffen. Der einschlägige Textabschnitt ist als Beilage abgedruckt. Das Vorgehen gegen die Creglinger Juden ist somit wohl die erste Gewaltaktion der Nationalsozialisten in Deutschland, die sich ausschließlich gegen Juden richtete und in deren Verlauf es infolge exzessiver Brutalität sogar zu Tötungen kam. Die beiden ersten Opfer der Schoa sind damit die Creglinger Hermann Stern und Arnold Rosenfeld. Die polizeilichen Akten und gerichtlichen Untersuchungsprotokolle von 1933 mit den Aussagen der Mißhandelten und der Angeschuldigten sind ausnahmslos abgedruckt, die Verfahren gegen die Haupttäter, SA-Standartenführer Fritz Klein aus Heilbronn und den örtlichen SA-Ortsgruppenleiter Karl Stahl, führten erst 1952, bzw. 1949 zu Verurteilungen: fünf Jahre Gefängnis für Klein, ein Jahr für Stahl.

Das Buch zeichnet sich durch zahlreiche Beigaben aus, die einerseits die Lektüre erleichtern, andererseits weitere Forschungen ermöglichen. Neben 59 Abbildungen, die oft tiefer berühren als Worte, sowie Quellen- und Literaturnachweisen, findet sich auch ein Gedicht von Gottlieb Prätzel über die selbstlose Tat eines Juden, der bei einer Brandkatastrophe selbstlos Leben rettete und das der Lehrer Preßburger seine Schüler auswendig lernen ließ — leider ohne den zu wünschenden Erfolg. Seinen Höhepunkt erreicht das Buch zweifellos in dem Kapitel „Der Blick auf die nationalsozialistischen Täter“, in dem Horst Rupp das Leben der Anführer Fritz Klein und Karl Stahl nachzeichnet.

Bei Karl Stahl handelt es sich um seinen eigenen Großvater. Rupp versteht es, das Erschrecken zu vermitteln, als er erkennen mußte, in welcher Weise der liebevolle, wenn auch schweigsame Großvater in die damaligen Ereignisse verwickelt war. Schonungslos wird die Rolle, die der aus einfachen Verhältnissen stammende Tagelöhner und spätere nationalsozialistische Stadtrat Stahl im Creglingen der dreißiger Jahre spielte, nachgezeichnet. Es kann nicht gelingen, den NS-Täter und den liebevollen Großvater zu einer Person zu verschmelzen. Mit diesem Abschnitt hat der Autor nicht nur ein dunkles Kapitel eigener Familiengeschichte und ein persönliches Trauma zu bewältigen versucht, er hat auch gezeigt, warum dieser Versuch an Grenzen stoßen muß. Es ist zu bezweifeln, ob historische Kategorien allein dem Geschehen gerecht werden können. Möglicherweise helfen hier psychologische oder theologische Einsichten in das Wesen des Bösen bzw. in die grundsätzliche Schuldhaftigkeit menschlicher Existenz weiter. Dies scheint auch der Autor andeuten zu wollen, wenn er abschließend bemerkt, daß mit Leben und Tod Stahls die Schuld nicht gebüßt ist, daß er — und andere — sich vor anderer Instanz werden verantworten müssen.

Gerhard Simon


Jahrgang 7/2000 Seite 205



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