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Kaienburg, Hermann

Das Konzentrationslager Neuengamme 1938-1945

Hrsg. von der Gedenkstätte Neuengamme. Dietz, Bonn 1997. 332 Seiten.

„Laß mich sprechen, es wird mir leichter werden“, bat Hiob (32,20). Doch für wen soll es leichter werden? Für die, die es durchleiden mußten, oder für jene, die an der Schuld leiden? Neuengamme hat keinen „Namen“ wie Auschwitz oder Buchenwald. Viele wußten nicht, daß es ganz in der Nähe Hamburgs zuletzt 80 Außenlager gab, wo über 100 000 Menschen die Hölle erlitten. Vom „Anfang“ an, als Hitler Reichskanzler wurde, bis zur detailliert vorprogrammierten „Endlösung“ wird hier aufgeschrieben, was die Peiniger von Neuengamme akribisch als „erledigt“ notierten: die Arbeitsbedingungen, die Vernichtung durch Arbeit, das Töten durch Spritzen, das Verzeichnis über den armseligen Nachlaß der verstorbenen Häftlinge, die Durchführungen von Exekutionen. Alles ist peinlichst notiert, mit jener bürokratischen Genauigkeit, die Hannah Arendt von der sich so bieder anhörenden „Banalität des Bösen“ sprechen ließ.

Einfache Bleistiftzeichnungen wie „Häftlinge ziehen im Schnee einen Wagen“ verdichten die Gewalt der Worte. Oder die Zeichnung „Die Essensausgabe im Schonungsblock“: Dichtgedrängt sitzen geschorene, bis aufs Skelett abgemagerte Geschöpfe mit weit aufgerissenen Augen, einen Blechnapf in der Hand. In diesem „Schonungsblock“ waren jene Gefangenen, die oft nur noch 25 kg wogen und die meist schon qualvoll zugrunde gingen, bevor sie noch in die Gaskammern geschleppt werden konnten. Ein solcher Mensch war es, der an eine Wand des Warschauer Gettos schrieb:

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an Gott, auch wenn ich Ihn nicht sehe.“

Elie Wiesel, der sich als Fünfzehnjähriger im KZ weigerte, die religiösen Feste mit den anderen Juden zu feiern, weil er an den Gott, der sich das alles mit ansah und nichts tat, nicht mehr glauben wollte, sagte später, daß er sicher ist, daß Gott auch im KZ war, mitten unter den Gefangenen, und mit ihnen litt und starb.

Die Umschlaggestaltung, eine Tuschzeichnung von W. Petrow, verdeutlicht die Unmenschlichkeit und den Hohn: Zwei bewaffnete Soldaten bewachen hohläugige, ausgemergelte Gestalten, die einander stützen, damit sie noch zur Arbeit gehen „dürfen“ anstatt in die Gaskammer, Häftlinge, die selbst zum Davonlaufen zu schwach gewesen wären. Mit Else Lasker-Schüler, „Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär“, möchte man glauben dürfen, daß wenigstens das Weinen in der Welt bleibt über das, was in Neuengamme geschah.

Von allen Büchern über den Holocaust ist dieses ganz besonders erschütternd. Keines ist exemplarisch und kann es auch nicht sein. Dieses Buch hat durch seine akribisch notierten, chronologisch und dokumentarisch festgehaltenen Daten seine eigene, grausame Dimension.

Ein Teil der Veranstaltungen des Katholikentagprogramms Hamburg 2000 wird im KZ Neuengamme stattfinden. Dort, wo tausendfach gelitten und gestorben wurde, werden Menschen sein, die um die Verpflichtung des Menschseins wissen, um das Präsent-Sein als Christ, gerade an diesem Ort, wo unsere älteren Brüder und Schwestern so qualvoll ihr Leben beendeten.

„Sieh Herr, die Taten kommen zu Dir. Die wir geliebt sind allein und sehr weit. Nun müssen wir ihrer Munde sein, und beten zu Dir, der Ewigkeit.“

(Kurt Witzenbacher in seinem „Kaddisch für Ruth“, die nur zehn Jahre leben durfte; vgl. FrRu4[1997]148-149).

„Ihr Mund“ zu sein ist das einzige, was wir für die machtlosesten der Machtlosen tun können.

Maria Stiefl-Cermak


Jahrgang 7/2000 Seite 204



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