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Nico Sonnevelt

Das christliche Bekenntnis zu Israel in der Kirchenordnung der reformierten Kirchen in den Niederlanden

In der Kirchenordnung und im Leben der Gemeinden der Niederländischen Reformierten Kirche (de Nederlandse Hervormde Kerk) spielt ,Israel‘ eine besondere Rolle. Gezwungen und inspiriert durch die Erfahrungen der deutschen Besatzung (1940-1945) haben sich weitsichtige Theologen und Kirchenführer sofort nach Kriegsende aufgemacht, die Kirche aus ihrem antijüdischen Exil herauszuführen und schrittweise zu einem zeitgemäßen Bekenntnis für die Stellung der Juden beizutragen. Auch im Prozeß der Formierung einer einzigen protestantischen Kirche — aus der Nederlandse Hervormde Kerle, der Evangelisch-Lutherse Kerk und den Gereformeerde Kerken — spielt das Bekenntnis zu Jesus, dem Juden, und zu Israel, dem Volk Gottes, eine integrierende Rolle.1

1. Die Zeit der deutschen Besatzung, 1940-1945

Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande im Mai 1940 hatte Pfarrer H. K. E. Gravemeyer als Sekretär der Verwaltungsbehörde der Nederlandse Hervormde Kerk sein Amt angetreten. Aus seinem kirchlichen Bewußtsein heraus und mit offenen Augen für die Wirklichkeit seiner Zeit durchbrach er die Fesseln der alten Verwaltungsstruktur, um in ökumenischer Verbundenheit die direkte Konfrontation mit der deutschen Besatzungsmacht anzugehen. Verschiedene offizielle und offiziöse Verlautbarungen innerhalb der Hervormde Kerk verurteilten den Nationalsozialismus und den Antisemitismus auf eine Weise, die in der alten ,Reglement-Kirche‘ nie denkbar gewesen wäre. In dieser Zeit wurde es auch möglich, die anderen christlichen Kirchen und die katholische Kirche zum ersten Mal in einen Konvent der Kirchen zusammenzubringen.2

Unter der zunehmenden Drohung des Totalstaates wurde 1941 illegal ein Glaubensbekenntnis („Wat wij wel en wat wij niet gelooven“ — Was wir sicher und was wir sicher nicht glauben)3 verbreitet, das von den Barmer Thesen von 1934 beeinflußt war. Der calvinistische Charakter und die Stimme Barths klingen vor allem in These 4 durch:

„Wir glauben und bekennen, daß Gott von jeher das Volk Israel auserwählt hat, um seine Offenbarung zu empfangen bis auf die Erscheinung Jesu, des aus diesem Volk geborenen Messias ... Aus sich selbst war dieses Volk nicht besser, würdiger oder geeigneter als andere Völker. Aber diesem Volk hat der HERR sein Wort anvertraut, so daß, wer zu Gott kommt, ,Israel einverleibt wird‘ ...

Darum glauben wir, daß wer sich gegen Israel stellt, sich dem Gott Israels widersetzt ... Darum halten wir den Antisemitismus für etwas viel Böseres als eine unmenschliche Rassenideologie. Wir halten ihn für eine der hartnäckigsten und tödlichsten Formen des Aufstandes gegen den heiligen und barmherzigen Gott, dessen Namen wir bekennen.“

1943 publiziert die Synode der Nederlandse Hervormde Kerk auch einen Pastoralbrief, Christlicher Glaube und Nationalsozialismus, in dem der unüberbrückbare Graben zwischen dem christlichen Glauben und dem Nationalsozialismus aufgezeigt wird. Der Antisemitismus wird als Ableger des Heidentums gegen den Judengott und die Judenbibel verurteilt. „Das Rätsel der Juden und ihre zeitweilige Verhärtung darf nicht Anlaß sein, den Antisemitismus gutzuheißen ... “4

2. Die Vorläufer der Kirchenordnung von 1951 und der Rat für Kirche und Israel

Am Reformationstag 1945 wurde die Neubildung der Nederlandse Hervormde Kerk in einer Synodensitzung beschlossen. Zur Vorbereitung einer neuen Kirchenordnung wurde 1949 ein erneutes reformatorisches Bekenntnis vorgelegt: „Fundamenten en perspectieven van belijden“.5 Die Verfasser6 standen noch unter dem Eindruck der tiefgreifenden Ereignisse jener Zeit. Man spürt die Verbundenheit mit dem jüdischen Schicksal. Man war sich auch bewußt, daß die Kirche ohne Israel nicht vollständig ist.

„Die Gemeinde Christi ist nicht voll ausgewachsen, und das Reich Gottes ist nicht zur vollen Offenbarung gelangt, solange Israel nicht — das wann und wie weiß Gott allein — zu seinem Messias zurückgebracht ist, damit Israel und die Völkerwelt, beide, die freie Gnade dessen bekennen lernen, der alle unter den Ungehorsam beschlossen hat, um sich aller zu erbarmen.“7

Ausgangspunkt ist die Verkündigung, daß Gott König ist und sein Reich in Christus und durch seinen Geist schon da ist: „... Gott hat in Israels Gesetzgebung, in seinem Opferdienst und in seiner Königsherrschaft eine Prophezeiung seines kommenden Reiches, seiner Absicht mit der ganzen Welt, geschenkt“ (Art. 3). In Art. 17 wird über Israels Gegenwart und Zukunft gesprochen, aber es wird keine linear-geschichtliche Lösung des Geheimnisses des Volkes Gottes gesucht. Gottes Gaben an Israel und seine Berufung können Gott nicht gereuen (Röm 11,29). Israel hat diese Gnade nicht verstanden, und das Heil wendete sich an die Völker aus den Heiden. Eine Substitution zugunsten der Kirche findet nicht statt. Denn Israel hat weiterhin eine bleibende Bedeutung in Gottes Plan; es ist unter den Völkern ein Spiegel des Gottesgerichtes. Die Weiterexistenz dieses Volkes und die Tatsache, daß einige dieses Volkes in die Kirche hineingegangen sind, sind die Zeichen für die endgültige Annahme Israels. Israel bleibt das Volk der Verheißung und das Volk des Messias. Sowohl die Gemeinde Jesu Christi als auch das Reich Gottes ist nicht zur vollen Offenbarung gekommen, wenn nicht Israel, in einer Zeit und auf eine Weise, die nur Gott bekannt sind, zu seinem Messias kommen wird (Röm 11,32). Der Kirchenordnungsentwurf wird 1949 akzeptiert und mit den dazugehörenden Nebenartikeln 1951 offiziell angenommen. Damit ist eine historische theologische Entscheidung gefällt worden, denn Israel ist ab jetzt Teil des Bekennens der Kirche. In dieser Kirchenordnung wird mit Israel meistens das jüdische Volk gemeint. Im Verlauf der Zeit wird aber auch der Staat Israel direkt Teil der theologischen Erwägungen. Der Rat für Kirche und Israel, 1942 von H. Kraemer gegründet, bekam von der Synode die Aufgabe, den Gemeinden und den Kirchenprovinzen bei den praktischen Fragen betreffend Kirche und Israel zu helfen. Eine interessante Neuheit war die Stationierung eines Theologen in Israel, um den ständigen Kontakt mit dem Judentum zu unterhalten.

3. Der Israelsonntag

Für das Gemeindeleben, die Katechese und die Erwachsenenbildung war der 1949 eingeführte Israelsonntag noch weitreichender. Er war als Tag der Besinnung über das Verhältnis zwischen Christen und Juden gedacht und sollte am Sonntag vor dem Jom Kippur durchgeführt werden.8 Damit hat die Kirche die Verpflichtung auf sich genommen, Israel in das liturgische Leben der Gemeinde aufzunehmen. Schuld, Versöhnung und Gotteslob kommen aus dem Herzen der Gemeinde. Die theologische Diskussion hat so eine neue Dimension bekommen. Der Wunsch, sich für ein allgemeines Schuldbekenntnis gegenüber den Juden auszusprechen, wurde leider nicht konkretisiert.

4. Israel in der neuen Kirchenordnung von 1951

In Artikel VIII der Kirchenordnung von 1951 wurde das Apostolat der Kirche festgelegt:

1. Als Christusbekennende Glaubensgemeinschaft, in die Welt gesetzt, um Gottes Verheißungen und Gebote vor allen Menschen und Mächten zu bezeugen, erfüllt die Kirche, in der Erwartung des Königreichs Gottes, ihren apostolaren Auftrag insbesondere durch ihr Gespräch mit Israel, durch die Arbeit der Mission, durch die Verbreitung des Evangeliums und die ständige Arbeit zur Christianisierung des Volkslebens im Sinne der Reformation.

2. Die Kirche wendet sich im Gespräch mit Israel an die Synagoge und an alle, die zum auserwählten Volk Gottes gehören, um ihnen aus der Heiligen Schrift zu bezeugen, daß Jesus der Christus ist.

Das wichtigste Novum der Kirchenordnung von 1951 war die Einführung des Begriffs „Gespräch mit Israel“. Nach Arnold van Ruler ist das Gespräch eine sokratische Figur, weil davon ausgegangen werden muß, daß die Wahrheit schon beim Gesprächspartner — bei Israel — ist, denn Israel hat das Alte Testament. Die Wahrheit, daß Jesus der Christus ist, muß aus dem Alten Testament herausgeholt werden. Mit Philippus (Apg 12) sollte die Kirche das Alte Testament sprechen lassen. Für van Ruler steht fest, daß Israel nicht Objekt, sondern Subjekt der Mission ist. Diese Neuentdeckung wird weiterhin eine große Rolle spielen. Das Gespräch darf auch nicht eine heimliche Form von Mission sein. Voraussetzung des Gesprächs mit Israel ist die positive Bewertung des Alten Testaments.9 Das Gespräch soll auch kein Monolog wohlwollender Christen sein. Nur wenn die Kirche die Tiefe und die Unaufgebbarkeit des Bundes Gottes mit seinem Volk kennt und bekennt, hat Israel post Christum eine eigene Stimme, nur dann entwickelt sich das Gespräch zum wahren Dialog. Der Hintergrund des Begriffes ,Gespräch‘ ist der Dialogbegriff von Martin Buber, aber es fehlte den Christen damals oft noch an theologischem Mut, an Tiefe, Offenheit und Verwandlungswillen.

5. Israel und die Kirche: 1959
  

Arnold A. van Ruler (1908-1970), Prof. für systematische Theologie in  Utrecht (1947-1970). Foto: Historisch Documentatiecentrum voor het Nederlands Protestantisme, Amsterdam

Nach der Gründung des Staates Israel entstanden neue Fragen zum Verhältnis Israel-Kirche. Die Synode der Nederlandse Hervormde Kerk publizierte deshalb 1959 in der Studie „Israel en de kerk“ einen Überblick über Fragen, die, wenn auch erst im Ansatz, doch schon die theologische Diskussion beschäftigten. Ausgehend von der Einheit Gottes (Dtn 6,4) wurde gesagt, daß Gottes Bund mit Israel ein Mittel ist, um die ganze Welt zu segnen. Die Einheit entspricht der Universalität der Botschaft an Israel, die für Israel und für die ganze Erde gilt. Die Erwählung Israels ist der Weg Gottes, die ganze Welt zu retten. Israel ist ein „pars pro toto“, das Bundesvolk muß immer auf seinen heiligen König und seinen Plan hinweisen. Die Erwählung betont das Anders-Sein Gottes, ist uns aber ein Geheimnis. Israel post und extra Christum steht als ein Ärgernis neben der Kirche. Zwei Linien sollten miteinander versöhnt werden: in der Kirche gibt es eine Fortsetzung Israels und Israel behält das Recht seiner Erwählung. „Die Gemeinde Gottes existiert immer in der doppelten Form: Israel und Kirche.“10

Diese Studie mußte auch den Gegensatz zwischen Mission und Gespräch behandeln. Israel ist nicht ein Volk neben vielen anderen Völkern. Es hat selbst den Auftrag zur Mission empfangen. Das wirklich große Schisma des Gottesvolkes ist die Trennung zwischen Israel und der Kirche. Unter dem Eindruck der Staatsgründung sah Israel en de kerk im Staat Israel ein dreifaches Zeichen:

1. das Zeichen der kirchlichen Ohnmacht, weil sie sich nicht voll und ganz für das bedrohte Israel eingesetzt hat;
2. der Treue Gottes — trotz menschlicher Untreue und menschlichen Unglaubens;
3. der Hoffnung, weil Gott sein Volk erneut auf den Weg sendet, seine Erwählung zu erfüllen.

Die Judenchristen, bei denen der Bruch zwischen Kirche und Israel am schärfsten spürbar war, werden in der Studie von 1959 als Ort der wahren Begegnung von Kirche und Israel gesehen. Ihre Position ist besonders delikat, weil viele Juden, gezwungen durch die Judenverfolgung, in christliche Familien aufgenommen und getauft wurden.

Auch in anderen offiziellen kirchlichen Verlautbarungen wurde das veränderte Denken über Ursprung und Wesen der Kirche und ihre jüdischen Wurzeln Teil der Überlegungen.

So wurde 1967 in einem Pastoralschreiben über die Verkündigung der Versöhnung11 aufgrund von Eph 2,14 die traditionelle Problematik des Zusammenlebens von den beiden Brüdern behandelt. Wenn Christus die Trennwand abgerissen hat, darf die christliche Gemeinde sich mit keiner trennenden Mauer mehr abfinden.

In einer Publikation über die Heilige Schrift12 legte die Synode der Nederlandse Hervormde Kerle 1967 ihre neuformulierten Beziehungen zwischen Kirche und Synagoge dar. Die Bibel ist formal und inhaltlich ein jüdisches Buch. Nur wer die Bibel so versteht, ist für das Gespräch mit Israel geeignet.

6. Israel: Volk, Land und Staat

Die politischen Entwicklungen veranlaßten die Synode, 1970 ein Dokument herauszugeben, das darauf hinwies, daß das Gespräch mit Israel13 auch politische Konsequenzen hat, die angesprochen werden müssen. Darin wird zwischen Land und Staat unterschieden. Dieser Staat ist jetzt die Garantie für die Existenz des Volkes, die besondere Stelle Israels ist Folge der göttlichen Bundestreue und nicht seiner sittlichen Qualität. Die Kirche stellt sich hinter das Existenzrecht des Staates Israel. Aber dieses Recht ist ein relatives und exemplarisches, denn ,Israel ist dazu aufgerufen, in seinem Staat so zu leben, daß anderen Völkern ein neues Verstehen der Eigenschaften eines Staates vorgelebt wird‘.14 In Zusammenhang mit den palästinensischen Flüchtlingen wird darum gesagt, daß das Alte Testament Israel gebietet, den Fremden so zu behandeln als wäre er ein Volksgenosse.

7. Ökumene, Antijudaismus und Neuausrichtung des Bekenntnisses zu Israel nach 1980

Das kirchliche Klima in den Niederlanden hatte sich zugunsten einer besseren Zusammenarbeit zwischen den Kirchen auf dem Gebiet Kirche-Israel verändert. Vor allem die Gründung der Stiftung OJEC (Overlegorgaan van Joden en Christenen in Nederland) 1981, einer Gesprächsplattform für Juden und Christen, wurde begrüßt. Es ging um die Förderung der Humanität, um den Kampf gegen den Antisemitismus, um die Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen, um die freundschaftlichen Beziehungen mit Israel unter absolutem Ausschluß von Mission und um die Erziehung von Juden und Christen zu gegenseitigem Respekt. Das OJEC hatte zu einem Klima des Vertrauens zwischen den verschiedenen angeschlossenen Kirchen und dem Judentum geführt. 1986 verlangte das OJEC von den teilnehmenden Kirchen eine Erklärung über die jeweilige Form ihrer Kontakte mit dem jüdischen Volk. Das Gespräch mit Israel führte dazu, daß in Katechese und Erwachsenenbildung immer wieder für jüdische Themen sensibilisiert wurde. Vielerorts entstanden ,Lehrhäuser‘, die sich in ihrer pädagogischen Bildungsarbeit am Judentum orientierten.15 Die Verwurzelung des Christentums im Judentum hatte in der Verkündigung und durch die Arbeit der theologischen Fakultäten große Bedeutung gewonnen.16 Dieses Engagement fand vor allem an der Basis statt.

Fast 30 Jahre nach der Aufnahme des Israelartikels in die Kirchenordnung der Nederlandse Hervormde Kerk brachte die ,éducation permanente‘ weitere Früchte. Weil die Verkündigung des Königreichs Gottes Ausdruck der Erwartung Israels ist, kann es beim Gespräch mit Israel nicht darum gehen, daß die Kirche sich an ein quasi unwissendes Israel richtet. Es ist die Kirche, die am Gespräch mit Israel teilhaben darf.

Ab 1979 wurden von der Synode Vorschläge zur Neuformulierung von Artikel VIII (Das Apostolat der Kirche) diskutiert.

@Die Kirche soll an der Erwartung des Königreiches Gottes teilhaben. Das Apostolat der Kirche ist deshalb die Bezogenheit der Kirche auf die Berufung Israels in der Welt. Man sucht die Kirche nicht gegenüber Israel, sondern neben Israel und in ihrer Nachfolge zu positionieren.
@Vor allem wird eine direktere Hinwendung zu Israel gesucht, weil es, anders als in der alten Formulierung, auch darum gehen soll, daß die Kirche, durch das lernende und lehrende Gespräch mit Israel eine Bereicherung der eigenen Glaubensüberzeugungen sucht.
@Das Gespräch mit Israel sollte ein von beiden Partnern gewolltes Gespräch sein.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Einfluß der „Theologie nach Auschwitz“ sichtbar. Weltweit begann man, auf die antijüdischen Elemente christlicher Theologie hinzuweisen. 1979 veröffentlichte die Nederlandse Hervormde Kerk Vorschläge, die Bekämpfung des Antisemitismus als eine offizielle Aufgabe der Kirche anzuerkennen. Ein erster Schritt wurde 1981 im Rahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen in den Niederlanden mit folgender Erklärung gemacht:

„Christen haben durch eine falsche Anwendung bestimmter Texte der Bibel, durch Diskriminierung, Judenhaß und Pogrome den Weg mitgestaltet, der schlußendlich in den Vernichtungslagern in Nazi-Deutschland endete. Wir dürfen diese tragischen Geschehnisse zwischen Christen und Juden nicht vergessen. Wenn wir offen und profund von jener Schuld aus der Vergangenheit Rechenschaft ablegen, werden wir auch die verhüllten Formen des heutigen Antisemitismus nicht bagatellisieren. Was geschah, darf nie wieder geschehen.“17

8. Die Kirchenordnung von 1991

1991 werden die Formulierungen der Kirchenordnung über Israel von der Synode der Nederlandse Hervormde Kerk verändert und das Apostolat der Kirche in Artikel VIII neu formuliert:

Als Christusbekennende Glaubensgemeinschaft, in die Welt gesetzt, um Gottes Verheißungen und Gebote vor allen Menschen und Mächten zu bezeugen, erfüllt die Kirche, teilhabend an der Israel geschenkten Erwartung des Königreichs Gottes, ihren apostolaren Auftrag insbesondere im Gespräch mit Israel, durch die Arbeit der Mission, durch die Verbreitung des Evangeliums und die ständige Arbeit zur Christianisierung des Volkslebens im Sinne der Reformation.

Die Kirche sucht das Gespräch mit Israel in Hinblick auf das Verstehen der Heiligen Schrift, insbesondere betreffend das Königreich Gottes und das Zeugnis, daß Jesus der Christus ist.

Zwischen der Nederlandse Hervormde Kerk und den Gereformeerde Kerken in Nederland kam es nun zu einem Prozeß wachsender Zusammenarbeit. Israel wurde zum Schlüssel der Ökumene. Seit 1985 bereiteten die beiden Kirchen das Material zum Israelsonntag gemeinsam vor. Auch die Lutherische Kirche in den Niederlanden wurde in diese Arbeit eingebunden.

9. Israel in der Kirchenordnung der Vereinigten Protestantischen Kirche in den Niederlanden

Die Existenz Israels ist die größte ökumenische Frage und es ist ermutigend, daß die Evangelisch-Lutherische Kirche, die Gereformeerde Kerken und die Nederlandse Hervormde Kerk sich 1997 auch auf der Basis dieser Herausforderung für den Weg der Einheit entschieden haben. 1991 verabschieden sich die Gereformeerde Kerken offiziell von der Judenmission. Israel, als bindender Faktor der Ökumene, wurde Teil der Vereinigten Protestantischen Kirchen:

Art. I,1: Die Vereinigte Protestantische Kirche in den Niederlanden ist entsprechend ihrem Bekennen Gestalt der einen heiligen apostolischen Kirche oder allgemeinen christlichen Kirche, die sich, teilhabend an der Israel geschenkten Verheißung, ausstreckt nach dem Kommen des Königreichs Gottes.

Art. I,7: Die Kirche ist berufen, der unaufgebbaren Verbundenheit mit dem Volk Israel Gestalt zu geben. Als Christusbekennende Glaubensgemeinschaft sucht sie das Gespräch mit Israel in Hinblick auf das Verstehen der Heiligen Schrift, insbesondere betreffend das Kommen des Königreichs Gottes.

Die Bildung einer Vereinigten Protestantischen Kirche in den Niederlanden ist in einer theologischen und kirchlichen Atmosphäre möglich geworden, in der das Abseitsstehen Israels als grundlegend ökumenische Frage betrachtet wurde. Viele Fragen bleiben offen und müssen gemeinsam angegangen werden, wobei sicher auch wieder neue, teilweise schmerzliche Erfahrungen gemacht werden. Aber Juden und Christen können und müssen versuchen, die gemeinsame Basis zu festigen, damit die Problemfelder der Zukunft, die Suche nach einem gemeinsamen Ethos, die Sorge um die Schöpfung und die Vermeidung von Kriegen eine wirkliche Chance bekommen.

Die immer noch notwendige Verurteilung des Antisemitismus erscheint jetzt in einem anderen Licht, denn Antisemitismus wäre eine Wunde im eigenen Fleisch. Der biblische Realismus, hörbar im jüdischen Lesen des Alten Testaments, ist Frucht dieses Nebeneinanders von Juden und Christen, trotz der zutiefst schmerzenden Erfahrungen, die Juden im christlichen Umfeld gemacht haben. Auschwitz macht christliches Sprechen schwer und ein Sprechen unter Auslassung Israels sogar unmöglich. Eine vereinigte Kirche, die Teilhaber ist an der Israel geschenkten Verheißung, streckt sich nach dem Kommen des Königreichs Gottes aus. Mit dem jüdischen Ja zur Welt schreitet sie in das 3. Jahrtausend.

  1. Albert J. Rasker, De Nederlandse Hervormde Kerk vanaf 1795, Kampen 1975. Das Verhältnis zwischen Kirche, Juden und Israel wurde von Rasker kurz zusammengefaßt in: Im Gespräch mit Juden und mit Israel (FrRu XXVIII[1976]53-56). Vgl. auch: Albert J. Rasker, Im Gespräch mit Israel. Einblicke in Geschichte und Gegenwart des christlich-jüdischen Dialogs in Holland, in: Peter von der Osten-Sacken (Hg.), Treue zur Thora. Beiträge zur Mitte des christlich-jüdischen Gesprächs. Festschrift für Günther Harder zum 75. Geburtstag, in: Kirche und Judentum, Heft 3, Berlin 1977, 155-161.
  2. Vgl. Clemens Thoma, Holländische Kirchengemeinschaften gegen Judenvertreibungen: 1943, in: FrRu 7[2000]81-91.
  3. Verfasser des Glaubensbekenntnisses waren Dr. Jan Koopmans, Pfr. Kleys H. Kroon und Dr. K. Heiko Miskotte. Miskotte hatte sich mit seiner Dissertation „Het wezen der joodsche re-igie“ einen Namen gemacht; 1939 wurde „Edda en Thora“ publiziert, worin er die religiösen Tendenzen des Nationalsozialismus demaskiert.
  4. Solche synodalen Verlautbarungen wurden mit großem Risiko verbreitet. Siehe: Hendrik Cornelis Touw, Het verzet der Hervormde Kerk, Bd. 2, ‘s-Gravenhage, 1946.
  5. Siehe die positive Beurteilung in: Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes, München 1975, 165.
  6. Zur Vorbereitungskommission gehörten u. a.: Dr. Hendrik Berkhof, Dr. G. P. van Itterzon, Dr. K. Heiko Miskotte und Arnold A. van Ruler. Namentlich in den ,Israel‘-Artikeln ist die Handschrift Miskottes sichtbar.
  7. Es ist das erste Bekenntnis in der Geschichte der Kirche, das das Verhältnis zwischen Kirche und Israel thematisiert. 1948 hat der Weltkirchenrat in Amsterdam Israel nur zusammen mit anderen Religionen behandeln können.
  8. Seit 1950 wird der erste Sonntag im Oktober als Israelsonntag gefeiert.
  9. Arnold A. van Ruler, Die christliche Kirche und das Alte Testament, Beiträge zur Evangelischen Theologie, Band 23, München 1953, 68.
  10. Israel en de kerk, S. 58.
  11. De tussenmuur weggebroken, over de prediking van de verzoening, ‘s-Gravenhage, 1967.
  12. Klare Wijn, rekenschap over geschiedenis, geheim en gezag van de Bijbel, ‘s-Gravenhage, 1967.
  13. Israel: volk, land en staat, ‘s-Gravenhage, 1970. Vgl. Ellen Flesseman-van Leer, Israel, Land, Volk und Staat. Handreichung für eine theologische Besinnung über den Staat Israel, in: FrRu XXIII(1971)19 ff.
  14. Israel: volk, land en staat, 30.
  15. Vgl. Leo A. R. Bakker, Juden und Christen in den Niederlanden. Die Vorgeschichte der Lehrhäuser nach dem Krieg, in: Heinz Kremers/Julius H. Schoeps (Hg.), Das jüdische Religionsgespräch. Studien zur Geistesgeschichte, Bd. 9, Stuttgart/Bonn 1988, 181-197.
  16. Eine besondere Bedeutung kommt der theologischen Fakultät der Universität Amsterdams zu. Dort entwickelte sich eine beachtenswerte exegetische Richtung, die ihre Wurzeln sowohl bei Calvin, Karl Barth, K. Heiko Miskotte und beim Exegeten Frans H. Breukelman hat und bei der Bibelübersetzung von Buber/Rosenzweig ansetzt. Vgl. Uwe F. Bauer, Kol ha-devarim ha-elle, All diese Worte. Impulse zur Schriftauslegung aus Amsterdam. Expliziert an der Schilfmeererzählung in Exodus 13,17-14,31. Frankfurt/M., Bern, New York, Paris 1992,15-168.
  17. Text bei Henk Vreekamp, Zonder Israel niet volgroeid. Visie op de verhuding tussen kerk en joodse volk von hervormde zijde, Kampen 1992, S. 76.

Nico Sonnevelt,1942, Pfarrer der reformierten Kirchengemeinde Rüschlikon, Schweiz, ist in den Niederlanden aufgewachsen, wo er auch sein theologisches Studium vollendete. Er arbeitet an einer Dissertation zu den Wurzeln des kirchlichen und theologischen Interesses am Judentum.


Jahrgang 7/2000 Seite 184



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