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Clemens Thoma

Der Papst in Ägypten, Jordanien, den palästinensischen Gebieten und in Israel

Die biblische Pilgerreise des Papstes sollte auch den Irak einschließen. Da ihm dieser Besuch verwehrt blieb, veranstaltete Papst Johannes Paul II. am 23. Februar 2000 in der Aula Paul VI. eine symbolische Pilgerreise nach Ur in Chaldäa in Form einer Gebetsstunde (Abraham-Feier), „um dort nach den allerersten Anfängen des Bundes Gottes mit den Menschen zu suchen“.

1. Die Reisestationen des Papstes. 24.-26. Februar, 20.-26. März

Ägypten

Donnerstag, 24. Februar

  • Ankunft des Papstes am internationalen Flughafen in Kairo
  • privates Treffen mit dem ägyptischen Staatspräsidenten Mohammed Hosni Mubarak
  • Besuch beim Oberhaupt der Koptischen Kirche, Schenuda III., Papst von Alexandrien und St. Markus in Kairo
  • Besuch beim sunnitischen Mufti, Mohammed Said Tantawi, Groß-Scheich der Al-Azhar-Universität in Kairo

Freitag, 25. Februar

  • Eucharistiefeier und Predigt im Sportpalast, Kairo.
  • Ökumenische Begegnung im interrituellen Priesterseminar des hl. Leo des Großen

Samstag, 26. Februar

  • Besuch der Katharinenkirche im orthodoxen Katharinenkloster auf dem Sinai
  • Wortgottesdienst im Olivengarten des Katharinenklosters am Fuß des Moses-Berges. Ein geplantes interreligiöses Treffen zwischen Juden, Christen und Muslimen kam nicht zustande
  • Rückkehr nach Rom über Kairo
Jordanien, palästinensische Gebiete und Israel

Montag, 20. März

  • Offizieller Empfang durch König Abdallah II. auf dem Queen Alia Flughafen in Amman
  • Besuch am Moses-Memorial auf dem Berg Nebo, Begrüßung durch Prinz Hassan
  • Höflichkeitsbesuch bei König Abdallah II. von Jordanien

Dienstag, 21. März

  • esse im Al-Hussein-Sport-Stadion von Amman mit über 50 000 Gläubigen — auch aus dem Irak und dem Libanon
  • Treffen mit Patriarchen und Bischöfen im lateinischen Vikariat in Amman
  • Besuch am traditionellen Ort der Taufe Jesu auf der Ostseite des Jordan beim Elija-Hügel im Wadi-Al-Kharrar
  • Flug nach Tel Aviv; Staatsempfang in Gegenwart von Staatspräsident Eser Weizman, Ministerpräsident Ehud Barak, mehreren Ministern und religiösen Würdenträgern
  • Einzug in die Apostolische Nuntiatur auf dem Ölberg in Jerusalem

Mittwoch, 22. März

  • Privatbesuch der traditionellen Taufstelle Jesu am Westufer des Jordans
  • Besuch in Betlehem und offizieller Empfang durch den Vorsitzenden der palästinensischen Autonomiebehörde Jassir Arafat
  • Messe auf dem Krippenplatz vor der Geburtskirche und Besuch der Geburtsgrotte
  • Höflichkeitsbesuch im Gästehaus von Jassir Arafat
  • Fahrt durch menschenleere Gassen zum Flüchtlingslager Daheische (Betlehem); nach dem Besuch handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Gruppierungen

Donnerstag, 23. März

  • Messe im Abendmahlssaal auf dem Zionsberg in Jerusalem
  • Besuch im Oberrabbinat „Hechal Shlomo“ in Jerusalem, Treffen mit den Oberrabbinern Israel Meir Lau und Elijahu Bakschi-Doron und Rabbinern aus ganz Israel
  • Besuch in der Residenz des Staatspräsidenten von Israel Eser Weizman
  • Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem
  • Niederlegung eines Kranzes mit gelb-weißen Blumen; außergewöhnliche Ehrung des Papstes durch die Mitwirkung beim Schüren der Gedenkflamme in der Halle der Erinnerung
  • Interreligiöses Treffen im vatikanischen Gästehaus Notre Dame de Jérusalem mit Vertretern aus Judentum, Christentum und Islam; Verstimmung wegen der Rede des Oberrichters des Islamischen Rates, Scheich Taisir Tamimi

Freitag, 24. März

  • Messe mit 100 000 Gläubigen aus aller Welt in Korazim am See Gennesaret (Berg der Seligpreisungen)
  • privates Treffen mit Premierminister Ehud Barak
  • Privatbesuche in Tabgha (Brotvermehrungskirche und Primatskirche) und in Kafarnaum

Samstag, 25. März

  • Messe in der Verkündigungsbasilika in Nazaret
  • Privatbesuch in der Basilika von Getsemani in Jerusalem
  • Besuch im griechisch-orthodoxen Patriarchat in Jerusalem bei Patriarch Diodoros I. Karibalis
  • Treffen mit dem Konsularischen Korps in der Apostolischen Nuntiatur in Jerusalem
  • Besuch im Griechisch-Katholischen Patriarchat bei Patriarchalvikar Erzbischof Dr. Lutfi Laham

Sonntag, 26. März

  • Höflichkeitsbesuch bei dem von Palästinenserführer Yassir Arafat eingesetzten Großmufti von Jerusalem, Scheich Akram Sabri, auf dem Tempelberg
  • Gebet an der Klagemauer
  • Treffen mit dem Armenisch-Apostolischen Patriarchen Torkom II. Manoukian und Besuch der armenischen Jakobuskathedrale
  • Messe in der Grabeskirche
  • Treffen mit Patriarchen und Bischöfen im lateinischen Patriarchat von Jeru-salem
  • Flug von Jerusalem nach Tel Aviv, Abschiedszeremonie auf dem Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv, Rückflug nach Rom

2. Pilger, Seelsorger, Diplomat

Die Hauptabsicht des Papstes war der religiös-seelsorgliche Besuch der heiligen Orte in Ägypten, in Jordanien, in den Palästinensergebieten und im Land und Staat Israel. Der von Krankheiten und Sorgen geschüttelte Pontifex wollte an den heiligen Stätten beten, den Feindschaften in den Gebieten der abrahamitischen Religionen entgegentreten und Gespräche der Versöhnung mit den politischen und religiösen Verantwortlichen dieser Gegenden führen. Im folgenden werden einige Begegnungen zwischen Papst und religiösen und politischen Führungskräften des Nahen Ostens samt den dabei gemachten Aussagen in Erinnerung gerufen. Einige Ansprachen werden ganz oder in wichtigen Punkten wiedergegeben.1

Die Begrüßungsansprache des Papstes bei der Ankunft am 20. März in Jordanien kann als Muster für alle anderen Begrüßungen gelten. In Anwesenheit von König Abdallah II., dessen jüngerem Bruder und Mitgliedern der jordanischen Regierung begann der Papst seine Ansprache mit folgenden Worten:

„In einem Geist tiefer Achtung und Freundschaft richte ich meine Grüße an alle, die im Haschemitischen Königreich Jordanien leben: die Mitglieder der katholischen Kirche und der anderen christlichen Kirchen, die Muslime, die wir, die f únger Christi, hochschätzen, und alle Männer und Frauen guten Willens.

Mein Besuch in Ihrem Land und die ganze Reise, die ich heute beginne, ist ein Teil der religiösen Wallfahrt zum Jubiläumsjahr, die ich zum Gedenken an den 2000. Jahrestag der Geburt Christi unternehme ... Mein Geist wendet sich zu-erst nach Ur in Chaldäa, wo Abrahams Glaubensweg begann. Ich war schon in Ägypten auf dem Berg Sinai, wo Gott dem Mose seinen Namen offenbarte und ihm die Tafeln mit dem Gesetz des Bundes anvertraute.

„Heute bin ich in Jordanien, einem Land, das mir durch die Heilige Schrift vertraut ist: Es wurde geheiligt durch die Gegenwart Jesu selbst und durch die Präsenz von Mose, Elia, Johannes dem Täufer und durch Märtyrer der frühen Kirche. Ihr Land ist bekannt wegen seiner Gastlichkeit und Aufgeschlossenheit allen gegenüber... Majestät, ich weiß, wie sehr Sie sich um den Frieden im eigenen Land und in der ganzen Region bemühen und wie wichtig es für Sie ist, daß alle Jordanier — Muslime und Christen — sich als ein Volk und eine Familie betrachten. In dieser Gegend der Welt stellen sich schwere und dringende Probleme der Gerechtigkeit und der Rechte der Völker und Nationen, die zum Wohl aller Beteiligten und als Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden gelöst werden müssen ... “2

Alle Begrüßungsansprachen auf der Pilgerreise des Papstes hatten den gleichen, jeweils auf das Besuchsland angepaßten Ton: Reverenz vor den obersten politischen Autoritäten des Landes, Begrüßung der Christen aller Konfessionen, der islamischen und der jüdischen Gläubigen, Hinweis auf religiöse Gemeinsamkeiten und Verantwortlichkeiten sowie Lob für bisherige Bemühungen. Damit wurden die Reiseabsichten des Papstes klargestellt: Es ging um die Stärkung des Friedens zwischen den Völkern und Religionen. Ferner brachte der Papst eine große Dosis Mut und Hoffnung mit, um sie in die Herzen der Menschen dieser unruhigen heiligen Gegenden einzupflanzen.

3. In Ägypten und auf dem Sinai

In Kairo traf der Papst am 24. Februar mit dem ägyptischen Staatspräsidenten Hosni Mubarak, mit dem Kopten-Papst Schenuda III. und mit Groß-Scheich Muhammed Said Tantawi von der islamischen Al-Azhar-Universität zusammen. Religiöse Feindschaft kritisierend sagte Johannes Paul II. in Kairo:

„Böses zu tun, Gewalt und Feindschaft im Namen der Religion zu fördern ist ein schrecklicher Widerspruch und eine große Beleidigung Gottes. Leider bietet die vergangene und gegenwärtige Geschichte viele Beispiele für den Mißbrauch der Religion. Wir alle müssen dafür arbeiten, unser Engagement für den Dialog zwischen den Religionen zu verstärken: als großes Zeichen der Hoffnung für die Völker der Welt.“

Die freundschaftliche Atmosphäre zwischen dem Papst und den politischen und religiösen Führern Ägyptens hat viele Beobachter erstaunt und neue Hoffnungen geweckt. Am Fuße des Berges Sinai, im Katharinenkloster, traf der Papst mit dem orthodoxen Patriarchen Demetrios zusammen. In der Nähe der Stelle, wo einst Gott dem Mose im brennenden Dornbusch erschienen war, sagte er: „Hier hat Gott seinen Namen geoffenbart! Hier hat er Sein Gesetz gegeben, die Zehn Gebote! Und hier hat er den Bund geschlossen!“ Die Zehn Gebote auf den zwei Gesetzestafeln „sind heute und immer die einzige Zukunft für die Menschheitsfamilie“.

4. In Jordanien

Am 21. März sagte Johannes Paul II. in seiner Predigt im Sportstadion in Amman u. a.:

„Was sich auf dem heiligen Berg zwischen Mose und Gott ereignete, prägte die folgende Heilsgeschichte als Bund der Liebe zwischen Gott und den Menschen — ein Bund, der Gehorsam fordert, aber Befreiung verspricht. Die Zehn Gebote, die am Sinai in Stein gemeißelt wurden, die aber seit Beginn der Schöpfung ins Menschenherz eingeschrieben waren, sind die göttliche Pädagogik der Liebe ... Das Volle Israel wanderte vierzig Jahre, bis es dieses Land erreichte. Mose, den ,der Herr Auge in Auge berufen‘ hatte (Dtn 34,10), sollte auf dem Berg Nebo sterben; er wurde begraben im Tal Moab. Bis heute kennt niemand sein Grab (Dtn 34,5 f). Aber der Bund und das Gesetz, das er von Gott erhielt, leben in Ewigkeit fort...“

Der Pilgerbesuch des Papstes auf dem Berg Nebo und seine Ansprache in Amman am 20. März können für das kommende christlich-jüdisch-muslimische Gespräch von großer Bedeutung werden. Mose wird — zusammen mit Abraham — als die größte und wichtigste Heilsgestalt vor Christus geschildert. Der mit Mose in direkter Beziehung stehende Bund Gottes mit Israel wurde vom Papst in allen Besuchsländern deutlich als Eckpfeiler des christlichen Glaubens bezeichnet und gewertet. Mose ist einer der größten Heiligen der religiösen Geschichte. Die eindrückliche Reverenz des Papstes vor Mose — einer der wichtigsten Verbindungsgestalten zwischen Juden, Christen und Muslimen — sollte die sich nur auf das Neue Testament beziehenden Christen zum Nachdenken und zur Korrektur bringen.

5. In den palästinensischen Gebieten

Am 22. März war Betlehem, die Geburtsstadt Jesu, das Ziel der päpstlichen Pilgerfahrt. Er betete lange an der Geburtsstätte Jesu. Während des Gottesdienstes auf dem Platz vor der Geburtskirche forderte er die christlichen Gemeinschaften auf, ihr christliches Erbe zu wahren und so den religiösen und politischen Frieden zu stärken. Nur durch den Frieden gebe es Zukunftsperspektiven für das heilige Land: „Betlehem ist wie ein Versprechen für das Geschenk des Friedens.“ Die Geburtsstadt Jesu sei ein „universaler Brennpunkt für den Aufbau einer besseren und menschenwürdigeren Welt“. Über die staatsrechtliche Anerkennung des palästinensischen Staates äußerte sich der Papst zurückhaltend und doch Hoffnung ausstreuend. „Eure Qual steht der Welt vor Augen, und sie dauert schon viel zu lange.“ Das palästinensische Volk habe „ein natürliches Recht auf ein Vaterland“. Nicht nur seine Pilgerreise nach Betlehem war bedeutsam, sondern auch sein heikler und mutiger Besuch des palästinensischen Flüchtlingslagers Daheische. Dies entlockte dem Vorsitzenden der palästinensischen Autonomiebehörde Yassir Arafat den Satz, der Papstbesuch sei „ein heiliger und historischer Moment“ für das palästinensische Volk.3 Der Papst darf nicht nur an fromme Erinnerungsstätten gehen; er muß als Vertreter Jesu auch zu den Unterdrückten und Entrechteten gehen. Jörg Bremer hat in der F.A.Z. vom 23. März 2000 (S. 12) die Besuchstendenz des Papstes richtig umschrieben: „Vorsichtig bewegt sich der erfahrene Kirchendiplomat im Heiligen Land. Er nützt die Theologie, um der Politik ihren Stachel zu nehmen und salbt doch zugleich alle Wunden.“

6. lm Staat Israel

Es waren spannende und bewegende Momente, als der Papst am 21. März in einem Flugzeug der Royal Jordanian Airlines, auf dem die israelische Flagge wehte, auf dem Ben-Gurion-Flugplatz landete und sich zu den zahlreichen ihn empfangenden Spitzenpersönlichkeiten begab. Wie in Jordanien und Betlehem küßte er die ihm gemeinsam von einem jüdisch-israelischen, christlich-israelischen und muslimisch-israelischen Kind in einer Schale dargereichte Erde. Dann folgte die kluge und verständnisvolle Rede des israelischen Staatspräsidenten Eser Weizman. Er lobte den geistig-religiösen Kampf des Papstes gegen den Antisemitismus, sein Bekenntnis der Schuld der Kirche und die offizielle Anerkennung des Staates Israel seitens des Vatikans. Im Zentrum seiner Rede kam er auch auf die heiklen Punkte zu sprechen, gegen die der Papst in Israel nicht verstoßen möge:

„Jerusalem ist die ewige Hauptstadt Israels, das Herz der jüdischen Welt.“ Außerdem ist Jerusalem „ein heiliger Ort für Christentum und Islam. Sie ist die Stadt der Richter Israels, der Könige Israels, der Propheten, Denker und Träumer. Als Hauptstadt des Lan-des Israel ist Jerusalem eine Quelle des Friedens.“4

Wir können in dieser Nummer des FrRu nicht alles unterbringen, was vom Papst in Israel gesagt wurde, wie man ihn auf dem Berg der Seligkeiten feierte und wie die verschiedenen Echos klangen. Wir beschränken uns auf die Rede des Papstes und des israelischen Ministerpräsidenten in Yad Vashem, das Gebet, das der Papst in einem Spalt der Klagemauer deponierte, sowie die Ansprache von Rabbiner Michael Melchior.

6.1 Die Rede des Papstes in Yad Vashem (23.März)

Wird sich der Papst in Yad Vashem, dem Erinnerungsort an die sechs Millionen gequälten und getöteten Jüdinnen und Juden, für das Mitversagen der katholischen Kirche entschuldigen? Die Zeitungen stellten sich diese Frage, bevor der Papst an der Gedenkstätte auftrat. Der Papst enttäuschte nicht. Er legte ein Schuldbekenntnis für die Kirche ab und bat um Verzeihung. Vielen war das zu wenig. Aber in Israel wurde bald begriffen, daß das Oberhaupt der katholischen Kirche Schuldige und Mitschuldige nicht namentlich nennen kann. Kirchlich-religiöse Vergebungsbitten sind mit dem Glaubensbewußtsein verbunden, daß der allwissende Gott allein das Ausmaß menschlicher Schuld kennt. Die Kirche weiß nicht, welche Wege der Verzeihung ihre Mitglieder während der Nazizeit und danach gefunden haben. Sie darf nicht mit dem Finger auf Schuldige zeigen. Die Rede des Papstes in Yad Vashem hatte folgenden Wortlaut:

Die Worte des alten Psalms steigen aus unserem Herzen auf. „Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß. Ich höre das Zischeln der Menge — Grauen ringsum. Sie tun sich gegen mich zusammen; sie sinnen darauf, mir das Leben zu rauben. Ich aber, Herr, ich vertraue auf dich, ich sage: Du bist mein Gott“ (Ps 31,13-15). An diesem Ort der Erinnerungen verspüren Verstand, Herz und Seele ein äußerstes Bedürfnis nach Stille. Stille, um sich zu erinnern. Stille, um den Erinnerungen, die wie eine Flut wiederkehren, einigermaßen Sinn zu geben. Stille, weil es keine Worte gibt, die stark genug wären, um die entsetzliche Tragödie der Schoa zu bedauern. Meine persönlichen Erinnerungen richten sich auf das, was geschah, als die Nazis Polen während des Krieges besetzten. Ich erinnere mich an meine jüdischen Freunde und Nachbarn, einige von ihnen sind umgekommen, während andere überlebten.

Papst Johannes Paul II. in der Halle der Erinnerung. Foto: KNA

Ich bin nach Yad Vashem gekommen, um die Millionen jüdischer Menschen zu ehren, die all dessen beraubt wurden, was sie hatten, insbesondere ihrer menschlichen Würde, und die während des Holocaust ermordet wurden. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, aber die Erinnerungen bleiben.

Hier, ebenso wie in Auschwitz und an vielen anderen Orten Europas, werden wir überwältigt von dem Echo der herzzerreißenden Klagen so vieler. Männer, Frauen und Kinder schreien zu uns aus der Tiefe des Schreckens, den sie erfahren haben. Wie können wir ihren Schrei nicht hören? Niemand kann das, was geschehen ist, vergessen oder ignorieren. Niemand kann das Ausmaß verringern.

Wir wollen uns erinnern. Aber wir wollen uns mit einem bestimmten Ziel erinnern, nämlich dafür zu sorgen, daß solches Böse nie wieder die Überhand gewinnt, so wie es für Millionen unschuldiger Opfer der Nazis der Fall war. Wie konnte der Mensch den Menschen derart verachten? Weil er an einen Punkt gelangt war, an dem er Gott verachtete. Nur eine gottlose Ideologie konnte die Auslöschung eines ganzen Volkes planen und ausführen.

Die Ehrung als „Gerechte der Völker“, die der Staat Israel in Yad Vashem denjenigen zuerkennt, die in heroischer Weise gehandelt haben, um Juden zu retten, bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens, ist eine Anerkennung dafür, daß nicht einmal in der dunkelsten Stunde jegliches Licht verlöscht. Aus diesem Grund wird in den Psalmen und in der ganzen Bibel — ohne die Möglichkeit des Menschen zum Bösen zu verneinen — auch verkündet, daß das Böse nicht das letzte Wort haben wird. Aus der Tiefe des Schmerzes und des Leides ruft das Herz des Gläubigen:

„Ich aber, Herr, ich vertraue auf dich, ich sage: Du bist mein Gott“ (Ps 31,14).

Juden und Christen haben ein gemeinsames geistliches Erbe, das aus der Selbstoffenbarung Gottes erwächst. Unsere religiösen Lehren und unsere geistliche Erfahrung verlangen, daß wir das Böse durch das Gute überwinden. Wir erinnern uns, aber nicht aus dem Bedürfnis nach Rache oder als Anstachelung zum Haß. Erinnern bedeutet für uns, für Frieden und Gerechtigkeit zu beten und uns dem Einsatz für diese Ziele zu verpflichten. Nur eine Welt in Frieden, mit Gerechtigkeit für alle, kann vermeiden, die entsetzlichen Fehler und kriminellen Handlungen der Vergangenheit zu wiederholen.

Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, daß die katholische Kirche, motiviert durch das biblische Gesetz der Wahrheit und der Liebe und nicht durch politische Überlegungen, tiefste Trauer empfindet über den Haß, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden. Die Kirche verurteilt Rassismus in jeder Form als eine Leugnung des Abbildes Gottes in jedem menschlichen Wesen (Gen 1,26).

An diesem Ort der feierlichen Erinnerung bete ich eindringlich dafür, daß unser Bedauern über die Tragödie, die das jüdische Volk im 20. Jahrhundert erlitten hat, zu einer neuen Beziehung zwischen Christen und Juden führen möge. Laßt uns eine neue Zukunft bauen, in der es nie mehr antijüdische Gefühle unter Christen oder antichristliche Gefühle unter Juden gibt, sondern vielmehr gegenseitigen Respekt, wie er von denen gefordert wird, die den einen Schöpfer und Herrn verehren, und laßt uns Abraham als unseren gemeinsamen Glaubensvater ansehen.

Die Welt muß die Warnung hören, die von den Opfern des Holocaust und vom Zeugnis der Überlebenden zu uns gelangt. Hier, in Yad Vashem, lebt die Erinnerung weiter und brennt sich in unsere Seelen. Sie läßt uns ausrufen: „Ich höre das Zischeln der Menge — Grauen ringsum — aber, Herr, ich vertraue auf dich, ich sage: Du bist mein Gott“ (Ps 31,13-15).

6.2 Antwort-Rede des israelischen Ministerpräsidenten

Ehud Barak, der israelische Ministerpräsident, sagte zunächst in spontaner Reaktion auf die Rede des Papstes, dieser habe „mehr als jeder andere für den historischen Wandel im Verhalten der Kirche zum jüdischen Volk getan“. Sein Kommen nach Israel sei „eine historische Reise der Heilung“. Seine Rede hatte folgenden Wortlaut:

Eure Heiligkeit, Papst Johannes Paul II.,
erlauben Sie mir mit ein paar Worten in unserer Sprache zu beginnen, in der Sprache Abrahams, Moses und des Bundes, die wieder die Landessprache im Lande Israel geworden ist. [In Hebräisch: Ein 2000 Jahre alter historischer Kreis kehrt hier zu seinem Anfangspunkt zurück, mit der Last der Erinnerung — Seligkeit und Schmerz, Licht und Schatten, Poesie und Trauerlieder. Die Wunden der Zeit können nicht an einem Tag geheilt werden, aber der Weg, der Sie herbrachte, führt zu einem neuen Horizont. Diese Stunde wird als eine Stunde des Wohlgefallens in die Geschichte eingehen, ein Moment der Wahrheit und des Sieges von Gerechtigkeit und Hoffnung.]

Eure Heiligkeit,
im Namen des jüdischen Volkes, im Namen des Staates Israel und aller seiner Bürger — Christen, Muslime, Drusen und Juden — heiße ich Sie in Freundschaft, in Brüderlichkeit und in Frieden willkommen, hier in Jerusalem, der Hauptstadt Israels, der ewigen Stadt des Glaubens.

Eure Heiligkeit,
wir sind heute hier zusammengekommen in diesem Heiligtum der Erinnerung für das jüdische Volk und für die gesamte Menschheit. Yad Vashem — wörtlich „Ein Platz und ein Name“ — steht für die sechs Millionen unserer Schwestern und Brüder, für anderthalb Millionen Kinder, Opfer des barbarisch Bösen des Nationalsozialismus.

Als sich die Finsternis des Nationalsozialismus herabsenkte und mein Volk aus dem gesamten christlichen Europa in die Gaskammern und Krematorien getrieben wurde, sah es aus, als könne man keinerlei Hoffnung mehr auf Gott oder die Menschen setzen. Um mit den Worten des Propheten Joel zu sprechen — es sah aus, als ob „Sonne und Mond sich verfinsterten, und die Sterne ihren Glanz entzogen“ (Joel2,10). Während dieser Zeit schrieb hier im Lande Israel der Dichter Nathan Alterman folgende brennenden und gepeinigten Verse:

„Als unsere Kinder unter dem Galgen schrieen, vernahmen wir nicht den Zorn der Welt ...“

Eure Heiligkeit,
aus der Tiefe der „langen Nacht der Schoa“, wie Sie es genannt haben, sahen wir Hoffnungsfunken, die sich wie Leuchtfeuer gegen die tiefe Finsternis abhoben, welche sie umgab. Dies waren die Gerechten unter den Völkern, zumeist Kinder Ihres Glaubens, die im geheimen ihr Leben aufs Spiel setzten, um das Leben anderer zu retten. Ihre Namen sind eingeschrieben in den Wänden, die uns hier in Yad Vashem umgeben; sie sind für immer eingeschrieben in die Gedenktafeln unserer Herzen.

Sie, Eure Heiligkeit, waren ein junger Zeuge dieser Tragödie. Und, wie Sie an Ihren jüdischen Jugendfreund geschrieben haben, es kam Ihnen vor, als wäre das Schicksal der polnischen Juden Ihnen selbst widerfahren. Als meine Großeltern, Elka und Shmuel Godin, am sogenannten „Umschlagplatz“ nahe ihrem Haus in Warschau die Todeszüge bestiegen, als sie ihrem Schicksal in Treblinka entgegenfuhren — dem Schicksal von drei Millionen Juden aus Ihrem Heimatland — da waren Sie dort, und Sie erinnerten sich daran.

Sie haben sich mehr als irgend jemand sonst dafür eingesetzt, den historischen Richtungswechsel in der Haltung der Kirche gegenüber den Juden herbeizuführen, der einst von dem verehrten Papst Johannes XXIII. angestoßen wurde, und dafür, die klaffenden Wunden zu bedecken, die über viele bittere Jahrhunderte hinweg schwärten.

Und ich denke, Eure Heiligkeit, daß ich sagen kann, daß Ihr Kommen heute, hier zur Halle der Erinnerung in Yad Vashem, einen Höhepunkt dieser historischen Reise der Heilung darstellt. Hier, in diesem Moment, ist die Zeit selbst zum Stillstand gekommen ... — eben dieser Moment trägt in sich 2000 Jahre der Geschichte. Und ihr Gewicht wiegt beinahe zu schwer, um es zu ertragen.

Kurz bevor Sie sich auf die Wallfahrt hierher begeben haben, hißten Sie die Flagge der Brüderlichkeit auf Vollmast, indem Sie in die Kirchenliturgie eine Bitte um Vergebung einschlossen für die Untaten, welche die Anhänger Ihres Glaubens gegen andere, und besonders gegen das jüdische Volk, begangen haben. Wir begrüßen diesen noblen Akt aus tiefstem Herzen.

Selbstverständlich ist es unmöglich, all die Qualen der Vergangenheit über Nacht zu überwinden. Eure Heiligkeit hat immer wieder Probleme bezüglich der christlichen Beziehungen zu den Juden aufgegriffen. Es ist unser Wunsch, den produktiven Dialog zu dieser Thematik fortzusetzen und zusammenzuarbeiten, um die Geißel des Rassismus und des Antisemitismus zu beseitigen.

Eure Heiligkeit, ich gehöre einem Volk an, welches sich erinnert. Wie niederdrückend die Last der Erinnerung auch sein mag, wir dürfen ihr nicht aus dem Weg gehen, denn ohne Erinnerung kann weder Kultur noch Gewissen existieren.

Die Gründung des Staates Israel — allen Hindernissen zum Trotz — und die Heimholung der Exilierten hat dem jüdischen Volk nicht nur seine Ehre und das Geschick über sein eigenes Schicksal wiedergegeben; es ist die definitive, fortwährende Antwort auf Auschwitz. Wir sind nach Hause zurückgekehrt. Seit dies geschehen ist, wird kein jüdischer Mensch jemals mehr ohne Hilfe bleiben oder jemals wieder des letzten Restes menschlicher Würde beraubt werden. Hier, in der Wiege der Menschheit, haben wir unsere Heimstätte wieder errichtet, auf daß sie in Frieden und Sicherheit gedeihe. Die Verteidigung unseres Staates hat einen hohen Tribut gefordert.

Wir sind nun entschlossen, Wege zu einer historischen Versöhnung zu finden. Wir befinden uns inmitten einer immensen Anstrengung, um einen umfassenden Frieden mit unseren palästinensischen Nachbarn, mit Syrien, dem Libanon und mit der gesamten arabischen Welt zu sichern.

Eure Heiligkeit, mit Dankbarkeit haben wir Ihre Worte über die einzigartige Bindung des jüdischen Volkes an Jerusalem vernommen, daß, und hier zitiere ich Sie, „die Juden Jerusalem leidenschaftlich liebten ... von den Tagen Davids an, der es zu seiner Hauptstadt wählte, und von den Tagen Salomons an, der an diesem Ort den Tempel erbaute, und deshalb wenden sie sich jeden Tag in ihren Gebeten dorthin, und weisen darauf als das Symbol ihrer Nation“.

Ich möchte noch einmal unsere absolute Verpflichtung unterstreichen, alle Rechte und allen Besitz der Katholischen Kirche sowie der anderen christlichen und moslemischen Einrichtungen zu schützen, weiterhin Religionen völlige Religionsfreiheit zu garantieren und die wiedervereinigte Stadt Jerusalem für alle, die sie lieben, offen und frei zu halten wie nie zuvor.

Ich weiß, daß Sie, genau wie wir, auch für die Einheit und den Frieden Jerusalems beten:

„Betet für den Frieden Jerusalems ...
Friede walte innerhalb Deiner Mauern
und Wohlstand in den Palästen,
um meiner Geschwister und Freunde willen,
verkünde ich nun: Friede sei mit Dir!“

Eure Heiligkeit,
Sie sind gekommen in der Mission der Brüderlichkeit, der Erinnerung und des Friedens.
Und wir entgegnen Ihnen: Gesegnet seien Sie in Israel.5

Diese Rede von Ministerpräsident Barak wurde allgemein als die beste und eloquenteste Rede aller israelischen Politiker im Zusammenhang mit dem Papstbesuch gewertet.

6.3 Der Papst an der Klagemauer

Wer in Jerusalem zu der noch erhaltenen Westmauer des im Jahre 70 n. Chr. zerstörten Tempels gelangt, dem fallen sogleich die vielen, in alle erreichbaren Steinritzen hineingezwängten handgeschriebenen Zettelchen auf. Teilweise sind sie lesbar. Sie enthalten Bitten um Gesundheit, Klagen über Unglücksfälle, aber auch Versprechen der Treue! Für Papst Johannes Paul II. war diese fromme Geste ein Ausdruck aufrichtiger Reue über das Versagen der Kirche.

Bei seinem Besuch an der Klagemauer am 25. März deponierte der Papst ein von ihm unterschriebenes Blatt mit folgendem Gebet:

„Gott unserer Väter,
Du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt,
Deinen Namen zu den Völkern zu bringen.
Wir sind in tiefer Trauer über das Verhalten derer,
die im Verlaufe der Geschichte
diesen Deinen Kindern Leid zugefügt haben.
Mit der Bitte um Deine Vergebung
möchten wir uns verpflichten
zu echter Brüderlichkeit mit dem Volk Deines Bundes.“

Papst Johannes Paul II. an der Klagemauer. Foto: KNA

Dieses Gebet ist eine Frohbotschaft an das jüdische Volk. Der Papst als der religiöse Repräsentant der „Völker der Welt“ anerkennt das Volk der Juden als erwähltes Bundesvolk Gottes! Er beschwört seine Glaubensgefährten und Anvertrauten, das gleiche zu tun, und Haß, Neid und Aggressionen abzulegen. Er verbindet seine ins Gebet hineingenommene Bitte um die Verzeihung Gottes mit dem eigenen und dem stellvertretenden Vorsatz, in Zukunft freundschaftliche Geschwisterlichkeit mit dem jüdischen Bundesvolk zu pflegen.

Der Papst anerkennt mit seinem Gang zur Tempelmauer und mit der dort hinterlegten Bitte, daß der Tempel auch im Zustand der fast gänzlichen Zerstörung noch ein Ort der Gegenwart Gottes inmitten seines Bundesvolkes ist und damit ein Zeichen der Erwählung des jüdischen Volkes.

In einem Midrasch zum 2. Buch Mose, der im jüdischen Volk als Ausdruck der verbindlichen Offenbarung Gottes gilt, wird gesagt, daß die Göttlichkeit (= Schekhina; wörtlich Einwohnung Gottes) an der Westmauer des Tempels immer noch gegenwärtig ist und dadurch seine partnerschaftliche und verzeihende Bundestreue bestätigt. Es heißt: „Obwohl der Tempel zerstört ist, ist Gott nicht von dort weggewichen. Rabbi Acha sagte: Niemals weicht die Schekhina von der Westmauer des Tempels weg; es heißt ja: ,Siehe, Er steht hinter unserer Mauer‘ (Hld 2,9).

Gott hat sich nicht in den Himmel zurückgezogen. Er bleibt auf Erden, mitten unter dem Volk seines Bundes. Mit seinem bittenden Gang zur Klagemauer anerkennt der Papst diesen Ort der Gegenwart Gottes als Gebetsstätte des Bundesvolkes Gottes, zu der auch die Völker der Welt vertrauensvoll pilgern und Versöhnung erlangen können.

Besondere Aufmerksamkeit hat auch die Ansprache erregt, mit der der „Mauer-Rabbi“ den Papst an der Westmauer des Tempels begrüßte: Rav Michael Melchior, Oberrabbiner von Norwegen, Minister für soziale Angelegenheiten und für die Diaspora sowie für die Gebetsstätte an der Westmauer des Tempels. Rabbiner Melchior begrüßte den Papst mit folgenden Worten:

Tausende von Jahren sehen von diesem Heiligen Berg und von den Steinen dieses Überrestes unseres heiligen Tempels auf uns herab. Seit Tausenden von Jahren haben sich Juden aus dem Norden und Süden, aus dem Osten und Westen, ja, von allen Enden der Welt, dreimal täglich im Gebet hin zu diesem Ort gewendet.

Nie haben wir aufgehört zu beten. Wir haben nie aufgehört uns zu sehnen: ,Mögen unsere Augen Gottes gnadenvolle Rückkehr zum Zion sehen!‘ In den Folterkammern der Inquisition, während sie auf die Schlinge des Henkers warteten, in vollgestopften Viehwagen nach Auschwitz, Treblinka und Majdanek, in der Hitze des Gefechtes zur Verteidigung unseres Staates, immer haben sich die Juden nach diesem heiligen Ort gesehnt und zu ihm hingewandt gebetet.

Nach unserer Tradition ist die Gegenwart Gottes nie von dieser Westmauer gewichen. Dieser Ort belegt in konkretester Weise den nie endenden Bund zwischen dem Schöpfer der Welt und dem jüdischen Volk. So war es damals, so ist es auch heute, da wir — dank Seiner Gnade — in unsere ewige Heimat und in unsere Hauptstadt zurückgekehrt sind.

Wir begrüßen Ihr Kommen als die Realisierung der Verpflichtung der katholischen Kirche, die Jahre des Hasses, der Demütigung und Verfolgung des jüdischen Volkes zu beenden.

Im Namen der Regierung Israels und des jüdischen Volkes stehen wir heute hier, um lauter und deutlich auszurufen: Nie wieder! Nie wieder dürfen wir die hohen Werte der Religion pervertieren, um Krieg zu rechtfertigen! Nie wieder dürfen wir den Namen Gottes ausrufen, während wir jene niederschlagen, die Er nach Seinem Bild erschaffen hat. Nie wieder!

Denn heute beginnt ein neues Zeitalter, in dem wir alle unsere Augen zum Himmel erheben und uns verpflichten, die alten Wege wieder zu suchen und kühne, neue Straßen anzulegen, die allen Religionen und allen Gläubigen Frieden bringen werden: Juden, Christen und Muslimen in gleicher Weise. In diesem neuen Zeitalter wird der Glaube an Gott das Zeichen für Frieden und Geschwisterlichkeit zwischen den Völkern sein, für Gerechtigkeit und Fürsorglichkeit für jedes seiner leidenden Geschöpfe. Nie mehr wieder!

Denn heute verpflichten wir uns, die Manipulation der Heiligkeit Jerusalems um politischer Ziele willen zu beenden. Jerusalem muß Haß, Kampf und Blutvergießen verwerfen und wieder zur „Stadt des Friedens“ und zu einer Quelle der Heiligkeit werden. Als Antwort auf Ihren Aufruf, die Sache des religiösen Friedens voranzubringen, ist es mir eine Ehre, heute die Errichtung eines interreligiösen Forums anzukündigen, für das ich mich unverzüglich einsetzen werde, und zu dem Vertreter der drei monotheistischen Religionen eingeladen werden, um den Frieden zwischen den Religionen in diesem geheiligten Land, in dieser Gegend und auf der ganzen Welt zu fördern.

Lassen Sie uns gemeinsam unser möglichstes tun, um das Friedenslied des Propheten Jesaja zu verwirklichen: ,Ich werde sie bringen zu meinem heiligen Berg und ich werde sie in meinem Bethaus mit Freude erfüllen. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden auf meinem Altar Gefallen, denn mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden‘ (Jes 56,7).

Die erhabene Heiligkeit Jerusalems zwingt uns, uns über alles Trennende zu erheben. Sie schenkt uns Einsicht und Weitblick, gemeinsam Wege zu finden, Wege des Leben und nicht des Todes, des Segens und nicht der Bedrängnis. Wir heißen Sie hier in Frieden willkommen und wir wünschen Ihnen Segen und Frieden zum Abschied. Möge Er, der Frieden schafft im Himmel, Frieden schaffen auf Erden und für ganz Israel. Und laßt uns sprechen: ,Amen‘.

,Wegen meiner Brüder und Freunde
will ich sagen: In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes,
will ich dir Glück erflehen‘ (Ps 122,8-9).6

Für Rabbiner Melchior war die Begegnung mit dem Papst „ein Tag des Herrn“. Die Besucher sind nicht mehr Fremde, sondern „Brüder und Freunde“, eingeladen, mit dem Judentum an diesem heiligen Ort zu beten. Es wäre ein wichtiger Weg in die Zukunft, wenn sich das Dialogforum von Oberrabbiner Melchior verwirklichen würde. Gespräche des Friedens zwischen den Religionen und den Völkern gehören in die heilige Stadt Jerusalem. Die Pilgerfahrt von Johannes Paul II. durch die Länder der Offenbarung ist ein eindrückliches Zeugnis eines modernen, auf das Judentum bezogenen Christentums. Zugleich ist sie ein Zeugnis einer allen Religionen gegenüber offenen und bedürftigen Kirche. Die vielen Echos auf die Pilgerfahrt des Papstes zeigen auch, daß religiöse Menschen aller Religionen und Konfessionen heute weitgehend bereit sind, die Pfade des Kompromisses und des Friedens zu betreten.

  1. Viele der Informationen über die Papstreise verdanken wir Pfr. Rolf Christian Goethert, Tiberias. Durch ihn sind wir auch zu Informationen gekommen, über die westliche Medien nicht berichtet haben. Vor allem danken wir ihm für die Video-Aufnahme verschiedener An-sprachen und deren Übersetzung aus dem hebräischen Originaltext.
  2. Original in engl. im Osservatore Romano vom 20./21. März 2000.
  3. Vgl. dazu das kurz zuvor getroffene Abkommen zwischen dem Hl. Stuhl und der palästinensischen Befreiungsorganisation (S. 232—234 i. d. Heft).
  4. Diese Zusammenfassung ist der israelischen Zeitschrift Haarez vom 22. März 2000 entnommen.
  5. Quelle: Presse- und Informationsabteilung der Botschaft des Staates Israel in der Bundes-republik Deutschland, Berlin.
  6. Diese Verse zitierte Rabbiner Melchior in lateinischer Sprache.

Gebet für das jüdische Volk

Gott Abrahams,
Gott der Propheten,
Gott Jesu Christi,
in Dir ist alles enthalten, zu Dir strebt alles hin,
Du bist das Ziel von allem.

Erhöre unsere Gebete, die wir für das jüdische Volk erheben, welches — im Hinblick auf seine Vorfahren — Dir weiterhin sehr teuer ist.
Wecke in ihm unaufhörlich eine immer lebendigere Sehnsucht, in Deine Wahrheit und in Deine Liebe einzudringen.
Hilf ihm, damit es durch seinen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit der Welt die Kraft Deines Segens offenbaren kann.
Unterstütze es, damit es Achtung und Liebe von Seiten derer erfährt, die noch nicht die Größe der von ihm erlittenen Leiden begreifen, wie auch von Seiten derer, die solidarisch, im Gefühl gegenseitiger Sorge, gemeinsam den Schmerz der ihm zugefügten Wunden spüren.
Gedenke der neuen Generationen, der Jugendlichen und Kinder, auf daß sie, unveränderlich Dir treu, in dem bleiben, was das besondere Geheimnis ihrer Berufung ausmacht.
Stärke alle Generationen, damit, dank ihres Zeugnisses, die Menschheit begreift, daß Dein rettender Wille sich auf die ganze Menschheit ausstreckt und daß Du, Gott, für alle Völker Anfang und endgültiges Ziel bist.

Dieses Gebet war ursprünglich für den polnischen „Tag des Judentums“ (17. Januar) verfaßt worden. Johannes Paul II. sprach es erstmals bei seinem Treffen mit jüdischen Bürgern am Umschlagplatz in Warschau am 11. Juni 1999 (Vgl. FrRu 6[1999]261, 315). Übersetzt aus dem Polnischen von Manfred Deselaers.


Jahrgang 7/2000 Seite 167



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