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Leser-Echo

Prof D. Dr. Dr. h. c. Gerhard Kaiser, Freiburg, zur Rezension der Tagebücher von Viktor Klemperer (FrRu 6[1999]297-300). Diese Zuschrift drückt auch die verbal übermittelte Empörung von Prof Marianne Awerbuch, Berlin, aus.

In der Bundesrepublik gibt es eine fatale Tendenz, Verspätungen beim Aufarbeiten der NS-Vergangenheit durch Übereifer und Schwarz-Weiß-Manier der moralischen Beurteilungen zu kompensieren. Ein Opfer dieser Tendenz ist auch der deutsch-jüdische Romanist Viktor Klemperer geworden, dessen „Notizbuch eines Philologen“ L(ingua) T(ertii) I(mperii) schon 1947 im Aufbau-Verlag herausgekommen ist. Seit Klemperers später Entdeckung in der Bundesrepublik auf Grund der 1995 erfolgten Veröffentlichung der Tagebücher und der nun endlich auch zur Kenntnis genommenen (in manchem natürlich überholten) Sprachkritik Klemperers am Nationalsozialismus ist dieser Philologieprofessor in den Medien zu einem Helden emporstilisiert worden, der er nicht war. Er war ein kauziger, egozentrischer, pedantischer, von Minderwertigkeitskomplexen geplagter, entsprechend geltungsbedürftiger, anfechtbarer, an verbreiteten Vorurteilen seiner Zeit und sozialen Schicht teilhabender, wissenschaftlich nicht überragender Gelehrter. Nach 1945 war er wohl ein wenig zu sehr um seine Karriere besorgt und ist ein wenig zu schnell  — unter Preisgabe seiner wohlbegründeten Bedenken  — auf die Linie der späteren DDR eingeschwenkt.

Insofern mag die Rezension von Frau Auf der Maur Ausdruck eines gewissen Überdrusses an Heldenverehrung sein. Durch nichts scheint mir aber die Verachtungsgebärde und demagogische Schiefheit ihrer Besprechung gerechtfertigt werden zu können, und ich frage mich, ob nicht die Redaktion auf diesem hochsensiblen Terrain hätte in Erscheinung treten müssen, um  — bei aller Freiheit und Eigenverantwortlichkeit der Rezensentin  — den Eindruck zu verhindern, daß im „Freiburger Rundbrief“ der Antisemitismus zu Wort kommt. Ich habe eine Fotokopie der Rezension von einem Freund aus den Neuen Bundesländern zugeschickt bekommen mit der entsetzten Anfrage, ob in Freiburg ein neonazistisches Journal erscheine, in dem ein solches Pamphlet gedruckt werden könne! Das hat mich überhaupt erst aufmerksam gemacht.

Aber zum Buch selbst. Einem über viele Jahre hinweg minutiös geführten intimen Tagebuch Horizontverengung, Kleinigkeitskrämerei, Wiederholungen, Wehleidigkeit, neurotische Züge, Graphomanie, Selbstbesessenheit vorzuwerfen, ist absurd, denn eben diese Züge machen die Eigenart, den eigenartigen Wert und die Faszination einer derartigen Quelle aus. Sie ermöglicht den Blick in einen erniedrigenden, zermürbenden, die Person und ihr Beziehungsgeflecht zerstörenden, mit Todesangst und Überlebensgier durchsetzten, ständig todesbedrohten Alltag; gewiß kein heroisches Leben, vielmehr ein zerquältes Überleben von hoher Aufschließungskraft für die Atmosphäre der Zeit. Und genau in diesem Sinn ist das Buch von einem sehr großen Publikum gelesen worden. Es hat die Innensicht in das Leben eines jüdischen Deutschen ermöglicht, der Glück gehabt und davongekommen ist. So kann „davonkommen“ aussehen. Und das soll, wie die Rezensentin gleich zweimal sinngemäß sagt, „als Zeugnis für die Nazizeit belanglos“ sein? Genau so unfrisiert und umfangreich mußte es veröffentlicht werden, damit es die quälende und zugleich faszinierende Lektüre wurde, die es ist.

Nicht einen Augenblick lang scheint die Rezensentin erwogen zu haben, daß ein solches Tagebuch weder objektiv sein kann noch soll. Es ist nicht zuletzt selbst Ausdruck und Zeugnis der Isolierung, der Deformation des Schreibers durch die Verhältnisse, aber auch seines verbissenen Willens, zu überleben, zu registrieren, Disziplin, geistige Artikulationsfähigkeit, Beobachtungsgabe selbst unter Extrembedingungen festzuhalten. Dieses Schreiben ist nicht Geschichtsschreibung, es ist eine Überlebensstrategie. Und es ist ehrlich bis in Winkel des Privaten, in die man nicht gern hineinsieht. Aber es gehört schon eine eiserne Selbstgerechtigkeit dazu, aus all diesem die Munition eines Verrisses zu machen, dessen Hauptkriterium Verständnisunwilligkeit ist. Der ausgehungerte Klemperer hat Lebensmittel geklaut, das Katzenklo gereinigt, nervöse Herzbeschwerden ohne objektiven somatischen Befund und eine depressive, möglicherweise psychopathische „arische“ Ehefrau gehabt, die an Schreikrämpfen litt und den ganzen Tag nicht aus dem Bett fand? Warum nur blieb sie liegen? Er wollte trotz „akutestem Geldmangel“ ein Eigenheim und ein Auto besitzen? Und trotz seiner Hypochondrie hat er die Unverfrorenheit gehabt, 79 Jahre alt zu werden? Er war assimilatorisch gesonnen? Er hat Buber, Rosenzweig und Hofmannsthal nicht geschätzt, „Wilhelm Meister“ nicht gelesen, dafür aber Zarah Leander goutiert? Na, da wollen wir mal den ersten Stein werfen!

Um es ganz unmißverständlich zu sagen: Ich fordere nicht mildernde Umstände für Viktor Klemperer, die er nicht nötig hat. Aber es müssen Rezensenten gefordert werden, deren historisches Urteil im historischen Verstehen gründet.


Prof h. c. Dr. Herbert Rosenkranz, Jerusalem, zu „Kaj Munk: Dänischer Pfarrer, Dichter und Märtyrer (1898-1944)“ (FrRu 6[1999]250-258):

Schon anno 1967 erschien die dänische Übersetzung einer früheren Forschung von Prof. Dr. Leni Yahil, deren Buch „Die Schoa“ Sie im selben Heft (S. 303 f.) besprechen. Diese Forschung war eine Pionierarbeit, da sich die Dänen selbst scheuten, über die Rettung der Juden zu sprechen, weswegen auch in Yad Vashem außer dem König und Prof. Ege nicht einzelne Dänen geehrt werden. 1983 erschien die englische Übersetzung: The rescue of Danish Jewry. Test of a democracy. Translated from the Hebrew by Morris Gradel. Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1983.


Prof Dr. David Flusser, Emeritus der Hebräischen Universität Jerusalem, kommentiert die „Auseinandersetzungen um die Vatikanische Diplomatie im Zweiten Weltkrieg“ (FrRu 7[2000]2-10).

Pius XII. war bereits als junger Substitut an den Friedensbemühungen des Vatikans während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) beteiligt. Später hat er die vatikanische Friedenspolitik besonders durch Konkordatsabschlüsse und durch Friedensappelle zu sichern versucht. Er hat Verfolgten — Nichtjuden und Juden  — Unterschlupf und Flucht vor den Nazis ermöglicht. Persönlich war er kein Antisemit, wenn er sich auch keine christliche Theologie des Judentums angeeignet hat.

Der Pacelli-Papst pflegte besondere Bewunderung dem deutschen Volk gegenüber. Sein Denken war aber kaum ökumenisch geprägt, sondern katholisch-defensiv. Er wollte durch persönliche Heiligkeit zum Zeichen des Friedens werden. Mit vielen anderen Verantwortlichen jener dunklen Jahre war er von der Notwendigkeit überzeugt, den Gott- und menschenfeindlichen Bolschewismus in erster Linie bekämpfen zu müssen. Hitler gab sich ja nach außen hin weniger atheistisch und kirchenfeindlich als die Bolschewisten. Die Hauptmacht des Bösen sah der Papst von Rußland her über den Katholizismus hereinbrechen. Er war kein unfehlbarer Geschichts- und Gegenwartsdeuter. Niemand war das damals.


Dr. Berndt Schaller, Göttingen, fügt dem Bericht „Achtung vor dem Namen des Ewigen“ (FrRu 7[2000]70-71) hinzu:

Der Umgang mit dem biblischen Gottesnamen JHWH läßt im christlichen Raum nach wie vor vielerorts zu wünschen übrig. Inzwischen gibt es an dieser Stelle sogar eine eigenartige Übereinstimmung in bibelwissenschaftlichen Abhandlungen und feministischen Verlautbarungen. Namentlich bei Alt- und Neutestamentlern ist es gang und gäbe, das Tetragramm ohne weiteres als Namen zur Sprache zu bringen, und in feministischen Kreisen sucht frau die Verlegenheit, von Gott als „Herrn“ zu sprechen, oft auf die gleiche Art und Weise wett zu machen. Daß damit eine „Degradierung des Gottesnamens zu einem Götzennamen“ erfolgt, hat Franz Rosenzweig bereits in seinem im Juli 1929 verfaßten Beitrag „Der Ewige“ zum „Gedenkbuch für Moses Mendelssohn“ eindringlich aufgewiesen.

Es ist höchste Zeit, daß gerade dieser Beitrag endlich einmal von denen wirklich zur Kenntnis genommen wird, die acht- und gedankenlos oder auch aus vermeintlich rein wissenschaftlichen Gründen mit dem biblischen Gottesnamen umgehen wie mit Hinz und Kunz. Ob mit der Bezeichnung „der Ewige“ ein angemessener Weg zur Wiedergabe des Tetragramms gefunden ist, bedarf sicherlich weiterer Erörterung. Wenn für diese Lösung als Vorbilder Calvin und Franz Rosenzweig ins Feld geführt werden, dann trifft das freilich im Blick auf letzteren nicht zu. Der offensichtlich durch Calvin in die christliche Sprachwelt eingeführte Ersatz des Tetragramms durch die Bezeichnung „der Ewige“ hat zwar durchaus auch in der jüdischen Welt Eingang gefunden: wie Rosenzweig gezeigt hat, begegnet sie erstmals in Mendelssohns Bibelübersetzung und ist von da aus dann im Zeitalter der Emanzipation weithin geradezu Allgemeingut jüdischer Frömmigkeitssprache geworden. Rosenzweig selbst hat sich diesem Trend aber gerade nicht angeschlossen. Er weiß zwar durchaus die Wiedergabe des Tetragramms durch „der Ewige“ bei Mendelssohn zu würdigen; in der eigenen, zusammen mit Martin Buber erstellten Bibelübersetzung macht er sich diese aber nicht zu eigen  — offensichtlich mit Bedacht (vgl. die entsprechenden Äußerungen gegenüber Martin Goldner in seinem Brief vom 23.6.1927). Dort hat er den biblischen Gottesnamen statt der von ihm zunächst im Anschluß an Luther bevorzugten Übersetzung „Herr“ durchgängig wie ein Personalpronomen wiedergegeben und dieses in Großbuchstaben gesetzt: ER – DU.

Ob diese so gelegte Übersetzungsspur auch heute noch beschritten werden kann, erscheint höchst zweifelhaft. Rosenzweigs entschiedener Einspruch gegen den Mißbrauch der scheinbar korrekten Transkription des Namens und seine im Zusammenhang damit vorgetragenen Überlegungen zur Sache bleiben indes davon unberührt. Sie verdienen heute mehr denn je beachtet und bedacht zu werden.


Adelheid Lehmann, Bochum, zum Dokument Antisemitismus, Schoa und Kirche" (FrRu 6[1999]262-279):

Der Arbeitskreis dieser theologischen Studie beschreibt in äußerst präziser, klarer und ehrlicher Weise die Vergegnungs- und Feindschaftsgeschichte zwischen Judenturn und Christentum mit seiner Ausbeutung durch ein politisches System und dem Inferno menschlicher Gewalt. Es gelingt, einen Weg des radikalen Umdenkens in Kirche und Gesellschaft aufzuzeigen. Es ist wie das Abnehmen der Binde, die 2000 Jahre auf der Christenheit gelegen hat.


Martin Bier, Stegen, ebenfalls zum Dokument „Antisemitismus, Schoa und Kirche“ (FrRu 6[1999]262-279).

Die Studie ist ein besonders bemerkenswerter Beitrag, weil mit ihm versucht wird, die schon rund 2000 Jahre währende Judenfeindschaft der christlichen Kirchen in ihrem historischen Verlauf darzustellen und festzustellen, daß dieser kirchliche Antijudaismus aus Wesen und Geboten des Christentums nicht zu erklären und nicht zu entschuldigen ist. M. E. hätte der Begriff „Antijudaismus“ im Titel der Studie nicht fehlen dürfen, zumal der kirchliche Antijudaismus eine besondere Form der offenen oder verdeckten kirchlichen Judenfeindschaft war und ist.

Das jüdische Gebet, das in Abschnitt 34 der Studie erwähnt wird, kann, etwas verschieden formuliert, in „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ von Zvi Kolitz, Piper, Nr. 2666, nachgelesen werden. Diese Quelle wäre es wert, als Fußnote genannt zu werden.


Jahrgang 7/2000 Seite 156



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