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Notizen Jahrgang 7/2000 Heft 2

An der deutschen Botschaft in Kopenhagen wurde am 22. November 1999 eine Gedenktafel in Erinnerung an die Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz (vgl. FrRu 6[1999]250-258), Ulrich von Hassel, Hans Bernd von Haeften, Karl Roloff und Karl Rowold angebracht, die sich in Kopenhagen dem Widerstand angeschlossen hatten. Anläßlich der Enthüllung gab die Botschaft eine Broschüre des dänischen Historikers Kirchhoff heraus mit Tagebuchnotizen von Duckwitz aus der Zeit der Besatzung. Duckwitz sei der „gute Deutsche“ gewesen, so Kirchhoff. Im Gegenzug zum Plan von Ulrich H. Best (vgl. FrRu 4[1997]285 f.) für eine dänische Endlösung verschaffte Georg F. Duckwitz nach einem Gespräch mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Hansson am 21. September 1943 „auf eigene Verantwortung“ den meisten dänischen Juden ein schwedisches Visum.

Die römische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum und das Internationale Jüdische Komitee für Interreligiöse Kontakte (IJCIC) haben ihre Experten für die gemeinsame Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Vatikandokumente aus den Kriegsjahren nominiert. Der Vatikan berief als Experten für Fragen des Holocaust die emeritierte Professorin Eva Fleischner aus New Jersey, Gerald R Fogarty SJ, University of Virginia, und Professor John Morley, New Jersey. Das IJCIC ernannte den Geschichtsprofessor Michael R. Marrus aus Toronto/Kanada, Bernard Suchecky, Direktor an der Freien Universität Brüssel und Robert S. Wistrich, Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem. Das Anfang Oktober 1999 ins Leben gerufene Gremium soll die zwischen 1965 und 1981 publizierten elf vatikanischen Dokumentarbände über die Zeit des Zweiten Weltkriegs untersuchen. Man erhofft sich, daß offene Fragen und Differenzen gemeinsam geklärt werden könnten, betonten Kurienkardinal Edward Cassidy und IJCIC-Präsident Seymour Reich in dem gemeinsamen Kommuniqué. Die Auseinandersetzung um die Öffnung und Auswertung der vatikanischen Archive und um angeblich unterschlagene Geheimdokumente hatte einen neuen Höhepunkt erreicht nach der Veröffentlichung des Buches von John Cornwell, PiusXll. Der Papst, der geschwiegen hat. Der Vatikan hatte diese Darstellungen zurückgewiesen und in dem Zusammenhang der gemeinsamen Expertengruppe zugestimmt.

Vom 23. bis 25. Mai 2000 wird im „Sternberg Centre for Judaism“ in London eine Konferenz zwischen der Vatikanischen Kommission für religiöse Beziehungen zum Judentum und Verantwortlichen der Reformsynagogen Englands stattfinden. Mit dem Thema „The Theology of Partnership“ sollen neue inhaltliche Impulse für den künftigen Dialog zwischen dem Vatikan und den jüdischen Gemeinschaften entstehen. Aus vergangenen Erfahrungen haben beide Gesprächspartner gelernt, daß der Antisemitismus ein zentrales jüdisch-christliches Gesprächsthema ist. Das Thema genügt aber nicht, um aufgrund jüdisch-christlicher Gemeinsamkeiten verständnisvoller und anregender füreinander zu werden.

Die Kirchen Österrreichs begingen am 17. Januar 2000 erstmals als festen Punkt im Kirchenjahr den „Tag des Judentums“. „Wir beten, daß alle Kirchen erkennen, daß der Heilsweg des Ersten Testaments weiterhin gültig ist und so mit allen Formen des jahrhundertelangen Judenhasses brechen“, so die Botschaft des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ). Metropolit Michael Staikos, Vorsitzender des ÖRKÖ und Gerhard Bodendorfer, Präsident des Koordinierungsausschußes für christlich-jüdische Zusammenarbeit formulierten das Anliegen in einem Begleitbrief: „Die jahrhundertelange Verfolgung der Juden durch Christen macht es notwendig, daß auf dem Weg der Buße und der Neubesinnung eine Haltung gegenüber den Juden heranreift, die dem Evangelium entspricht.“

Am 2. November 1999 legte Altbundeskanzler Helmut Kohl in Mishkenot Shaánanim in Jerusalem den Grundstein für das Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum. Die Idee konzipierte Altbürgermeister Teddy Kollek. Zielsetzung des Zentrums ist nach Dr. Johannes Gerster, Konrad-Adenauer-Stiftung, Jerusalem: „Juden, Christen, Moslems, Menschen unterschiedlichen Herkommens, verschiedenartiger Kulturen, vieler Nationen sollten in der Nachbarschaft zum Davids-Tower und zur Kotel, zur Via Dolorosa und zur Grabeskirche, zur Al Aksa Moschee und zum Felsendom zusammenkommen und den Beweis führen, daß jahrhundertelanger Streit mit gutem Willen überwunden werden kann. Daß ein israelisch-deutsches Projekt wie das Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum in der jüdischen Stadt Jerusalem ein optimistisches Symbol sein kann, daß es selbst nach den grausamsten Verbrechen von Deutschen an Juden wieder Hoffnung auf ein Miteinander geben kann, gibt mir persönlich auch Hoffnung auf Verständigung im Nahen Osten und insbesondere in Jerusalem, der Stadt des Friedens.“

Zur Jahrtausendwende hat das Israel-Museum in Jerusalem eine Dauerausstellung zur Geschichte des Christentums eingerichtet. Die zum Teil schon über 2000 Jahre alten Gegenstände sind die faßbaren Zeichen einer langen und facettenreichen Geschichte, die im Land Israel ihren Anfang nahm. Jedes der Exponate stellt einen Aspekt dieser Geschichte dar. Das Israel-Museum umfaßt neben der archäologischen Abteilung und dem Schrein des Buches eine Abteilung für Judaika und jüdische Ethnographie, eine Kunstabteilung, einen Skulpturengarten und eine Jugendabteilung.

Eine Umfrage unter mehr als 700 katholischen Seelsorgern und Seelsorgerinnen in Salzburg, Oberösterreich und Wien zum Judentum und zum christlich-jüdischen Dialog, durchgeführt von Josef Peter Zauner, Institut für Judaistik und alttestamentliche Bibelwissenschaft der Universität Salzburg, ergab, daß die Neubewertung des Judentums, wie sie vom Konzil ihren Ausgang genommen hat und von Papst Johannes Paul II. immer wieder eingefordert wird, in kleinen Schritten zu greifen beginnt. Die traditionell antisemitischen Stereotypen bestehen heute praktisch nicht mehr. Fast einhellig wurde der Aussage zugestimmt, das Christentum sei ohne seine jüdische Wurzel undenkbar, mit überwältigender Mehrheit wurde auch die Bedeutung des christlich-jüdischen Dialogs herausgestrichen. Aber mehr als zwei Drittel der Befragten sehen noch einen Gegensatz zwischen dem „Liebesgebot Jesu“ und dem „Gesetzesgehorsam“ des Alten Testaments. Fast die Hälfte ist der Meinung, die Kirche des Neuen Testaments hätte Israel als Gottesvolk abgelöst. Rund ein Viertel versteht das Alte Testament nur als Vorstufe des Neuen und betrachtet den Bund Gottes mit Israel als aufgehoben. Ebenfalls ein Viertel der Befragten gab an, Gott setze seine Heilsgeschichte im heutigen Judentum nicht fort.

Forscher finden immer mehr Hinweise auf eine europäische Geniza. Dies wurde bei einer Konferenz an der Mount Scopus Universität in Jerusalem Dezember 1999 festgestellt. Die Funde sind zwar nicht so umfangreich wie jene der Kairo-Geniza (mehr als 200 000 Schriftstücke) und sie finden sich auch nicht an einem einzigen Ort. Die Pergamente wurden auch nicht als Dokumente aufbewahrt, sondern zweckentfremdet als Einband- und Packmaterial in den Archiven von Klöstern und Städten. Es wird angenommen, daß einiges von dem inzwischen gefundenen Material während der Inquisition konfisziert, aber, aufgrund seines materiellen Wertes, nicht verbrannt wurde. Bereits in den achtziger Jahren hat Prof Baruch Joseph Sermoneta systematisch italienische Archive durchsucht. Seither sind 7000 Pergamente fotografiert worden, davon etwa 3000 aus Modena, 850 aus Bologna und der Rest aus kleineren Städten in Nord- und Mittelitalien. Neben Auszügen aus Talmud und Gebetbüchern finden sich unter den Dokumenten auch Werke, die bisher nur aus Hinweisen in mittelalterlichen jüdischen Schriften bekannt waren. In Bologna gefundene Stücke wurden von Dr. Simha Emanuel (Tel Aviv) als ein bisher unbekannter Raschi-Kommentar zum Traktat Nazir identifiziert. Nach Prof Mauro Perani (Bologna) kommt der interessanteste Fund aus Gerona, Spanien, und besteht u. a. aus bereits auf Papier geschriebenen Briefen, Urkunden, Notizen und Auszügen aus Gemeinderegistern. Mehrere tausend Dokumente werden noch in den Archiven von Gerona, Barcelona und anderen spanischen Städten vermutet.

Seit sieben Jahren veranstaltet die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Trialogtagungen zum Thema: Juden — Christen — Muslime in einer Welt. Bei der Tagung vom 13. bis 15. Dezember 1999 zog Johann Baptist Metz eine Summe seines Lebenswerkes. An Gott zu glauben verlangt, so Metz, sich zu einem verletzlichen, leidempfindlichen Gott zu bekehren. Fremdes Leid ist wahrzunehmen und gerade nicht mit dem Hinweis auf den leidenden Gott zu beantworten. Esther Seidel (London) erläuterte das jüdische Einheitsideal: „Wir Juden sind uns darin einig, daß wir nach innen uneinig sind, aber nach außen hin als Einheit erscheinen wollen. Denn wir bekennen uns alle zum Judentum.“ Nach einem Rückblick ins oströmische (Sonja Güntner-Ginzel) und osmanische Reich (Hayrettin Aydin) stellte Axel Aiyyub Köhler das islamische Staatsverständnis dar. Faride Akashe-Böhme gab einen Einblick in „Politik und Religion bei den Schiiten“. Sie sind vom Bewußtsein geprägt, die kleinere, unterlegene Fraktion zu sein; das führt zu Leidensmystik und aufruhrbereiter Kritik. Elsayed Elshahed, Kairo, verlangte, wer ernsthaft von den drei Religionen sprechen will, müsse den Koran als „Drittes Testament“ anerkennen. (Jürgen Kuhlmann)

Die katholische Gemeinde von Sacra-mento, Kalifornien, wertete die Predigt von Rabbiner Reuven Taff während eines katholischen Gottesdienstes in der Kathedrale von Sacramento am 21. November 1999 als ein historisches Ereignis. Achtzehn Monate vorher hatte Bischof William K Weigand in der Synagoge „Mosaic Law“ die jüdische Gemeinde um Verzeihung gebeten für „das Blut und die Tränen“, die Christen über die Jahrhunderte unter Juden verursacht hatten.

Die Schüler der Johann-Heinrich-von-Landeck-Schule in Bad Krozingen, Süd-Baden, erlebten einen lebendigen und nachahmenswerten Geschichtsunterricht, als, auf Einladung von Rektor Helmut Weber, Max Mannheimer, Präsident des deutschen Dachau-Komitees, zu ihnen sprach. Aus Max Mannheimers Familie überlebten nur er und sein jüngster Bruder. „Ich komme nicht um anzuklagen, sondern um aufzuklären“, war sein zentrales Anliegen.

Am 26. Oktober 1999 wurde in Haifa das neue Altenwohnheim „Beit Daniel“ eingeweiht, benannt nach Daniel Rufeisen (vgl. FrRu 6[1999]62-66). Das Heim bietet 15 Wohnplätze. Wie das Gertrud Luckner Altenwohnheim in Nahariya dient es vor allem Christen, die aufgrund der Nürnberger Gesetze verfolgt wurden.

Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart, hat die Erklärung der 9. Synode der Evangelischen Kirchen in Deutschland (Leipzig, November 1999) zum Thema „Reden von Gott in der Welt. Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend“ als zweideutig kritisiert. Nach Ansicht von Berger sollten sich die jüdischen Gemeinden durch einen umfassenden jüdischen Religionsunterricht aktiv gegen missionarische Versuche zur Wehr setzen. „Nur fundiertes jüdisches Wissen schützt vor christlichem Unfug.“ Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland sagte vor den Synodalen, er sieht im „gegenseitigen Respekt der Religionen, trotz unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Überzeugungen, die große zivilisatorische Herausforderung der Gegenwart“.

Die Evangelische Kirche von Westfalen hat jeglicher Judenmission eine Absage erteilt (vgl. Ev. Kirchentag Stuttgart, FrRu 6[1999]308-309). Christen und Juden bezeugen gemeinsam die Treue Gottes, erklärte die Landessynode in Bielefeld. Jüdische Menschen seien Schwestern und Brüder im Glauben. Diese Einsicht lasse es nicht zu, daß Christen Juden auf den christlichen Glauben verpflichten wollten. Mit ihrer Erklärung zog die Landessynode eine Zwischenbilanz der seit einem Jahr in Westfalen laufenden Beratungen über ein neues Verhältnis zwischen Christen und Juden. Christen könnten nur gewinnen, wenn sie sich um ein neues Verhältnis „zu ihren älteren Geschwistern“ bemühten, sagte Superintendent Erhard Nierhaus (Hamm) als Vorsitzender des vorbereitenden Ausschusses.

Vom 5. bis 11. September 1999 fand in Auschwitz im Zentrum für Dialog und Gebet ein akademischer Studienaufenthalt zum Thema „An der Schwelle von Auschwitz“ statt. Juden und Christen, Polen, Franzosen und Deutsche nahmen daran teil. Neben den Vorträgen besichtigten die Teilnehmer die Gedenkstätten Auschwitz-Birkenau, das Krakauer Kazimierz, das Zentrum für jüdische Kultur und die Ausstellung „Klischees der Erinnerung“ von Marian Kolodziej, Häftling Nr. 432. Diese jugoslawische Ausstellung ist bereits von bis zu 100 000 Jugoslawen (Serben, Kroaten und Muslimen) besichtigt worden. „Es bleibt also die Frage“, so Marek Górski, Stadtrat aus Raszyn und Mitglied des polnischen Rates für Christen und Juden, „ob diese Leute daraus keine Folgerungen gezogen haben?“ Die Seminarteilnehmer versuchten die Worte von Johannes Paul II. zu verstehen und zu erfahren: „Wir stehen an einem Ort, an dem wir nicht anders können, als einander als Geschwister sehen zu wollen (Manfred Deselaers, nach einem Bericht von Tadeusz Jachnicki).


Jahrgang 7/2000 Seite 151



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