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In memoriam

Oscar Cullmann (1902-1999)

Seine Geburt in Straßburg, in der Stadt Albert Schweitzers, prädestinierte Oscar Cullmann für eine Karriere als Exeget und für ein ökumenisches Engagement. Von den Ursprüngen des Christentums leidenschaftlich erfaßt und im interkonfessionellen Dialog engagiert, lehrte Cullmann, obgleich er lutherischen Bekenntnisses war, viele Jahre an der reformierten theologischen Fakultät in Basel. Als Fachmann für die Schriften des Neuen Testaments wußte Cullmann diese stets hochzuschätzen, ohne daß er dabei modischen Trends oder abenteuerlichen Interpretationen folgte. Schon sehr früh wandte er sein Interesse den Judenchristen der Anfangszeit zu und publizierte eine Untersuchung über die Pseudoklementinen. Er war erfreut über den Text des koptischen Thomas-Evangeliums, der im Jahr 1959 gefunden wurde.

Cullmann zeichnete sich besonders aus durch ein Verständnis der linearen biblischen Zeit, im Unterschied zum zyklischen Zeitverständnis der griechischen Antike. Nicht weniger berühmt war seine Erkenntnis von der kollektiven Auferstehung im Gegensatz zur individuellen Auferstehung der Seele, wie sie die platonische Philosophie lehrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Oscar Cullmann in Basel eine große Zahl von Studenten und Forschern an, darunter besonders Bernhard Blumenkranz. Seine Lehrveranstaltungen führten ihn in der Folge nach Paris und Rom. Die Zeit an der Waldenser Universität in Rom erlaubte ihm, zahlreiche Verbindungen mit katholischen Kreisen herzustellen. Seine Theologie, die auf einer heilsgeschichtlichen Perspektive basiert, wurde positiv aufgenommen. Cullmanns Buch, „Der hl. Petrus, Jünger, Apostel und Martyrer“ (1952) setzte einen Meilenstein, wenn er feststellte, daß Simon-Petrus nicht lediglich die Rolle des Vorsitzenden im Apostelkolleg innehatte, sondern daß er von Christus einen eigenen Auftrag zur Zeugenschaft erhalten hat. In einer Zeit, als die Kontakte auf höchster Ebene selten waren, wurde Cullmann von den Päpsten Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI. empfangen. Er wurde persönlich als Beobachter zum II. Vatikanischen Konzil eingeladen und dort oft gehört. Seine direkten Beziehungen zu Paul VI. mündeten in das Projekt des Ökumenischen Instituts Tantur, das auf halbem Weg zwischen Bethlehem und Jerusalem liegt.

Oscar Cullmann hinterläßt eine Fülle von Arbeiten über das Neue Testament, über die Geschichte der frühen Kirche und die ökumenische Frage. Nachdem er im Streit um die Heilsgeschichte Position bezogen hatte, wandte er sich gegen Rudolf Bultmann. Er machte ihm zum Vorwurf, seine Theologie trage eine fremde philosophische Problematik — diejenige von Heidegger — in die Exegese ein. Dabei gehe es nicht um Heidegger und sein Gedankengut, auch nicht um seine Methode, sondern um ihn selbst als Existenzphilosophen und Zeugen seiner Epoche. Cullmann lehrte uns, eine Beziehung zwischen dem Entmythologisierungsprogramm und dem Studium der Ursprünge des Christentums nicht anzunehmen. Diese Kontroverse wurde nie aufgelöst.

Oscar Cullmann begriff sich als schlichter Exeget und als Zeuge Jesu Christi. Er bestand darauf, daß die Kirchen einander kennenlernen und daß sie, auch ehe sie zur Einheit gefunden haben, einander helfen. 1958 legte er nahe, daß die „Kollekte für die Armen in Jerusalem“, die für Paulus eine Forderung der Gerechtigkeit und ein Zeichen der Einheit war, eine aktuelle Bedeutung hat. Seine Exegese in bezug auf diesen Sachverhalt wurde voll angenommen, besonders anläßlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen. In einer seiner letzten Publikationen, „Einheit durch Vielfalt“ (1986), entwickelte er seine Vision von der „Einheit, die wir suchen“. Gestützt auf das Neue Testament, plädierte er für die Anerkennung einer Art ersten Einheit, die zureichend sichtbar und so strukturiert ist, daß sie eine allgemeine Zustimmung ermöglicht, aber genügend Raum läßt für die Wahrung der Verschiedenheit. Diese Hoffnung hat seine unermüdliche Arbeit bis in die letzten Jahre getragen. Oscar Cullmann starb am 16. Januar 1999 im Alter von 96 Jahren im schweizerischen Chamonix.

Bernard Dupuy

Der Nachruf, übersetzt aus dem Französischen von Alwin Renker, ist der Zeitschrift Istina (XLIV[1999]269 f.) entnommen, deren Gründer und Herausgeber Père B. Dupuy OP ist.


Eugen Walter (1906-1999)

Am 14. Oktober 1999, drei Jahre nach seinem 90. Geburtstag (vgl. FrRu 3[1996]312 f.), verstarb unser Konsultor und Mitglied des Freiburger Rundbriefs e. V. Prälat Dr. theol. h. c. Eugen Walter. Wiewohl er ein biblisches Alter erreichte und er Gott für die geistige Frische bis ins hohe Alter dankbar sein konnte, verlieren wir in Eugen Walter einen Mann der ersten Stunde, einen Freund und treuen Beistand von Gertrud Luckner im christlich-jüdischen Dialog. Sein über ein halbes Jahrhundert erfolgtes Eintreten für die Erneuerung des christlichen Glaubens kam auch der Verständigung zwischen Juden und Christen zugute. E. Walter war es ein Anliegen, daß sich das Christentum seinen im recht verstandenen Sinn „älteren Brüdern“, dem heutigen Judenturn, gegenüber glaubwürdig und aufgeschlossen erweist, nicht ohne das Eingeständnis einer jahrhundertealten christlichen Geschichte des Hasses und der Unterdrückung der Wahrheit über das jüdische Volk. Papst Johannes Paul II. hat das Eingeständnis dieses Unrechts an der Wende ins dritte Millennium verkündet und den Ruf der „Teschuva“, der Umkehr, programmatisch der Kirche vorgegeben. Prälat Eugen Walter lebte diese Umkehr schon viele Jahrzehnte vorher, ehe sie sich die offizielle Kirche zu eigen machte. Wir, die heutige Generation, können das Andenken dieses großen Mannes am besten bewahren, wenn wir in der Bescheidenheit und Beharrlichkeit, die ihm eigen war, ein einladendes Gesicht des Christentums zeigen — allen Menschen und besonders dem jüdischen Volk.

Alwin Renker


Jahrgang 7/2000 Seite 149



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