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Gertrud Luckner
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Berichte Heft 2 Jg 7/2000

Weltgipfel der Religionen: Schlußbotschaft

Vom 25. bis 28. Oktober 1999 trafen sich im Vatikan rund 220 Mitglieder von 19 Glaubensgemeinschaften zu einem Weltgipfel der Religionen. Das erste große interreligiöse Treffen hatte auf Einladung von Papst Johannes Paul II. 1986 in Assisi stattgefunden. Zum Abschluß der Begegnung verlas Kardinal Francis Arinze, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, am 28. Oktober 1999 auf dem Petersplatz in Rom folgende Botschaft:

An der Schwelle des Dritten Jahrtausends möchten wir, Vertreter verschiedener religiöser Traditionen, die im „Geist von Assisi“ aus vielen Teilen der Welt in der Vatikanstadt zusammengekommen sind, die Früchte der in diesen Tagen gesammelten Erfahrungen, die herangereiften Überzeugungen und die Hoffnung, womit wir uns der Zukunft unserer Welt gegenüberstellen, teilen.

Wir sind uns der dringenden Notwendigkeit bewußt:

  • verantwortungsbewußt und mutig an die Probleme und Herausforderungen der modernen Welt heranzugehen (Armut, Rassismus, Umweltverschmutzung, Materialismus, Kriege und Waffenhandel, Globalisierung, Aids, Mangel an medizinischer Hilfe, Zerrüttung der Familie und der Gemeinschaft, Ausgrenzung der Frauen und Kinder);
  • gemeinsam zu arbeiten, um die menschliche Würde als Quelle der Menschenrechte und der entsprechenden Pflichten zu bekräftigen; sowie zusammenzuwirken im Kampf für die Gerechtigkeit und den Frieden für alle;
  • ein mit den religiösen Traditionen in Einklang stehendes, neues geistiges Bewußtsein für das ganze Menschengeschlecht zu schaffen, um zu bewirken, daß dem Grundsatz der Respektierung der Religionsfreiheit und der Gewissensfreiheit Vorrang gegeben wird.

Wir sind überzeugt, daß unsere religiösen Traditionen über Mittel und Wege verfügen, die notwendig sind, um die Zersplitterungen, die wir in der Welt beobachten, zu überwinden und die gegenseitige Freundschaft und die Achtung unter den Völkern zu fördern.

  • Wir sind uns bewußt, daß viele tragische Konflikte in der Welt ihren Ursprung in der pragmatischen und oft ungerechten Verbindung von Religionen mit nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen und anderen Interessen haben.
  • Wir sind uns bewußt, daß wir, wenn wir nicht die Pflicht erfüllen, die höchsten Ideale unserer religiösen Traditionen in die Praxis umzusetzen, für die Konsequenzen verantwortlich gemacht und streng gerichtet werden.
  • Wir wissen, daß die Probleme, die die Welt belasten, von solcher Tragweite sind, daß wir nicht imstande sind, sie im Alleingang zu lösen. Daher besteht eine dringende Notwendigkeit zu interreligiöser Zusammenarbeit.

Wir alle sind uns bewußt, daß die religiöse Zusammenarbeit nicht den Verzicht auf unsere religiöse Identität beinhaltet, sondern eher ein Weg ist, der zu Entdeckungen führt:

  • Wir lernen gegenseitige Achtung als Glieder einer einzigen Menschheitsfamilie;
  • wir lernen sowohl die Unterschiede achten als auch die gemeinsamen Werte schätzen, die uns miteinander verbinden.

Wir sind also überzeugt, daß wir imstande sind, zusammenzuarbeiten in dem Bemühen, Konflikten vorzubeugen und die Krisen zu überwinden, die in den verschiedenen Teilen der Welt bestehen. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Religionen muß sich stützen auf die Ablehnung von Fanatismus, extremistischer Einstellung und von gegensätzlichen Positionen, die zur Gewalttätigkeit führen. Wir alle sind uns der Wichtigkeit der Instruktion und Information bewußt als Mittel, das gegenseitige Verstehen, die Zusammenarbeit und die wechselseitige Achtung zu fördern. Das beinhaltet:

  • die Familie als Grundpfeiler der Gesellschaft zu unterstützen;
  • den jungen Generationen zu helfen, ihr Gewissen zu bilden;
  • die grundlegenden und gemeinsamen moralischen und geistig-geistlichen Werte zu betonen;
  • ein geistliches Leben zu pflegen (durch das Gebet, die Meditation und die Sammlung, jeweils der Praxis einer jeden religiösen Tradition entsprechend);
  • alle Mittel, einschließlich der Massenmedien, anzuwenden, um Informationen über die gegenseitigen religiösen Traditionen zu vermitteln;
  • sich zu vergewissern, daß Texte, die Geschichte und Religion betreffen, eine objektive Darstellung der religiösen Traditionen bieten, damit die zu diesen Traditionen gehörenden Menschen sich in ihnen wiedererkennen können.

Alle sind berufen, sich in diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog einzuschalten. Das führt uns zu einer Anzahl von Aufrufen:

Wir rufen die religiösen Führer auf, im Umkreis der einzelnen Gemeinschaften den Geist des Dialogs zu fördern und gegenüber der zivilen Gesellschaft auf jeder Ebene dialogbereit zu sein.

Wir appellieren an alle führenden Persönlichkeiten der Welt, unabhängig von ihrem Einflußgebiet, daß sie:

  • sich weigern zu gestatten, daß die Religion als Aufwiegelung zu Haß und Gewalt mißbraucht wird;
  • sich weigern zu gestatten, daß die Religion mißbraucht wird, um Diskriminierung zu rechtfertigen;
  • den religiösen Boden in der Gesellschaft auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene anerkennen;
  • die Armut ausmerzen und für die soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit kämpfen.

Im Geist des Jubiläums wenden wir uns an uns alle, die wir heute hier zusammengekommen sind:

  • um Vergebung zu suchen für die Irrtümer von gestern;
  • um die Versöhnung zu fördern, wo die schmerzvollen Erfahrungen der Vergangenheit Zwietracht und Haß verursacht haben, und nicht zu gestatten, daß das Vergangene sich hindernd dem Weg zu gegenseitiger Achtung und Liebe entgegenstelle;
  • um uns für die Überwindung des Unterschieds zwischen Reichen und Armen einzusetzen,
  • und um für eine Welt zu arbeiten, in der wahrer und dauerhafter Friede herrscht.

Mit Freude und Dank — die meisten von uns würden sagen: mit Dank in erster Linie Gott gegenüber — bieten die hier zu dieser Interreligiösen Begegnung versammelten Teilnehmer ihren Brüdern und Schwestern diese Botschaft der Hoffnung an.

(Orig. engl.; ital. in: L‘ Osserv. Romano 30.10.1999)


Galut — Das jüdische Exil in seinen Deutungen

Vom 12.-15. Oktober 1999 fand im Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Universitären Hochschule Luzern eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Das jüdische Exil in seinen jüdischen und christlichen Deutungen“ statt. Die wissenschaftlichen Partner waren das IJCF unter der Leitung von Clemens Thoma und das Franz-Rosenzweig-Forschungszentrum für deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte der Hebräischen Universität Jerusalem. Judaisten aus Tübingen, Basel und Salzburg schlossen sich den Wissenschaftlern aus Jerusalem und Luzern an.

Dr. Rolf Bloch, Prof. Dr. Clemens Thoma

Dr. Rolf Bloch, Muri bei Bern, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, und Prof. Dr. Clemens Thoma, Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung, Luzern. Foto: Ruedi Hopfner

In seinem Eingangsreferat definierte Clemens Thoma Galut als einen durch Verbannung erzwungenen Aufenthalt in einem fremden Land, wodurch sich die im Exil befindliche Gemeinschaft in einem schwer erträglichen sozialreligiösen Zustand befindet, während bei einem freiwilligen Leben im Ausland von „Diaspora“ zu sprechen sei. Das Bewußtsein, im Exil zu leben, ist demnach eine israelitisch-jüdische Ur- und Dauererfahrung. Sie begann bei der Vertreibung aus dem Paradies (Yehoiada Amir, Yossi Schwartz) und wurde beim Exodus aus Ägypten und bei der israelitischen Wüstenwanderung verstärkt (llana Pardess). Das babylonische Exil im 6. Jh. v. Chr. war für das israelitische Volk eine ebenso starke Exilserfahrung wie früher die Unterdrückungszeit in Ägypten. Das Buch Daniel läßt sie in die letzten Weltzeiten einmünden (Hans A. Rapp). Die Eroberung Jerusalems, die Tempelzerstörung und die sich daran anschließende Vertreibung und Unterdrückung des jüdischen Volkes verstärkte das jüdische Exilsdenken (Daniel Schwartz). Auch die frühen Christen erbten es in der Verfolgungszeit (C. Thoma).

Die religiöse Geistigkeit des Judentums im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war ebenfalls geprägt von der Entfremdung und der Hoffnung auf die Beendigung der Exilssituation (D. Schwartz, Rahel Elior). Messianische Bewegungen im 17./18. Jh. sind u. a. zu verstehen als Bemühungen zur endgültigen Befreiung aus dem Exil und zur Beheimatung im Land Israel (Stefan Schreiner). Von vielen Juden wurde die Emanzipation im 19./20. Jh. als Ende des Exils gedeutet. Vor allem in Deutschland fühlten sich viele als „Deutsche jüdischen Glaubens“ (Yehoiada Amir). Erik Petry (Basel) beschrieb, wie sich im 19./20. Jh. ein jüdisches Nationalbewußtsein entfaltete. Die meisten Autoren knüpften bei ihren Ausführungen über das Exil an geschichtliche Abläufe an. Gerhard Bodendorfer (Salzburg) und Eliot Horowitz (Ramat-Gan) referierten hauptsächlich von systematischen Blickpunkten aus: „Die Völker der Welt und das Exil. Rabbinische Antworten und Fragen an den jüdisch-christlichen Dialog“ und „Der Adler und der Hase — ein seltsames Paar“.

Im März 2001 wird es in Jerusalem ein Fortsetzungskolloquium geben: „Exil als Erfahrung und Metapher der jüdisch-abendländischen Kulturgeschichte“. Die Initiatoren des Luzerner Kolloquiums, Carola Hilfrich (Jerusalem) und Alfred Bodenheimer (Luzern), werden auch dafür die Hauptarbeit leisten. Exil als dominantes Identitätsbewußtsein — dies scheint außerhalb Israels erst sporadisch zur Kenntnis genommen worden zu sein. Daher ist der wissenschaftliche Austausch zwischen jüdischen und nichtjüdischen Autoren unentbehrlich.

Red.


Neue Präsidenten: Paul Spiegel und Henri Hajdenberg

Paul Spiegel

Paul Spiegel, neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Foto: KNA

In der Nachfolge von Ignatz Bubis (vgl. FrRu 7[2000]72 f.) wurde am 9. Januar 2000 Paul Spiegel zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Stellvertreter sind Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München, und der Frankfurter Anwalt Michel Friedman. Paul Spiegel ist seit 1984 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Seit 1993 war er als einer der Vizepräsidenten des Zentralrats auch Stellvertreter von Ignatz Bubis. Seine Hauptaufgabe sieht er in der Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, in der Bewahrung der Einheitsgemeinden und der Abwehr von Spaltungen sowie in der finanziellen Sanierung der Gemeinden.

Mit der einstimmigen Wahl von Henri Hajdenberg am 10. Januar 2000 in Brüssel erhielt auch der Europäisch-Jüdische Kongreß (EJC) nach dem Tod von Bubis einen neuen Präsidenten. Zum Dachverband der jüdischen Gemeinden gehören rund vierzig Länder. Hajdenberg ist gleichzeitig Präsident des französischen jüdischen Dachverbandes (CRIF). Zur Seite stehen Hajdenberg drei Vizepräsidenten: Vladimir Goussinsky (Rußland), Rolf Bloch (Schweiz, vgl. S. 147 i. d. H.) und Michel Friedman (Deutschland). Hajdenberg will sich neben der inneren Stärkung der jüdischen Gemeinschaften besonders der Unterstützung des Staates Israel, der Jugendarbeit und der Bindung zu den osteuropäischen jüdischen Gemeinden widmen.


Jahrgang 7/2000 Seite 144



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